{"1": {"fulltext": "-5 5 7\\n\u00c3\u009cB\\n8f\u00c2\u00ab", "height": "3386", "width": "2079", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0001.jp2"}, "2": {"fulltext": "LIBRARY OF CONGRESS\\n019 792 171 7\\nHollinger Corp.\\npH 8.5", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0002.jp2"}, "3": {"fulltext": "B517\\nopy\\nNatur- und Gesellschaftsprinzip\\nROUSSEAUS P\u00c3\u0084DAGOGIK.\\nINAUGUEAL-DISSERTATION\\nzur\\nErlangung der Doktorw\u00c3\u00bcrde der philosophischen Fakult\u00c3\u00a4t\\n431307\\nTT T\\nUniversit\u00c3\u00a4t Leipzig\\nl\\nvorgelegt von\\nFriedrich August H\u00c3\u00bcller.\\nLEIPZIG-PL AG WITZ\\nBUCHDEUCKEEEI EMIL STEPHAN\\n1898.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0003.jp2"}, "4": {"fulltext": "I", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0004.jp2"}, "5": {"fulltext": "IU\\nQUELLEN.\\nBakitsch, W., Die Hauptpunkte der Eousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik. Disser-\\ntation, Leipzig, 1874.\\nBorgeaud, Ch., J. J. Rousseaus Religionsphilosophie. Dissertation,\\nJena, 1883.\\nBrockerhoff, F., Rousseaus Leben und Werke. Leipzig, 1863 74.\\n3 Bde.\\nCorwin, N., Entwicklung und Vergleichung der Erziehungslehren von\\nJ. Locke und Rousseau. Dissertation, Heidelberg, 1894.\\nGehrig, H., Rousseau, sein Leben und seine p\u00c3\u00a4dagogische Bedeutung.\\nNeuwied, 1879.\\nG\u00c3\u00b6ssgen, K., Rousseau und Basedow. Dissertation, Strassburg, 1891.\\nHahn, G., Basedow und sein Verh\u00c3\u00a4ltnis zu Rousseau. Dissertation,\\nLeipzig, 1885.\\nHauber, Rousseau in Schmids Encyklop\u00c3\u00a4die der P\u00c3\u00a4dagogik. 2. Aufl.\\n1886. VII, 284 ff.\\nHettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. 4. Aufl. 1881.\\nIL Teil, p. 432 ff.\\nH\u00c3\u00b6ffding, H. Rousseau und seine Philosophie. Stuttgart, 1897.\\n(Frommanns Klassiker der Philosophie, IV.)\\nKr\u00c3\u00b6mer, E. J., Der Staatsvertrag. Eine philosophische Abhandlung\\nunter Zugrundelegung des Rousseauschen Contrat social. Disser-\\ntation, Leipzig.\\nMahrenholtz, R., Rousseau, Leben, Geistesentwicklung und Hauptwerke.\\nLeipzig, 1889.\\nMeyer, J\u00c3\u00bcrgen Bona, Voltaire und Rousseau in ihrer sozialen Bedeutung.\\nBerlin, 1856.\\nPaulsen, Geschichte des gel. Unterrichts. 2. Aufl. 3. Halbbd. 1896.\\nSystem der Ethik mit einem Umriss der Staats- und Gesellschafts-\\nlehre. 3. Aufl. 1894.\\nPlantiko, Rousseaus, Herders und Kants Theorie vom Zukunftsideal\\nder Menschheitsgeschichte. Dissertation, Greifswald, 1895.\\nReimer, Rousseaus Emil. \u00c3\u009cbersetzt und mit Einleitung und Erl\u00c3\u00a4uterungen\\nversehen. 1880. (P\u00c3\u00a4dagogische Bibliothek von Richter.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0005.jp2"}, "6": {"fulltext": "Oeuvres de J. J. Rousseau, avec des notes historiques. Paris,\\n1819\u00e2\u0080\u009422. T. I\u00e2\u0080\u0094 XXII. (G. Petitain.) 1\\nJ. J. Rousseau, juge par les Genevois d aujourd hui Conferences faites\\nGeneve par J. Braillard, H.-F. Amiel, A. Oltramare, J. Hornung,\\nA. Bouvier Marc-Monnier. Geneve, 1879.\\nJ. J. Rousseaus Philosophische Werke. Aus dem Franz\u00c3\u00b6sischen \u00c3\u00bcber-\\nsetzt. Reval und Wesenberg, 1779.\\n-v. Sallw\u00c3\u00bcrk, Bildung und Bildungswesen in Frankreich w\u00c3\u00a4hrend des\\n17. und 18. Jahrhunderts in Schmids Geschichte der Erziehung etc.\\nIV, 1. Abteilung. 1896.\\nSchiller, H., Lehrbuch der Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik. 2. Aufl.\\nLeipzig, 1891.\\nSchneider, Rousseau und Pestalozzi. Der Idealismus auf deutschem\\nund auf franz\u00c3\u00b6sischem Boden. 2 Vortr\u00c3\u00a4ge. 5. Aufl. Berlin, 1895.\\nSchmidt, K., Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik. 4. Aufl. III. Bd. K\u00c3\u00b6then, 1883.\\nSpitzner, A., Natur und Naturgem\u00c3\u00a4ssheit bei Rousseau. Dissertation,\\nLeipzig, 1891.\\nUeber weg -Heinze, Geschichte der Philosophie. 111,1. 8. Aufl. 1896.\\nVogt und Fritsche, J. J. Rousseau. Langensalza (Beyers Bibliothek\\np\u00c3\u00a4dagogischer Klassiker), 1872/73.\\nWillmann, O., Didaktik als Bildungslehre. 2. Aufl. 1895.\\nWundt, W., Ethik. Stuttgart, 1886.\\nZiegler, Th., Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik. M\u00c3\u00bcnchen, 1895*).\\nl Auf diese Ausgabe beziehen sich die unseren Citaten beigef\u00c3\u00bcgten Stellennachweise.\\nEine zusammenh\u00c3\u00a4ngende und ersch\u00c3\u00b6pfende Darstellung hat die soziale Theorie\\nRousseaus in neuester Zeit erst gefunden in der soeben erschienenen Schrift Jean Jacques\\nRousseaus Sozialphilosophie von Franz Haymann. Leipzig. 1898.\\nLeider stand uns dieses Werk bei der Ausarbeitung unseres Themas noch nicht\\nzur Verf\u00c3\u00bcgung.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0006.jp2"}, "7": {"fulltext": "Natur- und Gesellschaftspriuzip\\nRousseaus P\u00c3\u00a4dagogik.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0007.jp2"}, "8": {"fulltext": "", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0008.jp2"}, "9": {"fulltext": "VII\\nINHALT.\\nSeite\\n1. Begr\u00c3\u00bcndung und Absicht der Arbeit 1\\n2. Rousseaus Pers\u00c3\u00b6nlichkeit in ihren Hauptz\u00c3\u00bcgen 6\\n3. Entstehung und allgemeines Verh\u00c3\u00a4ltnis von Rousseaus Natur-\\nund Gesellschaftsideal 9\\nA. Das Naturprinzip in Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik.\\nI. Anthropologische Bedeutung des Rousseauschen Natur-\\nbegriffes auf p\u00c3\u00a4dagogischem Gebiete 19\\nIL Rousseaus Anschauungen \u00c3\u00bcber die Menschennatur 22\\n1. Sachliche Darstellung seiner Anschauungen\\na) in Bezug auf die physische Natur 22\\nb) in Bezug auf die psychische Natur 25\\nc) in Bezug auf die Natur des Weibes 45\\n2. Kritische Betrachtung seiner Anthropologie 47\\nIII. Feststellung der typischen Z\u00c3\u00bcge in Rousseaus Anthro-\\npologie und der daraus resultierenden p\u00c3\u00a4dagogischen\\nKonsequenzen 54\\nIV. Pr\u00c3\u00bcfung der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik in Bezug auf die\\nin seiner Naturanschauung wurzelnden Tendenzen 58\\nV. R\u00c3\u00bcckblick. Fundamentale Bedeutung des Naturprinzips.\\nUnzul\u00c3\u00a4nglichkeit desselben. (Subjektives Prinzip) 83\\nB. Das Gesellschaftsprinzip in Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik.\\nI. Allgemeine Begriffsbestimmung 86\\nIL Rousseaus Gesellschaftsideal 87\\n1. Charakterisierung 89\\n2. Kritische Betrachtung 98\\nIII. Aufstellung der aus Rousseaus Gesellschaftsideal sich\\nergebenden p\u00c3\u00a4dagogischen Folgerungen 100\\nIV. Nachweis der Geltendmachung des Rousseauschen Gesell-\\nschaftsideals in seiner P\u00c3\u00a4dagogik 102\\n1. Allgemeines Verh\u00c3\u00a4ltnis der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik\\n\u00e2\u0080\u009ezu seinem Gesellschaftsideal 103\\n2. \u00c3\u0084usserung der durch sein Gesellschaftsideal beding-\\nten Tendenzen in seiner P\u00c3\u00a4dagogik 108\\nV. R\u00c3\u00bcckblick. Bedeutung des Gesellschaftsprinzips f\u00c3\u00bcr das\\nEndziel der Erziehung. Korrektiv des Natur-\\nprinzips 125\\nSchlussbetrachtung: 127", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0009.jp2"}, "10": {"fulltext": "", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0010.jp2"}, "11": {"fulltext": "Begr\u00c3\u00bcndung und Absieht der Arbeit\\nDie P\u00c3\u00a4dagogik Rousseaus steht in ausgesprochenstem Sinne\\nunter dem Losungsworte der Natur. Wie ein roter Faden zieht\\nes sich durch alle seine Ausf\u00c3\u00bchrungen und bietet sich f\u00c3\u00bcr die Be-\\ntrachtung derselben als bequemen Leitstern dar. Wiederholt 1 ist\\ndaher das Prinzip der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit als Standpunkt gew\u00c3\u00a4hlt\\nworden, um von ihm aus seine P\u00c3\u00a4dagogik darzustellen. Ist dies\\nVerfahren an sich auch berechtigt, so ist es doch dem Fehler\\nh\u00c3\u00a4ufig verfallen, der P\u00c3\u00a4dagogik Rousseaus einen falschen Stempel\\naufzupr\u00c3\u00a4gen.\\nSoweit wir n\u00c3\u00a4mlich die p\u00c3\u00a4dagogische Litteratur \u00c3\u00bcber Rousseau\\n\u00c3\u00bcberblicken konnten, Hess sich zumeist die Beobachtung machen,\\ndass der dem Naturprinzip zu Grunde liegende schwierige und viel-\\ndeutige Begriff der Natur eine ziemlich oberfl\u00c3\u00a4chliche Erledigung\\ngefunden hat 2 Die Folgen einer derartigen Betrachtungsweise\\nzeigen sich darin, einerseits fremdartige Z\u00c3\u00bcge dem Umfange jenes\\nJ In den meisten Darstellungen der Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik wird\\ndie Rousseausche P\u00c3\u00a4dagogik unter dem Gesichtspunkte der Naturgem\u00c3\u00a4ss-\\nheit behandelt. Cf. auch Corwin, a. a. O. 49ff. Gehrig, a. a. O.\\n89ff. Hauber, a. a. 0. 286ff. Spangenberg, Rousseaus Emil im\\nLichte der heutigen Erziehungsansichten. Pr. Kassel 1884. Spitzner,\\na. a. O. 53 ff.\\n2 So sehen viele in ihm mit Palm er weiter nichts als \u00e2\u0080\u009eeinereine\\nNegation ohne allen positiven Gehalt (Ev. P\u00c3\u00a4d. T\u00c3\u00bcbingen 1853, p. 20),\\noder wie er an anderer Stelle sagt \u00e2\u0080\u009edas Oppositum der Kultur (Schmid,\\nEncyklop\u00c3\u00a4die, 2. A. II, 317); andere beschr\u00c3\u00a4nken den Begriff wie G. Baur\\n(Grundz\u00c3\u00bcge der Erziehungslehre, 4. A. 1887, p. 84) oder Gehrig, a. a. O.\\n158ff, auf irgend ein hervorstechendes Kriterium und \u00c3\u00bcbersehen dabei\\nandere wesentliche Z\u00c3\u00bcge desselben; noch andere z. B. Hauber, a. a. O.,\\nP. M\u00c3\u00bcller (J. J. R.. Der p\u00c3\u00a4dagogische Irrstem. Hannover 1875; Splitt-\\ngerber, Die moderne widerchristliche P\u00c3\u00a4dagogik. Leipzig 1878) lassen\\nder historischen Bedingtheit seiner Naturanschauung nicht gen\u00c3\u00bcgende\\nBeachtung widerfahren und beurte\u00c3\u00bcen sie nach einem fremden Massstabe.\\nIn den Lehrb\u00c3\u00bcchern der Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik begn\u00c3\u00bcgt man sich\\ngew\u00c3\u00b6hnlich, diesen Begriff durch einen darauf bez\u00c3\u00bcglichen Ausspruch\\nRousseaus zu erkl\u00c3\u00a4ren, ohne den tieferen Beziehungen desselben weiter\\nnachzugehen, noch auch immer zu beachten, dass Rousseau den Begriff\\nder Natur nicht \u00c3\u00bcberall in demselben Sinne gebraucht.\\n1", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0011.jp2"}, "12": {"fulltext": "2\\nBegriffes einzuverleiben, andererseits integrierende Bestandteile als\\nInkonsequenzen desselben aufzuweisen. In jedem dieser F\u00c3\u00a4lle wird\\nnicht nur der von Rousseau an und f\u00c3\u00bcr sieb nicht ganz scharf\\nerfasste und dargelegte Begriff der Natur verwischt 1 sondern es\\nwird von seiner ganzen P\u00c3\u00a4dagogik dadurch ein verschrobenes\\nBild entrollt.\\nAber auch zu einer gewissen Einseitigkeit hat jene Betrach-\\ntungsweise nicht selten verleitet. Insbesondere sind in solchen\\nDarstellungen andere f\u00c3\u00bcr eine gerechte Beurteilung und Wert-\\nsch\u00c3\u00a4tzung seiner P\u00c3\u00a4dagogik gleichfalls wichtige Gesichtspunkte in\\nden Hintergrund geschoben, wo nicht gar v\u00c3\u00b6llig ausser acht ge-\\nlassen worden. Dies gilt namentlich von dem Gesellschaftsprinzipe,\\nunter welchem Namen wir die Summe aller jener Ratschl\u00c3\u00a4ge und\\nMassnahmen zusammenfassen, welche Rousseau im Hinblicke auf\\ndie gesellschaftlichen Verh\u00c3\u00a4ltnisse, deren Neubegr\u00c3\u00bcndung ihm so\\nsehr am Herzen lag, als Korrektiv den Forderungen seines Natur-\\nprinzips hinzugesellte 2\\nWer den Einfluss dieses letzteren Prinzips auf seine P\u00c3\u00a4dagogik\\neinfach ignoriert und der gew\u00c3\u00b6hnlichen Annahme derer kritiklos\\nbeipflichtet, nach welchen f\u00c3\u00bcr Rousseau das Prinzip der Natur-\\ngem\u00c3\u00a4ssheit das einzige, das allein herrschende gewesen sei 3 muss\\nl Bezeichnend sind hierf\u00c3\u00bcr die Worte v. Raumers: \u00e2\u0080\u009eJe genauer\\nman hinsieht, um so nebliger und unbestimmter erscheinen uns mehrere\\nBegriffe Rousseaus. Vor allem der Begriff \u00e2\u0080\u009eNatur Sie soll den Menschen\\nerziehen, indem sie seine Kr\u00c3\u00a4fte und Glieder entwickelt dann ist sie\\nihm wieder eine instinktm\u00c3\u00a4ssige Sympathie und Antipathie im Menschen.\\nWozu der Ausdruck: Erziehung der Natur? (Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik,\\n2. Aufl. 1847, II, 227).\\nDie geringe Beachtung, welche dieses Prinzip bisher erfahren,\\nh\u00c3\u00a4ngt zum Teil auch damit zusammen, dass fast durchgehends in der\\np\u00c3\u00a4dagogischen Litteratur das \u00c3\u00bcberwiegende Interesse jenen Ratschl\u00c3\u00a4gen\\nzugewandt worden ist, welche Rousseau f\u00c3\u00bcr die Erziehung in der ersten\\ngrossen Lebensperiode (1. 15. Jahr) gegeben hat; seine Vorschriften und\\nMaximen in Bezug auf den zweiten grossen Zeitabschnitt (15. 25. Jahr),\\nin welchem sich dieses Prinzip besonders f\u00c3\u00bchlbar macht, werden meist\\nmehr fl\u00c3\u00bcchtig gestreift als eingehend behandelt. Und doch misst Rousseau\\ngerade dieser letzteren Erziehungsperiode eine ungleich gr\u00c3\u00b6ssere Bedeutung\\nbei als jener. Dies ist aus jener Stelle zu ersehen, wo er mit einiger\\n\u00c3\u009cbertreibung in Bezug auf die \u00e2\u0080\u009ezweite Geburt (Eintritt ins J\u00c3\u00bcnglingsalter)\\nsagt: \u00e2\u0080\u009eC est ici la seconde naissance dontj ai parle; c est ici que l homme\\nnait veritablement la vie, et que rien d humain n est etranger lui.\\nJusqu ici nos soins n ont ete que des jeux d enfant; ils ne prennent qu\\npresent une veritable importance. Cette 6poque o\u00c3\u00bc finissent les edu-\\ncations ordinaires est proprement celle o\u00c3\u00bc la n\u00c3\u00b6tre doit commencer.\\nTom. VIII, 418. (Emile, livr. IV).\\n3 Wir erw\u00c3\u00a4hnen nur: G. Baur, a. a. O.; Gehrig, a. a. 0., p. 85;\\nPeltzer, J. J. Rousseaus Glaubensbekenntnis des Vicars aus Sav., 1885,\\np. 5; v. Raumer, a. a. 0.; Splittgerber, a. a. O.; St\u00c3\u00b6ckl, Lehrbuch\\nder Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik, 1876, p. 311; Walsemann, Die P\u00c3\u00a4dagogik\\nJ. J. Rousseaus und J. B. Basedows, 1885, p. 51.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0012.jp2"}, "13": {"fulltext": "ohne Zweifel ein falsches Bild von seinem p\u00c3\u00a4dagogischen Streben\\ngewinnen. Dies erhellt schon aus dem allgemeinen Charakter seiner\\nP\u00c3\u00a4dagogik, deren Absicht nach dem Urteile des gr\u00c3\u00bcndlichen Rousseau-\\nforschers v. Sallw\u00c3\u00bcrck eine soziale oder politische ist 1 Ebenso\\nunhaltbar und mit seiner ganzen Pers\u00c3\u00b6nlichkeit und seines Strebens\\nh\u00c3\u00b6chstem Ziele 2 unvereinbar erweist sich jene Annahme, wenn\\nman erw\u00c3\u00a4gt, in wie engem Zusammenhange seine p\u00c3\u00a4dagogischen\\nAnsichten mit seinen sonstigen philosophischen, theologischen und\\nsozialen Anschauungen stehen, und wenn man zusieht, wie er die\\nErgebnisse seines Forschens auf diesen verschiedenen Gebieten,\\nbesonders auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens, in die reifste\\nFrucht seines Geistes, seinen Emile 3 verwebt hat 4\\nSo nahe also f\u00c3\u00bcr Rousseau diese Beziehungen seiner P\u00c3\u00a4dagogik\\nzu seinem Gesellschaftsideale lagen, und so sehr sie auch darin\\nzu Tage treten, so ist ihnen doch bisher noch keine besondere\\nAufmerksamkeit gewidmet worden 5 Eine solche aber, glauben\\n2 E. v. Sallw\u00c3\u00bcrk bezeichnet es als ein grunds\u00c3\u00a4tzlich unberechtigtes\\nVerfahren, Eousseaus Gedanken als eigentlich p\u00c3\u00a4dagogische in unserem\\nSinne zu betrachten, zu verwerten und zu bestreiten. (Eousseaus\\nStellung in der P\u00c3\u00a4dagogik. P\u00c3\u00a4dagogische Studien. Neue Folge 1880,\\np. 21). Auch Schiller, a. a. O. 239, hebt mit Recht hervor, dass man\\nbei der Beurteilung seiner P\u00c3\u00a4dagogik stets im Auge behalten m\u00c3\u00bcsse, dass\\nder Emil eine universellere Tendenz hat als eine Erziehungstheorie zu\\nhefern.\\n2 \u00e2\u0080\u009eSein Hauptaugenmerk war auf die weiten Gebiete des staatlichen\\nund gesellschaftlichen Lebens gerichtet (Brockerhoff, a. a. O. II, 358).\\nM\u00c3\u00bcller, a. a. O., 14: \u00e2\u0080\u009eSein eigent\u00c3\u00bcmliches Feld ist die Sozialpolitik.\\n\u00e2\u0080\u009eDas Hineinragen des politischen Interesses ist bei der Beurteilung\\ndes Erziehungsideals im Emil von durchschlagender Bedeutung (p. 15).\\n3 Tom. II, 504: \u00e2\u0080\u009eCe que m en dirent, ce que m en ecrivirent les\\ngens les plus capables d en juger, me confirma que c etoit l\u00c3\u00a4 le meilleur\\nde mes ecrits, ainsi que le plus important. (Confess., partie II, livr. IX).\\n4 \u00e2\u0080\u009eEousseaus \u00c3\u00bcbrige Werke bilden zum gr\u00c3\u00b6ssten Teile nur Vor-\\nstudien zum Emil, dem Schlussstein seiner ganzen litterarischen Th\u00c3\u00a4tigkeit.\\n(E. v. Sallw\u00c3\u00bcrck, IL Anhang zur Emile -\u00c3\u009cbersetzung. Beyers Bibl.\\np\u00c3\u00a4d. Klassiker, Langensalza 1876/78 II, 286).\\n5 Hier und da wird zwar ein Einfluss des Gesellschaftsideals auf\\nseine P\u00c3\u00a4dagogik vermutet oder bestimmt angenommen, nirgends aber seiner\\nEinwirkung weiter nachgegangen. So erkennt Bakitsch, a. a. O. p. 11,\\nganz richtig, dass Rousseau eigentlich zwei Ideale vorschwebten ein-\\nmal das Ideal eines Naturmenschen oder des unabh\u00c3\u00a4ngigen Individuums\\ngegen\u00c3\u00bcber den verkehrten Verh\u00c3\u00a4ltnissen der damaligen Gesellschaft\\ndas andere Mal das Ideal eines tugendhaften Gesellschaftsmenschen\\neine genauere Untersuchung \u00c3\u00bcber den Einfluss beider suchen wir aber\\nbei ihm vergeblich. Auch Spitzner, der, a. a. O. 53, gleichfalls das\\nVorhandensein beider Ideale betont und auch ihr allgemeines Verh\u00c3\u00a4ltnis\\nklar auseinandersetzt, unterl\u00c3\u00a4sst es, den Einfluss des Gesellschaftsprinzips\\ngenauer festzustellen. Nach Schiller, der dem Gesellschaftsideale auch\\nBedeutung f\u00c3\u00bcr die Eousseausche P\u00c3\u00a4dagogik zuerkennt, hat Eousseau \u00e2\u0080\u009edas\\nIdeal des Naturmenschen mit einem zweiten in fast untrennbarer Weise\\nvermengt, mit dem des tugendhaften Mitgliedes der Gesellschaft (a. a.\\nO. p. 242).\\n1*", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0013.jp2"}, "14": {"fulltext": "4\\nwir, verdienen dieselben; bilden sie doch einen Faktor, welcher\\nneben dem Naturprinzip f\u00c3\u00bcr die Beurteilung der Rousseauschen\\nP\u00c3\u00a4dagogik notwendig mit in Betracht zu ziehen ist. Es ist dies\\neine \u00c3\u009cberzeugung, die sich, je tiefer wir uns in die p\u00c3\u00a4dagogischen\\nGedanken Rousseaus versenkten, uns mit um so gr\u00c3\u00b6sserer Ge-\\nwissheit aufgedr\u00c3\u00a4ngt hat.\\nEin Verfolgen des Momentes, welchen Einfluss die R\u00c3\u00bcck-\\nsichten auf die Gesellschaft in seiner P\u00c3\u00a4dagogik gewinnen, wird\\nergeben, dass Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik nicht lediglich unter dem Ge-\\nsichtspunkte eines \u00e2\u0080\u009etrotzigen Individualismus 1 zu betrachten ist,\\nsondern dass es ihr auch an sozialer F\u00c3\u00a4rbung keineswegs mangelt,\\ndass neben den R\u00c3\u00bccksichten, welche in Bezug auf den Z\u00c3\u00b6gling\\nals Einzelwesen, als Individuum, getroffen werden, es auch nicht\\nfehlt an mancherlei Beziehungen, welche ihm als sozialem Wesen,\\nals Glied der Gesamtheit, gerecht zu werden suchen. 2\\nAllerdings stellen sich der Aufgabe, den Einfluss des Gesell-\\nschaftsprinzips in Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik aufzuzeigen, nicht uner-\\nhebliche Schwierigkeiten in den Weg. Vor allem wird die L\u00c3\u00b6sung\\ndeswegen eine sehr vorsichtige und wohlerwogene sein m\u00c3\u00bcssen,\\nweil der Einfluss dieses zweiten Prinzips nie oder nur selten ohne\\nden gleichzeitigen des Naturprinzips sich geltend macht, und zwar\\nist jener bald mehr versteckt, bald deutlich ausgesprochen wahr-\\nzunehmen; niemals dr\u00c3\u00a4ngt er sich dem Betrachter in so betontem\\nSinne auf wie der des Naturprinzips.\\nGeht aus dieser Sachlage hervor, dass Rousseau der Aus-\\ngestaltung des Gesellschaftsprinzips ungleich weniger Aufmerksam-\\nkeit zugewandt hat als der des Naturprinzips, so erweist sich des-\\nwegen unser Vorhaben, aus den Fingerzeigen und Richtlinien, die\\ner gegeben, auch dieses Ideal in seinen Hauptz\u00c3\u00bcgen zu konstruieren\\nund die Einwirkung desselben auf seine P\u00c3\u00a4dagogik zu erforschen,\\nnoch nicht als unang\u00c3\u00a4ngig oder zwecklos.\\nSchliesslich verhehlen wir nicht, dass wir einer so oft zu\\nTage tretenden einseitigen oder schiefen Auffassung der p\u00c3\u00a4da-\\ngogischen Gedanken Rousseaus gerade dadurch am, sichersten zu\\nentgehen hoffen, dass wir es wagen, in folgendem Versuche beide\\nPrinzipe nach ihrem Wesen wie nach ihrem Einfl\u00c3\u00bcsse auf seine\\nP\u00c3\u00a4dagogik darzustellen, also von zwei Seiten aus Licht auf sie zu\\nwerfen. Gewinnt doch ein jeder Gegenstand bei doppelter Be-\\nleuchtung an Klarheit.\\nJ Willmann, a. a. O., I, 36.\\n2 Es ist ganz unbegr\u00c3\u00bcndet, wenn man behauptet, Rousseau fasse\\ndie Erziehung nur als Bed\u00c3\u00bcrfnis der Natur auf. Es wird sich zeigen,\\ndass er sie in Wirklichkeit und ganz nachdr\u00c3\u00bccklich auch als Bed\u00c3\u00bcrfnis\\nder Gesellschaft, des Staates fordert.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0014.jp2"}, "15": {"fulltext": "5\\nSoll nun die P\u00c3\u00a4dagogik Rousseaus nach jenen beiden Seiten\\nhin zur Darstellung gelangen, so ist in der oben bezeichneten eigen-\\nartigen Beziehung des Gesellschaftsprinzips zum Naturprinzip schon\\ninsofern ein Fingerzeig f\u00c3\u00bcr den Gang der Untersuchung im allge-\\nmeinen gegeben, als eine m\u00c3\u00b6glichst scharfe Fixierung des Wesens\\nund der Geltendmachung des Naturprinzips der Darstellung des\\nanderen notwendig vorherzugehen haben wird.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0015.jp2"}, "16": {"fulltext": "6\\n2.\\nRousseaus Pers\u00c3\u00b6nlichkeit in ihren\\nHauptz\u00c3\u00bcgen.\\nBevor wir der Darstellung der Rousseauschen Ideen n\u00c3\u00a4her\\ntreten, ist es n\u00c3\u00b6tig, uns die Pers\u00c3\u00b6nlichkeit Rousseaus in ihren\\nHauptz\u00c3\u00bcgen zu vergegenw\u00c3\u00a4rtigen; denn wenn je von einem Schrift-\\nsteller gilt, dass die Kenntnis der Eigenart seiner Pers\u00c3\u00b6nlichkeit\\nder beste Schl\u00c3\u00bcssel f\u00c3\u00bcr das Verst\u00c3\u00a4ndnis seiner in Werken nieder-\\ngelegten Ansichten ist, so gilt dies von Rousseau in ganz besonderem\\nGrade. Enth\u00c3\u00a4lt doch der Emile, wie v. Sallw\u00c3\u00bcrk 1 mit Recht sagt,\\n\u00e2\u0080\u009e\u00c3\u00bcberhaupt den ganzen Rousseau und sind doch auch seine \u00c3\u00bcbrigen\\nzahlreichen Schriften mehr oder minder mit seinem innersten Wesen,\\nseiner Denk- und Empfindungs weise aufs innigste verkn\u00c3\u00bcpft.\\nEs ist nun freilich eine schwierige Aufgabe, eine auch nur\\nin den Hauptz\u00c3\u00bcgen verst\u00c3\u00a4ndliche Analyse seines Charakters zu\\ngeben. Dieser wird immer etwas R\u00c3\u00a4tselhaftes an sich behalten,\\nwie er auch f\u00c3\u00bcr ihn selbst in vielen St\u00c3\u00bccken r\u00c3\u00a4tselhaft war. Vor\\nallem sind es psychologisch fast unerkl\u00c3\u00a4rbar scheinende Gegens\u00c3\u00a4tze,\\nwelche Rousseaus Wesen in sich vereinigt. Erhabene und edle\\nTendenzen beherrschen ihn neben niedrigen und gemeinen Trieben.\\nSein Herz ger\u00c3\u00a4t in Widerspruch mit seinem Kopfe, sein Gef\u00c3\u00bchl\\nund Empfinden mit seinem Verst\u00c3\u00a4nde. Ein \u00c3\u009cbermass von Reiz-\\nbarkeit und eine krankhaft erhitzte Phantasie steigern seine Bed\u00c3\u00bcrf-\\nnisse und Freude am sinnlichen Genuss ins Masslose und vertreiben\\nsie alsbald wieder durch selbstqu\u00c3\u00a4lerische, hypochondrische Gr\u00c3\u00bcbe-\\nleien. Eine momentane Begeisterung, die oft den Charakter der\\nEkstase 2 annimmt, wechselt mit einem schlaffen und m\u00c3\u00bcden Sich-\\ngehenlassen und Zusammensinken. W\u00c3\u00a4hrend ein m\u00c3\u00a4chtiger Drang\\nnach Freiheit und Tugend ihn die verwahrloste Gesellschaft ver-\\nE. v. Sallw\u00c3\u00bcrk, Einleitung zur Emile -\u00c3\u009cbersetzung. (Beyers\\nBibliothek p\u00c3\u00a4dagogischer Klassiker. Langensalza 1876/78) I, 137.\\n2 Cf. Confess. partie II, livre VIII; tom. II, 123f. Seconde\\nlettre Malesherbes; tom. III, 195ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0016.jp2"}, "17": {"fulltext": "7\\nachten und fliehen heisst, tr\u00c3\u00a4gt er doch f\u00c3\u00bcr deren Wohl ein voll\\nLiebe gl\u00c3\u00bchendes Herz in seinem Busen 1 und widmet ihrer Ver-\\nedelung seine Lebensaufgabe 2 So erschreckend tief er auf der\\neinen Seite in Gemeinheit und Schmutz versunken ist und diese\\nSchw\u00c3\u00a4che mit unerh\u00c3\u00b6rter Offenheit und r\u00c3\u00bccksichtsloser Nacktheit\\nschamlos aufdeckt, so hat er sich auf der andern Seite eine Tiefe\\nin seinem Innersten bewahrt, welche keusch und unber\u00c3\u00bchrt ge-\\nblieben ist 3 und aus welcher neben der Sehnsucht nach Tugend\\nund Reinheit die zartesten und schmachtendsten Empfindungen\\nhervorquellen. In ihm, der sich dem Strudel der entartetsten und\\nverkommensten Gesellschaft willenlos hingegeben und tiefer davon\\nergriffen worden ist als kaum ein anderer, ist trotzdem die Stimme\\nder Natur nicht erstickt: rein und stark hallt sie vielmehr aus\\nihm wieder. Und wiederum ist es charakteristisch f\u00c3\u00bcr Rousseau,\\ndass dieser Grundzug seines Wesens, dieser Sinn und Drang nach\\nNatur, bei ihm aufs engste verbunden ist mit der heissesten Liebe zur\\nmenschheitlichen Gesellschaft, der er doch die Natur entgegensetzte 1\\nDieser pers\u00c3\u00b6nlichen Eigenart entspricht nun auch sein schrift-\\nstellerischer Charakter 5 Hier begegnen uns die n\u00c3\u00a4mlichen\\nKontraste. Die klarsten und wahrsten Gedanken mischen sich mit\\nden dunkelsten und verschrobensten 6 Bald treffen wir eine von\\nLeidenschaftlichkeit durchgl\u00c3\u00bchte Begeisterung, lebenswarme Em-\\npfindung, pathetische \u00c3\u009cberschwenglichkeit, bald n\u00c3\u00bcchterne, ruhige,\\nglatte Prosa; glanzvolle, nicht enden wollende Perioden neben\\nknappen, abgerissenen S\u00c3\u00a4tzen, Wiederholungen von Worten und\\nH\u00c3\u00a4ufungen von Superlativen. Vor allem \u00c3\u00a4ussert sich sein \u00c3\u00bcberaus\\nreizbares, ganz von Gef\u00c3\u00bchlen regiertes Wesen auch in seiner Schreib-\\nAveise. Leicht ger\u00c3\u00a4t er vom trockenen Begriff in ein farbeusattes\\nBild, von den nat\u00c3\u00bcrlichsten Wahrheiten zu den sonderbarsten\\nExtremen und Paradoxien. Nie vermag der Verstand seinem\\nEs tritt uns bei Rousseau entgegen ein extremer Pessimismus\\nin der Beurteilung der gegenw\u00c3\u00a4rtigen Staats- und Gesellschaftsordnung\\nverbunden mit einem ebenso extremen Optimismus in der Beurteilung\\nder menschlichen Natur. (Paulsen, System der Ethik, a. a. O. II, 374.)\\n2 Brockerhoff, a. a. O., I, 304.\\n3 Mahrenholtz, a. a. 0., 164 f.\\n4 Brockerhoff, a. a O., I, 28.\\n5 Man darf wohl Fritsche (Rousseaus Stil und Lehre I. T., Pro-\\ngramm, Zwickau 1884) beistimmen, wenn er (p. 36) sagt: \u00e2\u0080\u009eNur von\\nwenigen anderen Schriftstellern wird der Ausspruch Buffons: \u00e2\u0080\u009ele style est\\nl homme meme mit demselben Eechte gelten k\u00c3\u00b6nnen, wie von Rousseau.\\nIn den Confessions \u00c3\u00a4ussert sich Rousseau \u00c3\u00bcber sein schriftstellerisches\\nTalent einmal so: \u00e2\u0080\u009eMon talent etoit de dire aux hommes des verites\\nutiles, mais dures, avec assez d energie et de courage; falloit m y tenir.\\nJe n etois point n6 je ne dis pas pour flatter, mais pour louer (Conf.\\np. II, livr. XI; tom. II, 469.)\\n6 Diese Eigent\u00c3\u00bcmlichkeit ist zum Teil eine Folge seines autodidak-\\ntischen Bildungsweges.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0017.jp2"}, "18": {"fulltext": "Gef\u00c3\u00bchle zu folgen 1 Eruptiv ergiesst sich sein Gedankenstrom\\nnach irgend einer Richtung, um ebenso pl\u00c3\u00b6tzlich wieder davon\\nabzuspringen; daher denn auch das Sprungartige und Widerspruchs-\\nvolle in seinen Schriften 2\\nVermehrt werden schliesslich diese Kontraste noch dadurch,\\ndass sein widerspruchsvolles Leben selbst mit seinen an disparaten\\nElementen so reichen Werken auch in mannigfachem Gegensatz\\nsich befindet. Die h\u00c3\u00a4rtesten und schneidendsten Widerspr\u00c3\u00bcche aber,\\nvor welche er sich gestellt sah, waren die zwischen seinen Idealen\\nund der thats\u00c3\u00a4chlichen Wirklichkeit, Widerspr\u00c3\u00bcche, deren M\u00c3\u00a4rtyrer\\ner schliesslich wurde 3\\nSo ist denn Rousseau in der That, wie einer seiner deutschen\\nBiographen sagt, der Mann mit der zwiegespaltenen Seele 4 der\\nMann, in dem in merkw\u00c3\u00bcrdigster und seltsamster Weise Echtes\\nund Falsches, Edles und Gemeines gemischt sind.\\nEine solche aussergew\u00c3\u00b6hnliche Natur, wie die Rousseausche\\nes war, schien eigens dazu bestimmt 3 die Schranken seines Jahr-\\nhunderts zu durchbrechen, die Grundsch\u00c3\u00a4den einer v\u00c3\u00b6llig entarteten\\nGesellschaft freim\u00c3\u00bctig und kitzelerregend aufzudecken und neue\\nZiele und neue Bahnen mit prophetischem Geiste erfolgreich zu\\nverk\u00c3\u00bcnden.\\nDiese h\u00c3\u00b6chst merkw\u00c3\u00bcrdige Individualit\u00c3\u00a4t verlangt nun, dass\\nwir uns Schritt f\u00c3\u00bcr Schritt durch alle Schriften ihrer Denk- und\\nSchreibweise, sowie der dahinter stehenden Pers\u00c3\u00b6nlichkeit erinnern.\\nNur so kann es m\u00c3\u00b6glich werden, unbeirrt von allem Beiwerk das\\nlautere Gold darin zu entdecken und ein objektives Bild seiner\\nBestrebungen zu gewinnen.\\nr \u00e2\u0080\u009eGanz wie sein Denken steht auch seine Erinnerung unter dem\\nEinfl\u00c3\u00bcsse seines Gef\u00c3\u00bchls (H\u00c3\u00b6ffding, a. a. 0. 22.) Reissig, (J. J.\\nEoussekus Leben und Wirken. Leipzig 1879): \u00e2\u0080\u009eDa er in seinen Behaup-\\ntungen lediglich den Eingebungen seines Herzens folgt und sie dann mit\\nallen Hilfsmitteln eines \u00c3\u00bcberlegenen Talents verteidigt, so steigert er seine\\nParadoxien nicht selten bis zum Widersinn, indem er sie gleichzeitig\\nmit dem Schmuck der erhabensten und wahrsten Gedanken zu umkleiden\\n\u00e2\u0080\u009eweiss. (p. 35). Cf. auch Brockerhoff, a. a. 0., II, 358. Treffend\\ncharakterisiert seine Denkweise auch E. du Bois-Reymond in seiner\\nin der Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1879 gehaltenen Rede\\n\u00c3\u00bcber Friedrich IL und J. J. Rousseau. (Deutsche Rundschau, 19. Band\\n1879. p. 249f.)\\n2 Ebenso erkl\u00c3\u00a4rt dieser Umstand auch, dass die meisten Wider-\\nspr\u00c3\u00bcche nur Scheinwiderspr\u00c3\u00bcche sind, die bei genauerem Zusehen der\\neinheitlichen Gedankenrichtung ebenso wenig entbehren wie seine\\nPers\u00c3\u00b6nlichkeit ihres einheitlichen Kerns.\\ns H\u00c3\u00b6ffding, a. a. O., p. 103.\\n4 Hauber, a. a. O., p. 284. Brockerhoff, a. a. O., II, 120.\\n5 \u00e2\u0080\u009eSein lebhaftes Gef\u00c3\u00bchl und seine Begeisterung lassen ihn erblicken,\\nwas kein anderer zu sehen vermochte. (H\u00c3\u00b6ffding, Geschichte der\\nneueren Philosophie, deutsch von Bendixen. Leipzig 1895. 1. Band. p. 554.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0018.jp2"}, "19": {"fulltext": "9\\nEntstehung und allgemeines Verh\u00c3\u00a4ltnis von\\nRousseaus Natur- und Gesellsehaftsideal.\\nDer Ursprung von Rousseaus Natur- und Gesell-\\nsehaftsideal ist aufs engste verkn\u00c3\u00bcpft mit dem Urspr\u00c3\u00bcnge seines\\nphilosophischen Denkens \u00c3\u00bcberhaupt. Es gilt demnach von vorn-\\nherein seine p\u00c3\u00a4dagogischen Gedanken nicht aus diesem ihrem\\nnat\u00c3\u00bcrlichen Zusammenhange herauszureissen, wie dies oft geschehen,\\nsondern die einheitliche Quelle aufzusuchen, aus welcher sie ge-\\nflossen und ihre Ziele mit den ihn auch auf anderen Gebieten\\nleitenden Motiven in Einklang zu bringen. Bleibt diese nahe Be-\\nziehung der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik zu seiner Lebensaufgabe ge-\\nwahrt, dann ist nach unserer Anschauung der sichere Standpunkt\\ngewonnen, von welchem aus das richtige Licht auf seine p\u00c3\u00a4da-\\ngogischen Gedanken fallen kann. Verfolgen wir daher zu diesem\\nZwecke in K\u00c3\u00bcrze die wichtigsten Stadien seiner philosophischen\\nEntwicklung.\\nWenn auch ohne Zweifel sein Wechsel volles an Schicksalen\\nreiches Leben ihm fr\u00c3\u00bchzeitig schon manchen Anlass zu philosophischer\\nReflexion geben mochte, so lag es doch in der Natur seines Geistes\\nbegr\u00c3\u00bcndet, ihr nicht andauernd nachzuh\u00c3\u00a4ngen. Ganz \u00c3\u00bcberraschend\\nwar daher jene erste Eruption, welche die Preisfrage der\\nAkademie zu Dijon im Jahre 1749 in seinem Geiste erzeugte 1\\nHervorgewachsen war die Preisfrage aus einer Gesellschaft 2 deren\\nh\u00c3\u00b6chstes Entz\u00c3\u00bccken in geistigen Gen\u00c3\u00bcssen bestand und deren Herz\\n\u00c3\u00bcberschwoll vom Lobe der die Sitten verfeinernden und das Leben\\nversch\u00c3\u00b6nenden Wissenschaften und K\u00c3\u00bcnste, welche aber ebenso\\nfrivol und sittenlos als geistvoll war. Dieser Gesellschaft, in deren\\nGemeinschaft er selbst geweilt, scheute sich Rousseau nicht, mit der\\nSie lautete: \u00e2\u0080\u009eSi le progres des sciences et des arts a contribue\\ncorrompre ou epurer les moeurs? Rousseau gab ihr die Wendung:\\n,.Si le retablissement des Sciences et des Arts a contribue 6purer les\\nmoeurs? (Tom. IV, 1).\\n2 Cf. Schneider, a. a. 0., p. 9.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0019.jp2"}, "20": {"fulltext": "10\\nMacht eines Propheten ein schneidendes Nein auf die von ihr ge-\\ngestellte Frage entgegenzuschleudern 1\\nWirkten die in jener Abhandlung ausgesprochenen unerh\u00c3\u00b6rten\\nBehauptungen auf seine Zeitgenossen verbl\u00c3\u00bcffend, kitzelerregend,\\nso ist es f\u00c3\u00bcr den historischen Betrachter hoch interessant, zu be-\\nobachten, wie sich in ihr bereits die Wurzeln jener Probleme vor-\\nfinden, deren L\u00c3\u00b6sung sein ganzes Leben gewidmet war.\\nWie klingt uns darin schon der Ruf nach Natur entgegen!\\nH\u00c3\u00b6ren wir nur einige seiner \u00c3\u0084usserungen: \u00e2\u0080\u009eDer Mensch hat durch\\ndie Einsicht seiner Vernunft das Dunkel zerstreut, in welches die\\nNatur ihn eingeh\u00c3\u00bcllt hatte 2 \u00e2\u0080\u009eBevor die Kunst unsere Manieren\\nausgebildet und unsere Leidenschaften gelehrt hatte, eine k\u00c3\u00bcnstliche\\nSprache zu reden, waren unsere Sitten derber, aber nat\u00c3\u00bcrlich 3\\n\u00e2\u0080\u009eWer m\u00c3\u00b6chte sein Leben mit unfruchtbaren Betrachtungen hin-\\nbringen wollen, wenn jeder lediglich auf die Pflichten des Menschen\\nund die Bed\u00c3\u00bcrfnisse der Natur bedacht, nur Zeit h\u00c3\u00a4tte f\u00c3\u00bcr das\\nVaterland, f\u00c3\u00bcr die Ungl\u00c3\u00bccklichen und f\u00c3\u00bcr seine Freunde 4\\n\u00e2\u0080\u009eV\u00c3\u00b6lker, wisst also einmal, dass die Natur uns vor der Wissen-\\nschaft bewahren wollte, wie eine Mutter eine gef\u00c3\u00a4hrliche Waffe den\\nH\u00c3\u00a4nden ihres Kindes entreisst, dass alle Geheimnisse, welche sie\\neuch verbirgt, ebensoviel \u00c3\u009cbel sind, vor welchen sie euch sch\u00c3\u00bctzt\\nund dass die harte Arbeit, die euch der Unterricht kostet, nicht\\ndie geringste ihrer Wohlthaten ist 5\\nPr\u00c3\u00bcft man die ganze Abhandlung r\u00c3\u00bccksichtlich ihrer Beziehung\\nzum Naturproblem, so gewinnt man den Eindruck, dass hier der\\nBegriff der Natur noch ein sehr dunkler und unbestimmter ist,\\nder, weil aus unklarem Gef\u00c3\u00bchl entsprungen, f\u00c3\u00bcr ihn selbst noch\\nnicht greifbare Gestalt angenommen hat, sondern mehr nur geahnt\\nund gesucht wird. Deshalb entzieht er sich auch jeder n\u00c3\u00a4heren\\nBestimmung. Nur im allgemeinen l\u00c3\u00a4sst sich die Natur, an welche\\nRousseau hier appelliert, charakterisieren als ein Zustand \u00e2\u0080\u009egl\u00c3\u00bcck-\\nlicher Unwissenheit 1 in welchem die Menschen noch \u00e2\u0080\u009eunschuldig\\nund tugendhaft 7 waren; als ein harmonischer Zustand gr\u00c3\u00b6sster\\nx Rousseau war sich der K\u00c3\u00bchnheit dieses Schrittes bewusst:\\n\u00e2\u0080\u009eComment oser bl\u00c3\u00a4mer les sciences devant une des plus savantes com-\\npagnies de l Europe, louer l ignorance dans une celebre Academie, et\\nconcilier le mepris pour l etude avec le respect pour les vrais savans?\\n(Tom. IV, 5).\\n2 Tom. IV, 6. IV, 21 \u00e2\u0080\u009eLe voile epais dont eile a couvert toutes\\nses Operations sembloit nous avertir assez qu elle ne nous a point destin^s\\nde vaines recherches.\\n3 Tom. IV, 9.\\n4 Tom. IV, 23.\\n5 Tom. IV, 21 f.\\n6 Tom. IV, 21.\\n7 Tom. IV, 30.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0020.jp2"}, "21": {"fulltext": "11\\nEinfachheit 1 und Freiheit 2 der allen eitlen Nachforschungen 3\\nund K\u00c3\u00bcnsten voranging und der Rousseau besonders im Hinblick\\nauf die letzteren als Zuflucht und Gegensatz dient, um von ihm\\naus alle jene verderblichen und gef\u00c3\u00a4hrlichen Einfl\u00c3\u00bcsse 4 im grellsten\\nLichte zu zeigen, welche die von der Natur entfernenden Wissen-\\nschaften und K\u00c3\u00bcnste nach seiner Anschauung notwendig im Gefolge\\nhaben. Wie diese Natur den gegenw\u00c3\u00a4rtigen Verh\u00c3\u00a4ltnissen weit\\nvorzuziehen und wie stark seine Sehnsucht nach ihr ist, bezeugen\\ndie Worte, in denen wir ihn aufseufzen h\u00c3\u00b6ren: \u00e2\u0080\u009eAllm\u00c3\u00a4chtiger Gott,\\nder du die Geister in deinen H\u00c3\u00a4nden h\u00c3\u00a4ltst, befreie uns von der\\nEinsicht und den tr\u00c3\u00bcbseligen K\u00c3\u00bcnsten unserer V\u00c3\u00a4ter und gieb uns\\nUnwissenheit, Unschuld und Armut zur\u00c3\u00bcck, die einzigen G\u00c3\u00bcter,\\nwelche unser Gl\u00c3\u00bcck ausmachen und welche vor dir wertvoll sind 5\\nInwiefern der Begriff der Natur bei Rousseau in sp\u00c3\u00a4teren\\nSchriften eine andere Bedeutung annimmt, gewisse Z\u00c3\u00bcge an ihm\\naber doch festgehalten werden, wird sich bei dem ferneren Ver-\\nfolgen seiner philosophischen Entwicklung zeigen 6\\nJ Tom. IV, 30.\\n2 j Tom. IV, 7.\\n3 Tom. IV, 21.\\n4 Wissenschaften und K\u00c3\u00bcnste verdanken ihr Entstehen unseren\\nLastern (IV, 23), sind eitel hinsichtlich des Objekts, welches sie im Auge\\nhaben und noch gef\u00c3\u00a4hrlicher durch die Wirkungen, die sie hervorbringen\\n(IV, 24 f.). Ais solche nennt Eousseau: \u00e2\u0080\u009eMissbrauch der Zeit (IV, 25),\\nLuxus (IV, 26), Ausschweifung, Sklaverei (IV, 21), Entnervung des\\nMutes, Schw\u00c3\u00a4chung f\u00c3\u00bcr kriegerische Zwecke (IV, 30, 31) und Ver-\\nachtung der Tugend (IV, 35 f.) Ohne Zweifel liegt diesen Anschau-\\nungen ein wahrer Kern zu Grunde. Das wissenschaftliche Verkalten tr\u00c3\u00a4gt,\\nwie Volkelt (Vortr\u00c3\u00a4ge zur Einf\u00c3\u00bchrung in die Philosophie der Gegenwart\\nM\u00c3\u00bcnchen 1892) klar auseinandersetzt, jederzeit Keime zu gefahrvoller\\nEntwicklung in sich und f\u00c3\u00bchrt leicht zu einer Vereinseitigung des Menschen,\\nwelcher zufolge das Naive, Unwillk\u00c3\u00bcrliche, Gef\u00c3\u00bchls- und Willensartige im\\nMenschen zu leiden hat (p. 43 f.) Den \u00c3\u00bcbertriebenen pessimistischen\\nAnschauungen Eousseaus l\u00c3\u00a4sst sich jedoch auf der. andern Seite ent-\\ngegenhalten, was Heinz e in seiner Rektoratsrede \u00e2\u0080\u009e\u00c3\u009cber den sittlichen\\nWert der Wissenschaft \u00c3\u00bcberzeugend darlegt. Dort heisst es u. a\\n\u00e2\u0080\u009eEs liesse sich nun wenigstens der Wahrscheinlichkeitsbeweis hefern, dass\\ninfolge bestimmter Erkenntnisse gewisse Gesetze der Moral sich erst ge-\\nbildet und zur Geltung gekommen sind. So, um nur eins zu erw\u00c3\u00a4hnen,\\nist das Gebot der allgemeinen Menschenliebe erst anerkannt worden,\\nnachdem man zu der Einsicht gekommen war, dass wir Menschen alle\\ngleichen Wesens sind, alle teilhaben an dem G\u00c3\u00b6ttlichen, also zu dem\\nBewusstsein der Zusammengeh\u00c3\u00b6rigkeit des ganzen Menschengeschlechts.\\nAusserdem war es ein logischer Fehler Eousseaus, Natur und Kultur\\nals Gegens\u00c3\u00a4tze anzusehen \u00e2\u0080\u009eEine absolute Grenze zwischen beiden besteht\\nnicht; alles, wodurch der Mensch sich auch nur im geringsten Grade\\n\u00c3\u00bcber seine nat\u00c3\u00bcrliche Beschr\u00c3\u00a4nktheit erhebt, ist ein Teilchen Kultur.\\n(J. Lippert, Kulturgeschichte 1886, I, 3).\\n5 Tom. IV, 40 f.\\n6 Auch seine Stellung zur Kultur \u00c3\u00a4ndert sich. Es ist ein h\u00c3\u00a4ufig\\nwahrzunehmender Mangel, dass man die hier stark hervortretende kultur-\\nfeindliche Gesinnung ohne weiteres als Eousseaus Meinung \u00c3\u00bcberhaupt", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0021.jp2"}, "22": {"fulltext": "12\\nWie nun in dieser ersten Abhandlung der Begriff der Natur\\nschon eine wichtige Rolle spielt, so entgeht es dem pr\u00c3\u00bcfenden\\nBlicke ebensowenig, dass alle diese Anschauungen und Aus-\\nf\u00c3\u00bchrungen auf dem lebendigen Hintergrunde der Gesellschaft,\\nfreilich nur der Gesellschaft seiner Zeit und seiner Umgebung,\\nerwachsen sind. In dem Gesellschaft sproblem, dem eigentlich\\ncentralen Problem Rousseaus 1 ist im Grunde geradezu der tiefere\\nAntrieb zu jener Abhandlung zu suchen 2\\nDass Rousseau in der That von diesem Gesichtspunkte aus\\nan die L\u00c3\u00b6sung der Frage herantrat, bekundet er von vornherein.\\nSo erkl\u00c3\u00a4rt er in der Vorrede, dass es sich bei dieser Frage \u00e2\u0080\u009eum\\neine von denjenigen Wahrheiten handele, an welchen das Gl\u00c3\u00bcck\\ndes Menschengeschlechts h\u00c3\u00a4nge 3 Auch aus den von ihm selbst\\nangegebenen Motiven, aus welchen ihm die Ermutigung zu jenem\\nk\u00c3\u00bchnen Schritte geflossen ist, l\u00c3\u00a4sst sich die nahe Beziehung zur\\nGesellschaft unschwer erkennen: Einmal gilt es n\u00c3\u00a4mlich, wie er\\nsagt, die Tugend zu verteidigen 4 offenbar, weil die ihn umgebende\\nGesellschaft aller Tugend entfremdet war, und zum andern ist es\\ndas Gef\u00c3\u00bchl f\u00c3\u00bcr Wahrheit und Recht, welches, da er es \u00e2\u0080\u009ein der\\nTiefe seines Herzens gefunden 5 ihn m\u00c3\u00a4chtig hinreisst, seine\\nStimme zu erheben, unbek\u00c3\u00bcmmert um das Urteil der \u00e2\u0080\u009eSch\u00c3\u00b6ngeister\\nund Modeleute 6 denen jedes Gef\u00c3\u00bchl daf\u00c3\u00bcr abhanden gekommen\\nzu sein schien 7\\nDass ferner die ganze Abhandlung im Hinblicke auf das\\ncentrale Problem Rousseaus einen mehr vorbereitenden Charakter\\nbesass, das Gesellschaftsproblem in Wirklichkeit dicht dahinter\\nstand und in ihr nur fl\u00c3\u00bcchtig ber\u00c3\u00bchrt werden konnte, daf\u00c3\u00bcr b\u00c3\u00bcrgt\\neine Stelle aus Rousseaus zweitem Briefe an Malesherbes. Als\\ner sich darin jener geistigen Aufwallung und v\u00c3\u00b6lligen Umwandlung\\nerinnert, die er in dem Augenblicke, als ihm im Mercure de France\\nbetrachtet und dabei ausser acht l\u00c3\u00a4sst, dass seine Ansicht bez. der Kultur\\nallm\u00c3\u00a4hlich einen wesentlich andern Charakter annimmt.\\nH\u00c3\u00b6ffding, a. a. O., p. 47.\\n2 Ohne Zweifel gestattete ihm nur der Gegenstand der Frage nicht,\\ndas Gesellschaftsproblem direkt ins Auge zu fassen.\\n3 Tom. IV, 3.\\n4 Tom. IV, 5. Cf. J. J. Rousseaus Beantwortung der Abhandlung\\n\u00c3\u00bcber denNutzen der K\u00c3\u00bcnste und Wissenschaften von H. Bordes \u00e2\u0080\u009eSchliesslich\\nerlaube man mir zu erkl\u00c3\u00a4ren, dass bloss Menschenliebe und Liebe zur\\nTugend mich bewogen haben, nicht l\u00c3\u00a4nger zu schweigen, und dass der\\nKummer und der Abscheu, den ich gegen die Laster empfinde, wovon\\nich Zeuge bin, aus Mitleid gegen die Menschen und dem eifrigsten Ver-\\nlangen, sie gl\u00c3\u00bccklicher zu sehen und besonders auch w\u00c3\u00bcrdiger gl\u00c3\u00bccklicher\\nzu werden, entstanden ist. (Philos. Werke, a. a. O., I, 186).\\n5 Tom. IV, 6.\\n6 Tom. IV, 5.\\n7 Mit besonderem Fleisse suchte er ja auch alle Nachteile hervor,\\nwelche Wissenschaft und K\u00c3\u00bcnste der Gesellschaft verursacht haben sollten.\\nSiehe oben p. 11.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0022.jp2"}, "23": {"fulltext": "13\\ndie Preisfrage zu Gesicht kam, erlebt, schreibt er 1 \u00e2\u0080\u009eH\u00c3\u00a4tte ich\\nnur den vierten Teil von dem, was ich unter diesem Baume sah\\nund f\u00c3\u00bchlte, niederschreiben k\u00c3\u00b6nnen, mit welcher Wahrheit w\u00c3\u00bcrde\\nich die Widerspr\u00c3\u00bcche des sozialen Systems aufgedeckt, mit welcher\\nKraft alle Missbr\u00c3\u00a4uche unserer Institutionen nachgewiesen, mit\\nwelcher Einfachheit gezeigt haben, dass der Mensch von Natur\\ngut ist 2 und lediglich durch diese Institutionen schlecht wird.\\nVon diesem Zeitpunkte ab g\u00c3\u00a4hrt und w\u00c3\u00bchlt es nun jahrelang\\nin seinem Innern 3 Eines weiteren Anstosses bedarf es, und sein\\nGedankenstrom bricht wieder hervor. Die zweite Preisfrage 4\\nderselben Akademie bot bald (1754) eine willkommene Gelegenheit,\\nseine philosophischen Grundanschauungen deutlicher erkennen zu\\nlassen.\\nJener Drang nach Natur, der sich in der ersten Abhand-\\nlung ank\u00c3\u00bcndigte, gewinnt hier an Spielraum und Deutlichkeit.\\nWurde dort auf den \u00e2\u0080\u009eNaturzustand nur fl\u00c3\u00bcchtig hingedeutet 5\\nso verweilt er hier ausf\u00c3\u00bchrlich und mit gr\u00c3\u00b6sstem Wohlbehagen bei\\nihm. Dabei tritt zugleich das Bestreben klar hervor, an dem im\\nZustande der Natur lebenden Menschen die wahre Natur des\\nMenschen zu erkennen, den Menschen \u00e2\u0080\u009edurch alle Wechsel, welche\\nZeit und Umst\u00c3\u00a4nde in seiner urspr\u00c3\u00bcnglichen Konstitution hervor-\\nzubringen vermocht haben, so zu sehen, wie ihn die Natur ge-\\nbildet hat, das, was zu seiner eigenen Wesenheit geh\u00c3\u00b6rt, von dem\\nzu sondern, was Umst\u00c3\u00a4nde und Fortschritte hinzugef\u00c3\u00bcgt oder in\\nihrem urspr\u00c3\u00bcnglichen Zustande ver\u00c3\u00a4ndert haben 6\\nOhne uns indes jetzt bei den sp\u00c3\u00a4ter mit in Betracht zu\\nziehenden Eigenschaften aufzuhalten, welche Rousseau hier der\\nJ Seconde lettre M. de Malesherbes; tom. III, 197 f.\\n2 Wie seine beiden Discours best\u00c3\u00a4tigen, ist gleich von Anfang an\\nmit seinem masslosen gesellschaftlichen Pessimismus ein freundlicher\\nOptimismus verbunden. Eine harmonistische und teleologische Welt-\\nanschauung die sich in sp\u00c3\u00a4teren Schriften deutlicher zu erkennen giebt\\nl\u00c3\u00a4sst ihn in jenem nicht ganz untergehen.\\n3 Tom. II, 124: \u00e2\u0080\u009eMon sentimens se monterent, avec la plus incon-\\ncevable, rapidite, au ton de mes idees. Toutes mes petites passions furent\\netouffees par l enthousiasme de la vente de la liberte, de la vertu: et ce\\nqu il y a de plus etonnant est que cette effervescence se soutint dans\\nmon coeur, durant plus de quatre ou cinq ans, un aussi haut degre\\npeutetre qu elle ait jamais ete dans le coeur d aucun autre homme.\\n(Confess., livr. VIII).\\n4 \u00e2\u0080\u009eDiscours sur Forigine et les fondements de l inegalite parmi les\\nhommes. Tom. IV, 201 ff.\\n5 Tom. IV, 30.\\n6 Tom. IV, 218. Wohl bewusst ist er sich dabei, welch schwierige\\nAufgabe es ist, zu unterscheiden, \u00e2\u0080\u009ewas es Urspr\u00c3\u00bcngliches und K\u00c3\u00bcnst-\\nliches in der gegenw\u00c3\u00a4rtigen Xatur des Menschen giebt und einen Zustand\\nrichtig zu erkennen, welcher nicht mehr vorkommt, der vielleicht niemals\\nexistiert hat und wahrscheinlich existieren wird, von dem man aber\\ngleichwohl richtige Begriffe haben muss, um \u00c3\u00bcber unseren gegenw\u00c3\u00a4rtigen\\nZustand stichhaltige Urteile aufzustellen. (Tom. IV, 219).", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0023.jp2"}, "24": {"fulltext": "14\\nNatur des Menschen im einzelnen zuschreibt, erinnern wir nur an\\njene f\u00c3\u00bcr seinen Naturmenschen besonders charakteristische Stelle 1\\n\u00e2\u0080\u009eWenn ich nun dieses so eingerichtete Wesen aller \u00c3\u00bcbernat\u00c3\u00bcrlichen\\nGaben entkleide, welche es erhalten, und wenn ich ihm alle die\\nk\u00c3\u00bcnstlichen F\u00c3\u00a4higkeiten nehme, welche es nur durch lange Ent-\\nwicklung erwerben konnte, wenn ich es mit einem Worte so an-\\nschaue, wie es aus den H\u00c3\u00a4nden der Natur hervorgehen musste:\\ndann sehe ich in ihm ein Tier, schw\u00c3\u00a4cher als die einen, minder\\ngewandt als die andern, jedoch im ganzen genommen am vor-\\ntrefflichsten organisiert unter allen. Ich sehe, wie er sich s\u00c3\u00a4ttigt\\nunter einer Eiche, wie er am ersten besten Bache seinen Durst\\nstillt, wie er sein Lager unter demselben Baume sucht, der ihm\\nsein Mahl gew\u00c3\u00a4hrte und so seine Bed\u00c3\u00bcrfnisse befriedigt sieht.\\nDiese Beziehung des Naturbegriffs auf die Natur des Menschen\\nbezeichnet ohne Frage einen Fortschritt, welcher diesen Begriff erst\\np\u00c3\u00a4dagogisch fruchtbar werden l\u00c3\u00a4sst.\\nWichtig ist ferner f\u00c3\u00bcr unsere Aufgabe, dass hier das Natur-\\nproblem in n\u00c3\u00a4chste Beziehung zum Gesellschaftsproblem\\ngesetzt wird 2 Wurde in jener ersten Preisschrift der Begriff der\\nNatur besonders im Gegens\u00c3\u00a4tze zu den K\u00c3\u00bcnsten und Wissenschaften\\ngeltend gemacht, so appelliert Rousseau hier an die Natur im\\nGegensatze zu den widernat\u00c3\u00bcrlichen gesellschaftlichen Einrichtungen.\\nW\u00c3\u00a4hrend er n\u00c3\u00a4mlich dort die K\u00c3\u00bcnste und Wissenschaften als die\\nUrheber aller Gebrechen und Laster brandmarkte, geht er hier\\ndem \u00c3\u009cbel tiefer auf den Grund und findet, dass jene erst eine\\nFolge der gesellschaftlichen Vereinigung der Menschen seien.\\nDementsprechend betrachtet er nun die Entstehung der Gesell-\\nschaft 3 und die daraus hervorgehende Entwicklung der sozialen\\nUnterschiede 4 als die wahren Ursachen des moralischen Verfalls 6\\n1 Tom. IV, 232 f. Cf. auch tom. IV, 273.\\n2 \u00e2\u0080\u009eCette meme etude de l homme originel, de se vrais besoins, et\\ndes principes fondamentaux de ses devoirs, est encore le seul bon moyen\\nqu on puisse employer pour lever ces foules de difficultes qui se pr\u00c3\u00a4sen-\\ntem: sur l origine de l inegalite morale, sur les vrais fondemens du corps\\npolitique, sur les droits reciproques de ses membres, et sur mille autre\\nquestions semblables, aussi importantes que mal eclaircies. Tom. IV,\\n223. (Preface).\\n3 Tom. IV, pp. 246 ff, 271, 289, 311 f, 326 f.\\n4 Tom. IV, pp. 274, 280ff, 287, 301.\\n5 Tom. IV, 278, 246 ff. Dabei \u00c3\u00bcbersieht Eousseau in seinem\\nPessimismus, der hier den h\u00c3\u00b6chsten Grad erreicht, ganz, dass die Civi-\\nlisation \u00c3\u00a4hnlich wie die K\u00c3\u00bcnste und Wissenschaften neben ihren\\nSchattenseiten auch bedeutende sittliche Vorteile mit sich bringt.\\nCf. Paulsen, System der Ethik, a. a. 0., I, 287; ebenso Wundt,\\na. a. O., p. 217 ff: Die Kultur und die Sittlichkeit, und p. 225 f: Die\\nsittlichen Vorteile und Nachteile der Kultur. \u00c3\u009cbrigens muss man bei\\nRousseaus Polemik immer im Auge behalten, dass sich sein Hass nicht\\ngegen die Gesellschaft und Kultur \u00c3\u00bcberhaupt obschon beide nach\\nseiner Ansicht nur \u00c3\u009cbel, wenn auch notwendige sind (Hettner, a. a. 0.,", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0024.jp2"}, "25": {"fulltext": "15\\nSein Protest, der fr\u00c3\u00bcher gegen die Kultur des Geistes gerichtet\\nwar, wendet sich somit jetzt gegen die Civilisation, die wie jene\\nnach ihm nicht in der Natur des Menschen begr\u00c3\u00bcndet liegt 1\\nZur n\u00c3\u00a4heren Charakterisierung seiner Anschauungen h\u00c3\u00a4lt er dem\\nder Natur entfremdeten Menschen der Gesellschaft den Menschen\\nim Naturzustande gegen\u00c3\u00bcber.\\nWie grell er diesen Gegensatz beleuchtet, mag folgende\\nStelle zeigen: \u00e2\u0080\u009eDer Naturmensch und der civilisierte Mensch unter-\\nscheiden sich derart im Grunde ihres Herzeus und ihrer Neigungen,\\ndass das, was des einen h\u00c3\u00b6chstes Gl\u00c3\u00bcck ausmacht, den anderen in\\nVerzweiflung bringt 2 Der erstere strebt nur nach Ruhe und\\nFreiheit, er w\u00c3\u00bcnscht nur zu leben und massig zu sein und selbst\\ndie Seelenruhe des Stoikers kommt seiner tiefen Gleichg\u00c3\u00bcltigkeit\\ngegen jeden anderen Gegenstand nicht, gleich. Der immer th\u00c3\u00a4tige\\nB\u00c3\u00bcrger dagegen arbeitet im Schweisse seines Angesichts, sorgt und\\nqu\u00c3\u00a4lt sich unaufh\u00c3\u00b6rlich ab, um noch m\u00c3\u00bchevollere Besch\u00c3\u00a4ftigung\\nzu erlangen; er arbeitet bis zum Tode und trotzt sogar demselben,\\num sich in den Stand zu setzen, zu leben, oder er verzichtet auf\\ndas Leben, um die Unsterblichkeit zu erwerben 3\\n5. Aufl., II, 461) sondern nur gegen die der Natur v\u00c3\u00b6llig entfremdete\\nGesellschaft und Kultur richtet. Cf. J. J. Rousseaus Beantwortung der\\nAbhandlung \u00c3\u00bcber den Nutzen der K\u00c3\u00bcnste und Wissenschaften von\\nH. Bordes: ,,Ich habe schon gesagt, dass ich nicht verlange, dass die\\nGesellschaft zerst\u00c3\u00b6rt werde, dass man die Bibliotheken und alle B\u00c3\u00bccher\\nverbrenne, die Akademien und Schulen einziehen m\u00c3\u00bcsse etc. (Philos.\\nWerke, a. a. 0., I, 184).\\nx Tom. IV, pp. 259, 261, 276, 289f: \u00e2\u0080\u009eL exemple de sauvages, qu on\\na presque tous trouves ce point, semble confirmer que le genre huniain\\netoit fait pour y rester toujours que cet 6tat est la veritable jeunesse\\ndu monde, et que tous les progrSs ulterieurs ont ete, en apparence,\\nautant de pas vers la perfection de l individu, et, en eflet vers la decre-\\npitude de l espece.\\n2 Wie wir sp\u00c3\u00a4ter einer anderen Auffassung des Verh\u00c3\u00a4ltnisses von\\nKultur und Natur bei Eousseau begegnen werden, so werden wir auch\\neine Ver\u00c3\u00a4nderung in seiner Auffassung des Verh\u00c3\u00a4ltnisses zwischen dem\\nNaturzustande und dem sozialen Zustande beobachten k\u00c3\u00b6nnen.\\n3 j Tom. IV, 325. IV, 240: \u00e2\u0080\u009eGardons-nous donc de confondre\\nl homme sauvage aves les hommes que nous avons sous les yeux. Le\\ncheval, le chat, le taureau, l \u00c3\u00a4ne meme, ont la plupart une taille plus baute,\\ntous une Constitution plus robuste, plus de vigueur, de force et de courage\\ndans les forets que dans nos maisons ils perdent la moitie de ces avan-\\ntages en devenant domestiques, et l on diroit que tous nos soins bien\\ntraiter et nourrir ces animaux n aboutissent qu les ab\u00c3\u00a4tardir. II en est\\nainsi de l homme meme en devenant sociable et esclave il devient foible,\\ncraintif, rampant; et sa maniere de vivre molle et effeininee acheve\\nd enerver la fois sa force et son courage. Ajoutons qu entre les con-\\nditions sauvage et domestique la difterence d homme homme doit etre\\nplus grande encore que Celle de bete bete: car l animal et l homme\\nayant ete traites egalement par la nature, toutes les commodites que\\nl homme se donne de plus qu aux animaux qu il apprivoise sont autant\\nde causes partici\u00c3\u00bcieres qui le f\u00c3\u00b6nt degenerer plus sensiblement", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0025.jp2"}, "26": {"fulltext": "16\\nIndem nun Rousseau in so drastischer Weise den Gegensatz\\nzwischen kultivierter Gesellschaft und der Natur des Menschen\\ngezeichnet hatte, war er damit seinem Hauptproblem immer\\nn\u00c3\u00a4her getreten: Hatte er bisher die Sch\u00c3\u00a4den und Gebrechen der\\nvon ihm verhassten, bis auf den Grund verderbten Gesellschaft\\nschonungslos aufgedeckt und bis in ihre tiefsten Wurzeln verfolgt,\\nso dr\u00c3\u00a4ngte sich ihm nun die gewaltige Aufgabe auf, dieser Gesell-\\nschaft, deren Abgrund er vor Augen sah, zu helfen. Ein unmittel-\\nbares, tiefes Gef\u00c3\u00bchl, verbunden mit der heissesten Liebe zur er-\\nbarmungsw\u00c3\u00bcrdigen Menschheit, liess ihn, dessen Wort blitzartig\\ngez\u00c3\u00bcndet und dessen Name mit einem Schlage zu Bedeutung ge-\\nlangt war, hierzu ganz besonders berufen erscheinen; und diese\\nSelbstgewissheit, dieses BeAvusst- und Deutlichwerden seiner Lebens-\\naufgabe fl\u00c3\u00b6sste ihm zugleich die dazu erforderliche Kraft und\\nBegeisterung ein.\\nWie war nun diese Aufgabe, dieses erhabene Problem zu l\u00c3\u00b6sen\\nSeine fr\u00c3\u00bcheren Forschungen hatten ihm gezeigt, dass die\\nVerderbtheit gleichen Schritt hielt mit der Entfernung der Kultur\\nund Gesellschaft von der Natur. Folgerichtig erkannte er daraus\\nin der Umkehr zur Natur das einzige Heilmittel. Eine v\u00c3\u00b6llige\\nR\u00c3\u00bcckkehr in den Naturzustand paradiesischen Gl\u00c3\u00bccks war nun\\nunter den Verh\u00c3\u00a4ltnissen seiner Zeit schlechterdings nicht m\u00c3\u00b6glich.\\nSein Bestreben konnte darum nur dahin gehen, die Menschheit\\naus den Fesseln der Konvenienz, Verschrobenheit und K\u00c3\u00bcnstlich-\\nkeit zu befreien und in Bahnen zu lenken, welche sich jenem\\nNaturzustande am meisten n\u00c3\u00a4herten, der Natur des Menschen\\nam besten entsprachen. Dieser hohe und ernste Grundgedanke:\\nDer Menschheit auf dem Wege der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit zu Gl\u00c3\u00bcck\\nund Freiheit zu verhelfen, nachdem er einmal Zusammenhang\\nund feste Gestalt und den Grad unumst\u00c3\u00b6sslicher Gewissheit und\\nfelsenfester \u00c3\u009cberzeugung in ihm gewonnen hatte zieht sich\\nfortan 1 durch sein gesamtes Empfinden, Denken und Wirken\\nhindurch 2\\nAngesichts der allgemeinen Verkommenheit der damaligen\\nZust\u00c3\u00a4nde schien ihm nun eine derartige universelle Reform auf\\nder Grundlage des Bestehenden unm\u00c3\u00b6glich. Sollte der Menschheit\\nx Die teils durch Intuition, teils durch philosophische Reflexion\\nin ihm entstandenen, mit dem Enthusiasmus f\u00c3\u00bcr Natur und Naturgem\u00c3\u00a4ss-\\nheit aufs innigste verbundenen sozialen Ideen werden geradezu sein\\nganzes Streben beherrschende Begriffe: Sie waren massgebend, als er im\\nContrat sozial (tom. V, 107ff.) sein politisches Ideal entrollte, sie\\nwirkten bestimmend, als er in der Nouvelle Heloise (tom. VI und\\nVII) in der Welt der Phantasie sein Ideal zu verwirklichen suchte; sie\\ngewannen aber ganz besondere prinzipielle Bedeutung, als er im Gebiete\\nder Erziehung den wirksamen Angriffspunkt zur Verbesserung der Mensch-\\nheit erblickte.\\n2 Hettner, a. a. O. 440.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0026.jp2"}, "27": {"fulltext": "17\\ngeholfen werden, so galt es, glaubte er, eine neue Lebensgrundlage\\nzu schaffen 1 Nichts war nun nat\u00c3\u00bcrlicher, als dass er das aus\\nsolchen Erw\u00c3\u00a4gungen hervorgewachsene Ideal einer auf neuer Grund-\\nlage beruhenden Gesellschaft an dem heranwachsenden Geschlechte\\nam zweckm\u00c3\u00a4ssigsten zu verwirklichen bestrebt sein musste. So\\nwies ihn also das Gesellschaftsproblem auf das Gebiet der Erziehung 2\\ndas Prinzip der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit, zu welchem jene sozialpolitischen\\nBetrachtungen gef\u00c3\u00bchrt, musste notwendig auch f\u00c3\u00bcr seine P\u00c3\u00a4dagogik\\ngrundlegende Bedeutung gewinnen.\\nSo zeigt sich, dass seine sozialistischen Bestrebungen\\nmit seinen p\u00c3\u00a4dagogischen nicht nur in n\u00c3\u00a4chster Beziehung\\nstehen, sondern dass beide geradezu den Mittelpunkt seiner\\nLebensaufgabe bilden 3\\nDieses Verh\u00c3\u00a4ltnis aber n\u00c3\u00b6tigt zu wechselseitiger Betrachtung.\\nWenn J\u00c3\u00bcrgen Bona Meyer zeigt 4 dass man den sozialpolitischen\\nBestrebungen Rousseaus nicht gerecht werden kann, ohne auf seine\\np\u00c3\u00a4dagogische Bedeutung R\u00c3\u00bccksicht zu nehmen, so gilt mit gleichem\\nRechte, dass man den eigenartigen Charakter und die universelle\\nBedeutung seiner P\u00c3\u00a4dagogik verkennt, falls man dabei das Augen-\\nmerk nicht auch auf seine hohen sozialen Ideen lenkt.\\nWaren beide Ideale, das Gesellschaftsideal sowohl als das\\nNaturideal, einerseits aus der allgemeinen Str\u00c3\u00b6mung seiner Zeit\\nhervorgewachsen und hatten sie diese zu ihrem n\u00c3\u00a4chsten Beziehungs-\\npunkte, so waren beide andererseits der Verbesserung jener un-\\nnat\u00c3\u00bcrlichen staatlichen und sozialen Zust\u00c3\u00a4nde, einer \u00e2\u0080\u009eErneuerung\\ndes Menschengeschlechtes 5 gewidmet 6 Bir allgemeines Ver-\\nBrockerhoff, a. a. O. 785.\\n2 \u00e2\u0080\u009eIn einem andern Erziehungssystem musste Rousseau seiner\\nganzen inneren Entwicklung nach jenes gr\u00c3\u00bcndliche Heilmittel erblicken,\\ndessen seine Zeit bedurfte; und so verwandelte sich ihm die Frage, auf\\nwelche Weise und durch welche Mittel die herrschenden Sitten und\\nZust\u00c3\u00a4nde am gr\u00c3\u00bcndlichsten verbessert werden k\u00c3\u00b6nnten, in die Frage nach\\neiner besseren Erziehung. Vogt, a. a. O. II, 525. In ganz analoger\\nWeise war auch die P\u00c3\u00a4dagogik Pestalozzis aus seinem sozialpolitischen\\nWirken hervorgegangen. (Cf. K\u00c3\u00b6hler, Die sozialpolitischen Grundlagen\\nder P\u00c3\u00a4dagogik Pestalozzis, Programm Strassburg 1879; p. 5.) Pestalozzi\\nwar, wie Schneider in seinem sch\u00c3\u00b6nen Vergleiche zeigt (a. a. O. 61),\\ngleich Eousseau Optimist und Idealist und gleich ihm bestrebt, seine\\nsozialen Ideale auf dem Wege der Erziehung durchzuf\u00c3\u00bchren.\\n3 \u00e2\u0080\u009eDa verm\u00c3\u00b6ge seiner haupts\u00c3\u00a4chlichen Denkrichtung, welche die\\nVerbesserung der bestehenden Zust\u00c3\u00a4nde sich vorgesetzt hatte, die politischen\\nund p\u00c3\u00a4dagogischen Schriften die bedeutendsten und ber\u00c3\u00bchmtesten sind,\\nwelche Rousseau geschrieben hat, so ist es auch vor allem die Geschichte\\nder Politik und der P\u00c3\u00a4dagogik, in welcher er einen hervorragenden\\nPlatz einnimmt. (Vogt, a. a. O. II, 434.)\\n4 J. B. Meyer, a. a. 0. 105ff. r\\n5 E. v. Sallw\u00c3\u00bcrk, Anh\u00c3\u00a4nge zur Emile-\u00c3\u009cbersetzung. Langensalza\\n1876/1878. (Beyers Bibl. p\u00c3\u00a4dag. Klassiker,) II, p. 381.\\n6 Die gesellschaftlichen Zust\u00c3\u00a4nde waren also nicht nur die Ver-", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0027.jp2"}, "28": {"fulltext": "h\u00c3\u00a4ltnis innerhalb seiner P\u00c3\u00a4dagogik l\u00c3\u00a4sst sich auf Grund vor-\\nangegangener Er\u00c3\u00b6rterung schon jetzt dahin bestimmen, dass das\\nGesellschaftsideal den h\u00c3\u00b6chsten Gesichtspunkt, das letzte Ziel,\\nbilden wird, w\u00c3\u00a4hrend dem Naturprinzipe die Aufgabe zufallen\\nmuss, f\u00c3\u00bcr die Verwirklichung jenes vorzugsweise eine neue Grund-\\nlage sowie die zweckm\u00c3\u00a4ssigsten Mittel zu zeigen.\\nWenden wir uns nach dieser allgemeinern Betrachtung der\\nEntstehung sowie des damit nahe zusammenh\u00c3\u00a4ngenden Verh\u00c3\u00a4ltnisses\\nbeider Probleme nun der Einzelbetrachtung derselben, und zwar\\nzun\u00c3\u00a4chst der des Naturprinzips, in folgendem zu.\\nanlassung, der Ausgangspunkt f\u00c3\u00bcr Rousseaus \u00c3\u00b6ffentliche Wirksamkeit,\\nsondern ihre Reform bildete auch das letzte und h\u00c3\u00b6chste Ziel seines\\nganzen Strebens.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0028.jp2"}, "29": {"fulltext": "19\\nA.\\nDas Naturprinzip in Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik.\\nAnthropologische Bedeutung- des Rousseausehen Natur-\\nbegriffes auf p\u00c3\u00a4dagogischem Gebiete.\\nNachdem wir den Ursprung des Rousseauschen Naturbegriffes\\nin seiner philosophischen Reflexion gefunden und schon eine\\nwichtige Wandelung in seiner Entwicklung bemerkten, gilt es nun\\nzuzusehen, welche weitere Modifikation dieser sein ganzes Streben\\nbeherrschende Begriff auf dem Gebiete der Erziehung von\\nihm erf\u00c3\u00a4hrt.\\nWie auf philosophischem und sozialpolitischem Gebiete, so war\\nauch auf p\u00c3\u00a4dagogischem der Ruf nach Natur keineswegs neu. Da\\nseine Geltendmachung von Rousseau vielmehr nur eins der vielen\\nStadien bedeutet, welche das Naturproblem in seiner geschichtlichen\\nEntwicklung in der P\u00c3\u00a4dagogik durchlaufen, so wird es zweckm\u00c3\u00a4ssig\\nsein, jener vor ihm bemerkenswerten Anl\u00c3\u00a4ufe kurz zu gedenken.\\nEin historischer R\u00c3\u00bcckblick wird ausser den Ber\u00c3\u00bchrungspunkten mit\\nseinen Vorg\u00c3\u00a4ngern auch das Eigenartige und Neue seines Natur-\\nbegriffes um so deutlicher erkennen lassen.\\nAn den verschiedensten Orten und zu den verschiedensten\\nZeiten ist in der P\u00c3\u00a4dagogik die Sehnsucht nach Natur erwacht und\\ndie Forderung der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit geltend gemacht worden. Schon\\naus humanistischen Kreisen heraus erklingen vereinzelte Stimmen.\\nEin Joh. Ludw. Vives, dessen P\u00c3\u00a4dagogik hinsichtlich ihrer philo-\\nsophischen Durchbildung die p\u00c3\u00a4dagogischen Leistungen seiner Zeit-\\ngenossen bei weitem \u00c3\u00bcberragt, macht in seinem Hauptwerke \u00e2\u0080\u009ede\\ndisciplinis besonders im zweiten Teile (\u00e2\u0080\u009ede tradendis disciplinis\\ngegen\u00c3\u00bcber dem allgemein herrschenden pedantischen, mechanisch-\\nformalistischen Schulbetriebe beachtenswerte Vorschl\u00c3\u00a4ge f\u00c3\u00bcr ein", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0029.jp2"}, "30": {"fulltext": "20\\nnaturgem\u00c3\u00a4sseres Lehrverfahren 1 Ein Francois Rabelais 2 der\\nauch noch zum Teil die Anschauungsweise des Humanismus teilt,\\nk\u00c3\u00a4mpft in seinem Roman \u00e2\u0080\u009eGargantua und Pantagruel mit den\\nWaffen der Satire gegen die Unnatur, bis zu welcher sich die\\nErziehung seiner Zeit verirrt hatte 3 Positiv stellt sodann die\\nForderung der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit Michel de Montaigne in seinen\\nEssays, besonders im 24. und 25. Kapitel derselben, auf 4 \u00e2\u0080\u009eDas\\nKind muss naturgem\u00c3\u00a4ss, d. h. nach seineu nat\u00c3\u00bcrlichen Anlagen\\nund Neigungen erzogen werden lautet dort z. B. einer seiner\\nbekanntesten und wichtigsten Grunds\u00c3\u00a4tze. Als einer der ersten\\nunter den Deutschen, welcher im Gegensatze zur Verschrobenheit\\nund Schrullenhaftigkeit der Erziehung auf die Natur und Nat\u00c3\u00bcr-\\nlichkeit hinweist, ist Johann Fischart 5 zu nennen. Sein \u00e2\u0080\u009eEhe-\\nzuchtb\u00c3\u00bcchlein sowie seine \u00e2\u0080\u009eAnmahnung zu christlicher Kinder-\\nzucht verraten in dieser Hinsicht offenen Blick und nat\u00c3\u00bcrlichen\\nVerstand.\\nIm 17. Jahrhunderte mehren und verst\u00c3\u00a4rken sich die Stimmen,\\nwelche die Erziehung immer ernster an die Forderung der Natur-\\ngem\u00c3\u00a4ssheit gemahnen. Wie sich aus den Anklagen eines Valentin\\nAndrea und Balthasar Schupp die Sehnsucht nach Natur und\\nWahrheit, nach freier und naturvoller Menschlichkeit, mehr versteckt\\nzu erkennen giebt, tritt uns das Losungswort bei Wolfgang\\nRatke deutlich ausgesprochen entgegen. \u00e2\u0080\u009eAlles nach Ordnung\\nund Lauf der Natur heisst der erste Fundamentalsatz seiner\\nP\u00c3\u00a4dagogik. Indem hier zum ersten Male mit vollem Bewusstsein\\nder Hinweis auf die Natur als grosse F\u00c3\u00bchrerin im Gebiete der\\nP\u00c3\u00a4dagogik geschieht, wird der Begriff der Natur in einem sehr\\nweiten Sinne gefasst, sodass fast alle Einzelforderungen seiner\\nP\u00c3\u00a4dagogik in jenem obersten Grundsatze inbegriffen scheinen.\\nEin Blick auf seine P\u00c3\u00a4dagogik ergiebt, dass er bei seinem Losungs-\\nworte vor allem an eine m\u00c3\u00b6glichst zwanglose, ungek\u00c3\u00bcnstelte Ent-\\nwicklung der menschlichen Anlagen und F\u00c3\u00a4higkeiten denkt\\nVives, Ausgew\u00c3\u00a4hlte p\u00c3\u00a4dagogische Schriften. \u00c3\u009cbersetzt und mit\\nEinleitung und Anmerkungen versehen von R. Heine (Richters p\u00c3\u00a4da-\\ngogische Bibliothek.) A. Lange in Schunds Encyklop., 2. Aufl. IX,\\n776ff. \u00c3\u009cberweg-Heinze, a. a. O. III, 1, 33f.\\n2 Fr. Rabelais, Gedanken \u00c3\u00bcber Erziehung und Unterricht aus\\nseinem Gargantua und Pantagruel von F. A. Arnstadt. (Richters\\np\u00c3\u00a4dagogische Bibliothek.)\\n3 Auch bei Petrus Ramus macht sich das Naturprinzip geltend.\\n(Siehe H. K\u00c3\u00a4mmel in Schmids Encyklop\u00c3\u00a4die, 2. Auflage VI, 594ff.)\\n4 Essays von Mich, de Montaigne. Ins Deutsche \u00c3\u00bcbertragen von\\nW. Dyhrenfuhrt. Cf. \u00c3\u009cberweg-Heinze, a. a. O. III, 1. 20.\\nSchiller in Schmids Encyklop\u00c3\u00a4die, 2. Auflage IV, 1094ff.\\n5 M\u00c3\u00a4der, Die p\u00c3\u00a4dagogische Bedeutung Fischarts. Dissertation\\nLeipzig 1893.\\n6 Christoph, Wolfgang Ratkes p\u00c3\u00a4dagogisches Verdienst. Disser-\\ntation Leipzig 1892.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0030.jp2"}, "31": {"fulltext": "21\\nLeitendes Motiv ist die Idee der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit in aus-\\ngesprochenem Sinne ferner bei Joh. Arnos Comenius 1 In\\ndoppelter Bedeutung tritt bei ihm das Naturprinzip zur Erscheinung.\\nOft versteht er unter Natur wie seine Vorg\u00c3\u00a4nger Andrea und\\nRatke die Natur des Menschen. Diese ist nach seiner Anschauung\\nharmonistisch und optimistisch augelegt. Charakteristischer aber\\nist f\u00c3\u00bcr Comenius jene zweite Bedeutung, nach welcher er unter\\nNatur die \u00c3\u00a4ussere versteht. Diese objektive Natur im weitesten\\nSinne preist er als grosse p\u00c3\u00a4dagogische Lehrmeisterin, welche\\nmittels Analogie nachgeahmt werden soll 2 Weniger enthusiastisch,\\naber immerhin bedeutsam klingt dieses Losungswort auch durch\\ndie P\u00c3\u00a4dagogik John Lockes 3 auf dessen Schultern Rousseau\\nsteht 4\\nZu einem fruchtbaren, die ganze Erziehung beherrschenden\\nPrinzip hat erst Rousseau, wenn auch eigenartig, das Prinzip der\\nNaturgem\u00c3\u00a4ssheit aufgestellt.\\nWas versteht Rousseau in seiner P\u00c3\u00a4dagogik unter\\n\u00e2\u0080\u009eNatur\\nWie wir sahen, war dieser Begriff, als er uns das erste Mal\\nin allgemeinster Fassung entgegentrat, ein vorwiegend theologischer\\nBegriff, insofern n\u00c3\u00a4mlich als Rousseau der zum Sch\u00c3\u00b6pfer, der\\n\u00e2\u0080\u009eewigen Weisheit in n\u00c3\u00a4chster Beziehung stehenden Natur das\\nMerkmal urspr\u00c3\u00bcnglicher G\u00c3\u00bcte, Tugendhaftigkeit und Harmonie\\nzuschrieb. In dem zweiten Entwicklungsstadium, in welchem der\\nBegriff Natur vor allem auf jenen \u00e2\u0080\u009eprimitiven Zustand vor aller\\nCivilisation und Kultur bezogen wurde, nahm er im wesentlichen\\neine naturhistorische F\u00c3\u00a4rbung an, wobei die fr\u00c3\u00bchere theologische\\nAnschauung noch ziemlich stark hindurchblickte. Auf p\u00c3\u00a4dagogischem\\nGebiete nun l\u00c3\u00a4sst Rousseau das fingierte Bild des Naturzustandes\\nfallen und begiebt sich in die lebensvolle Gegenwart. Jetzt ist\\nes nicht mehr die Natur des Urmenschen, die Natur jener fr\u00c3\u00bchesten\\n1 Baur in Schmids Encyklop\u00c3\u00a4die, 2. Auflage I, 942fF. A. Nebe\\nin Reins encyklop\u00c3\u00a4dischem Handbuche der P\u00c3\u00a4dagogik I, 558 ff.\\n2 Da sein Prinzip der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit an Universalit\u00c3\u00a4t dem\\nstoischen Begriffe der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit gleicht, so sind subjektive\\nMenschennatur und objektive Natur keine Gegens\u00c3\u00a4tze. (Hahn er, Natur\\nund Naturgem\u00c3\u00a4ssheit bei Comenius uud Pestalozzi. Dissertation\\nLeipzig 1890. p. 15.)\\n3 J. Gavanescul, Versuch einer zusammenfassenden Darstellung\\nder p\u00c3\u00a4dagogischen Ansichten Lockes in ihrem Zusammenhange mit\\nseinem philosophischen System. 1887.\\n4 Das Verh\u00c3\u00a4ltnis Eousseaus zu Locke hinsichtlich der Anwendung\\ndes Naturprinzips kennzeichnet Hoff ding, a. a. 0. 147, folgendermassen\\nWas Locke als etwas hervorhebt, worauf auch R\u00c3\u00bccksicht genommen\\nwerden m\u00c3\u00bcsse, das legt Rousseau von Anfang an zu Grunde; und was\\nnach Locke oft gilt, ist bei Rousseau das einzige, was man vern\u00c3\u00bcnftiger\\nWeise erzielen k\u00c3\u00b6nne. Rousseau hat tiefer gegraben, wenngleich Locke\\nihm gezeigt hatte, wo er graben solle.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0031.jp2"}, "32": {"fulltext": "22\\nMenschen und menschlichen Zust\u00c3\u00a4nde 1 der er nachsp\u00c3\u00bcrt und die\\ner phantasievoll zeichnet, sondern die Natur des Menschen der\\nGegenwart, welche er, obschon beeinflusst von jenen theologischen\\nund naturhistorischen Anschauungen, auf dem Wege der Beobach-\\ntung erforschen und nach welcher er seine Erziehung einrichten\\nwill. Diese spezielle Beziehung des Begriffes auf die Natur des\\nMenschen ist die letzte Wandlung des Problems 2 In dieser\\nsubjektiven, anthropologischen Bedeutung wird der Natur-\\nbegriff in seiner P\u00c3\u00a4dagogik prinzipiell festgehalten. F\u00c3\u00bcr eine\\nUntersuchung des Naturprinzips auf diesem Gebiete erw\u00c3\u00a4chst dem-\\nnach die Aufgabe, zun\u00c3\u00a4chst \u00c3\u00bcber die f\u00c3\u00bcr dasselbe grundlegenden\\nAnschauungen Rousseaus bez\u00c3\u00bcglich der Natur des Menschen, be-\\nsonders der Natur des Kindes, Klarheit zu gewinnen.\\nDieser Aufgabe soll der folgende Abschnitt gewidmet sein.\\nIL\\nRousseaus Anschauungen \u00c3\u00bcber die Menschennatur.\\nUm \u00c3\u00bcber die philosophischen Grundanschauungen der Rousseau-\\nschen P\u00c3\u00a4dagogik ein klares Verst\u00c3\u00a4ndnis zu gewinnen, wird es\\nn\u00c3\u00b6tig sein, sich dieselben erstlich nach ihrem Umfange in zu-\\nsammenh\u00c3\u00a4ngender Weise zu vergegenw\u00c3\u00a4rtigen. Eine weitere Auf-\\ngabe wird alsdann die sein, diese zun\u00c3\u00a4chst rein sachlich darge-\\nstellten Anschauungen einer kurzen Kritik zu unterwerfen.\\nVersuchen wir also zun\u00c3\u00a4chst seine Anschauungen \u00c3\u00bcber die\\nMenschennatur darzustellen.\\n\u00e2\u0080\u009eDer Mensch ist kein einfaches Wesen; er besteht aus zwei\\nSubstanzen schreibt Rousseau 3 an den Erzbischof von Beaumont.\\nDieser dualistischen Auffassung zufolge unterscheidet er eine\\nphysische und eine psychische Seite in der Natur des Menschen.\\nWelche Anschauung hat Rousseau \u00c3\u00bcber die phy-\\nsische Natur?\\nDer K\u00c3\u00b6rper besteht aus materieller Substanz. Da nun \u00e2\u0080\u009ekein\\nmaterielles Wesen durch sich selbst th\u00c3\u00a4tig ist 4 so ist der K\u00c3\u00b6rper\\nIn der geringen Beachtung, bez. g\u00c3\u00a4nzlichen Ausserachtlassung\\ndieses Fortschrittes wurzeln alle jene irrt\u00c3\u00bcmlichen Anschauungen, nach\\nwelchen Rousseau seine Z\u00c3\u00b6glinge zu einem reinen Natur- oder Urmenschen,\\nzu einem Wilden, habe erziehen wollen.\\n2 Sie zeigte sich bereits im 2. Disc. in ihren Anf\u00c3\u00a4ngen.\\n3 Philos. Werke, a. a. O., I, 224 (tom. X, 3 ff.). Cf. auch Emile,\\ntom. IX, 51.\\n4 Tom. IX, 44.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0032.jp2"}, "33": {"fulltext": "23\\nan sich betrachtet passiv und tot 1 Durch Aufl\u00c3\u00b6sung der materiellen\\nSubstanz n\u00c3\u00bctzt er sich ab und zerst\u00c3\u00b6rt sich 2 Seiner allgemeinen\\nharmonistischen 3 und teleologischen 4 Weltanschauung entsprechend\\nist der ganze Mensch, also auch seine physische Natur, gut, d. h.\\nzweckm\u00c3\u00a4ssig 5 aus den H\u00c3\u00a4nden des Urhebers hervorgegangen 6\\nDer K\u00c3\u00b6rper des Menschen ist ebenso vervollkommnungs- und ent-\\nwicklungsf\u00c3\u00a4hig wie dies sp\u00c3\u00a4ter von seiner geistigen Natur gezeigt\\nwerden soll. Seine Entwicklung erfolgt allm\u00c3\u00a4hlich und stufen-\\nweise 3 Sie durchl\u00c3\u00a4uft im allgemeinen drei verschiedene Stadien:\\nW\u00c3\u00a4hrend \u00e2\u0080\u009edie ganze erste Periode des Lebens bis zum J\u00c3\u00bcnglings-\\nalter eine Zeit der Schw\u00c3\u00a4che 9 oder wie es an anderer Stelle heisst,\\n\u00e2\u0080\u009eein Zustand der Schw\u00c3\u00a4che und Unzul\u00c3\u00a4nglichkeit ist 10 tritt der\\nsich entwickelnde K\u00c3\u00b6rper alsdann in das \u00e2\u0080\u009eStadium der Kraft und\\nSt\u00c3\u00a4rke 11 (12. bis 15. Jahr). In ihm hat er mehr Kraft als er\\nbraucht 12 \u00e2\u0080\u009eEs ist dies die einzige Zeit des Lebens, wo dies der\\nFall ist. Diesem Studium folgt als drittes \u00e2\u0080\u009edas Alter der Mann-\\nbarkeit 13\\nUngemein zahlreich sind nun seine einzelnen \u00c3\u0084usserungen,\\nwelche er \u00c3\u00bcber die Beschaffenheit und Entwicklung der physischen\\nMenschennatur macht 11 Er beobachtet u. a., welche Gestalt und\\nF\u00c3\u00a4higkeit die einzelnen Teile des K\u00c3\u00b6rpers w\u00c3\u00a4hrend ihrer Entwicklung\\nannehmen 15 er achtet auf den sich ver\u00c3\u00a4ndernden Ausdruck,\\n1 Tom. IX, 52.\\n2 Tom. IX, 52.\\n3 Tom. IX, 41 \u00e2\u0080\u009eLe tableau de la nature ne m offroit qu harmonie\\net proportions. Cf. auch IX, pp. 49, 51, 87.\\n4 Confess., partie II, livr. VIII; tom. II, 195- und tom. IX, 54.\\n5 Tom. VIII, pp. 32, 73.\\n6 Rousseau verbindet mit dem Begriffe \u00e2\u0080\u009egut einen verschiedenen\\nSinn. Wenn er diesen Begriff in der bekannten Eingangsstelle des Emile\\n\u00e2\u0080\u009eAlles ist gut, wie es aus d. H. etc. und auch sonst auf alles Geschaffene,\\nz. B. auf B\u00c3\u00a4ume, Acker, Klima, Jahreszeiten, Pferde etc. bezieht und\\nalsdann behauptet, dass dieses alles durch das Eingreifen des Menschen\\nentstellt, umgekehrt, aus seiner Art gedr\u00c3\u00a4ngt worden sei, so verbindet er\\ndamit offenbar den allgemeineren Sinn: nat\u00c3\u00bcrlich gut, zweckvoll, seiner\\nBestimmung entsprechend. Ausser in dieser allgemeinen Bedeutung, die\\nstark an seine teleologische Weltanschauung erinnert, gebraucht Rousseau\\nden Begriff aber auch in der engern von: moralisch gut, die gleichfalls\\nmit seiner harmonistischen Weltauffassung im nahem Zusammenhange\\nsteht Entwickelt sich n\u00c3\u00a4mlich der zweckm\u00c3\u00a4ssig geschaffene Mensch seiner\\nBestimmung gem\u00c3\u00a4ss, dann wird er moralisch gut.\\nTom. VIII, 317. 8 VIII, 437. 9 VIII, 312. 10 VIII,\\n318, 86. VIII, 318. 1S VIII, 313. 13 VIII, 312.\\nu Tom. VIII, 44: \u00e2\u0080\u009eUn enfant supportera des changemens que ne\\nsupporteroit pas un homme: les fibres du premier, molles et flexibles,\\nprennent sans effort le pli qu on leur donne; Celles de l homme, plus\\nendurcies, ne changent plus qu avec violence le pli qu elles ont recu.\\n15 Tom. VIII, 273, 511, 73: \u00e2\u0080\u009eDurch fleissiges Baden l\u00c3\u00a4sst sich das\\nMuskelgewebe elastischer machen und es bef\u00c3\u00a4higen, ohne Anstrengung\\nund Gefahr sich den verschiedensten Graden von Hitze und K\u00c3\u00a4lte\\nzu f\u00c3\u00bcgen.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0033.jp2"}, "34": {"fulltext": "24\\nwelchen das Gesicht nach und nach gewinnt; 1 er widmet seine\\nAufmerksamkeit den Organen der Sinne 2 sogar auf Nahrung 3\\nund Kleidung 4 erstrecken sich seine Betrachtungen. Diesen Be-\\nobachtungen, insoweit sie die physische Natur des Menschen an\\nsich betreffen, indessen im einzelnen weiter nachzugehen, ist f\u00c3\u00bcr\\nseine P\u00c3\u00a4dagogik von geringem Belang. Der Umstand, dass die\\nphysische Natur \u00c3\u00bcberhaupt sorgf\u00c3\u00a4ltig belauscht und studiert wird,\\nl\u00c3\u00a4sst schon erwarten, dass eine P\u00c3\u00a4dagogik, welche auf anthro-\\npologischer Grundlage errichtet werden soll, dieser Seite des Menschen\\ndie ihr zukommende Ber\u00c3\u00bccksichtigung widerfahren lassen wird.\\nBedeutsamer als diese Anschauungen \u00c3\u00bcber die physische Natur\\ndes Menschen sind nun f\u00c3\u00bcr die P\u00c3\u00a4dagogik seine Ansichten \u00c3\u00bcber\\ndas Verh\u00c3\u00a4ltnis der physischen Natur zur psychischen.\\nLetztere ist jener ihrem Wesen nach v\u00c3\u00b6llig entgegengesetzt. War\\nder K\u00c3\u00b6rper ein materielles Wesen und als solches passiv und\\nsterblich, so ist die Seele immaterielle Substanz, Lebensprinzip,\\nund unsterblich 5 K\u00c3\u00b6rper und Seele \u00e2\u0080\u009ebefinden sich, da sie so\\nverschiedener Natur sind, w\u00c3\u00a4hrend ihrer Vereinigung in einem\\ngewaltsamen Zustande und beide kehren, wenn dieselbe aufh\u00c3\u00b6rt,\\nwieder in ihren nat\u00c3\u00bcrlichen Zustand zur\u00c3\u00bcck. Die th\u00c3\u00a4tige und\\nlebendige Substanz gewinnt alle Kr\u00c3\u00a4fte wieder, die sie anwendete,\\num die leidende und tote Substanz in Bewegung zu setzen 6\\nDemzufolge behauptet er, \u00e2\u0080\u009edass der Mensch w\u00c3\u00a4hrend seines Lebens\\nnur halb lebt und dass das Leben der Seele erst mit dem Tode\\ndes K\u00c3\u00b6rpers beginnt 7\\nTrotzdem Rousseau, wie aus diesen \u00c3\u0084usserungen zu ersehen\\nist, Seele und Leib als wesentlich verschiedene Teile der Menschen-\\nnatur auffasst und ihre Vereinigung als eine unnat\u00c3\u00bcrliche, gewalt-\\nsame betrachtet, verkennt er doch auch andererseits nicht die nahe\\nBeziehung 8 welche zwischen ihnen w\u00c3\u00a4hrend ihrer Vereinigung ob-\\nwaltet. Ja, es scheint, als k\u00c3\u00a4me es ihm ganz besonders darauf\\nan, die Abh\u00c3\u00a4ngigkeit der geistigen Entwicklung von der k\u00c3\u00b6rper-\\nlichen so stark als m\u00c3\u00b6glich zu betonen. So sagt er z. B. \u00e2\u0080\u009eAllein,\\nich halte es nicht f\u00c3\u00bcr angemessen, hier Abhandlungen \u00c3\u00bcber Meta-\\nTom. IX, 260; VIII, 417 f.; 459 f.\\n2 Tom. VIII, 240ff.; 277; 105: \u00e2\u0080\u009eOn remarque, il est vrai, que ceux\\nqui commencent parier fort tard ne parlent jamais si distinctement que\\nles autres; mais ce n est pas parce qu ils ont parle tard que 1 Organe reste\\nembarrasse, c est au contraire parce qu ils sont n\u00c2\u00a3s avec un organe\\nembarrasse qu ils commencent tard parier.\\n3 Tom. VIII, 37 f., 66f., 96 f., 229t, 282, 285 f., 288ff.\\n4 Tom. VIII, 74; VIII, 224, 227 f.\\n5 Tom. IX, 51, 52: \u00e2\u0080\u009eLa substance active et vivante regagne toute\\nla force qu elle employoit mouvoir la substance passive et morte.\\n6 Tom. IX, 52.\\n7 Tom. IX, 52.\\n8 Tom. VIII, 92: \u00e2\u0080\u009eL \u00c3\u00a4me et le corps se mettent, pour ainsi dire, en\\n6quilibre durch allm\u00c3\u00a4hliches Wachstum n\u00c3\u00a4mlich.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0034.jp2"}, "35": {"fulltext": "25\\nphysik und Moral oder Lehrg\u00c3\u00a4nge f\u00c3\u00bcr irgend ein Studium zu ent-\\nwerfen; es gen\u00c3\u00bcgt mir die Aufeinanderfolge und den Fortschritt\\nunserer Gef\u00c3\u00bchle und unserer Kenntnisse im Verh\u00c3\u00a4ltnis zu unserer\\nk\u00c3\u00b6rperlichen Entwicklung darzulegen 1 Es ist ein beklagens-\\nwerter Irrtum, sich einzubilden, die \u00c3\u009cbung des K\u00c3\u00b6rpers schade der\\nTh\u00c3\u00a4tigkeit des Geistes, als ob nicht beide Th\u00c3\u00a4tigkeiten nebenein-\\nander hergehen m\u00c3\u00bcssten und nicht eine die andere zu leiten h\u00c3\u00a4tte 2\\nKaum widmet er sich daher der Betrachtung der physischen Natur\\nnach irgend einer Seite, so wird gleich die Frage aufgeworfen:\\n\u00e2\u0080\u009eAllein, soll diese Frage nur in Bezug auf die physische Seite be-\\ntrachtet werden 3 \u00c3\u009cberall fast gilt bei ihm: \u00e2\u0080\u009eIn dieser Be-\\nziehung nur auf das Physische B\u00c3\u00bccksicht nehmen, heisst den\\nGegenstand nur zur H\u00c3\u00a4lfte in Betracht ziehen 4\\nAls eine bezeichnende Stelle daf\u00c3\u00bcr, welche hohe Bedeutung\\ner der physischen Katar in Bezug auf die psychische beilegt, f\u00c3\u00bchren\\nwir schliesslich die folgende an: \u00e2\u0080\u009eWer eine Kunst \u00c3\u00bcben will, muss\\ndamit anfangen, dass er sich die n\u00c3\u00b6tigen Werkzeuge verschafft,\\nund um diese Werkzeuge mit Nutzen gebrauchen zu k\u00c3\u00b6nnen,\\nm\u00c3\u00bcssen sie so dauerhaft gemacht werden, dass sie den Gebrauch\\naushalten. Demnach m\u00c3\u00bcssen wir auch, tun denken zu lernen,\\nunsere Glieder, unsere Sinne, unsere Organe \u00c3\u00bcben, welche die\\nWerkzeuge unseres Geistes sind, und um den gr\u00c3\u00b6sstm\u00c3\u00b6glichen\\nNutzen aus ihnen zu ziehen, muss der K\u00c3\u00b6rper, der sie darbietet,\\nkr\u00c3\u00a4ftig und gesund sein. Weit entfernt also, dass die wahre Ver-\\nnunft des Menschen sich unabh\u00c3\u00a4ngig von dem K\u00c3\u00b6rper ausbildete,\\nist es vielmehr die gute Konstitution des K\u00c3\u00b6rpers, welche die\\nOperationen des Geistes leicht und sicher macht 5\\nAus diesen \u00c3\u0084usserungen geht zur Gen\u00c3\u00bcge hervor, dass\\nRousseau nicht nur der Erforschung der physischen Natur als\\nsolcher sein Interesse zugewandt hat, sondern dass er sich auch\\n\u00c3\u00bcber ihr Verh\u00c3\u00a4ltnis zur physischen Klarheit verschafft hat und\\nerstere in ihrer Bedeutung f\u00c3\u00bcr letztere in bemerkenswerter Weise\\nzu w\u00c3\u00bcrdigen versteht 6\\nF\u00c3\u00bchren wir uns nun Rousseaus Anschauungen \u00c3\u00bcber\\ndie geistige Natur des Kindes, bez. des Menschen vor!\\nDie Beschaffenheit, welche das Kind seiner geistigen Natur\\nTom. VIII. 471 f.\\nTom. VIII. 205.\\n3 Tom. VIII, 38.\\nTom. VIII, 67.\\n5 i Tom. VIII, 222; VIII, 34: ,,Une contrainte si cruelle pourroit-\\nelle ne pas influer sur leur humeur ainsi que sur leur temperament?\\n6 i Tom. VIII, 59: \u00e2\u0080\u009eUn corps debile affoibit 1 \u00c3\u00a4nie. VIII, 132:\\n..Si le physique va trop bien. le nioral se corrompt Als beachtenswerte\\nStellen f\u00c3\u00bcr seine Ansicht innigster Wechselbeziehung zwischen k\u00c3\u00b6rper-\\nlicher und geistiger Natur verweisen wir noch auf folsende: VIII. 76;\\n91; 317; 459; IX, 220; 226 und IX, 260.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0035.jp2"}, "36": {"fulltext": "26\\nnach bei der Geburt aufweist und den Ausgangspunkt seiner Ent-\\nwicklung bildet, beschreibt er wiederholt und genau. So \u00c3\u00a4ussert\\ner sich hier\u00c3\u00bcber an einer Stelle: \u00e2\u0080\u009eWir werden mit der F\u00c3\u00a4higkeit\\nzu empfinden geboren und von unserer Geburt an empfangen wir\\nverschiedenartige Eindr\u00c3\u00bccke von den uns umgebenden Dingen 1\\nGenauer schildert er diesen ersten Zustand, wenn er sagt: \u00e2\u0080\u009eWir\\nwerden mit der F\u00c3\u00a4higkeit zu lernen, aber unwissend, ohne jede\\nErkenntnis geboren. Der an unvollkommene und un ausgebildete\\nOrgane gefesselten Seele fehlt selbst das Bewusstsein ihres eigenen\\nDaseins 2 Wie wenig man auch \u00c3\u00bcber die gesetzm\u00c3\u00a4ssige Ent-\\nwicklung unserer Erkenntnis nachgedacht habe, so kann man doch\\nnicht leugnen, dass dieser urspr\u00c3\u00bcngliche Zustand der Ungewissheit\\nund Denkunf\u00c3\u00a4higkeit der nat\u00c3\u00bcrliche Zustand des Menschen sei,\\nehe er durch die Erfahrung oder durch andere Menschen etwas\\ngelernt hat 3\\nWenn man aus diesen Auslassungen schliessen wollte, dass\\nRousseau, wie es den Anschein hat, alle Erkenntnis aus Erfahrung\\nund Umgang ableite, so w\u00c3\u00bcrde dies ein voreiliger und unzutreffen-\\nder Schluss sein. F\u00c3\u00bcr die Klarstellung dieses f\u00c3\u00bcr seine ganze\\nPsychologie wichtigen Verh\u00c3\u00a4ltnisses ist vielmehr zur Erg\u00c3\u00a4nzung\\nfolgende Stelle notwendig herbeizuziehen. \u00e2\u0080\u009eEs liegt, sagt er, in\\nder Tiefe der Seele ein angeborenes Prinzip der Gerechtigkeit und\\nTugend, nach welcher wir, unseren eigenen Grunds\u00c3\u00a4tzen zum Trotz,\\nunsere und anderer Handlungen als gut und b\u00c3\u00b6se beurteilen, und\\ndiesem Prinzip gebe ich den Namen Gewissen 4\\nHalten wir dieses Gest\u00c3\u00a4ndnis jenen \u00c3\u0084usserungen gegen\u00c3\u00bcber,\\nso ergiebt sich, dass Rousseau nur die theoretische Erkennt-\\nnis aus der Erfahrung ableitet; die moralische Erkennt-\\nnis hat dagegegen ihre Quelle im Gewissen, dem \u00e2\u0080\u009eg\u00c3\u00b6ttlichen\\nInstinkte dem \u00e2\u0080\u009euntr\u00c3\u00bcglichen Richter \u00c3\u00bcber Gutes und B\u00c3\u00b6ses 5\\nWie denkt sich nun Rousseau die Entstehung der Er-\\nkenntnis aus der Erfahrung?\\n\u00e2\u0080\u009eDie ersten Verm\u00c3\u00b6gen (F\u00c3\u00a4higkeiten), die sich in uns ent-\\nwickeln und vervollkommnen, sind die Sinne. Am Anfange\\ndes Lebens ist das Kind nur auf das aufmerksam, was augen-\\nTom. VIII, 23 f.\\n2 Tom. VIII, 76. VIII, 111: \u00e2\u0080\u009eC est ce second degre (2. Jahr)\\nque commence proprement la vie de l induvidu, c est alors qu il prend\\nla conscience de lui-meme.\\n3 Tom. VIII, 78.\\n4 Tom. IX, 289; VIII, 87: \u00e2\u0080\u009eWenn ich vorher daran gezweifelt\\nh\u00c3\u00a4tte, dass das Gef\u00c3\u00bchl f\u00c3\u00bcr Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit dem\\nMenschen angeboren dieses eine Beispiel (des von der Amme un-\\nschuldig geschlagenen Kindes) w\u00c3\u00bcrde mich \u00c3\u00bcberzeugt haben.\\n5 Tom. IX, 69.\\n6 Tom. VIII, 238.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0036.jp2"}, "37": {"fulltext": "27\\nblicklich seine Sinne reizt 1 Infolge dieser Reizungen erzeugen\\ndie Sinne in dem Geiste des Kindes \u00e2\u0080\u009eBilder oder \u00e2\u0080\u009eVor-\\nstellungen (images) 2 von den Gegenst\u00c3\u00a4nden der Aussen weit.\\n\u00e2\u0080\u009eSeine Sinneseindr\u00c3\u00bccke 3 bilden das erste Material seiner Kennt-\\nnisse 4 Da nun \u00e2\u0080\u009ealles, was in den Verstand des Menschen\\nkommt, durch die Sinne hineinkommt, so ist die erste Erkenntnis\\ndes Menschen Sinnenerkenntnis (raison sensitive). Sie dient der\\ngeistigen Erkenntnis (raison intellectuelle) zur Grundlage 5\\nNicht uninteressant sind viele seiner Beobachtungen und\\nAnschauungen 6 die Rousseau in Bezug auf die einzelnen Sinne\\nkundgegeben hat. Insoweit dieselben in seiner P\u00c3\u00a4dagogik prak-\\ntische Bedeutung erlangen, ist ihnen hier einige Aufmerksamkeit\\nzu schenken.\\nNicht \u00c3\u00bcber alle unsere Sinne sind wir hinsichtlich ihres\\nGebrauches in gleicher Weise Meister. Einer derselben, n\u00c3\u00a4mlich\\ndas Gef\u00c3\u00bchl, ist w\u00c3\u00a4hrend des Wachens in ununterbrochener\\nTh\u00c3\u00a4tigkeit. Er ist \u00c3\u00bcber die ganze Oberfl\u00c3\u00a4che des K\u00c3\u00b6rpers ver-\\nbreitet, gleichsam als best\u00c3\u00a4ndige Wache, um uns von allem, was\\ndenselben verletzen k\u00c3\u00b6nnte, zu benachrichtigen. Er ist zugleich\\nderjenige, mittelst dessen wir, wir m\u00c3\u00b6gen wollen oder nicht, durch\\ndiese best\u00c3\u00a4ndige \u00c3\u009cbung die erste Erfahrung gewinnen 7 Dem-\\nentsprechend sind \u00e2\u0080\u009edie ersten Eindr\u00c3\u00bccke (Empfindungen) der\\nKinder reine Gef\u00c3\u00bchlseindr\u00c3\u00bccke; sie nehmen nur das Angenehme\\nund den Schmerz wahr. Durch ihre Wiederkehr beginnen die\\nGef\u00c3\u00bchlseindr\u00c3\u00bccke der Herrschaft der Gewohnheit unterworfen zu\\nwerden s Obgleich nun das Gef\u00c3\u00bchl unter allen Sinnen derjenige\\nist, in Bezug auf den wir die best\u00c3\u00a4ndigste \u00c3\u009cbung haben, so\\nbleiben seine Urteile doch unvollkommener 9 und roher als die\\na Tom. VIII, 83.\\n2 Diese \u00e2\u0080\u009eBilder sind den \u00e2\u0080\u009eeinfachen Ideen Lock es vergleichbar.\\n(Cf. Essay. \u00c3\u009cbersetzt von Kirchmann, 1894. 2. Auflage I, 121.)\\n3 Diese sind rein passiv (VIII, 181).\\n4 Tom. VIII, 83.\\n5 Tom. VIII, 222.\\n6 Durch Vergleichungen der Sinne miteinander, z. B. des Gesichts\\nmit dem Gef\u00c3\u00bchl und Geh\u00c3\u00b6r, des Geruchs mit, dem Geschmack, entdeckt\\ner oft \u00c3\u00bcberraschende Beziehungen.\\n7 Tom. VIII, 240.\\n8 Tom. VIII, 80 \u00e2\u0080\u009eon voit leurs yeux se tourner sans cesse vers\\nla lumiere, et, si eile leur vient de c\u00c3\u00b6te prendre insensiblemeut cette\\ndirection.\\n9 Die richtige Beobachtung, dass die Blinden ein viel sicheres und\\nfeineres Gef\u00c3\u00bchl besitzen, erkl\u00c3\u00a4rt er sich daraus, dass sie nicht durch\\ndas Gesicht geleitet werden und daher gen\u00c3\u00b6tigt sind, die Urteile, die\\nwir durch dieses gewinnen, einzig und allein aus dem Gef\u00c3\u00bchle abzuleiten.\\nHierin wurzelt seine p\u00c3\u00a4dagogische Maxime, \u00e2\u0080\u009edurch das Gef\u00c3\u00bchl sich\\nviele Kenntnisse zu verschaffen, zu denen wir durch die Augen gelangen.\\n(Tom. VIII, 241.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0037.jp2"}, "38": {"fulltext": "28\\nirgend eines andern 1 Neben diesem Mangel hat der Tastsinn\\naber auch einen Vorzug vor allen andern Sinnen, n\u00c3\u00a4mlich den,\\ndass seine Urteile die sichersten sind, \u00e2\u0080\u009egerade weil sie die\\nbeschr\u00c3\u00a4nktesten sind 2\\nWie Rousseaus Ansichten \u00c3\u00bcber das Gef\u00c3\u00bchl in seiner P\u00c3\u00a4da-\\ngogik zur Geltung kommen, so auch diejenigen \u00c3\u00bcber den\\nGesichtssinn. \u00e2\u0080\u009eSo sehr das Gef\u00c3\u00bchl seine Th\u00c3\u00a4tigkeit auf die\\nunmittelbare Umgebung, des Menschen konzentriert, so sehr\\nerweitert das Gesicht die seinige nach aussen hin; gerade dies ist\\naber der Grund, dass das letztere vielfachen T\u00c3\u00a4uschungen ausgesetzt\\nist. Mit einem Blick \u00c3\u00bcberschaut der Mensch die H\u00c3\u00a4lfte seines\\nHorizonts. Wie sollte er auch bei der Menge der gleichzeitigen\\nWahrnehmungen und der durch dieselben veranlassten Urteile in\\nkeinem einzigen irren? Der Sinn des Gesichts ist daher der\\nunzuverl\u00c3\u00a4ssigste, eben weil er am weitesten in die Ferne reicht,\\nund weil seine Th\u00c3\u00a4tigkeit der aller anderen Sinne vorhergeht und\\nzu schnell und umfassend ist, um durch dieselben berichtigt werden\\nzu k\u00c3\u00b6nnen 3 Treffend bemerkt er sodann, dass von den Wahr-\\nnehmungen des Gesichtssinnes das Urteil des Verstandes am\\nwenigsten getrennt werden kann, ebenso, dass zum Sehenlernen\\nviel Zeit erforderlich ist 4 \u00e2\u0080\u009eWir m\u00c3\u00bcssen lange Zeit die Wahr-\\nnehmungen des Gesichts mit denen des Gef\u00c3\u00bchls vergleichen, um\\nden ersten dieser beiden Sinne zu gew\u00c3\u00b6hnen, uns einen treuen\\nBericht \u00c3\u00bcber die Gestalten und Entfernungen abzustatten. Ohne\\ndas Gef\u00c3\u00bchl, ohne die fortschreitende Bewegung w\u00c3\u00bcrden auch die alier-\\nsch\u00c3\u00a4rfsten Augen uns keinen Begriff vom R\u00c3\u00a4ume gew\u00c3\u00a4hren k\u00c3\u00b6nnen 5\\nWeniger ausf\u00c3\u00bchrlich legt Rousseau seine Anschauungen \u00c3\u00bcber\\ndie andern Sinne dar. Aus seinen Auslassungen \u00c3\u00bcber das Geh\u00c3\u00b6r\\nersieht man, dass er nicht nur Verst\u00c3\u00a4ndnis besitzt f\u00c3\u00bcr den Wert\\neines \u00e2\u0080\u009eleisen Geh\u00c3\u00b6rs 6 sondern dass er die Eigent\u00c3\u00bcmlichkeiten\\ndieses Sinnes durch seine Vergleichung mit dem Gesichtssinn\\nrichtig gefunden hat 7\\nu. 2 Tom VIII, 252. \u00e2\u0080\u009ecar, ne s etendant qu aussi loin que\\nnos mains peuvent atteindre, ils rectifient l etourderie des autres sens,\\nqui s elancent au loih sur des objets qu ils apergoivent peine, au lieu\\nque tout ce qu apercoit le toucher il l apercoit bien. (VIII, 252.)\\ns Tom. VIII, 256.\\n4 Tom. VIII, 263.\\ns Tom. VIII, 263; 84: \u00e2\u0080\u009eCe n est que par le mouvement que nous\\napprenons qu il y a des choses qui ne sont nous; et ce n est que par\\nnotre propre mouvement que nous acquerons l idee de l etendue.\\n6 Tom. VIII, 276.\\n7 Tom. VIII, 277. Dabei gelangt er u. a. zu folgender p\u00c3\u00a4dago-\\ngisch verwertbaren Beobachtung: \u00e2\u0080\u009eNous avons un organe qui repond\\nl ouie, savoir celui de la voix; nous n en avons pas de meme qui reponde\\nla vue, et nous ne rendons pas les couleurs comme les sons. C est un\\nmoyen de plus pour cultiver le premier sens, en exeryant l organe actif\\net l organe passif 1 un par l autre. (VIII, 277).", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0038.jp2"}, "39": {"fulltext": "29\\nBemerkenswert und f\u00c3\u00bcr seine P\u00c3\u00a4dagogik bedeutsam sind seine\\nAnschauungen \u00c3\u00bcber den Geschmack. Von unseren verschiedenen\\nEmpfindungen, sagt er, sind die des Geschmacks diejenigen, welche\\nuns am tiefsten ber\u00c3\u00bchren. Auch haben wir ein gr\u00c3\u00b6sseres Interesse\\ndaran, \u00c3\u00bcber diejenigen Substanzen, welche in Bestandteile des\\nK\u00c3\u00b6rpers selbst umgewandelt werden sollen, richtig zu urteilen, als\\n\u00c3\u00bcber diejenigen, die ihn bloss umgeben. Tausend Dinge sind dem\\nGef\u00c3\u00bchl, dem Geh\u00c3\u00b6r, dem Gesicht gleichg\u00c3\u00bcltig; aber es giebt beinahe\\nnichts, was dem Geschmacke gleichg\u00c3\u00bcltig w\u00c3\u00a4re 1\\nAm sp\u00c3\u00a4testen entwickelt sich der Geruchssinn 2 Die\\nGer\u00c3\u00bcche an und f\u00c3\u00bcr sich sind schwache Eindr\u00c3\u00bccke; sie reizen\\nmehr die Einbildungskraft als die Sinne und affizieren Aveniger\\ndurch das, was sie darbieten, als durch das, was sie erwarten\\nlassen 3 Daher bezeichnet er den Geruch als den \u00e2\u0080\u009eSinn der\\nEinbildungskraft 4\\nIhre wahre Bedeutung erlangen die Sinne erst durch die\\nrechte \u00c3\u009cbung. \u00e2\u0080\u009eDie Sinne \u00c3\u00bcben heisst bei Rousseau \u00e2\u0080\u009enicht bloss\\nsie gebrauchen; es heisst, mittels derselben richtig urteilen lernen;\\nes heisst sozusagen, wahrnehmen lernen; denn wir verstehen nicht\\nanders zu f\u00c3\u00bchlen, zu sehen und zu h\u00c3\u00b6reil, als wir es gelernt haben 5\\nAus diesen durch die Sinne erzeugten elementaren Prozessen\\nentwickeln sich gesetzm\u00c3\u00a4ssig 6 und zwar stufenweise 7 die h\u00c3\u00b6heren\\ngeistigen Gebilde. Dabei muss ein aktives, urteilendes Ver-\\nm\u00c3\u00b6gen zur Geltung kommen 8 Dieses Grundverm\u00c3\u00b6gen, welches\\ndie Wahrnehmungen und Vorstellungen unter einander vergleicht\\nund dar\u00c3\u00bcber reflektiert, ist die Vernunft (raison) 9\\nTom. VIII, 285: \u00e2\u0080\u009eDe cela meme qui semble mettre le gout\\nau-dessous d eux, et rendre plus meprisable le penchant qui nous y livre,\\nje conclurois au contraire que le moyen le plus convenable pour\\ngouverner les enfants est de les mener par leur bouche.\\n2 Tom. VIII, 84 Anm.\\ns Tom. VIII, 29G.\\n4 Von dem 6. Sinne, den Rousseau annimmt, wird sp\u00c3\u00a4ter die\\nRede sein.\\n5 Tom VIII, 238.\\n6 Tom. VIII, 78.\\n7 Tom. VIII, 436.\\n8 Zwar behauptet Rousseau, dass mit den einfachen Sinneswahr-\\nnehmungen ebensowohl bereits Urteile verbunden sind wie mit den\\nzusammengesetzten; doch f\u00c3\u00bcgt er gleich erl\u00c3\u00a4uternd hinzu: \u00e2\u0080\u009eDans la\\nSensation, le jugement est purement passif, il affirme qu on sent ce\\nqu on scnt. Dans la perception ou idee, le jugement est actif, il\\nrapproche, il compare, il determine des rapports que le sens ne deter-\\nmine pas. (Tom. VIII, 403).\\n9 Um das specifische Gepr\u00c3\u00a4ge, welches die Rousseausche Psycho-\\nlogie infolge ihrer eigenartigen Ansichten bez\u00c3\u00bcglich der zeitlichen Ent-\\nwicklung der einzelnen Verm\u00c3\u00b6gen gewinnt, deutlicher hervortreten zu\\nlassen, sollen diese Beziehungen einstweilen unber\u00c3\u00bccksichtigt bleiben, am\\nSchl\u00c3\u00bcsse dieses Abschnittes jedoch vergleichsweise zusammengestellt\\nwerden.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0039.jp2"}, "40": {"fulltext": "30\\nDa nun jede Vergleichung zur Voraussetzung hat, dass\\nmehrere, entweder gleichzeitige oder aufeinanderfolgende Wahr-\\nnehmungen in der Seele festgehalten werden, so nimmt Rousseau\\n\u00e2\u0080\u009eeine Art sechsten Sinn 1 an, welcher die F\u00c3\u00a4higkeit besitzt, die\\nsinnlichen Elemente an einem Gegenstande zu einer Einheit\\nzusammenzufassen. Er sagt: \u00e2\u0080\u009eDieser durch den geregelten\\nGebrauch aller anderen Sinne entstandene, allen Menschen gemein-\\nsame Sinn, den man Gemeinsinn (sensus communis) nennt,\\nunterrichtet, uns \u00c3\u00bcber die Natur der Dinge durch Zusammenfassung\\naller ihrer Erscheinungsweisen 2\\nNun entsteht \u00e2\u0080\u009eaus der Vergleichung mehrerer aufeinander-\\nfolgender oder gleichartiger Wahrnehmungen und aus dem Urteile,\\ndas man dar\u00c3\u00bcber f\u00c3\u00a4llt, eine Art gemischter oder zusammengesetzter\\nVorstellungen 3 (verkn\u00c3\u00bcpfter Wahrnehmungen). Er nennt sie\\nIdeen (idees Begriffe) 4\\nSehr klar setzt er den Unterschied zwischen dem durch blosse\\nSinnesth\u00c3\u00a4tigkeit hervorgerufenen Bilde (Vorstellung) und dem durch\\ndas aktive Prinzip erzeugten Begriff (Idee) auseinander: \u00e2\u0080\u009eDer\\nUnterschied zwischen beiden, heisst es, besteht darin, dass die Vor-\\nstellungen nur beziehungslose Bilder sinnlicher Gegenst\u00c3\u00a4nde, die\\nIdeen (Begriffe) dagegen durch ihre Beziehungen bestimmte Vor-\\nstellungen oder Objekte sind. Eine Vorstellung kann in dem\\nGeiste, der sie sich aneignet, allein vorhanden sein, aber jede\\nIdee setzt andere voraus. Wenn man sich etwas vorstellt, so\\nsieht man nur, wenn man Begriffe bildet, so vergleicht man.\\nUnsere sinnlichen Wahrnehmungen sind rein passiv, w\u00c3\u00a4hrend\\ndagegen alle unsere Begriffe oder Ideen aus einem th\u00c3\u00a4tigen\\nPrinzipe, welches urteilt, hervorgehen 5\\nDie Begriffe teilt Rousseau ein in einfache und zusammen-\\ngesetzte. Erstere entstehen \u00e2\u0080\u009edurch Zusammenfassung mehrerer\\nsinnlicher Wahrnehmungen 6 \u00e2\u0080\u009esind nur verglichene Sinneswahr-\\nnehmungen 7 letztere dagegen werden gebildet, \u00e2\u0080\u009edurch Zusammen-\\nfassung mehrerer einfacher 8 Dieser Entstehung der Begriffe\\nentsprechend unterscheidet er zwei Formen des aktiven Verm\u00c3\u00b6gens:\\nTom. VIII, 299.\\n2 Tom VIII, 299.\\n3 Tom. VIII, 402.\\n4 Dieser Ausdruck entspricht hier ungef\u00c3\u00a4hr dem, was wir als\\n\u00e2\u0080\u009eBegriff bezeichnen. Wie Locke (Essay. \u00c3\u009cbersetzt von v. Kirchmann\\n94. I, 34; 139), so gebraucht auch Eousseau das Wort \u00e2\u0080\u009eideV in einem\\nweiteren und dazu oft schwankendem Sinne. Beachtenswert ist\\nin dieser Beziehung seine eigene Anmerkung (Tom. VIII, 181): \u00e2\u0080\u009eJ ai\\nfait cent fois r^flexion en ecrivant, qu il est impossible, dans un long\\nouvrage, de donner toujours les memes sens aux meines mots\\n5 Tom. VIII, 181.\\n6 Tom. VIII, 299.\\n7 Tom. VIII, 403.\\n8 Tom. VIII, 299.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0040.jp2"}, "41": {"fulltext": "31\\neine sinnliche oder kindliche Vernunft (raison sensitive ou\\npuerile) welche vermittels des Urteils J die einfachen Begriffe\\nbildet, und eine intellektuelle oder m\u00c3\u00a4nnliche Vernunft\\n(raison intellectuelle ou humaine) 2 welche durch Schl\u00c3\u00bcsse die\\nzusammengesetzten Begriffe erzeugt 3\\nAusser dem Urteils- und Schlussverm\u00c3\u00b6gen 4 erkennt Rousseau\\nin der geistigen Natur auch die F\u00c3\u00a4higkeit des Ged\u00c3\u00a4chtnisses\\nan. Letzteres steht in n\u00c3\u00a4chster Beziehung zum Denkverm\u00c3\u00b6gen.\\nDenn \u00e2\u0080\u009eobschon Ged\u00c3\u00a4chtnis und Urteilskraft zwei wesentlich\\nverschiedene F\u00c3\u00a4higkeiten sind, so entwickelt sich doch die eine\\nin Wirklichkeit nur mit der anderen 5 Daher gilt bei ihm, \u00e2\u0080\u009edass\\ndie Kinder, da sie nicht f\u00c3\u00a4hig sind zu urteilen, kein wirkliches 6\\nGed\u00c3\u00a4chtnis haben 7 oder wie er an anderer Stelle darlegt: Haben\\nsie keine wahren Begriffe, so haben sie auch kein wirkliches\\nGed\u00c3\u00a4chtnis; denn die F\u00c3\u00a4higkeit, bloss sinnliche Eindr\u00c3\u00bccke zu\\nbehalten, nenne ich noch nicht Ged\u00c3\u00a4chtnis 8 Von dauernder\\nG\u00c3\u00bcltigkeit ist die Bemerkung, dass es schwer ist, \u00e2\u0080\u009eisolierte That-\\nsachen und Schlussfolgerungen lange im Ged\u00c3\u00a4chtnis zu bewahren,\\nTom. VIII, 204f. \u00e2\u0080\u009eA mesure que l etre sensitif devient actif,\\nil acquiert un discernement proportionel a ses forces; et ce n est qu avec\\nla force surabondante celle dont il a besoin pour se conserver, que se\\ndeveloppe en lui la faculte speculative propre employer cet exces de\\nforce d autres usages.\\n2 Ausser dieser allgemeinen Unterscheidung entgeht es ihm nicht,\\ndass die Art und Weise, Begriffe zu bilden, dem menschlichen Geiste\\nsein allgemeines Gepr\u00c3\u00a4ge verleiht. Dies beweist folgende Stelle (Tom.\\nVIII, 403): \u00e2\u0080\u009eL esprit qui ne forme ses idees que sur des rapports reels\\nest un esprit solide; celui qui se contente des rapports apparens est un\\nesprit supernciel; celui qui voit les rapports tels qu ils sont est un esprit\\njuste; celui qui les apprecie mal est un esprit faux; celui qui controuve\\ndes rapports imaginaires qui n ont ni realite ni apparence est un fou;\\ncelui qui ne compare point est iu imbecille.\\n3 J Tom. VIII, 299: \u00e2\u0080\u009eAinsi ce que j appelois raison sensitive ou\\npuerile consiste former des idees simples par le concours des plusieurs\\nsensations; et ce que j appelle raison intellectuelle ou humaine consiste\\nformer des idees complexes par le concours de plusieurs idees simples.\\nRousseau macht keinen Unterschied zwischen urteilen und\\nschliessen: Tom. VIII, 411 \u00e2\u0080\u009eLa conscience de toute Sensation est une\\nProportion, un jugement. Done, sit\u00c3\u00b6t que l on compare une Sensation\\nune autre, on raisonne. L art de juger et l art de raisonner sont\\nexactement le meme.\\n5 Tom. VIII, 180.\\n6 Eine \u00e2\u0080\u009eArt von Ged\u00c3\u00a4chtnis nimmt Eousseau jedoch bereits vor\\nder Urteilskraft an: \u00e2\u0080\u009eAlles, was es sieht, sagt er, alles was es h\u00c3\u00b6rt, f\u00c3\u00a4llt\\nihm auf und es erinnert sich dessen; es f\u00c3\u00bchrt in sich selbst ein Register\\nder Handlungen und der Gespr\u00c3\u00a4che der Menschen, und seine gesamte\\nUmgebung ist das Buch, aus welchem es unaufh\u00c3\u00b6rlich sein Ged\u00c3\u00a4chtnis\\nbereichert, bis endlich seine Urteilskraft Nutzen daraus ziehen kann.\\n(Tom. VIII, 191 f.)\\n7 Tom. VIII, 181.\\n8 Tom. VIII, 190. Rousseau versteht unter Ged\u00c3\u00a4chtnis die F\u00c3\u00a4hig-\\nkeit, Wort und Sache zu behalten.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0041.jp2"}, "42": {"fulltext": "82\\nwenn man keinen Ankn\u00c3\u00bcpfungspunkt hat, um sie sich wieder zu\\nvergegenw\u00c3\u00a4rtigen l\\nAuch der Einbildungskraft hat Rousseau seine Aufmerk-\\nsamkeit zugewandt. Sie erwacht, \u00e2\u0080\u009esobald sich die Kr\u00c3\u00a4fte des Kindes\\nzu beth\u00c3\u00a4tigen beginnen und ist die regsamste von allen und eilt\\nihnen zuvor 2 Nur neue Gegenst\u00c3\u00a4nde erwecken sie 3 w\u00c3\u00a4hrend\\ndie Gew\u00c3\u00b6hnung in allen Dingen bewirkt, dass das Spiel der Ein-\\nbildungskraft aufh\u00c3\u00b6rt 4 Mit gutem Grunde sieht er diese Kraft\\nan als eine, die recht gef\u00c3\u00a4hrlich werden kann: Die Einbildungs-\\nkraft, sagt er, ist es, welche im Guten wie im B\u00c3\u00b6sen die Grenzen\\ndes M\u00c3\u00b6glichen f\u00c3\u00bcr uns erweitert und folglich die Begierden durch\\ndie Hoffnung ihrer Befriedigung erregt und n\u00c3\u00a4hrt 5 \u00e2\u0080\u009eAm Feuer\\nder Einbildungskraft entz\u00c3\u00bcnden sich die Leidenschaften Da\\ndie Welt der Einbildungskraft unbegrenzt, die Welt der Wirklich-\\nkeit dagegen eingeschr\u00c3\u00a4nkt ist, so gehen aus dem Unterschiede\\nzwischen beiden \u00e2\u0080\u009ealle die Leiden hervor, die uns wahrhaft ungl\u00c3\u00bcck-\\nlich machen 7 \u00e2\u0080\u009eDie Verirrungen der Einbildungskraft ver-\\nwandeln die Leidenschaften aller beschr\u00c3\u00a4nkten Wesen, selbst der\\nEngel, wenn es deren giebt, in Laster\\nDas Bild, welches wir bisher von der intellektuellen Seite\\nder Menschennatur skizzierten, muss nun noch durch einen wich-\\ntigen Zug vervollst\u00c3\u00a4ndigt werden. Es gilt n\u00c3\u00a4mlich noch zu zeigen,\\nwann nach Rousseaus Auffassung jene einzelnen F\u00c3\u00a4hig-\\nkeiten als im Kinde vorhanden anzunehmen seien. Ver-\\nvollst\u00c3\u00a4ndigen wir jetzt obige Darstellung nach dieser Seite!\\nSo richtig ohne Zweifel die Annahme ist, dass am Anfange\\ndes Lebens Ged\u00c3\u00a4chtnis und Einbildungskraft sich nicht beth\u00c3\u00a4tigen !l\\ndass ferner das Selbstbewusstseiu und die Vernunft noch nicht\\nerwacht sind 10 und dass die ersten Entwickelungen der Kindheit\\n1 Tom. VIII, 340. Daher der p\u00c3\u00a4dagogische Ratschlag, alles so\\neinzurichten, \u00e2\u0080\u009edass alle ihre Erfahrungen sich durch eine Art von\\nDeduktion miteinander verkn\u00c3\u00bcpfen, damit sie dieselben mit H\u00c3\u00bclfe dieser\\nVerkettung in ihrem Geiste ordnen und nach Bed\u00c3\u00bcrfnis wieder in die\\nErinnerung zur\u00c3\u00bcckrufen k\u00c3\u00b6nnen. (Tom. VIII, 340).\\n2 Tom. VIII, 117. (Cf. dagegen Tom. VIII, 441).\\n3 Tom. VIII, 462.\\n4 Tom. VIII, 245. \u00e2\u0080\u009eDans ceux que l on voit tous les jours, ce\\nn est plus l imagination qui agit, c est la memoire; et voil\u00c3\u00a4 la raison de\\nl axiome \u00e2\u0080\u009eab assuetis non fit passio (Tom. VIII, 245.)\\n5 Tom. VIII, 117.\\n6 Tom. VIII, 245.\\n7 Tom. VIII, 117.\\ns Tom. VIII, 435. Es braucht wohl nicht erst darauf hin-\\ngedeutet zu werden, dass eine derartige Sch\u00c3\u00a4tzung der Einbildungskraft,\\neiner f\u00c3\u00bcr die P\u00c3\u00a4dagogik so bedeutungsvollen Seite, eigenartige Konse-\\nquenzen auf diesem Gebiete nach sich ziehen muss. Uns scheint, als\\nw\u00c3\u00a4re in den Darstellungen seiner P\u00c3\u00a4dagogik diesem wichtigen psycholo-\\ngischen Momente nicht die geb\u00c3\u00bchrende Achtung geschenkt worden.\\n9 Tom. VIII, 83. 10 Tom. VIII, 106.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0042.jp2"}, "43": {"fulltext": "33\\nbeinahe gleichzeitig geschehen 1 so falsch ist es andererseits offen-\\nbar, wenn die Entwickelung des Ged\u00c3\u00a4chtnisses, der Einbildungs-\\nkraft und der Vernunft in eine so sp\u00c3\u00a4te Zeit gesetzt wird, wie\\ndies von Rousseau geschieht 2\\nNach ihm ist die ganze Kindheit \u00e2\u0080\u009eder Schlaf der Vernunft 3\\nVor dem 12. Jahre haben die Kinder noch kein wirkliches\\nGed\u00c3\u00a4chtnis 4 noch wahre Begriffe 5 Daher sind sie bis dahin\\nnicht f\u00c3\u00a4hig, Ideen zu vergleichen 6 zu urteilen 7 \u00e2\u0080\u009eWeit entfernt,\\nselbst zu urteilen, sind sie nicht einmal im st\u00c3\u00a4nde, die Schl\u00c3\u00bcsse\\nanderer zu behalten 8 \u00e2\u0080\u009eIhr ganzes Wissen besteht in Sinnes-\\nwahrnehmungen, nichts ist bis in den Verstand eingedrungen 9\\n\u00c3\u009cberblicken wir jetzt noch einmal die Rousseauschen Anschau-\\nungen bez\u00c3\u00bcglich der intellektuellen Seite der Men sehen natur, so\\nmuss unser Urteil dar\u00c3\u00bcber wesentlich anders ausfallen als das-\\njenige, das wir in Bezug auf seine Ansichten \u00c3\u00bcber die physische\\nNatur f\u00c3\u00a4llen konnten.\\nTrat uns dort eine bemerkenswerte Hochsch\u00c3\u00a4tzung der physi-\\nschen Natur entgegen, so offenbart Rousseau hier gegen\u00c3\u00bcber der\\nTom. VIII, 106: \u00e2\u0080\u009eLes premiers developpemens de l enfance se\\nf\u00c3\u00b6nt presque tous la fois. L enfant apprend parier, manger,\\nmarcner, peu pres dans le meme temps.\\n2 Es ist, wie Reimer, a. a. O. 552, richtig bemerkt, entschieden\\nein Hauptfehler der Rousseauschen Auffassungsweise, dass sie von ver-\\nschiedenen seelischen Entwickelungen die Anf\u00c3\u00a4nge gar nicht beachtet, viel-\\nmehr einfach ihr Vorhandensein bis zu einem gewissen Zeitpunkte ignoriert\\nund sie dann mit einem Male entstehen l\u00c3\u00a4sst.\\n3 Tom. VIII, 180; Tom. VIII, 140: \u00e2\u0080\u009eEn effet, de quoi lui serviroit\\nla raison cet \u00c3\u00a4ge? Elle est le frein de la force, et l enfant n a pas\\nbesoin de ce frein. Tom. VIII, 138: \u00e2\u0080\u009eDe toutes les facultes de\\nl homme, la raison, qui n est, pour ainsi dire, qu un compose de toutes\\nles autres, est celle qui se developpe le plus difficilement et le plus tard.\\nW\u00c3\u00a4hrend nach Rousseau ein Kind vor dem Alter der Vernunft keine\\nIdee haben kann, bildet sich nach Locke die Idee gleichzeitig mit dem\\nSinneseindruck. (Essay. \u00c3\u009cbersetzt von v. Kirchmann, 2. A. L, 119.)\\nTom. VIII, 181 \u00e2\u0080\u009eIls retiennent des sons, des figures, des sensa-\\ntioDS, rarement des idees, plus rarement leurs liaisons.\\nTom. VIII, 190.\\n6 Tom. VIII, 184.\\n7 Tom. VIII, 181.\\n8 Tom. VIII, 181 Auch die Einbildungskraft ist bis dahin noch\\nnicht bis zu dem Grade entwickelt, wo sie gef\u00c3\u00a4hrlich werden kann (Tom.\\nVIII, 307; 441 f.) \u00c3\u00bcberhaupt halten die Entwicklung des Gef\u00c3\u00bchls und\\nder Phantasie nicht gleichen Schritt mit der Entwicklung des Ver-\\nstandes; ebenso \u00c3\u00a4ussert sich erst von diesem Zeitpunkte ab ihre\\nNeugierde und Wissbegierde.\\n9 Tom. VIII, 181. \u00e2\u0080\u009eL apparente facilite d apprendre est cause de\\nla perte des enfants. On ne voit pas que cette facilite meme est la\\npreuve qu ils n apprennent rien. Leur cerveau lisse et poli rend comme\\nun miroir les objets qu on lui pr\u00c3\u00a4sente; mais rien ne reste, rien ne\\npenetre: L enfant retient les mots, les idees se r^flechissent ceux qui\\ni econtent les entendent, lui seul ne les entend point. (Tom. VIII, 180).\\n3", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0043.jp2"}, "44": {"fulltext": "34\\nIntelligenz eine im wesentlichen skeptische Ansicht. Diese hat\\nihren Grund in offenkundigen argen Verst\u00c3\u00b6ssen gegen Erfahrung\\nund Beobachtung, denen zufolge sowohl das Erwachen als auch\\ndie Entwicklungsf\u00c3\u00a4higkeit der einzelnen intellektuellen Verm\u00c3\u00b6gen\\ngewaltig verkannt wird.\\nNachdem wir bisher die Rousseauschen Anschauungen \u00c3\u00bcber\\ndie intellektuelle Seite in der geistigen Natur des Menschen dar-\\ngestellt haben, gilt es nun, uns seine Ansichten \u00c3\u00bcber die\\nGem\u00c3\u00bctsseite vorzuf\u00c3\u00bchren. Der Mangel einer klaren Analyse\\ntritt uns hier weit f\u00c3\u00bchlbarer entgegen als dies auf dem Gebiete\\ndes Verstandes der Fall war. Da es nun in unserer Absicht\\nliegt, seinen Anschauungen keinerlei fremde F\u00c3\u00a4rbung noch Deutung\\nzu geben, so vermeiden wir auch hier bei ihrer Darstellung die\\nAnwendung systematischer Gesichtspunkte und geben sie in unge-\\nzwungenster Weise m\u00c3\u00b6glichst treu wieder.\\n\u00e2\u0080\u009eNur zwei deutlich hervortretende Gem\u00c3\u00bctsbewegungen sind\\nim Kinde wahrzunehmen: Freude und Schmerz; es lacht oder\\nweint; Mittelzust\u00c3\u00a4nde sind f\u00c3\u00bcr dasselbe nicht vorhanden. Unauf-\\nh\u00c3\u00b6rlich geht es von der einen dieser Bewegung zur andern \u00c3\u00bcber 1\\nVon massgebender Bedeutung f\u00c3\u00bcr die ganze Gem\u00c3\u00bctsseite des\\nMenschen sind nach Rousseau die Leidenschaften (passions)\\nSie stehen darum auch im Vordergrunde seiner Beobachtung. Es\\nliegt, gesteht er zun\u00c3\u00a4chst, in der Natur des Menschen, Leiden-\\nschaften zu haben 8 denn \u00e2\u0080\u009eunsere Leidenschaften sind die haupt-\\ns\u00c3\u00a4chlichsten Werkzeuge unserer Erhaltung 1 Ihre Quelle 5 ist\\nalso nat\u00c3\u00bcrlich. Allein, wollte man daraus folgern, dass alle Leiden-\\nschaften, die wir in uns f\u00c3\u00bchlen oder an anderen wahrnehmen,\\nnat\u00c3\u00bcrlich seien, so w\u00c3\u00bcrde man sich irren. Unsere nat\u00c3\u00bcrlichen\\nLeidenschaften sind vielmehr auf sehr wenige eingeschr\u00c3\u00a4nkt: \u00e2\u0080\u009eAlle\\ndiejenigen, die uns beherrschen und aufreiben, kommen von aussen\\nher in uns; die Natur giebt sie uns nicht; wir eignen sie uns zu\\nihrem Nachteile an 1\\nTom. VIII, 460.\\n2 Auch hier ist daran zu erinnern, dass sich der franz\u00c3\u00b6sische Aus-\\ndruck \u00e2\u0080\u009epassion nicht mit einem ihm v\u00c3\u00b6llig kongruenten deutschen\\nWorte wiedergeben l\u00c3\u00a4sst. (Cf. Anmerkung von E. v. Sallw\u00c3\u00bcrk, Emile-\\n\u00c3\u009cbersetzung, IV, 10).\\n3 Tom. VIII, 419: \u00e2\u0080\u009eNos passions sont les intrumens de notre\\nliberte, elles tendent nous conserver: c est donc une entreprise aussi\\nvaine que ridicule de vouloir les detruire; c est contr\u00c3\u00b6ler la nature, c est\\nreformer l ouvrage de Dieu. Auch bilden sie f\u00c3\u00bcr die Erziehung kein\\nHindernis, sind vielmehr ein Mittel zu ihrer Vollendung (VIII, 466).\\nBez\u00c3\u00bcglich ihrer Behandlung gilt: \u00e2\u0080\u009eOn n a de prise sur les passions que\\npar les passions (IV, 105).\\n4 Tom. VIII, 419.\\n5 Tom. VIII, 435: \u00e2\u0080\u009eLa source de toutes les passions est la sensi-\\nbilite; l imagination determine leur pente.\\n6 Tom. VIII, 419.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0044.jp2"}, "45": {"fulltext": "35\\nDie Quelle aller Leidenschaften 1 nun, der Anfang und die\\nGrundlage aller \u00c3\u00bcbrigen, die einzige, die mit dem Menschen ge-\\nboren wird und ihn nie verl\u00c3\u00a4sst, solange er lebt, ist die Selbst-\\nliebe (amour de soi) 2 sie ist die urspr\u00c3\u00bcngliche, angeborene\\nLeidenschaft, die allen anderen vorhergeht und von welcher alle\\n\u00c3\u00bcbrigen in gewissem Sinne nur Modifikationen sind. Und in diesem\\nSinne sind sie, wenn man will, alle nat\u00c3\u00bcrlich 3\\nDiese \u00e2\u0080\u009eerste und nat\u00c3\u00bcrlichste aller Leidenschaften 4 ist gut\\nund n\u00c3\u00bctzlich, stets der Ordnung gem\u00c3\u00a4ss 5 \u00e2\u0080\u009eDa ihr keine not-\\nwendige Beziehung zu andern Menschen eigen ist, so ist sie in\\ndieser Hinsicht von Natur indifferent. Gut und b\u00c3\u00b6se wird sie\\nallein durch die Anwendung, die man von ihr macht und durch\\ndie Beziehungen, die man ihr giebt 6 Dadurch verwandelt sich\\ndie Selbstliebe in Eigenliebe (amour-propre) 7\\nSelbstliebe und Eigenliebe, beide von hoher Bedeutung f\u00c3\u00bcr\\nseine P\u00c3\u00a4dagogik, werden scharf von ihm getrennt 8 \u00e2\u0080\u009eDie Selbst-\\nliebe, verm\u00c3\u00b6ge deren wir nur uns selbst im Auge haben, ist zu-\\nfrieden, wenn unsere wahren Bed\u00c3\u00bcrfnisse gestillt sind; die Eigen-\\nliebe dagegen, die Vergleichungen anstellt, ist nie zufrieden und\\nkann es nicht sein, weil dieses Gef\u00c3\u00bchl verlangt, dass andere uns\\nsich ebenso vorziehen, wie wir uns ihnen vorziehen, was unm\u00c3\u00b6glich\\nist. So sieht man also, wie die sanften und wohlwollenden Leiden-\\nschaften aus der Selbstliebe, die geh\u00c3\u00a4ssigen und den Zorn beg\u00c3\u00bcn-\\nstigenden aus der Eigenliebe entstehen 9\\nInwiefern sind nun alle nat\u00c3\u00bcrlichen Gef\u00c3\u00bchle (Leidenschaften)\\nModifikationen der Selbstliebe?\\nAus der Selbstliebe entwickelt sich zun\u00c3\u00a4chst die Liebe zu\\nden Menschen seiner Umgebung. Rousseau dr\u00c3\u00bcckt dies so\\naus: \u00e2\u0080\u009eDas erste Gef\u00c3\u00bchl ist die Liebe zu sich selbst, und das zweite,\\ndas aus diesem hervorgeht, ist die Liebe zu denen, die ihm nahe\\nstehen 10 Wir m\u00c3\u00bcssen uns, legt er weiter dar, um unser selbst\\nx j Cf. hierzu die Bedeutung, die Rousseau den Leidenschaften in\\nseinem eigenen Leben zuschreibt: \u00e2\u0080\u009eMes passions m ont fait vi vre, et mes\\npassions m ont tue (Confess., p. I, 1. V; tom. I, 352).\\n2 Tom. VIII, 157: \u00e2\u0080\u009enos sentimens primitifs se concentrent en\\nnous-memes; tous nos mouvemens naturels se rapportent d abord notre\\nconservation et notre bien-etre. VIII, 145 bezeichnet Rousseau die\\nSelbstliebe auch als \u00e2\u0080\u009eEigenliebe im weitern Sinne oder als \u00e2\u0080\u009eEigenliebe\\nan sich oder in Bezug auf uns. Cf. \u00e2\u0080\u009eLa seule passion naturelle\\nl homme est l amour de soi-meme, ou l amour propre pris dans un sens\\netendu. Cet amour-propre en soi ou relativement nous et bon et utile.\\n3) Tom. VIII, 420. 4 VIII, 415. 5 Tom. VIII, 420.\\n6 VIII, 145. 7 VIII, 472. 8 VIII, 422.\\n9 Dieser Gegensatz erinnert sehr an seine Gegen\u00c3\u00bcberstellung von\\nNatur und Kultur im Discours sur l inegalite. W\u00c3\u00a4hrend amour de soi\\nder Natur eigen und die Quelle aller Tugenden ist, entsteht amour-propre\\nerst im gesellschaftlichen Zustande und ist Ursache alles B\u00c3\u00b6sen. Cf.\\nVIII, 438 f, 425.\\n10 Tom. VIII, 421.\\n3*", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0045.jp2"}, "46": {"fulltext": "36\\nwillen lieben; wir m\u00c3\u00bcssen uns \u00c3\u00bcber alles lieben und als unmittel-\\nbare Folge dieses Gef\u00c3\u00bchls lieben Avir alles, was zu unserer Er-\\nhaltung dient. Unempfindliche Wesen, die nur dem Impulse folgen,\\nwelchen man ihnen giebt, erregen keine Leidenschaft in uns; die-\\njenigen dagegen, von denen wir zufolge ihrer Gesinnung, ihres\\nWillens Gutes oder B\u00c3\u00b6ses erwarten, diejenigen, die wir aus eigenem\\nAntriebe f\u00c3\u00bcr oder gegen uns auftreten sehen, fl\u00c3\u00b6ssen uns dieselben\\nGef\u00c3\u00bchle ein, die sie gegen uns an den Tag legen 1 Je mehr sich\\ndiese Beziehungen erweitern, umso mehr erweitert sich auch diese\\nLiebe, die anfangs auf einen kleinen Kreis beschr\u00c3\u00a4nkt ist, zur\\nallgemeinen Menschenliebe 2\\nEine besondere Form dieser allgemeinen Menschenliebe und\\ngleich dieser eine Modifikation der Selbstliebe ist das Mitleid 3\\nSeine Entstehung hat das Erwachen der Einbildungskraft zur\\nVoraussetzung. \u00e2\u0080\u009eUm f\u00c3\u00bchlend und mitleidig zu werden, muss das\\nKind wissen, dass es ihm \u00c3\u00a4hnliche Wesen giebt, die dasselbe leiden,\\nwas es selbst gelitten hat, als auch andere, von denen es sich vor-\\nstellen muss, dass es sie ebenfalls empfinden k\u00c3\u00b6nne. Und wie\\nsollten wir auch anders zum Mitleid bewegt werden als dadurch,\\ndass wir uns aus uns selbst herausversetzen und uns mit dem\\nleidenden Wesen identifizieren, dass wir gleichsam unser eigenes\\nSein aufgeben, um das seinige anzunehmen? Wir leiden nur soviel,\\nals unserer Sch\u00c3\u00a4tzung nach ein anderes Wesen leidet, und nicht\\nin uns, sondern in ihm leiden wir 4\\nAuch die anderen moralischen Gef\u00c3\u00bchle entspringen aus\\nder Selbstliebe; denn wie Rousseau in einer Anmerkung zum\\n2. Discours sagt, \u00e2\u0080\u009eerzeugt die Selbstliebe auch die Humanit\u00c3\u00a4t und\\ndie Tugend 5 Um dies darzuthun, weist er an anderer Stelle\\nauf die nahe Beziehung hin, welche zwischen Gewissen einerseits\\nund der Liebe zu sich selbst und den Menschen andererseits vor-\\nTom. VIII, 421.\\n2 Tom. VIII, 421.\\n3 Diese Auffassung des Mitleids bezeichnet im Vergleich zu seinen\\nfr\u00c3\u00bcheren Anschauungen einen Fortschritt. Im 2. Discours, wo er dem\\nMitleid bereits grosse Aufmerksamkeit widmet (Cf. IV, 222, 263 ff),\\nbetrachtete er die Selbstliebe und das Mitleid als zwei verschiedene\\nurspr\u00c3\u00bcngliche Prinzipien: \u00e2\u0080\u009eLaissant tous les livres scientifiques qui ne\\nnous apprennent qu voir les hommes tels qu ils se sont faits, et meditant\\nsur les premieres et plus simples Operations de l \u00c3\u00a4me humaine, j y crois\\napercevoir deux principes ante rieurs la raison, dont l un nous interesse\\nardemment notre bienetre et la conservation de nous-memes, et l autre\\nnous inspire une r\u00c3\u00b6pugnance naturelle voir perir ou souffrir tout etre\\nsensible, et principalement nos semblables. (IV, 222).\\n4 Tom. VIII, 443: ,,Nul ne devient sensible que quand son imagi-\\nnation s amine et commence le transporter hors de lui.\\n5 Tom. IV, 367 (Notes): \u00e2\u0080\u009eL amour de soi-meme est un sentiment\\nnaturel qui porte tout animal veiller a sa propre conservation, et qui,\\ndirige dans Phomme par la raison et modifie par la pitie,- produit\\nl humanite et la vertu.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0046.jp2"}, "47": {"fulltext": "37\\nhanden ist. So sagt er: \u00e2\u0080\u009eNun aber entsteht der Impuls des Ge-\\nwissens aus dem moralischen Verh\u00c3\u00a4ltnisse, welches durch die Be-\\nziehungen des Menschen zu sich selbst und zu seinen Nebenmenschen\\ngebildet wird 1 oder noch deutlicher: \u00e2\u0080\u009eAus den ersten Regungen\\ndes Herzens (der Selbstliebe) entstehen die ersten Regungeu des\\nGewissens; aus den Gef\u00c3\u00bchlen der Liebe und des Hasses gehen die\\nBegriffe von gut und b\u00c3\u00b6se hervor. Gerechtigkeit und G\u00c3\u00bcte sind\\nnicht bloss abstrakte Worte, blosse vom Verst\u00c3\u00a4nde gebildete\\nmoralische Ideen, sondern nur eine gesetzm\u00c3\u00a4ssige Fortbildung\\nunserer urspr\u00c3\u00bcnglichen Seelenzust\u00c3\u00a4ude 2\\nAus diesem Zusammenhange leuchtet ein, dass auch die\\nnat\u00c3\u00bcrlichen Gef\u00c3\u00bchle Her Freundschaft 3 und Erkenntlich-\\nkeit 4 sowie \u00c3\u00bcberhaupt alle sozialen Gef\u00c3\u00bchle 5 nach Rousseaus\\nAnschauung als Modifikationen der Selbstliebe anzusehen sind;\\nhaben sie doch alle in der Liebe zu den Menschen, der unmittel-\\nbarsten Folge der Selbstliebe, ihre Wurzel.\\nTom. IX, 68.\\n2 Tom. VIII, 471. Was den Eousseauschen Tugendbegriff an-\\nlangt, so macht Hoff ding (a. a. 0., 119) auf folgenden beachtenswerten\\nUnterschied aufmerksam: Eousseau unterscheidet zwischen honte, der\\nunwillk\u00c3\u00bcrlichen Selbstentfaltung, und vertu, der Selbstbehauptung durch\\nKampf. Letzteres entspricht der Eousseauschen Erkl\u00c3\u00a4rung (in dem_Art.\\nEconomie politique; IV, 385 ff), nach welcher die Tugend in der \u00c3\u009cber-\\neinstimmung zwischen dem Willen des Einzelnen und dem allgemeinen,\\nnach der Erhaltung und F\u00c3\u00b6rderung des Ganzen und jedes einzelnen\\nTeiles strebenden Willens bestehe. Der Mensch soll sich auf einen\\nh\u00c3\u00b6hern, mehr universellen Standpunkt als auf seinen eigenen privaten\\nstellen er soll seine Individualit\u00c3\u00a4t in einen gr\u00c3\u00b6sseren Zusammenhang ein-\\nordnen dies aber kann ohne Kampf nicht geschehen. So werden Tugend\\nund Pflicht bei Eousseau soziale Begriffe. (IV, 261, 2. Discours): \u00e2\u0080\u009eII\\nparoit d abord que les hommes dans cet etat, n ayant entre eux aucune\\nsorte de relation morale ni de devoirs connus, ne pouvoient etre ni bons\\nni mechans, et n avoient ni vices ni vertus. Zu diesem Kampfe wird\\ndie Seele angetrieben teils durch das Gewissen, das als Gesetzgeber die\\nTugend als Pflicht fordert (VIII, 160f, bes. Anmerkung auf p. 164), teils\\ndurch die innere Befriedigung und die Freude am Gutesthun (IX, 61, 71).\\n3 Tom. VIII, 437 sagt Eousseau: \u00e2\u0080\u009eDas erste Gef\u00c3\u00bchl, f\u00c3\u00bcr welches\\nein sorgf\u00c3\u00a4ltig erzogener J\u00c3\u00bcngling empf\u00c3\u00a4nglich wird, ist nicht die Liebe,\\nsondern die Freundschaft w\u00c3\u00a4hrend es bald darauf heisst \u00e2\u0080\u009eDas erste\\nsich auf andere beziehende Gef\u00c3\u00bchl ist das Mitleiden (VIII, 443).\\n4 J Tom. VIII, 468: \u00e2\u0080\u009eOn aime ce qui nous fait du bien; c est un\\nsentiment si naturell L ingratitude n est pas dans le coeur de l homme,\\nmais l interet y est.\\n5 Zu beachten ist, dass Eousseau, obgleich er anfangs alle sozialen\\nZ\u00c3\u00bcge als etwas nicht in der Natur begr\u00c3\u00bcndetes betrachtete (IV, 276),\\ndoch schliesslich die Ansicht gewonnen hat, dass der Mensch, ein ge-\\nselliges Wesen ist und dass ihm als solchem auch entsprechende\\nNeigungen und Triebe angeboren sind. IX, 68: \u00e2\u0080\u009eMais si, comme on\\nn ent peut douter, l homme est sociable par sa nature, ou du moins fait\\npour le devenir, il ne peut l etre que par l autres sentimens innes, relatifs\\nson espece; car, ne considerer que le besoin physique, il doit cer-\\ntainement disperser les hommes au heu de les rapprocher.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0047.jp2"}, "48": {"fulltext": "38\\nEine Modifikation der Selbstliebe ist nach Rousseau auch das\\nreligi\u00c3\u00b6se Gef\u00c3\u00bchl. Seine Begr\u00c3\u00bcndung der allgemeinen Menschen-\\nliebe auf die Selbstliebe zeigte bereits, dass es eine nat\u00c3\u00bcrliche Be-\\nschaffenheit des menschlichen Herzens ist, gegen alle Menschen,\\ndie ihm wohlwollen, liebevoll und dankbar zu sein. Liegt nun\\naber dieser Zug im Menschen und ist einmal die allgemeine\\nMenschenliebe erwacht, so ist von hier aus nur noch ein kleiner\\nSchritt zur Liebe und Anh\u00c3\u00a4nglichkeit gegen Gott. Sobald n\u00c3\u00a4mlich\\nder Zeitpunkt gekommen ist, dass der Mensch in seinen Mit-\\nmenschen nicht die einzigen und letzten AVohlth\u00c3\u00a4ter erkennt, son-\\ndern durch das ihm angeborene Gef\u00c3\u00bchl mit innerer Notwendigkeit\\nzur Annahme eines h\u00c3\u00b6chsten Wesens als Urquell alles Guten ge-\\nzwungen wird, dann offenbart er gegen dieses erst recht seine\\nLiebe und Dankbarkeit. Diese nahe Beziehung der Liebe zu Gott\\nzu der Grundtendenz des Menschen, die auf Selbsterhaltung ge-\\nrichtet ist 1 spricht er klar aus: \u00e2\u0080\u009eKann ich mich aber so ausge-\\nzeichnet sehen, ohne mir Gl\u00c3\u00bcck zu w\u00c3\u00bcnschen, diese ehrenvolle\\nStellung einzunehmen und ohne die Hand zu preisen, welche mich\\ndahin gestellt hat? Bei meiner ersten R\u00c3\u00bcckkehr in mich selbst\\nentsteht in meinem Herzen ein Gef\u00c3\u00bchl der Dankbarkeit und der\\nLobpreisung gegen den Sch\u00c3\u00b6pfer meines Geschlechtes, und aus\\ndiesem Gef\u00c3\u00bchle entspringt die erste Huldigung, die ich der wohl-\\nth\u00c3\u00a4tigen Gottheit darbringe. Ich bete die h\u00c3\u00b6chste Macht an und\\nbin ger\u00c3\u00bchrt von ihren Wohlthaten. Ich bedarf keiner Unterweisung\\nin Bezug auf diesen Kultus, die Natur selbst giebt ihn mir ein.\\nIst es nicht eine nat\u00c3\u00bcrliche Folge der Liebe zu mir selbst, den zu\\nehren, der mich besch\u00c3\u00bctzt, den zu lieben, der mir wohl will? 2\\nWie hiernach die religi\u00c3\u00b6se Seite des Menschen bei Rousseau\\nin nahe Verbindung mit der Selbstliebe und damit mit der\\nmoralischen Natur gebracht wird was sich auch bez\u00c3\u00bcglich der\\nsozialen Seite beobachten Hess so gilt dies auch von seinen\\n\u00c3\u00a4sthetischen Erw\u00c3\u00a4gungen. Der Geschmack ist nach ihm nichts\\nanderes als das Verm\u00c3\u00b6gen zu urteilen, was der Menge gef\u00c3\u00a4llt oder\\nmissf\u00c3\u00a4llt 3 \u00e2\u0080\u009eSeine Ausbildung und seine Form h\u00c3\u00a4ngen davon ab,\\nin welchen gesellschaftlichen Kreisen man gelebt hat 4 F\u00c3\u00bcr das\\noben angedeutete Verh\u00c3\u00a4ltnis des Geschmacks zur Moral, das schon\\ndeutlich an moderne Auffassungen erinnert, ist eine Stelle der\\nSophie bezeichnend. Dort heisst es: \u00e2\u0080\u009eDurch den Geschmack \u00c3\u00b6ffnet\\nsich der Geist unmerklich den Ideen des Sch\u00c3\u00b6nen jeder Art und\\nJ Tom. IX, 126 bezeichnet Rousseau die \u00e2\u0080\u009eLiebe zum Urheber seines\\nWesens geradezu als \u00e2\u0080\u009eLiebe, die mit der Selbstliebe zusammenf\u00c3\u00a4llt\\n2 Tom. IX, 40.\\nTom. IX, 183.\\n4 Tom. IX, 184, 186: \u00e2\u0080\u009eC est surtout dans le commerce des deux\\nsexes que le go\u00c3\u00bct, bon ou mauvais, prend sa forme; sa culture est un\\neffet necessaire de l objet de cette societe.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0048.jp2"}, "49": {"fulltext": "39\\nschliesslich auch den damit zusammenh\u00c3\u00a4ngenden moralischen Be-\\ngriffen 1\\nWas schliesslich die zeitliche Entwicklung der Gef\u00c3\u00bchls-\\nseite anlangt, so machen sich hier die M\u00c3\u00a4ngel seiner Erkenntnis-\\ntheorie augenf\u00c3\u00a4llig geltend. Da nach letzterer die F\u00c3\u00a4higkeit des\\nVergleichens erst im Alter der Vernunft (nach dem 12. Jahre)\\nvorausgesetzt werden kann, so kann sich auch die Eigenliebe, eine\\nFolge jener, nicht fr\u00c3\u00bcher entwickeln 2 Da ferner von diesem\\nZeitpunkte ab die Einbildungskraft erst zur rechten Entfaltung\\ngelangt, so ist der Mensch auch dann erst des Mitleids f\u00c3\u00a4hig 3\\nEbenso leuchtet ein, dass infolge der Theorie der Unf\u00c3\u00a4higkeit des\\nkindlichen Geistes zur Ideenbildung auch die anderen moralischen 4\\nAvie auch die religi\u00c3\u00b6sen 5 und gesellschaftlichen 6 Verh\u00c3\u00a4ltnisse,\\ninsoweit sie Urteilsf\u00c3\u00a4higkeit voraussetzen, erst nach dem mehrfach\\nerw\u00c3\u00a4hnten Zeitpunkte begriffen werden k\u00c3\u00b6nnen 7\\nDamit h\u00c3\u00a4tten wir die wesentlichen Anschauungen Rousseaus\\n\u00c3\u00bcber die Gef\u00c3\u00bchle (Leidenschaften) zur Darstellung gebracht.\\nDaraus d\u00c3\u00bcrfte zu ersehen sein, welch eine hohe Bedeutung\\nRousseau der Gef\u00c3\u00bchlsseite des Menschen zuschreibt. Indem er\\naus dem Gef\u00c3\u00bchle, dem \u00e2\u0080\u009eangeborenen Prinzip die Ideen des\\nGuten und B\u00c3\u00b6sen, des Willens, der Seele s selbst Gottes hervor-\\ngehen l\u00c3\u00a4sst, erhebt er das Gef\u00c3\u00bchl zu einer dem Verst\u00c3\u00a4nde gegen-\\n\u00c3\u00bcber selbst\u00c3\u00a4ndigen, ja wertvolleren Seite der geistigen Natur 9\\nJ Tom. IX. 259 f. \u00e2\u0080\u009eDie Liebe zum Sch\u00c3\u00b6nen ist gleich dem\\nTriebe nach dem Wahren und Guten dem Menschen angeboren. (IX, 61).\\nTom. VIII, 415, 417. Das Erwachen der Leidenschaften be-\\nzeichnet \u00c3\u00bcberhaupt den Austritt aus der Kindheit (15. Jahr) und wird\\nvon Rousseau als ein wichtiger, ja als der wichtigste Wendepunkt ange-\\nsehen. VIII, 417: \u00e2\u0080\u009eComme le mugissement de la mer precede de loin\\nla tempete, cette orageuse revolution s annonce par le murmure des\\npassions, naissantes; une fermentation sourde avertit de l approche du\\ndanger.\\n3 \u00e2\u0080\u009eIm 16. Jahre weiss der seiner Natur gem\u00c3\u00a4ss erzogene J\u00c3\u00bcogling\\nkaum, dass auch andere Wesen leiden; denn er kann sich noch nicht\\nvorstellen, was andere empfinden (Tom. VIII, 441).\\n4 Tom. VIII, 436: ,,Tant que sa sensibilite reste bornee son\\nindividu, il n y a rien de moral dans ses actions; ce n est que quand\\neile commence s etendre hors de lui, qu il prend d abord les sentimens,\\nensuite les notions du bien et du mal.\\n5 Tom. VIII, 526.\\n6 Tom. VIII, 442: Indifferent tout, hors lui-meme, comme\\ntous les autres enfans, il ne prend interet personne.\\n7 Tom. VIII, 137: \u00e2\u0080\u009eAvant l \u00c3\u00a4ge de raison l on ne sauroit avoir\\naucune idee des \u00c2\u00a7tres moraux ni des relations sociales.\\n8 Tom. IX, 52.\\n9 \u00e2\u0080\u009eIn psychologischer Beziehung steht bei Rousseau das F\u00c3\u00bchlen\\nim Mittelpunkte des geistigen Lebens \u00e2\u0080\u009eDie innerste Natur des\\nMenschen besteht im F\u00c3\u00bchlen. (G\u00c3\u00b6ssgen. a. a. O., 20; 27.) G\u00c3\u00b6ssgen\\nzeigt auch, dass sich gerade in diesem Punkte eine deutliche Beeinflussung\\nder rationalistischen Anschauung Basedows durch Rousseau beobachten", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0049.jp2"}, "50": {"fulltext": "40\\nund macht es damit zugleich zur wesentlichen Basis der Moral\\nund Religion 1\\nAllerdings muss nun bez\u00c3\u00bcglich dieses Verh\u00c3\u00a4ltnisses des\\nGef\u00c3\u00bchls zum Intellekte gleich bemerkt werden, dass sich\\nRousseau dabei nicht konsequent geblieben ist.\\nUm dieses Schwanken in seiner Auffassung und damit zugleich\\ndie Widerspr\u00c3\u00bcche, in welche er sich verstrickt, aufzuweisen, f\u00c3\u00bchren\\nwir zun\u00c3\u00a4chst einige \u00c3\u0084usserungen an, welche jene eben erw\u00c3\u00a4hnte\\nAutonomie des Gef\u00c3\u00bchls bezeugen. So lesen wir bei ihm: \u00e2\u0080\u009eEs liegt\\nin der Tiefe der Seele ein angeborenes Prinzip der Gerechtigkeit\\nund Tugend, nach welcher wir, unsern eigenen Grunds\u00c3\u00a4tzen zum\\nTrotz, unsere und anderer Handlungen als gut und b\u00c3\u00b6se beurteilen,\\nund diesem Prinzip gebe ich den Namen Gewissen 2 Von ihm\\nheisst es: \u00e2\u0080\u009eDas Gewissen t\u00c3\u00a4uscht uns niemals; es ist der wahre\\nF\u00c3\u00bchrer des Menschen 3 dagegen von der Vernunft: \u00e2\u0080\u009eEs ist\\numsonst, die Tugend auf die Vernunft gr\u00c3\u00bcnden zu wollen 4\\nUngleich deutlicher preist er jedoch die Unabh\u00c3\u00a4ngigkeit des\\nGewissens vom Verst\u00c3\u00a4nde in der bekannten Stelle: \u00e2\u0080\u009eO Gewissen,\\nGewissen! G\u00c3\u00b6ttlicher Instinkt; unsterbliche und himmlische Stimme;\\nsicherer F\u00c3\u00bchrer eines unwissenden und besch\u00c3\u00a4nkten, aber ver-\\nst\u00c3\u00a4ndigen und freien Wesens; untr\u00c3\u00bcglicher Richter \u00c3\u00bcber Gutes\\nund B\u00c3\u00b6ses, der du den Menschen zur Gott\u00c3\u00a4hnlichkeit erhebst; auf\\ndir beruht die Vortrefnichkeit seiner Natur _uhd die Sittlichkeit\\nseiner Handlungen! Ohne dich empfinde ich nichts in mir, was\\nmich \u00c3\u00bcber die Tiere erhebt als das traurige Vorrecht, mich ver-\\nm\u00c3\u00b6ge eines Verstandes ohne Regel und einer Vernunft ohne\\nPrinzip von Irrtum zu Irrtum zu verwirren 5\\nTritt uns in diesen Ausspr\u00c3\u00bcchen das Gef\u00c3\u00bchl, besonders das\\nGewissen, als vom Verst\u00c3\u00a4nde v\u00c3\u00b6llig unabh\u00c3\u00a4ngig, in letzterem sogar\\nals F\u00c3\u00bchrer desselben entgegen, so stellt Rousseau an anderen\\nStellen das Gewissen dar als ein Gef\u00c3\u00bchl, dessen Entwicklung vom\\nVerst\u00c3\u00a4nde bedingt ist und das nur darin besteht, das Gute zu\\nlieben und das B\u00c3\u00b6se zu hassen. In dieser Beziehung stehen zu\\nl\u00c3\u00a4sst, sowohl auf philosophischem als auch auf ethischem Gebiete (a. a. O.\\n76 und 80 ff.) H\u00c3\u00b6ffding erinnert daran, dass das starke Hervorheben\\ndes Gef\u00c3\u00bchls und des Herzens mit seinem allgemeinen Kulturproblem\\nzusammenh\u00c3\u00a4ngt (a. a. O., 68).\\nJ Cf. Glaubensbekenntnis des Vikars v. Savoyen IX, 12 ff.\\n2 Tom. IX, 65.\\n3 I Tom. IX, 59.\\n4 Tom. IX. 72; 67: \u00e2\u0080\u009eLes actes de la conscience ne sont pas des\\njugemens, mais des sentimens: quoique toutes nos idees nous viennent du\\ndehors, les sentimens qui les apprecient sont au-dedans de nous, et c est\\npar eux seuls que nous connoissons la convenance ou disconvenance\\nqui existe entre nous et les choses que nous devons rechercher ou fuir.\\n5 Tom. IX, 69; 68: \u00e2\u0080\u009eJe ne crois donc pas, mon ami, qu il soit\\nimpossible d expliquer pardes consequences de notre nature le principe\\nimme diat de la conscience, independant de la raison meine", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0050.jp2"}, "51": {"fulltext": "41\\nobigen \u00c3\u0084usserungen in merkw\u00c3\u00bcrdigem Gegensatze Ausspr\u00c3\u00bcche wie\\nfolgende\\n\u00e2\u0080\u009eDie Vernunft allein lehrt uns das Gute und das B\u00c3\u00b6se\\nerkennen. Das Gewissen, welches uns jenes lieben und dieses\\nhassen l\u00c3\u00a4sst, kann sich, obgleich es von ihr unabh\u00c3\u00a4ngig ist, doch\\nohne sie nicht entwickeln 1 Ebenso widerspricht es der obigen\\nAuffassung, wenn er die Vernunft als ein Seelenverm\u00c3\u00b6gen bezeichnet,\\n\u00e2\u0080\u009ewelches als Schiedsrichter zwischen beiden F\u00c3\u00bchrern (Gewissen und\\nVorurteile) dient, welches das Gewissen nicht irre leiten l\u00c3\u00a4sst und\\ndie Irrt\u00c3\u00bcmer des Vorurteils zur\u00c3\u00bcckweist 2 W\u00c3\u00a4hrend er ferner\\ndas eine Mal behauptet, es gebe f\u00c3\u00bcr das Dasein Gottes keinen\\nsicherern Beweis als die innerste \u00c3\u009cberzeugung durch das Gef\u00c3\u00bchl,\\nals \u00e2\u0080\u009edie Prinzipien, die er im Grunde seines Herzens von der\\nNatur mit unausl\u00c3\u00b6schlichen Z\u00c3\u00bcgen gegraben findet 3 so- lesen\\nwir das andere Mal bei ihm im Gegensatze hierzu: \u00e2\u0080\u009eDie erhabensten\\nIdeen von Gott erlangen wir allein durch die Vernunft 4 oder\\nmit Beziehung auf das Buch der Natur: \u00e2\u0080\u009eAus diesem grossen und\\nerhabenen Buche lerne ich dem g\u00c3\u00b6ttlichen Urheber der Natur\\ndienen und ihn anbeten. Niemand ist zu entschuldigen, der nicht\\ndarin liest, weil es zu allen Menschen und in einer Sprache redet,\\ndie f\u00c3\u00bcr jeden verst\u00c3\u00a4ndlich ist. W\u00c3\u00a4re ich auch auf einer w\u00c3\u00bcsten\\nInsel geboren, h\u00c3\u00a4tte ich auch nie einen anderen Menschen als\\nmich selbst gesehen, h\u00c3\u00a4tte ich nie erfahren, was sich in alter Zeit\\nin irgend einem Winkel der Erde zugetragen hat, so w\u00c3\u00bcrde ich\\ndoch, wenn ich nur meine Vernunft \u00c3\u00bcbte und ausbildete, ihn durch\\nmich selbst erkennen, ihn und seine Werke lieben, das Gute, was\\ner will, wollen und um ihm zu gefallen, alle meine Pflichten auf\\nErden erf\u00c3\u00bcllen lernen. 5 \u00e2\u0080\u009eDurch zwingende Gr\u00c3\u00bcnde, durch den\\nrichtigen Gebrauch der Vernunft 6 ist es ihm m\u00c3\u00b6glich, in das\\nl Tom. VIII, 90\\ns Tom IX, 277.\\n3 Tom. IX, 59.\\nTom. IX, 80.\\n5 Tom. IX, 108.\\n6 Tom. IX, 58. Aus diesen Stellen ist zu ersehen, dass Eousseau\\ntrotz der starken Betonung der Gef\u00c3\u00bchlsreligion den Rationalismus doch\\nnoch nicht ganz \u00c3\u00bcberwunden hat.\\nDiese Inkonsequenzen bez\u00c3\u00bcglich des Verh\u00c3\u00a4ltnisses zwischen Gewissen\\nund Vernunft zeigten bereits, dass Rousseau mit jenen Begriffen einen\\nwechselnden Sinn verband. In dieser Beziehung muss hier erg\u00c3\u00a4nzend\\nnoch bemerkt werden, dass Rousseau unter Gewissen nicht immer nur\\njenen moralischen Sinn versteht, nach welchem es der innere Richter \u00c3\u00bcber\\ngut und b\u00c3\u00b6se ist, sondern dass er damit \u00c3\u00b6fters einen allgemeineren Sinn\\nverbindet. So nennt er das Gewissen einmal ganz allgemein \u00e2\u0080\u009edie\\nStimme der Seele (Tom. IX, 59), wogegen die Leidenschaften \u00e2\u0080\u009edie\\nStimme des K\u00c3\u00b6rpers sind. (Cf. auch Tom. IX, 47.) In dem Briefe\\nan den Erzbischof bezeichnet er das Gewissen schlechthin als \u00e2\u0080\u009edie Liebe\\nzur Ordnung und zum Wohle der Seele Philosophische Werke, a. a.\\nO. I, 225).", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0051.jp2"}, "52": {"fulltext": "42\\nReich des Transcendenten einzudringen, und doch gesteht er\\nandererseits \u00e2\u0080\u009eDer w\u00c3\u00bcrdigste Gebrauch meiner Vernunft ist, dieselbe\\nvor dir zu vernichten 1\\nTrotz dieser mannigfachen Widerspr\u00c3\u00bcche und Einschr\u00c3\u00a4nkungen,\\nwelche hiernach in Bezug auf Rousseaus Anschauungen \u00c3\u00bcber das\\nGef\u00c3\u00bchl zu beobachten sind, bleibt es doch ein sch\u00c3\u00a4tzenswertes Ver-\\ndienst Rousseaus, der durch die Tendenzen der Aufkl\u00c3\u00a4rung ganz\\nin den Hintergrund gedr\u00c3\u00a4ngten Gef\u00c3\u00bchlsseite 2 des Menschen erfolg-\\nreich zu ihrer Bedeutung verholfen zu haben 3\\nWie nun in Wirklichkeit zwischen Gef\u00c3\u00bchl und Willen das\\ninnigste Verh\u00c3\u00a4ltnis obwaltet, so sind auch die Anschauungen\\nRousseaus \u00c3\u00bcber den letzteren, zumal infolge des im wesentlichen\\nintuitiven Charakters seiner Psychologie, mit denen \u00c3\u00bcber das\\nGef\u00c3\u00bchl am meisten verquickt und in dem \u00c3\u00bcber das Gef\u00c3\u00bchl\\nErw\u00c3\u00a4hnten zum Teil schon enthalten. Suchen wir jetzt die auf\\nden Willen bez\u00c3\u00bcglichen Anschauungen noch zu vervollst\u00c3\u00a4ndigen.\\nWas zun\u00c3\u00a4chst das Verh\u00c3\u00a4ltnis der Leidenschaften zum Willen\\nanlangt, so sind jene f\u00c3\u00bcr diesen im allgemeinen Richtung gebend 4\\nWie nun auf der Gef\u00c3\u00bchlsseite die Selbstliebe die Quelle und\\nGrundlage aller Leidenschaften war, so entspricht dieser auf dem\\nGebiete des Willens der Selbsterhaltungstrieb. Er steht im\\nMittelpunkte aller Triebe 5 Stellten sich dort alle nat\u00c3\u00bcrlichen\\nLeidenschaften als Erweiterungen und Folgen der Selbstliebe dar,\\nso erweisen sich hier s\u00c3\u00a4mtliche Triebe mehr oder minder als Modi-\\nfikationen des Selbsterhaltungstriebes. War ferner die Selbstliebe\\nnach seiner Anschauung gut und n\u00c3\u00bctzlich, weil in der Natur\\nbegr\u00c3\u00bcndet, so gilt dies auch von allen Willensbeth\u00c3\u00a4tigungen, soweit\\nsie nicht k\u00c3\u00bcnstliche, sondern naturgem\u00c3\u00a4sse Bed\u00c3\u00bcrfnisse zu ihrer\\nVeranlassung haben. Je mehr der Wille diesen nat\u00c3\u00bcrlichen\\nBed\u00c3\u00bcrfnissen entspricht, um so mehr \u00c3\u00a4ussert sich darin die urspr\u00c3\u00bcng-\\nliche G\u00c3\u00bcte und Zweckm\u00c3\u00a4ssigkeit. Da nun jene ersten, noch dunklen\\nWillens\u00c3\u00a4usserungen, die wir als Instinkte und Triebe bezeichnen,\\nTom. IX, 58.\\n2 \u00c3\u009cberweg- Heinze: \u00e2\u0080\u009eGegen\u00c3\u00bcber der Bildung und der Erkenntnis\\nlegt er auf das Gef\u00c3\u00bchl als das Elementare im Menschen den Hauptnach-\\ndruck. (a. a. O. III 1 216.)\\n3 Man darf H\u00c3\u00b6ftding beistimmen, wenn er behauptet, Rousseau\\nhabe den Schwerpunkt des geistigen Lebens von der Vernunft, wo man\\nihn so lange gesucht hatte, in das Gef\u00c3\u00bchl verlegt, (a. a. O. 115.)\\nDass Rousseau unsern Anschauungen gem\u00c3\u00a4ss dem Gef\u00c3\u00bchle noch\\nnicht v\u00c3\u00b6llig gerecht wurde, liegt darin begr\u00c3\u00bcndet, dass er auch in Bezug\\nauf die Gef\u00c3\u00bchle soweit dieselben nicht von der \u00e2\u0080\u00a2intellektuellen Ent-\\nwicklung abh\u00c3\u00a4ngen die ersten Entwicklungsstadien ignorierte.\\n4 Tom. VIII, 356: n y a que la passion qui nous fasse agir:\\net comment se passionner pour des interets qu on n a point encore?\\n5 IX, 48: \u00e2\u0080\u009eN est-ce pas pour nous conserver que la nature nous\\nfait sentir nos besoins?", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0052.jp2"}, "53": {"fulltext": "43\\nohne Zweifel der ungef\u00c3\u00a4lschteste Ausdruck der Natur sind, wird\\nihnen von Rousseau besondere Aufmerksamkeit gewidmet 1\\nWelche urspr\u00c3\u00bcnglichen, nat\u00c3\u00bcrlichen Willensrichtungen be-\\nobachtet er nun?\\n\u00e2\u0080\u009eMit dem Leben beginnen die Bed\u00c3\u00bcrfnisse 2 Diese entwickeln\\nsich nicht gleichzeitig, sondern nach und nach 3 \u00e2\u0080\u009eDie erste Kind-\\nheit ist ein Alter, in welchem man nur k\u00c3\u00b6rperliche Bed\u00c3\u00bcrfnisse\\nhat 4 Als einer der ersten Triebe giebt sich der Trieb nach\\nNahrung 5 zu erkennen. Zu ihm gesellt sich der von Rousseau\\nganz besonders anerkannte und betonte Drang nach Freiheit\\nund Bewegung. Das neugeborne Kind, sagt er, hat das Bed\u00c3\u00bcrfnis,\\nseine Glieder zu strecken und zu bewegen* Alle seine Bewegungen\\nsind Bed\u00c3\u00bcrfnisse der k\u00c3\u00b6rperlichen Natur, die sich zu kr\u00c3\u00a4ftigen\\nsucht 7 Die Natur verlangt von uns die zu unserer Erhaltung\\nnotwendige Bewegung Als heftigsten und f\u00c3\u00bchlbarsten Trieb\\nbezeichnet Rousseau den Geschlechtstrieb 9\\nAusser den physischen beobachtet Rousseau auch psychische\\nBed\u00c3\u00bcrfnisse und Triebe in der menschlichen Natur. So gewahrt er\\nden Trieb nach Th\u00c3\u00a4tigkeit und Ver\u00c3\u00a4nderung, welcher sich\\nbald als Spiel bald als Nachahmungstrieb 10 zu erkennen giebt.\\nVon besonderer Bedeutung f\u00c3\u00bcr Rousseaus Stellung zur Aus-\\nbildung des Geistes ist, dass er, wie aus folgender Stelle hervor-\\ngeht, auch ein Bed\u00c3\u00bcrfnis, einen Trieb nach Forschung und\\nWissen, nach Entwickelung der geistigen Kr\u00c3\u00a4fte und Anlagen\\nin der Menschennatur begr\u00c3\u00bcndet findet. 11 So sagt er: \u00e2\u0080\u009eDer Th\u00c3\u00a4tig-\\nkeit des K\u00c3\u00b6rpers, der sich zu entwickeln strebt, folgt die Th\u00c3\u00a4tig-\\nkeit des Geistes, der sich zu unterrichten sucht. Anfangs bewegen\\nsich die Kinder nur, sp\u00c3\u00a4ter werden sie neugierig, und diese Neu-\\ngier ist, wenn sie gut geleitet wird, die bewegende Kraft f\u00c3\u00bcr das\\nAlter, bei welchem wir jetzt (12. Jahr) angekommen sind. Man muss\\nstets die von der Natur herr\u00c3\u00bchrenden Neigungen von denen, die aus\\nvorgefassten Meinungen entstanden sind, unterscheiden. Es giebt\\neinen Wissensdurst, der nur in dem Wunsche, f\u00c3\u00bcr gelehrt zu gelten,\\nseinen Grund hat; dagegen giebt es auch einen anderen, der aus\\neiner dem Menschen nat\u00c3\u00bcrlichen, \u00c3\u00bcber alles, was ihn nah oder fern\\ninteressieren kann, sich erstreckenden Wissbegierde entsteht. Der\\nx Die Triebe spielen schon im 2. Discours eine wichtige Rolle,\\nbesonders der Selbsterhaltungstrieb. (Cf. IV, 242; 245; 279.)\\n2 Tom. VIII, 65. 3 VIII, 313. 4 VIII, 86. 5 VIII, 86.\\n6 VIII, 33. 7 VIII, 129. 8 VIII, 92. 8 VIII, 313.\\n10 Tom. VIII, 173: \u00e2\u0080\u009eL homme est imitateur; le go\u00c3\u00bct de Fimitation\\nest de la nature bien ordonne e; mais il deg\u00c2\u00a3nere en vice dans la soci\u00c3\u00a4te.\\nn Im Discours de l inegalite dagegen sah er gleich den geselligen\\nTugenden die Vervollkommnungsf\u00c3\u00a4higkeit des Geistes als eine F\u00c3\u00a4higkeit\\nan, die sich niemals von selbst entwickeln k\u00c3\u00b6nne und welche ohne das\\ngelegentliche Zusammentreffen von mehreren fremden Ursachen ewig in\\nihrem primitiven Zustande verblieben w\u00c3\u00a4re. (Tom. IV, 276 f.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0053.jp2"}, "54": {"fulltext": "_ 44\\nangeborene Trieb nach Wohlsein und die Unm\u00c3\u00b6glichkeit, denselben\\nv\u00c3\u00b6llig zu befriedigen, bestimmen uns, unaufh\u00c3\u00b6rlich neue Mittel\\ndazu aufzusuchen. Dies ist die erste Grundlage der Wissbegierde,\\neine dem menschlichen Herzen nat\u00c3\u00bcrliche Grundlage, dessen Ent-\\nwicklung jedoch nur nach Verh\u00c3\u00a4ltnis unserer Leidenschaften und\\nunserer Einsichten geschieht\\nWie aus vorhergehendem zu ersehen ist, erscheint der Wille\\nnicht nur durch die Naturanlage des Menschen, sondern auch durch\\nden Einfluss der Gef\u00c3\u00bchle und Leidenschaften bis zu einem gewissen\\nGrade bestimmt. Trotzdem erkl\u00c3\u00a4rt Rousseau den Willen f\u00c3\u00bcr frei\\nund betrachtet die Freiheit als eine wesentliche Eigenschaft\\ndesselben 2 Sehen wir zu, worin diese Freiheit nach ihm besteht!\\n\u00e2\u0080\u009eMeine Freiheit, sagt er, besteht darin, dass ich nur wollen kann,\\nwas mir zutr\u00c3\u00a4glich ist oder was ich daf\u00c3\u00bcr halte, und ohne dass\\nirgend etwas mir Fremdes mich bestimmt 3 Mein Wille ist unab-\\nh\u00c3\u00a4ngig von meinen Sinnen; ich willige nun ein oder widerstehe;\\nich unterliege oder siege, stets f\u00c3\u00bchle ich ganz deutlich in meinem\\nInnern, ob ich gethan habe, was ich habe thun wollen, \u00c3\u00b6der ob\\nich nur meinen Leidenschaften nachgegeben habe. Stets habe ich\\ndie Macht, zu wollen, nicht immer aber die Kraft, das Gewollte\\nauch durchzuf\u00c3\u00bchren. \u00c3\u009cberlasse ich mich den Versuchungen, so\\nhandle ich dem Antriebe \u00c3\u00a4usserer Objekte gem\u00c3\u00a4ss. Mache ich mir\\nwegen dieser Schw\u00c3\u00a4che Vorw\u00c3\u00bcrfe, so h\u00c3\u00b6re ich nur meinen Willen;\\nich bin Sklave durch mein Laster, aber frei durch mein Gewissen;\\ndas Gef\u00c3\u00bchl meiner Freiheit erlischt in mir nur bei vollst\u00c3\u00a4ndiger\\nsittlicher Verdorbenheit, und wenn ich endlich die innere Stimme\\nder Seele verhindere, sich gegen die Herrschaft des K\u00c3\u00b6rpers zu\\nerheben 4\\nHiernach besteht die Freiheit des Willens bei Rousseau in\\nder jederzeit vorhandenen Kraft, zu wollen, und ist von der Frei-\\nheit des Handelns wohl zu unterscheiden; denn w\u00c3\u00a4hrend der Mensch\\njene Kraft immer besitzt, hat er doch nicht jederzeit die Kraft,\\n\u00e2\u0080\u009edas Gewollte auch auszuf\u00c3\u00bchren 5\\nTom. VIII, 317. Cf. IX, 71.\\n2 Dass die Freiheit nach Rousseau die f\u00c3\u00bcr die Menschennatur am\\nmeisten charakteristische Eigenschaft ist, ist aus dem 2. Discours schon\\nzu ersehen \u00e2\u0080\u009eC est surtout dans la conscience de cette liberte que se\\nmontre la spiritualite de son \u00c3\u00a4me. Tom. IV, 244. Cf. ausserdem\\nTom. IV, 205f; 210; 307; 311.\\n3 Tom. IX, 46.\\n4 Tom. IX, 45.\\n5 Am Schl\u00c3\u00bcsse dieser Ausf\u00c3\u00bchrungen erw\u00c3\u00a4hnen wir noch folgende,\\nf\u00c3\u00bcr seine ganze Naturanschauung wichtige Stelle: ,,En meditant sur la\\nnature de l homme, j y crus d^couvrir deux principes distincts, dont Fun\\nl elevoit l etude des verites eternelles, l amour de la justice et du\\nbeau moral, aux regions du monde intellectuel dont la contemplation\\nfait les delices du sage, et dont l autre le ramenoit bassement en lui-\\nmeme, l asservissoit l empire des sens, aux passions qui sont leurs", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0054.jp2"}, "55": {"fulltext": "45\\nNach alledem, was Rousseau hinsichtlich des Willens \u00c3\u00a4ussert,\\ngeht hervor, dass er in ihm eine eigenartige Seite der geistigen\\nNatur erblickt, die gleich der Gef\u00c3\u00bchlsseite dem Intellekte an Wich-\\ntigkeit voransteht 1\\nDas in vorstehendem gezeichnete Bild liegt der Rousseauschen\\nP\u00c3\u00a4dagogik zu Grunde, sofern es sich um die m\u00c3\u00a4nnliche Natur\\nhandelt. Seine Anschauungen \u00c3\u00bcber die weibliche Natur\\nzeigen im Vergleiche zu jenen folgende Abweichungen 2\\nIn allem, f\u00c3\u00bchrt er selbst bei seinem Vergleiche aus, was sich\\nnicht auf das Geschlecht bezieht, ist das Weib dem Manne gleich.\\nEs hat dieselben Organe, dieselben Bed\u00c3\u00bcrfnisse, dieselben F\u00c3\u00a4hig-\\nkeiten. Die Maschine ist auf dieselbe Weise konstruiert, die St\u00c3\u00bccke\\nderselben sind die n\u00c3\u00a4mlichen, das Spiel der einen ist dasselbe wie\\ndas der andern. Die Gestalt ist \u00c3\u00a4hnlich, und unter welchen Be-\\nziehungen man beide auch betrachten m\u00c3\u00b6ge, so unterscheiden sie\\nsich nur durch ein Mehr oder Weniger.\\nIn allem was sich dagegen auf das Geschlecht bezieht, haben\\nWeib und Mann \u00c3\u00bcberall \u00c3\u0084hnlichkeiten und \u00c3\u00bcberall Verschieden-\\nheiten 3 Indem Rousseau untersucht, \u00e2\u0080\u009ewas in der Konstitution\\neines jeden das Geschlecht angeht und was nicht findet er mit\\nGewissheit, \u00e2\u0080\u009edass alles Gemeinsame der Gattung, alles Verschiedene\\ndem Geschlechte angeh\u00c3\u00b6rt 4\\nWelche Verschiedenheiten entdeckt nun Rousseau im ein-\\nzelnen bei seinem Vergleiche der m\u00c3\u00a4nnlichen mit der weiblichen\\nNatur?\\nAls \u00e2\u0080\u009eersten wahrnehmbaren Unterschied zwischen den moralischen\\nVerh\u00c3\u00a4ltnissen des einen und des andern Geschlechts bezeichnet er\\nden: \u00e2\u0080\u009eDer eine soll th\u00c3\u00a4tig und stark, das andere leidend und\\nschwach sein. Das eine muss notwendig wollen und k\u00c3\u00b6nnen, f\u00c3\u00bcr\\ndas andere gen\u00c3\u00bcgt es, einen schwachen Widerstand zu leisten 5\\nFerner bemerkt er: Indem das h\u00c3\u00b6chste Wesen dem Manne Neigungen\\nohne Mass verlieh, gab es ihm gleichzeitig das Gesetz, welches\\ndieselben regelt, damit er frei sei und sich selbst beherrsche. Und\\nindem es dem Weibe unbegrenztes Verlangen gab, gesellte es zu\\ndiesem Verlangen die Scham, um es im Zaume zu halten 6 Aus\\nder verschiedenen Naturanlage der beiden Geschlechter schliefst er\\nministres, et contrarioit par elles tout ce que lui inspiroit le sentiment\\ndu premier.\\nJ G\u00c3\u00b6ssgen, a. a. O. 25.\\n2 Rousseau hat der Erforschung der weiblichen Natur viel geringere\\nAufmerksamkeit zugewendet als dem Studium der m\u00c3\u00a4nnlichen. Insofern\\ner das weibliche Wesen im Verh\u00c3\u00a4ltnisse zu letzterem darstellt, sind seine\\ndiesbez\u00c3\u00bcglichen Anschauungen mit in Betracht zu ziehen.\\n3 Tom. IX, 219.\\n4 u. 5 Tom. IX, 220. Hieraus folgert er \u00e2\u0080\u009eals Bestimmung des\\nWeibes die, dem Manne zu gefallen (IX, 220).\\n6 Tom. IX, 223.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0055.jp2"}, "56": {"fulltext": "46\\nsodann, \u00e2\u0080\u009edass der St\u00c3\u00a4rkere dem Anscheine nach der Herr ist, in\\nder That aber von der Schw\u00c3\u00a4cheren abh\u00c3\u00a4ngt, und zwar nach einem\\nunab\u00c3\u00a4nderlichen Naturgesetze, welches dem Weibe eine gr\u00c3\u00b6ssere\\nLeichtigkeit gab, Verlangen zu erregen, als dem Manne, sie zu be-\\nfriedigen. So machte es diesen, m\u00c3\u00b6ge er es anstellen, wie er wolle,\\nabh\u00c3\u00a4ngig von der Geneigtheit des Weibes und zwang ihn, dass er\\nauch seinerseits ihm zu gefallen suche, damit ihm das Weib auch\\neinr\u00c3\u00a4ume, der St\u00c3\u00a4rkere zu sein\\nWenn wir nach dieser allgemeinen Charakterisierung der\\nweiblichen Natur und ihrer Stellung zum m\u00c3\u00a4nnlichen Geschlechte\\nRousseau fragen, mit welchen geistigen Anlagen die Natur das\\nWeib ausger\u00c3\u00bcstet habe, so antwortet er: Die Natur hat es nicht\\ngeboten, dass der Mann, um seine Gef\u00c3\u00a4hrtin besser unterwerfen zu\\nk\u00c3\u00b6nnen, bewirkt, dass sie nichts f\u00c3\u00bchlt und dass sie nichts weiss,\\ndass er einen wahrhaften Automaten aus ihr macht, sondern sie\\nwill im Gegenteil, dass das Weib denke, dass es urteile, dass es\\nliebe, dass es Kenntnisse erwerbe, dass es seinen Geist pflege wie\\nseinen K\u00c3\u00b6rper 2 Das sind die Waffen, f\u00c3\u00bcgt er hinzu, welche ihm\\ndie Natur als Ersatz f\u00c3\u00bcr die ihm versagte St\u00c3\u00a4rke 3 gegeben hat 4\\nW\u00c3\u00a4hrend so Rousseau der weiblichen Natur dieselben geistigen\\nF\u00c3\u00a4higkeiten zuspricht wie der m\u00c3\u00a4nnlichen, sind doch die der\\nersteren von denen der letzteren qualitativ verschieden. War es\\neine Eigenheit des m\u00c3\u00a4nnlichen Urteils, dass dasselbe lediglich auf\\nseine eigene Einsicht und \u00c3\u009cberzeugung gegr\u00c3\u00bcndet, also selbst\u00c3\u00a4ndig\\ngef\u00c3\u00a4llt wird, so sind \u00e2\u0080\u009edie Frauen nach dem Gesetze der Natur,\\nsowohl was sie selbst als ihre Kinder betrifft, von dem Urteil der\\nM\u00c3\u00a4nner abh\u00c3\u00a4ngig 5 Da das Verst\u00c3\u00a4ndnis sich bei den M\u00c3\u00a4dchen\\nfr\u00c3\u00bcher entwickelt als bei den Knaben 6 sind erstere im allgemeinen\\nlenksamer als diese. Trotzdem reicht ihre Fassungskraft nicht\\nheran an die der Knaben 7 Ihre Vernunft ist eine praktische,\\nwelche sie sehr geschickt die Mittel zur Erreichung eines bekannten\\nM Tom. IX, 224.\\n2 Tom. IX, 234.\\n3 Tom. IX, 251 bezeichnet Rousseau die dem weiblichen Geschlecht\\nvon der Natur verliehene eigent\u00c3\u00bcmliche List als eine sehr billige Ent-\\nsch\u00c3\u00a4digung f\u00c3\u00bcr seinen Mangel an St\u00c3\u00a4rke.\\n4 Tom. IX, 234, 336: \u00e2\u0080\u009eL empire de la femme est un empire de\\ndouceur, d adresse et de complaisance ses ordres sont des caresses,\\nses menaces sont des pleurs.\\n5 Tom. IX, 235: Daher ist die erste und wichtigste Eigenschaft\\neiner Frau die Sanftmut (IX, 247). Auch ihr Glaube ist der Autorit\u00c3\u00a4t\\nunterworfen (IX, 264). \u00c3\u009cbrigens ist \u00e2\u0080\u009eAbh\u00c3\u00a4ngigkeit \u00c3\u00bcberhaupt ein den\\nFrauen nat\u00c3\u00bcrlicher Zustand, und die M\u00c3\u00a4dchen f\u00c3\u00bchlen sich zum Gehorchen\\ngeschaffen (IX, 247).\\n6 Tom. IX, 244.\\n7 Tom. IX, 263: \u00e2\u0080\u009eDie Frauen haben ein viel fr\u00c3\u00bcher entwickeltes\\nUrteil als die M\u00c3\u00a4nner; notwendigerweise muss ihnen das Gute und das\\nB\u00c3\u00b6se fr\u00c3\u00bcher bekannt sein (IX, 312). \u00e2\u0080\u009eAuch sprechen sie fr\u00c3\u00bcher, leichter\\nund angenehmer als die M\u00c3\u00a4nner (IX, 261).", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0056.jp2"}, "57": {"fulltext": "47\\nZieles, nicht aber dieses selbst finden l\u00c3\u00a4sst 1 Ist der m\u00c3\u00a4nnliche\\nGeist imstande, bis zu den h\u00c3\u00b6chsten Prinzipien aufzusteigen, so ist\\nes der weiblichen Natur eigen, in das Einzelne einzudringen 2\\nW\u00c3\u00a4hrend bei dem Manne \u00c3\u00bcberhaupt der Verstand vorwaltet, steht\\ndas Weib mehr unter der Herrschaft des Gef\u00c3\u00bchls. Aus ihm er-\\nwachen alle jene nat\u00c3\u00bcrlichen Tugenden, welche von ihrer Lebens-\\nstellung unzertrennlich sind: der Gehorsam und die Treue, welche\\nsie ihrem Manne, die Z\u00c3\u00a4rtlichkeit und Sorgfalt, welche sie ihren\\nKindern schuldet, sind so nat\u00c3\u00bcrliche und offenbare Folgen ihrer\\nStellung, dass sie, ohne unredlich zu sein, dem sie leitenden\\ninnern Gef\u00c3\u00bchle ihre Zustimmung nicht versagen, noch die Pflicht\\nin ihrer noch unverdorbenen Neigung verkennen kann 3 Wie das\\nVerst\u00c3\u00a4ndnis, entwickelt sich auch das Gef\u00c3\u00bchl f\u00c3\u00bcr das Schickliche\\nund Ehrbare fr\u00c3\u00bcher bei den M\u00c3\u00a4dchen als bei den Knaben 4\\nIhre wahre Auspr\u00c3\u00a4gung und Bedeutung gewinnen beide Na-\\nturen erst dadurch, dass sie durch ihre Vereinigung einander\\nerg\u00c3\u00a4nzen. Das eigent\u00c3\u00bcmliche Verh\u00c3\u00a4ltnis, welches hieraus entsteht,\\nbeschreibt Rousseau folgendermassen Aus dieser Geselligkeit ent-\\nsteht ein moralisches Wesen, von welchem die Frau das Auge,\\nder Mann der Arm ist. Beide sind aber so voneinander abh\u00c3\u00a4ngig,\\ndass der Mann es ist, welcher die Frau lehrt, was sie sehen, und\\ndie Frau, welche den Mann lehrt, was er thun soll. In der Har-\\nmonie, welche zwischen beiden herrscht, dient alles einem gemein-\\nsamen Zwecke. Man weiss nicht, welches am meisten dazu bei-\\ntr\u00c3\u00a4gt 5 Jedes folgt dem Anstoss des andern, jedes gehorcht, und\\nalle beide sind Herren 6\\nWie aus diesen Z\u00c3\u00bcgen zu ersehen ist, ist Rousseau hinsichtlich\\nseiner Auffassung des* weiblichen Wesens noch sehr in den sozialen\\nAnschauungen seiner Zeit befangen 7\\nNachdem wir in vorstehendem die anthropologischen An-\\nschauungen Rousseaus in rein sachlicher Weise zur Darstellung\\ngebracht haben, wollen wir versuchen, dieselben einer kurzen kri-\\ntischen Pr\u00c3\u00bcfung zu unterziehen.\\nTom. IX, 264, 278: ,,La raison qui mene l homme la connois-\\nsance de se devoirs n est pas fort composee; la raison qui mene la femme\\nla connoissance des siens est plus simple encore.\\n2 Tom. IX, 264, 283: \u00e2\u0080\u009eLa presence d esprit, la penetration, les\\nobservations fines, sont la science des femmes; l habilite de s en prevalvir\\nest leur talent.\\n3 Tom. IX, 278.\\n4 Tom. IX, 260. Bez\u00c3\u00bcglich der H\u00c3\u00b6flichkeit beobachtet Kousseau\\nden nat\u00c3\u00bcrlichen Unterschied zwischen beiden Naturen, dass die H\u00c3\u00b6flich-\\nkeit der M\u00c3\u00a4nner mehr dienstfertig, die der Frauen mehr einschmeichelnd\\nist (IX, 261 f.).\\n5 Cf. dagegen tom. IX, 220.\\n6 Tom. IX, 263; 186.\\n7 Tom. IX, 278.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0057.jp2"}, "58": {"fulltext": "48\\nIm Interesse sowohl eines tieferen Verst\u00c3\u00a4ndnisses als auch\\neiner objektiven W\u00c3\u00bcrdigung derselben wird es hierbei vor allem\\ndarauf ankommen, sich dar\u00c3\u00bcber Rechenschaft zu geben, wie er zu\\nihnen gelangt ist, welche Beziehungen und Faktoren auf\\nihre Auspr\u00c3\u00a4gung von Einfluss waren.\\nDie Methode Rousseaus ist, wie er selbst betont, die em-\\npirische oder \u00e2\u0080\u009edie Methode der Natur 1 Sie besteht in an-\\ndauernder und sorgf\u00c3\u00a4ltiger Beobachtung und Erforschung der\\nKindesnatur 2 Obschon diese Methode nicht neu war, so geb\u00c3\u00bchrt\\nRousseau ohne Zweifel das Verdienst, ihr durch das Feuer seiner\\nBeredsamkeit zu weitgehender und bleibender Bedeutung und An-\\nwendung auf dem Gebiete der Erziehung verholfen zu haben.\\nAuch l\u00c3\u00a4sst sich nicht leugnen, dass er mit Hilfe derselben infolge\\nder ihm eigenen scharfen Beobachtungsgabe ausser offen daliegenden\\nauch verstecktere, sogar feine und zarte Seiten in der Kindesnatur\\ngl\u00c3\u00bccklich erkannt hat.\\nSo sehr nun aber auch Rousseau auf diese Methode \u00c3\u00bcberall\\nhinweist und so sicher er auch selbst darauf pocht, so w\u00c3\u00bcrde man\\nsich doch einer T\u00c3\u00a4uschung hingeben, wollte man ihm ohne weiteres\\nGlauben schenken und seine Anschauungen \u00c3\u00bcber die Kindesnatur\\nin ihrem ganzen Umfange lediglich als Fr\u00c3\u00bcchte jener Methode, als\\nResultate thats\u00c3\u00a4chlich eigener Beobachtung ansehen. In Wirklich-\\nkeit bilden wohl die durch eigene Beobachtung gewonnenen An-\\nschauungen den Grundstock seiner Naturauffassung; auf die weitere\\nAusgestaltung derselben haben indessen die verschiedensten\\nFaktoren ihren Einfluss geltend gemacht. Suchen wir jetzt\\ndiesen Einfluss festzustellen!\\nWenn Rousseau von sich gesteht: Meine Art, zu sehen, ist\\neine andere als die anderer Menschen 3 so findet dieses Bekenntnis\\neine gewisse Best\u00c3\u00a4tigung in der eigent\u00c3\u00bcmlichen Thatsache, dass in\\nRousseaus Naturauffassung offenkundige Verst\u00c3\u00b6sse gegen alle Er-\\nfahrung mit Beobachtungen, welche von psychologisch bemerkens-\\nwerter Feinheit zeugen, in auff\u00c3\u00a4lligster Weise vereinigt sind. Der\\ntiefere Grund dieser sonderbaren Erscheinung ist in erster Linie\\nin dem Umst\u00c3\u00a4nde zu suchen, dass Rousseau, der ja in allem, was\\ner schrieb, seine Eigenart zu erkennen gab, auch die Natur des\\nKindes unter dem Eindrucke seiner eigenen betrachtete\\nund Z\u00c3\u00bcge der letzteren unvermerkt auf die Natur des Kindes\\n\u00c3\u00bcbertrug 4 Wir erinnern in dieser Beziehung nur an jenes der\\nx Tom. VIII, 136; 209; IX, 131. 2 Tom. VIII, 516.\\n8 Tom. VIII, 13. Cf. den Anfang der Confess. (tom. I, 3 ff.).\\n4 Eousseau meinte ja, dass sein einsames und zur\u00c3\u00bcckgezogenes\\nLeben es ihm erm\u00c3\u00b6gliche, die wahre Natur, die Grundz\u00c3\u00bcge zu finden,\\ndie durch \u00c3\u00a4ussere, k\u00c3\u00bcnstliche Verh\u00c3\u00a4ltnisse, welche Kultur und soziales\\nLeben mit sich f\u00c3\u00bchren, verwischt und verdreht waren. Cf. Hoff ding,\\na. a. 0. 108.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0058.jp2"}, "59": {"fulltext": "49\\nMenschennatur nach ihm wesenhafte Bed\u00c3\u00bcrfnis nach Freiheit und\\nUnabh\u00c3\u00a4ngigkeit, sowie an die hohe Bedeutung, welche er dem Ge-\\nf\u00c3\u00bchle zuschrieb. Dass er diesen Momenten eine solche hervor-\\nstechende Bedeutung zuerkannte, d\u00c3\u00bcrfte schwerlich auf eigene Be-\\nobachtung des kindlichen Wesens als vielmehr auf die in seinem\\neigenen Wesen wahrzunehmenden gleichen Tendenzen zur\u00c3\u00bcckzu-\\nf\u00c3\u00bchren sein.\\nWie so die Eigenart seiner Natur von bestimmendem Einfl\u00c3\u00bcsse\\nauf seine Auffassung der Kindesnatur war, so war es nicht minder\\ndie in seltenem Grade reiche und mannigfaltige Erfahrung 1 die\\ner in Bezug auf die Menschen \u00c3\u00bcberhaupt gemacht hatte.\\nIndem er aus dieser Erfahrung alle Verschiedenheit und alles Er-\\nk\u00c3\u00bcnstelte ausschied, glaubte er in dem allen Menschen Gemein-\\nsamen das Wesenhafte der Menschennatur gefunden zu haben und\\nschrieb es alsdann der durch keinerlei Einfl\u00c3\u00bcsse entstellten Kindes-\\nnatur zu. Dass er durch diese Quelle seine thats\u00c3\u00a4chliche Einzel-\\nbeobachtung erg\u00c3\u00a4nzte, gesteht er selbst. Ich st\u00c3\u00bctze mich, sagt er,\\nnicht auf das, was ich erdacht, sondern auf das, was ich gesehen\\nhabe. Es ist wahr, ich habe meine Erfahrungen nicht bloss inner-\\nhalb der Mauern der Stadt, noch auch unter einer Klasse von\\nMenschen gesammelt; allein, nachdem ich w\u00c3\u00a4hrend meines der\\nBeobachtung gewidmeten Lebens 2 so viele St\u00c3\u00a4nde und V\u00c3\u00b6lker\\nverglichen habe, habe ich alles dasjenige als erk\u00c3\u00bcnstelt ausgeschieden,\\nwas nur dem einen Volke und dem einen Stande und nicht zu-\\ngleich dem andern eigen war, und nur das als unbestreitbar allen\\nMenschen zugeh\u00c3\u00b6rig betrachtet, was allen, welchem Alter, welchem\\nRange und welcher Nation sie auch angeh\u00c3\u00b6ren mochten, gemein-\\nsam war 3\\nAls ein weiterer f\u00c3\u00bcr die Ausgestaltung seiner Naturanschauung\\nn Betracht zu ziehender Faktor ist bis zu einem gewissen Grade\\ndie objektive Natur zu erw\u00c3\u00a4hnen. Manche der Kindesnatur\\nvon ihm ohne weiteres zugeschriebenen Eigenschaften haben sicher-\\nlich ihre Quelle in seinen Beobachtungen der \u00c3\u00a4usseren Natur. So\\nliegt z. B. nach unserer Anschauung eine Bezugnahme auf die\\nobjektive Natur viel n\u00c3\u00a4her, wenn er die Beobachtung macht, dass\\nsich die Natur von innen heraus, aus sich selbst entwickelt, oder\\nwenn er ferner viel Gewicht darauf legt, dass ihre Entwicklung\\nlangsam und ohne Spr\u00c3\u00bcnge geschehe. Dazu fehlt es ja auch seiner\\nx In seinen Confess. unterscheidet Kousseau selbst die durch Er-\\nfahrung gewonnenen Ansichten von den durch Beobachtung erzielten\\n(part. I, livr. II; tom. I, 96).\\nDie Anregung zum \u00e2\u0080\u009eStudium der Menschen seiner Lieblings-\\nbesch\u00c3\u00a4ftigung, f\u00c3\u00bchrt Eousseau auf Fr\u00c3\u00a4ulein du Chatelet zur\u00c3\u00bcck (Confess.\\npartie I, livre IV; tom. I, 273).\\n3 Tom. VIII, 5161\\n4", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0059.jp2"}, "60": {"fulltext": "50\\nP\u00c3\u00a4dagogik nicht an zahlreichen Analogien mit der ihn umgebenden\\n\u00c3\u00a4ussern Natur 1\\nNoch andere Z\u00c3\u00bcge seines Naturbegriffes weisen auf die fr\u00c3\u00bc-\\nheren Entwicklungsstadien seiner Naturanschauung hin.\\nSo ist jene f\u00c3\u00bcr seine Psychologie, Ethik und P\u00c3\u00a4dagogik charak-\\nteristische und bedeutungsvolle Anschauung von der urspr\u00c3\u00bcnglichen\\nG\u00c3\u00bcte der Menschennatur offenbar nicht auf dem Wege der Er-\\nfahrung und Beobachtung gewonnen, sondern von seinem theolo-\\ngischen Naturbegriff entlehnt und mit dem anthropologischen ver-\\nschmolzen worden. In gleicher Weise machten auch die Ergebnisse\\nseiner im Discours de l inegalite augestellten Nachforschungen \u00c3\u00bcber\\nden Naturzustand ihren Einfluss auf seine Ansicht \u00c3\u00bcber die Kindes-\\nnatur in mehr denn einer Hinsicht geltend 2 So erinnern unver-\\nkennbar daran das so oft zur St\u00c3\u00bctze seiner Anschauungen herbei-\\ngezogene Leben der Wilden 3 das klassische Altertum 4 das\\nprimitive Land- und Hirtenleben 5 sowie sein Preis der nat\u00c3\u00bcrlichen\\nUnwissenheit und die Langsamkeit der geistigen Entwicklung 6\\nWas von den beiden fr\u00c3\u00bcheren Formen seines Naturbegriffes\\nhinsichtlich ihrer Beziehung zum p\u00c3\u00a4dagogischen Naturbegriff gilt,\\ngilt bis zu einem gewissen Grade von seinen fr\u00c3\u00bcheren Anschauungen\\n\u00c3\u00bcberhaupt; denn je tiefer man seinen Gedankeng\u00c3\u00a4ngen nachsp\u00c3\u00bcrt,\\num so mehr F\u00c3\u00a4den finden sich, welche von ihm fortgesponnen\\nwerden, und um so mehr Anschauungen begegnet man, welche\\nbald in gleicher Form, bald in modifizierter Gestalt wieder auf-\\ntauchen und welche schliesslich in dem alles beherrschenden Natur-\\nbegriff bei ihm eine merkw\u00c3\u00bcrdige Synthese eingehen. Sein eigenes\\nBekenntnis, das er nach einem R\u00c3\u00bcckblicke auf seine Wirksamkeit\\ngegen\u00c3\u00bcber dem Erzbischof von Beaumont ablegte, findet auch hier\\nseine Best\u00c3\u00a4tigung. Dort sagt er: Ich habe \u00c3\u00bcber verschiedene\\nMaterien geschrieben, aber immer nach einerlei Grunds\u00c3\u00a4tzen: Immer\\ndieselbe Moral, denselben Glauben und auch dieselben Meinungen 7\\nTom. VIII, 18; 20; 23; 36; 96 u. a. Dass letztere von ihm\\nBer\u00c3\u00bccksichtigung erfahren und ihren Einfluss auf seine Anschauung be-\\nz\u00c3\u00bcglich der subjektiven Natur geltend machen musste, wird begreiflich,\\nwenn wir uns einerseits erinnern, einer wie warmen, scharfen und sinnigen\\nAuffassung der \u00c3\u00a4usseren Natur der Verfasser der Nouvelle HeTioise und\\nder Confess. f\u00c3\u00a4hig gewesen und wenn wir anderseits bedenken, wie\\nwenig Gelegenheit er selbst eigentlich gehabt, Kindesnaturen zu belauschen,\\nweder eigene noch fremde.\\n2 Da die historische Anthropologie zeigt, dass die Grundtendenzen\\ndes Menschen im wesentlichen immer dieselben bleiben, so ist obiger\\nEinfluss zum guten Teil berechtigt.\\n3 Tom. VIII, 459; 492; 517 f.; 527.\\n4 Tom. IX, 191.\\n6 Tom. VIII, 445.\\n6 In dieser Beziehung verweist er selbst auf den zweiten Discours\\n(VIII, 527).\\n7 Philosophische Werke, a. a. O. I, 208.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0060.jp2"}, "61": {"fulltext": "51\\nUm ein weiteres Moment noch hervorzuheben, welches f\u00c3\u00bcr\\nRousseaus Naturauffassung, insbesondere f\u00c3\u00bcr das befremdliche der-\\nselben, zu beachten ist, muss an jenen Umstand erinnert werden,\\ndass er seine Ansichten kund gab im Gegensatze zu der her-\\nk\u00c3\u00b6mmlichen und allgemeinen Nichtachtung und Verkennung\\nder Kindesnatur 1 Ohne Zweifel ist es diesem Beziehungspunkte\\nzuzuschreiben, wenn er, um ja die Aufmerksamkeit auf sich und\\nbesonders auf das Neue seiner Anschauungen zu lenken, sich so\\noft in Extreme und Widerspr\u00c3\u00bcche verirrte.\\nWie oben schon angedeutet, stellte sich unser Begriff als ein\\neigenartiger Verkn\u00c3\u00bcpfungspunkt der verschiedensten und besonders\\nauch der grundlegendsten Ansichten Rousseaus dar. Damit h\u00c3\u00a4ngt\\nferner zusammen, dass in ihm auch seine durch autodidaktische\\nStudien 2 und eigene Reflexion gewonnenen allgemein philo-\\nsophischen \u00c3\u009cberzeugungen mehr oder minder zum Ausdruck\\nkamen. Eine tiefer gehende Analyse dieses Begriffes hat deshalb\\nauf diesen philosophischen Hintergrund, auf seine allgemeine\\nStellung zu den herrschenden Geistesrichtungen seiner Zeit R\u00c3\u00bcck-\\nsicht zu nehmen 3\\nWerfen wir zu diesem Zwecke einen fl\u00c3\u00bcchtigen kritischen\\nBlick auf die oben dargelegten Anschauungen, so bemerken wir,\\ndass Rousseaus Erkenntnistheorie in unverkennbar n\u00c3\u00a4chster Be-\\nziehung zum Lockeschen Empirismus steht. Ohne hier dieses\\nAbh\u00c3\u00a4ngigkeitsverh\u00c3\u00a4ltnis im einzelnen nachzuweisen, sei zur all-\\ngemeinen Kennzeichnung desselben nur gesagt, dass Rousseau\\ndiesem Vorg\u00c3\u00a4nger in fast allen wesentlichen Punkten gefolgt ist\\nund nur an verh\u00c3\u00a4ltnism\u00c3\u00a4ssig wenigen und weniger bedeutenden\\nStellen sich von ihm entfernt oder in bewussten Gegensatz zu ihm\\ngestellt hat 4\\nDieser Abh\u00c3\u00a4ngigkeit von Locke sich bewusst, sucht er nun\\ndessen Empirismus zu verteidigen gegen die Extreme und Ent-\\n1 Tom. VIII, 516; 110; 173: \u00e2\u0080\u009eApprofondissez toutes les regles de\\nvotre education, vous les trouverez ainsi toutes contre-sens, surtout en\\nce qui concerne les vertus et les moeurs.\\n2 \u00c3\u009cber den Betrieb derselben cf. Confess., p. I, livre VI; tom.\\nI, 378 ff.\\n3 Was seine Studien in Chambery, wo er besonders eifrig studierte,\\nanlangt, so berichtet er selbst: \u00e2\u0080\u009eJe commencois par quelque livre de\\nphilosopliie, comme la Logique de Port-Royal, l Esai de Locke, Male-\\nbranche, Leibniz, Descartes, etc. (Confess. tom. 1,383. Cf. auch\\nI, 391).\\n4 Um nur einiges anzuf\u00c3\u00bchren: Eousseau macht im Gegensatz zu\\nLocke schon die Bildung der einfachen Ideen von der Aktivit\u00c3\u00a4t des\\nGeistes abh\u00c3\u00a4ngig (Cf. Essay. \u00c3\u009cbersetzt von v. Kirchmann, 2. Aufl. I, 120),\\nerhebt ferner das Gef\u00c3\u00bchl zu einer selbst\u00c3\u00a4ndigen Quelle der Ideen\\nund begr\u00c3\u00bcndet darauf sein System der Moral. Eine genaue Unter-\\nsuchung \u00c3\u00bcber das Verh\u00c3\u00a4ltnis Rousseaus zu Locke hat Corwin, a. a. O.,\\nangestellt.\\n4*", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0061.jp2"}, "62": {"fulltext": "52\\nStellungen, welche derselbe auf franz\u00c3\u00b6sischem Boden in dem Sen-\\nsualismus eities Condillac 1 und Helvetius 2 sowie in dem\\nMaterialismus eines Diderot und Holbach erfahren hatte 3\\nLiegen diese Beziehungen seiner Philosophie offen zu Tage,\\nso fehlt es auch nicht an mancherlei Zusammenh\u00c3\u00a4ngen, welche\\nzwischen anderen Richtungen der Philosophie und seinen Grund-\\nanschauungen ohne Zweifel vorhanden waren und welche gleich-\\nfalls, wenn auch in mehr versteckter Weise, auf die Auspr\u00c3\u00a4gung\\nseiner philosophischen Ansichten von Bedeutung wurden.\\nSo scheint seine Stellung zu Wissenschaft und Kunst, zu\\nGesellschaft und Kultur mit seinem Studium der neueren Skepsis 4\\nin naher Beziehung zu stehen 5 w\u00c3\u00a4hrend anderseits seine opti-\\nmistische und harmonistische Weltanschauung in dem Studium von\\nLeibniz und Plato eine ihrer Quellen haben d\u00c3\u00bcrfte. War ferner\\nf\u00c3\u00bcr die dualistische Auffassung seines Substanzbegriffes wie auch\\nf\u00c3\u00bcr den Gang seiner religionsphilosophischen Untersuchungen die\\nDescartsche Philosophie von bestimmendem Einfl\u00c3\u00bcsse 6 so be-\\nwahrt er sich anderseits ihr gegen\u00c3\u00bcber eine gewisse Selbst\u00c3\u00a4ndig-\\nkeit, indem er die kausale Weltanschauung derselben energisch\\nbek\u00c3\u00a4mpft, um an der von Plato und Aristoteles zur Geltung\\ngebrachten und durch das ganze Mittelalter hindurch herrschenden\\nJ Condillac erkennt nicht mehr wie Locke in der inneren Wahr-\\nnehmung eine zweite, selbst\u00c3\u00a4ndige Quelle von Vorstellungen neben der\\nsinnlichen Wahrnehmung an, sondern sucht aus der letzteren als der ein-\\nzigen Quelle alle Vorstellungen abzuleiten. Cf. \u00c3\u009cberweg-Heinze, a. a. O.\\nIII, 1. p.,217.\\n2 Auch Helvetius betrachtet die Sensation als einzige Quelle der\\nErkenntnis.\\n3 \u00c3\u009cber seinen Verkehr mit den encyklop\u00c3\u00a4distischen Freunden cf.\\nConfess. p. II., 1. VII; Tom. II, 115 ff, wo er auch ihren Einfluss auf seine\\nEntwicklung zu sch\u00c3\u00a4tzen weiss. Besonders beobachten l\u00c3\u00a4sst sich seine\\nStellung zum Sensualismus und Materialismus bei der Fixierung der\\nBegriffe Substanz, Materie, Wille und Seele in \u00e2\u0080\u009eProfession de foi du\\nricaire de Savoyard (Tom. IX, 12ff.)\\n4 Rousseau hatte Pierre Bayle fleissig studiert. (\u00e2\u0080\u009eMadame de\\nWarens ne parloit que de Bayle Confess. p. I. 1. III; Tom. I. 175).\\nBayle, der mit seinem zersetzenden Zweifel von bedeutendem Einfluss auf\\ndie ganze geistige Entwicklung des 18. Jahrhunderts gewesen ist, wird\\nauch auf Rousseau nicht ohne Einfluss geblieben sein. (\u00c3\u009cberweg-\\nHeinze, a. a. O. III, 1. 93.)\\n5 In Bezug auf den ersten Discours weist Krueger (\u00e2\u0080\u009eFremde\\nGedanken in J. J. Rousseaus 1. Discours. Diss. Halle. 1891) nach, dass\\nRousseau alles Brauchbare und Interessante anderswo aufgelesen hat.\\nInsbesondere zeigt er die Verwandtschaft und Ankl\u00c3\u00a4nge, welche sich\\nzwischen der skeptischen Ansicht Rousseaus vom menschlichen Wissen\\nund den Anschauungen eines Agrippa von Nettesheim (de incertitud. et\\nvanitate scientiar.), eines Lilio Gregorio Giraldi, eines Bernard Mande-\\nville, sowie eines Montaigne und Hobbes finden.\\n6 Cf. Tom. VIII, 521; Tom IX, 15; 28.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0062.jp2"}, "63": {"fulltext": "53\\nteleologischen Auffassung festzuhalten. Wenn er schliesslich in\\nethischen und religi\u00c3\u00b6sen Fragen gegen\u00c3\u00bcber dem Intellektualismus\\nder Aufkl\u00c3\u00a4rungsphilosophie auf Gef\u00c3\u00bchlsmoral und Gef\u00c3\u00bchlsreligion\\ndringt, so liegen hier unstreitig Einfl\u00c3\u00bcsse der englischen Moral-\\nphilosophen, besonders Shaftesburys 1 vor 2\\nAlle diese Beziehungen seiner im wesentlichen eklektischen\\nPhilosophie sind neben den vorher angef\u00c3\u00bchrten Faktoren mit ins\\nAuge zu fassen, um die eigenartige Auspr\u00c3\u00a4gung seiner anthro-\\npologischen Anschauungen zu verstehen.\\nDiese kritischen Betrachtungen, welche den Quellen und Be-\\ndingungen der Entstehung und Gestaltung der Rousseauschen\\np\u00c3\u00a4dagogischen Naturanschauung nachgingen, d\u00c3\u00bcrften f\u00c3\u00bcr das histo-\\nrische Verst\u00c3\u00a4ndnis derselben gen\u00c3\u00bcgen. Eine anderweite, sonst \u00c3\u00b6fter\\nzu findende Kritik, nach Massgabe des heutigen Standpunktes der\\nWissenschaft seine Anschauungen einer Pr\u00c3\u00bcfung zu unterwerfen,\\nscheint uns, wenn \u00c3\u00bcberhaupt gerechtfertigt 3 f\u00c3\u00bcr unseren Zweck\\nnicht erforderlich.\\nAls Resultat vorstehender Betrachtung geht hervor, dass der\\np\u00c3\u00a4dagogische Naturbegriff Rousseaus ein aus den ver-\\nschiedensten Elementen zusammengesetzter Begriff ist.\\nIn ihm sind die Beobachtungen der Kindes- und Men-\\nschennatur mit den Grundtendenzen sowohl seines\\neigenen Wesens als auch seiner allgemein philosophischen\\nAnschauungen eine merkw\u00c3\u00bcrdige Synthese eingegangen.\\nDieser eigent\u00c3\u00bcmlichen Entstehungsweise zufolge tritt uns der an\\nund f\u00c3\u00bcr sich sonst so fassbare und klare Begriff der Menschen-\\nnatur bei Rousseau entgegen als ein Begriff, in welchem gar viel-\\nseitige und unter einander mannigfach verwickelte Beziehungen\\neingeschlossen sind.\\nx Shaftesbury findet wie Rousseau das Sittliche in der\\nXatur des Menschen begr\u00c3\u00bcndet und legt den Leidenschaften (\u00e2\u0080\u009eTheorie\\nder Affekte eine ausserordentlich hohe Bedeutung bei. Ferner tritt\\nbei ihm die Verbindung des moralischen mit dem \u00c3\u00a4sthetischen Gesichts-\\npunkte bereits hervor, wie er auch die Tugend mit der Gl\u00c3\u00bcckseligkeit in\\nnahe Verbindung bringt. (\u00c3\u009cberweg-Heinze, a. a. 0. III, 1. 156ff.)\\nAuf seine religionsphilosophischen Ideen waren auch von Einfluss Male-\\nbranche und Fenelon.\\n2 Dass der Rousseausche Naturbegriff wie der der Refornip\u00c3\u00a4dagogiker\\ndes 16. und 17. Jahrhunderts (Dinkler, Der Begriff der Natur-\\ngem\u00c3\u00a4ssheit etc. Diss. Leipzig 1897.) auch mit den Anschauungen der\\nStoiker (besonders Epiktets) und der Philosophen der Renaissance\\n(besonders Campanellas) manche Ber\u00c3\u00bchrungspunkte hat, sei nur nebenbei\\nerw\u00c3\u00a4hnt\\n3 Wir bekennen uns in dieser Beziehung zu der oben p. 3 Anm. 1\\nerw\u00c3\u00a4hnten Anschauung E. v. Sallw\u00c3\u00bcrks.\\n4 \u00c3\u009cbrigens verweisen wir hier auf die an den einzelnen Stellen\\nbereits eingeflochtenen, sowie auf die an geeigneter Stelle noch folgenden\\nkritischen Bemerkungen.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0063.jp2"}, "64": {"fulltext": "54\\nIII.\\nFeststellung der typischen Z\u00c3\u00bcge in Rousseaus Anthro-\\npologie und der daraus resultierenden p\u00c3\u00a4dagogischen\\nKonsequenzen.\\nWenden wir uns nun der Aufgabe zu, die Geltendmachung\\ndes Naturprinzips in Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik nachzuweisen,\\nso wird es sich darum handeln, zu zeigen, ob bez. wie jene anthro-\\npologischen Anschauungen seinen p\u00c3\u00a4dagogischen Massnahmen wirk-\\nlich zu Grunde liegen.\\nF\u00c3\u00bcr die L\u00c3\u00b6sung dieser Aufgabe bieten sich uns verschieden e Wege.\\nWollte man der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik am n\u00c3\u00a4chsten sich\\nanschliessen, so m\u00c3\u00bcsste man den einzelnen Lebensaltern folgen und\\nin jedem die eigenartigen nahen Beziehungen seiner Ratschl\u00c3\u00a4ge zur\\nNatur des Z\u00c3\u00b6glings aufweisen.\\nDieses Verfahren h\u00c3\u00a4tte wohl den Vorzug, den engsten An-\\nschluss der p\u00c3\u00a4dagogischen Maximen an die leibliche und geistige\\nEntwicklung klar zum Bewusstsein zu bringen, w\u00c3\u00bcrde jedoch einer\\nRekapitulation seines Emile sehr \u00c3\u00a4hnlich sehen, auf mehr oder\\nweniger ausgetretene Pfade geraten und allzu h\u00c3\u00a4ufiges Wiederholen\\nnicht gut vermeiden k\u00c3\u00b6nnen.\\nEine weitere L\u00c3\u00b6sungsart w\u00c3\u00a4re die, vom Standpunkte der\\nSystematik (Ziel, Mittel, Methode, Arten etc. der Erziehung) aus\\njenen Parallelismus zwischen Menschennatur und p\u00c3\u00a4dagogischer\\nTheorie und Praxis zu pr\u00c3\u00bcfen.\\nEin solcher Versuch bringt Klarheit und \u00c3\u009cbersicht in die\\nF\u00c3\u00bclle seiner p\u00c3\u00a4dagogischen Winke, verf\u00c3\u00a4llt aber gar leicht dem\\nFehler, dem System zuliebe der Sache selbst Zwang anzuthun,\\nsystematische Gesichtspunkte als bewusst vorhandene Grundlagen\\nseiner P\u00c3\u00a4dagogik ihm unterzuschieben und ihn so systematischer\\nerscheinen zu lassen 1 als er thats\u00c3\u00a4chlich ist. Eine derartige Dar-\\nstellung gew\u00c3\u00a4hrt leicht den Eindruck des Schablonenhaften und\\nGesuchten, wie es begreiflicherweise kaum anders sein kann, wenn\\neine vorwiegend auf intuitiver Grundlage beruhende, zwanglos und\\npopul\u00c3\u00a4r dargelegte P\u00c3\u00a4dagogik in die Formen einer nach hundert-\\nj\u00c3\u00a4hriger Ausgestaltung zur Wissenschaft erhobenen Disziplin gefasst\\nwerden soll 2\\nJ So findet Bakitsch, a. a. O. in der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik\\ndie Herbartsche Dreiteilung: Regierung, Zucht, Unterricht; die 5 sittlichen\\nIdeen, sogar die \u00e2\u0080\u009emittelbare Erziehung vor. Die Arbeit von Walse-\\nmann (Die P\u00c3\u00a4dagogik des J. J. Rousseau und J. B. Basedow etc. 1885)\\nwie auch die von Spitzner, a. a. 0., teilen oben erw\u00c3\u00a4hnten Mangel bis\\nzu einem gewissen Grade\\n2 Wir erinnern auch hier wieder an das Urteil E. v. Sallw\u00c3\u00bcrks\\n(Cf. oben pag. 3.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0064.jp2"}, "65": {"fulltext": "55\\nAuf beiden Wegen k\u00c3\u00b6nnen ausserdem die durchschlagenden,\\nden Charakter der Rousseauschen Menschennatur und der ihr ent-\\nsprechenden P\u00c3\u00a4dagogik markierenden Z\u00c3\u00bcge schwerlich derart in\\nden Mittelpunkt der Betrachtung treten, wie dies von einer Sonder-\\narbeit wohl erwartet werden d\u00c3\u00bcrfte.\\nWir hoffen darum, sowohl jener Bedenken uns am ehesten\\nentschlagen als auch den Zweck unserer Aufgabe am sichersten\\nerreichen zu k\u00c3\u00b6nnen, wenn wir an der Hand eines R\u00c3\u00bcckblicks zu-\\nn\u00c3\u00a4chst die Hauptkriterien, die typischen Z\u00c3\u00bcge, des Rousseauschen\\nNaturbegriffes hervorkehren und alsdann pr\u00c3\u00bcfen, ob die aus ihnen\\nresultierenden p\u00c3\u00a4dagogischen Konsequenzen sich als durchgreifende\\nTendenzen seiner P\u00c3\u00a4dagogik erweisen 1 Auf diese Weise wird das\\ninnerlich Zusammengeh\u00c3\u00b6rende, das sich an den verschiedenen Stellen\\nnicht nur des Emile, sondern auch seiner andern Werke zer-\\nstreut vorfindet, aneinander ger\u00c3\u00bcckt, und die Grundforderungen\\nseines Prinzips treten plastischer zur Erscheinung. Eine \u00c3\u009cber-\\nf\u00c3\u00bclle von Z\u00c3\u00bcgen verwischt ein Bild, wenige, hervorstechende\\nmachen es deutlich.\\nSuchen wir demnach zuerst aus der Summe der oben skiz-\\nzierten anthropologischen Anschauungen diejenigen herauszuheben,\\nwelche seiner Naturauffassung vor allem das charakteristische Ge-\\npr\u00c3\u00a4ge verleihen und die infolge dieser Bedeutung zugleich eine\\nAnzahl anderer Z\u00c3\u00bcge derselben in sich schliessen.\\n1) Als ein derartiges hervorstechendes und bedeutungsvolles\\nKriterium giebt sich uns zun\u00c3\u00a4chst das Merkmal der urspr\u00c3\u00bcnglichen\\nG\u00c3\u00bcte 2 zu erkennen, welches Rousseau der menschlichen Natur zu-\\n1 Diese Betrachtungsart d\u00c3\u00bcrfte der Bedeutung der Rousseauschen\\nErziehungstheorie am meisten entsprechen. Ihre Bedeutung ist unsers\\nErachtens weniger in der Menge und Brauchbarkeit ihrer einzelnen und\\noft bis ins einzelste gehenden p\u00c3\u00a4dagogischen Winke und Massnahmen,\\nals vielmehr in dem Geiste und der Tragweite ihrer Grundtendenzen zu\\nsuchen. Soll auf diese aber das rechte Licht fallen so ist es n\u00c3\u00b6tig, sie\\nin dem Gesamtgeiste aufzufassen, von welchem seine ganze P\u00c3\u00a4dagogik\\ngetragen war. Sehr beachtenswert sind in dieser Beziehung f\u00c3\u00bcr die\\nAuffassung seines Werkes jene Stellen, an denen er selbst die Absichten\\ndarlegt, die ihn bei der Abfassung desselben leiteten. So sagt er z. B.\\n(VIII, 156), dass er nicht die Absicht habe, auf alle Einzelheiten ein-\\nzugehen (cf. auch VIII, 434; 504), sondern dass es ihm darauf ankomme,\\ndie allgemeinen Grunds\u00c3\u00a4tze aufzustellen und nur in schwierigen F\u00c3\u00a4llen\\nBeispiele hinzuzuf\u00c3\u00bcgen (VIII, 352). Was die Bedeutung der letzteren\\nanlangt, so ist jene Stelle nicht immer gen\u00c3\u00bcgend beachtet worden, an\\nder es heisst: \u00e2\u0080\u009eMeine Beispiele m\u00c3\u00b6gen vielleicht in einem Falle gut sein,\\nin tausend anderen F\u00c3\u00a4llen sind sie unpassend. Fasst man sie aber ihrem\\nGeiste nach auf, so wird man sie nach Bed\u00c3\u00bcrfnis richtig umzu\u00c3\u00a4ndern\\nwissen (VIII, 375). \u00e2\u0080\u009eDies ist der Geist der Methode, nach der zu\\nverfahren man sich zur Vorschrift machen sollte. Beispiele und Einzel-\\nheiten sind hierbei unn\u00c3\u00bctz. (VIII, 451\\n3 Siehe oben pag. 13; 23; 35; 42 f. Oncken (Zeitalter Friedrichs\\ndes Grossen, 2. Bd. 82; p. 404): \u00e2\u0080\u009eF\u00c3\u00bcr Rousseaus Gesamtanschauung von\\nWelt und Mensehen, Leben und Erziehung ist kein Satz bezeichnender", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0065.jp2"}, "66": {"fulltext": "56\\nerkennt. Es bedarf kaum des Nachweises, dass dieses Merkmal\\nein herrschender Gesichtspunkt ist, unter welchem Rousseau die\\nNatur des Menschen betrachtet. Liegt er doch, wie schon ein\\nfl\u00c3\u00bcchtiger Blick auf seine Anthropologie zeigt, sowohl seinen An-\\nsichten \u00c3\u00bcber den gesamten Organismus als auch nicht weniger\\nseiner Auffassung der einzelnen Teile und Kr\u00c3\u00a4fte desselben un-\\nverkennbar zu Grunde 1\\n2) Ein weiterer f\u00c3\u00bcr die Naturanschauung Rousseaus charak-\\nteristischer Zug tritt uns entgegen, wenn wir uns seine Ansichten\\n\u00c3\u00bcber die physische Natur und deren Bedeutung f\u00c3\u00bcr die Entwick-\\nlung der psychischen noch einmal vergegenw\u00c3\u00a4rtigen. Seine Anthro-\\npologie zeichnet sich in dieser Beziehung nicht nur durch eine\\nsorgf\u00c3\u00a4ltige Beobachtung und ein bemerkenswertes Verst\u00c3\u00a4ndnis f\u00c3\u00bcr\\ndie Beschaffenheit und Bed\u00c3\u00bcrfnisse der physischen Natur aus 2\\nsondern sie verr\u00c3\u00a4t auch ein richtiges Urteil \u00c3\u00bcber ihr Verh\u00c3\u00a4ltnis\\nzur psychischen und ein wohlbegr\u00c3\u00bcndetes Gewichtlegen auf die Ab-\\nh\u00c3\u00a4ngigkeit letzterer von jener 3 In dieser f\u00c3\u00bcr seine und auch f\u00c3\u00bcr\\ndie unsrige Zeit beachtenswerten Stellung Rousseaus zur physischen\\nNatur und deren Verh\u00c3\u00a4ltnis zur psychischen ist ohne Zweifel ein\\nden Charakter seiner Naturanschauung wesentlich mit bestimmen-\\ndes Moment gegeben.\\n3) Wenn wir uns ferner seiner Ansichten bez\u00c3\u00bcglich der in-\\ntellektuellen Seite der Menschennatur erinnern, so beobachten wir\\nals Haupteigent\u00c3\u00bcmlichkeit eine auff\u00c3\u00a4llige Verkennung bez. Unter-\\nsch\u00c3\u00a4tzung der menschlichen Intelligenz 4 Sie \u00c3\u00a4ussert sich darin,\\ndass Rousseau das Erwachen der intellektuellen Verm\u00c3\u00b6gen, ent-\\ngegen den Tendenzen der Aufkl\u00c3\u00a4rung, in ein sehr hohes Alter\\nverlegt und den Verm\u00c3\u00b6gen selbst eine ungemein langsame Ent-\\nais dieser: Der Glaube an das Gute in der Menschenbrust. (Wir\\nerblicken indes in der Einseitigkeit dieses Glaubens nicht geradezu den\\nGrund \u00e2\u0080\u009ealler doch vieler Fehlschl\u00c3\u00bcsse seiner P\u00c3\u00a4dagogik.)\\nJ Infolge der weittragenden Bedeutung, welche dieser Gesichts-\\npunkt in seiner P\u00c3\u00a4dagogik gewinnt, haben viele mit v. Baum er (a. a.\\nO. p. 211) gleich den Stab \u00c3\u00bcber seine ganze P\u00c3\u00a4dagogik gebrochen. Ab-\\ngesehen davon, dass eine derartige Kritik offenkundigen Mangel an\\nhistorischem Sinn verr\u00c3\u00a4t (cf. Pauls en: Aufkl\u00c3\u00a4rung und Aufkl\u00c3\u00a4rungs-\\np\u00c3\u00a4dagogik in Beins enc. Hb. I, 17(5 ff.), entgeht ihr, dass Bousseau mit\\ndem Begriff ,,gut eine doppelte Bedeutung verbindet. (Siehe oben p. 23.)\\nGegen\u00c3\u00bcber der Heftigkeit, mit welcher dieser oberste Grundsatz vielfach\\numstritten wird, m\u00c3\u00bcssen wir mit Paulsen gestehen: In unserem prakti-\\nschen Verhalten urteilen wir auch gegenw\u00c3\u00a4rtig nicht anders (als Bousseau)\\nund k\u00c3\u00b6nnen es nicht. Die Erziehung setzt \u00c3\u00bcberall voraus: Es kann aus\\njedem Menschenkinde, wenn wir es nur an Fleiss und Weisheit, Liebe\\nund Sorge nicht fehlen lassen, ein rechtschaffener und t\u00c3\u00bcchtiger und\\ngl\u00c3\u00bccklicher Mensch werden. (System der Ethik, a. a. O. II, 8.) Cf.\\nMeyer, a. a. O. 113.\\n2 Siehe oben p. 22 ff.\\n3 Siehe oben p. 24 ff.\\n4 Siehe oben p. 25 ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0066.jp2"}, "67": {"fulltext": "57\\nwicklung und verh\u00c3\u00a4ltnism\u00c3\u00a4ssig geringe Leistungsf\u00c3\u00a4higkeit zuschreibt.\\nAugenf\u00c3\u00a4llig bildet auch diese skeptische Ansicht in Bezug auf die\\nIntelligenz einen Faktor, welcher f\u00c3\u00bcr die Rousseausche Psychologie\\njederzeit typische Bedeutung behalten wird.\\n4) Was sodann seine Anschauungen \u00c3\u00bcber die Gem\u00c3\u00bctsseite\\ndes Menschen betrifft, so begegnen wir einer prinzipiellen W\u00c3\u00bcrdi-\\ngung und Betonung des Gef\u00c3\u00bchls und Willens als eigenartiger und\\ngegen\u00c3\u00bcber dem Verst\u00c3\u00a4nde wertvollerer Seiten der geistigen Natur 1\\n5) F\u00c3\u00bcgen wir schliesslich zu diesen Kriterien noch ein weiteres,\\nin welchem jene bis zu einem gewissen Grade ihre Begr\u00c3\u00bcndung\\nhaben. Offenbar erh\u00c3\u00a4lt der Naturbegriff Rousseaus auch dadurch\\nein eigent\u00c3\u00bcmliches Gepr\u00c3\u00a4ge, dass Rousseau die Natur nicht als\\netwas Fertiges, f\u00c3\u00bcr jedes Alter Gleiches betrachtet, sondern dass\\ner sie ansieht als etwas sich Entwickelndes und zwar aus sich\\nselbst heraus, stufenweise und gesetzm\u00c3\u00a4ssig sich Entwickelndes 2\\nIn diesen Merkmalen hoffen wir die charakteristischen Seiten\\nder Rousseauschen Naturan schauung getroffen, zum mindesten um-\\nfassende Gesichtspunkte f\u00c3\u00bcr eine \u00c3\u00bcbersichtliche Betrachtung der-\\nselben gefunden zu haben; lassen sich doch die \u00c3\u00bcbrigen Z\u00c3\u00bcge\\nseines anthropologischen Bildes beim Festhalten jener zwanglos\\nwiedererkennen.\\nWelche allgemeinen p\u00c3\u00a4dagogischen Konsequenzen\\nentsprechen nun diesen Kriterien?\\n1) Eine P\u00c3\u00a4dagogik, welcher die Ansicht zu Grunde liegt,\\ndass die Natur des Menschen gut ist und dass alles B\u00c3\u00b6se von\\naussen in sie hineingelangt 3 wird das Bestreben zeigen, jenen ur-\\nspr\u00c3\u00bcnglichen Zustand solange als m\u00c3\u00b6glich zu erhalten, die Natur\\ndes Kindes demnach vor allen verderblich wirkenden \u00c3\u00a4usseren Ein-\\nfl\u00c3\u00bcssen thunlichst zu bewahren und in vollster Freiheit sich ent-\\nwickeln zu lassen 4\\n2) St\u00c3\u00bctzt sich ferner eine P\u00c3\u00a4dagogik auf die Anschauung\\ninnigster Wechselbeziehung zwischen k\u00c3\u00b6rperlicher und geistiger\\nNatur, so muss sie, falls sie konsequent sein will, die Tendenz in\\nsich tragen, die geistige Ausbildung nicht nur in n\u00c3\u00a4chste Beziehung\\nzu setzen zur k\u00c3\u00b6rperlichen, sondern die Entwicklung der physischen\\nNatur prinzipiell im Interesse jener anzustreben und zu fordern.\\n3) Dem verh\u00c3\u00a4ngnisvollen psychologischen Irrtum, nach welchem\\ndas Erwachen der geistigen Verm\u00c3\u00b6gen in ein sehr sp\u00c3\u00a4tes Alter\\nverlegt und die Entwicklungs- und Leistungsf\u00c3\u00a4higkeit derselben\\nSiehe oben p. 34 ff.\\n2 Siehe oben p. 23; 26; 261; 29; 35 ff; 42 ff; 46.\\n3 Tom. VIII, 145: \u00e2\u0080\u009ePosons pour maxime incontestable que les\\npremiers mouvements de la nature sont toujours droits; il n y a point\\nde perversite originelle dans le coeur humain. II ne s y trouve pas un\\nseul vice dont on ne puisse dire comment et par o\u00c3\u00bc il y est entre.\\n4 Cf. Paulsen, Gesch. d. gel. Unt, a. a. O. III, 47.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0067.jp2"}, "68": {"fulltext": "58\\narg untersch\u00c3\u00a4tzt wurde, entspricht die antirationalistische Tendenz,\\ndie Inanspruchnahme der intellektuellen Verm\u00c3\u00b6gen m\u00c3\u00b6glichst zu\\nverz\u00c3\u00b6gern und ihre Ausbildung \u00c3\u00bcberhaupt nur in verh\u00c3\u00a4ltnism\u00c3\u00a4ssig\\ngeringem Grade anzustreben.\\n4) Wenn psychologisch Gef\u00c3\u00bchl und Wille ihrer Bedeutung\\nnach als \u00c3\u00bcber dem Verst\u00c3\u00a4nde stehend betrachtet werden, so folgt\\naus dieser Auffassung f\u00c3\u00bcr eine naturgem\u00c3\u00a4sse P\u00c3\u00a4dagogik die\\nForderung auf die Ausbildung jener beiden Seiten ein gr\u00c3\u00b6sseres\\nGewicht zu legen als auf die Entwicklung der Intelligenz.\\n5) Die P\u00c3\u00a4dagogik endlich, welche sich auf die Natur als auf\\netwas sich fortw\u00c3\u00a4hrend stufenweise und gesetzm\u00c3\u00a4ssig aus sich selbst\\nEntwickelndes gr\u00c3\u00bcndet, wird dieser Ansicht dadurch Rechnung\\ntragen, dass sie diese Entwicklung Schritt f\u00c3\u00bcr Schritt aufs sorg-\\nf\u00c3\u00a4ltigste belauschen und studieren wird, um das Gesetzm\u00c3\u00a4ssige\\nderselben zu erforschen und Mittel und Ziele des erziehlichen Ein-\\nwirkens den jeweiligen, auf den verschiedenen Entwicklungsstufen\\nsich \u00c3\u00a4ndernden Bed\u00c3\u00bcrfnissen entsprechend abzuleiten bez. zu mo-\\ndifizieren.\\nIV.\\nPr\u00c3\u00bcfung 1 der Rousseausehen P\u00c3\u00a4dagogik in Bezug- auf die\\nin seiner Naturanschauung- wurzelnden Tendenzen.\\nPr\u00c3\u00bcfen wir nun, ob und wie sich die aus den Hauptkriterien\\nder Rousseauschen Naturanschauung notwendig folgenden Konse-\\nquenzen in seiner P\u00c3\u00a4dagogik geltend machen 1\\n1) Was zun\u00c3\u00a4chst jene in der urspr\u00c3\u00bcnglichen G\u00c3\u00bcte der\\nMenschennatur begr\u00c3\u00bcndete Tendenz nach freier, ungehemmter\\nSelbstentwicklung anlangt, so macht sich diese in so umfassendem\\nund ausgesprochenem Sinne in seiner P\u00c3\u00a4dagogik geltend, dass ihre\\nganze Signatur durch sie in erster Linie bestimmt wird. In dem\\nJ Die Erziehung des Weibes kann aus den p. 45, Anm. 2, und\\np. 47 angef\u00c3\u00bchrten Gr\u00c3\u00bcnden hierbei nur nebens\u00c3\u00a4chliche Ber\u00c3\u00bccksichtigung\\nerfahren. Insoweit sie Naturerziehung ist, soll sie vergleichsweise\\nherbeigezogen werden. Dass das Naturprinzip auch auf die Erziehung\\ndes Weibes Anwendung finden soll, beweisen folgende Stellen: Tom. IX,\\n231 \u00e2\u0080\u009eDes qu une fois il est demontre que l homme et la femme ne sont\\nni ne doivent etre constitues de meine, de caractere ni de temperament,\\nil s ensuit qu ils ne doivent pas avoir la meme education. Tom. IX,\\n232: \u00e2\u0080\u009eApres avoir fache de former l homme naturel, pour ne pas laisser\\nimparfait notre ouvrage, voyons comment doit se former aussi la femme\\nqui convient cet homme. Voulez vous toujours etre bien guide, suivez\\ntoujours les indications de la nature.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0068.jp2"}, "69": {"fulltext": "59\\nRufe und Drange nach Freiheit hallt in Rousseau, in dem \u00c3\u00bcber-\\nhaupt allgemeinere Stimmungen widerklingen, ganz besonders der\\nRuf des Jahrhunderts wider 1 Seine Stimme aber \u00c3\u00bcbert\u00c3\u00b6nt wie\\nin anderer Hinsicht auch hierin alle seine Zeitgenossen.\\nDeutlich begegnen uns daher Schritt f\u00c3\u00bcr Schritt in seiner\\nP\u00c3\u00a4dagogik \u00c3\u0084usserungen und Wirkungen dieser Tendenz.\\nWie sich alle Wesen der Natur der Freiheit erfreuen, so soll\\nnach seiner Forderung auch die Natur des Kindes ihre eigene,\\nvolle Freiheit gemessen. \u00e2\u0080\u009eDas ganze Gl\u00c3\u00bcck der Kinder besteht ja\\nebenso wie das der Erwachsenen im Gen\u00c3\u00bcsse der Freiheit 2 Da\\nnun \u00e2\u0080\u009ediese Freiheit bei den ersteren durch ihre Schw\u00c3\u00a4che einge-\\nschr\u00c3\u00a4nkt wird, so geniessen sie im Zustande der Natur an und f\u00c3\u00bcr\\nsich nur einer sehr unvollkommenen Freiheit 3 Wer sieht nicht\\nein, ruft er den knechtenden V\u00c3\u00a4tern zu, dass es, da die Schwach-\\nheit des ersten Alters die Kinder auf so verschiedenfache Weise\\neinschr\u00c3\u00a4nkt, grausam w\u00c3\u00a4re, dazu noch die Unterwerfung unter\\nunsere Launen zu f\u00c3\u00bcgen und ihnen eine an sich schon so be-\\nschr\u00c3\u00a4nkte Freiheit, die sie so wenig missbrauchen k\u00c3\u00b6nnen, zu ent-\\nziehen, da doch aus dieser Beraubung ihnen so wenig Vorteil\\nerw\u00c3\u00a4chst als uns? Warum will man, fragt er weiter, da doch\\nsp\u00c3\u00a4ter mit dem Alter der Vernunft die b\u00c3\u00bcrgerliche Knechtung-\\nunausbleiblich beginnt, dieser noch eine Privatknechtung voraus-\\nschicken? Man lasse doch einen Augenblick des Lebens von dem\\nJoche befreit sein, das die Natur uns nicht auferlegt hat, und ge-\\nstatte den Kindern die Aus\u00c3\u00bcbung der nat\u00c3\u00bcrlichen Freiheit, die sie\\nAvenigstens eine Zeit lang vor den Lastern bewahrt, welche die\\nKnechtschaft im Gefolge hat 4\\nUm nun seinem Z\u00c3\u00b6glinge diese Freiheit zu gew\u00c3\u00a4hren und eine\\nunabh\u00c3\u00a4ngige, selbst\u00c3\u00a4ndige Entwicklung seines Wesens zu erm\u00c3\u00b6g-\\nlichen, sieht sich Rousseau gezwungen, ihn vor allen Fesseln und\\nBanden der Kultur und Gesellschaft zu bewahren und als isoliertes\\nWesen auf dem Lande zu erziehen 5\\nVon fr\u00c3\u00bchester Kindheit an sorgt er daf\u00c3\u00bcr, dass dieser Tendenz\\nRechnung getragen werde. Schon r\u00c3\u00bccksichtlich der physischen\\nErziehung gilt es, alles die Natur Beengende und Bestimmende\\nfernzuhalten: Deshalb kein Dr\u00c3\u00bccken des Kopfes, kein Wickel-\\na \u00e2\u0080\u009eEs ist weniger Rousseau, der im Emile spricht, als der Geist\\ndes 18. Jahrhunderts (E. v. Sallw\u00c3\u00bcrk. Rousseaus Stellung in der\\nP\u00c3\u00a4dagogik etc. in \u00e2\u0080\u009eP\u00c3\u00a4dagogische Studien. N. F. 1880, p. 12.)\\n2 Tom. VIII, 127.\\nh Tom. VIII, 127.\\n4 Tom. VIII, 136.\\n5 J \u00e2\u0080\u009eUn etre vraiment heureux est un etre solitaire. Tom. VIII, 439.\\nEine gewisse Isolierung hat als notwendiges Moment der pers\u00c3\u00b6nlichen\\nEntwicklung ihre volle Berechtigung. Diese Maxime tritt hier nur so\\nentschieden hervor, weil es galt, einen ebenso entschiedenen Gegensatz\\nzu \u00c3\u00bcberwinden. Cf. Brockerhoff, a. a O. III, 59f.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0069.jp2"}, "70": {"fulltext": "60\\nbettchen, keine Kinderh\u00c3\u00a4ubchen und Binden 1 Der Geist seiner\\ns\u00c3\u00a4mtlichen f\u00c3\u00bcr das erste Alter geltenden Vorschriften besteht, wie\\ner selbst sagt, thats\u00c3\u00a4chlich darin, \u00e2\u0080\u009eden Kindern mehr wahre Frei-\\nheit einzur\u00c3\u00a4umen 2\\nIn noch drastischer Weise machen sich die Wirkungen jener\\nTendenz nach freier und selbst\u00c3\u00a4ndiger Entwicklung auf dem Ge-\\nbiete der psychischen Erziehung geltend 3 Die schlimmsten Fesseln\\nscheinen ihm hier Gewohnheiten und Vorurteile 4 zu sein. \u00e2\u0080\u009eIn\\nallen unsern Gewohnheiten offenbart sich nichts als Unterwerfung,\\nBedr\u00c3\u00bcckung, Zwang 5 Nie soll Emile ein fremdes Urteil nach-\\nsprechen. \u00e2\u0080\u009eVon dem Augenblicke an, wo ihr diese Ideen (Vor-\\nurteile n\u00c3\u00a4mlich) in den Kopf eindringen lasst, gebt nur die ganze\\nfernere Erziehung auf 6 Indem der Z\u00c3\u00b6gling \u00e2\u0080\u009eder alleinigen Lei-\\ntung der Natur \u00c3\u00bcberlassen 7 bleibt, 8 und sich nur auf sich selbst\\nbeschr\u00c3\u00a4nkt 9 weiss er nicht, \u00e2\u0080\u009ewas Abrichtung, Gebrauch und Ge-\\nwohnheit ist 10\\nTom. VIII, 32 f.\\n2 Tom. VIII, 93.\\n3 \u00e2\u0080\u009eleur esprit ni leur corps ne peuvent supporter la contrainte.\\nNouv. Hei. p. V, 1. III; Tom. VII, 266.\\n4 Da die Abh\u00c3\u00a4ngigkeit f\u00c3\u00bcr die Frauen hingegen ein nat\u00c3\u00bcrlicher\\nZustand ist (Tom. IX, 247), so folgt daraus, \u00e2\u0080\u009edass das System der\\nErziehung in dieser R\u00c3\u00bccksicht dem unsrigen entgegengesetzt sein niuss\\n(Tom. IX, 235). \u00e2\u0080\u009el opinion est le tombeau de la vertu parmi les hommes,\\net son tr\u00c3\u00b6ne.,parmi les femmes (Tom. IX, 235). Eine Einschr\u00c3\u00a4nkung\\nerh\u00c3\u00a4lt diese \u00c3\u0084usserung insofern, als die \u00e2\u0080\u009eallgemeinen Vorurteile durch\\ndas innere Gef\u00c3\u00bchl geregelt werden sollen. \u00e2\u0080\u009eEs gen\u00c3\u00bcgt, sagt er, die\\nBemerkung, dass, wenn diese beiden Gesetze (\u00c3\u00b6ffentliche Meinung und\\ninneres Gef\u00c3\u00bchl) bei der weiblichen Erziehung nicht zusammenwirken,\\ndieselbe stets mangelhaft sein w\u00c3\u00bcrde. Das Gef\u00c3\u00bchl ohne die Meinung\\ngiebt den Frauen nicht jene Zartheit der Seele, welche die guten Sitten\\nmit der Ehre der Welt schm\u00c3\u00bcckt. Die Meinung aber ohne das Gef\u00c3\u00bchl\\nwird stets die Frauen falsch und unsittlich machen und den Schein an\\nStelle der Tugend setzen. (Tom. IX, 277).\\n5 Tom. VIII, 32. Welcher Art die Abh\u00c3\u00a4ngigkeit bei der weib-\\nlichen Erziehung sein soll, sagt die Stelle: \u00e2\u0080\u009eII n est pas question de lui\\nrendre sa dependance penible, il suffit de la lui faire sentir. (Tom.\\nIX, 249.)\\n6 Tom. VIII, 362.\\n7 Tom. VIII, 220.\\n8 j Dem Erzieher f\u00c3\u00a4llt dabei die Aufgabe zu, der Natur \u00c3\u00bcberall zu\\nH\u00c3\u00bclfe zu kommen (Tom. VIII, 376), die g\u00c3\u00bcnstigsten Verh\u00c3\u00a4ltnisse zu\\nw\u00c3\u00a4hlen, in die er seiner Natur gem\u00c3\u00a4ss zu versetzen ist. (Tom. VII, 295;\\nNouv. Hei. p. V, 1. III.\\n9 Tom. VIII, 25: \u00e2\u0080\u009eL homme naturel est tout pour lui; il est\\nl unite numerique, l entier absolu.\\nl\u00c3\u00bc Tom. VIII, 304. So weit hier Eousseau \u00c3\u00bcber das Mass des\\nRichtigen hinausgeht, so sehr verkennt er anderseits das Bed\u00c3\u00bcrfnis\\nnach Freiheit und Ungebundenheit bei dem weiblichen Geschlechte.\\nMan vergleiche hiermit Stellen wie folgende: Tom. IX, 245: \u00e2\u0080\u009eJustifiez\\ntoujours les soins que vous imposez aux jeunes filles, mais imposez-leur-\\nen toujours. L oisirete et l indocilite sont les deux defants les plus", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0070.jp2"}, "71": {"fulltext": "61\\nAuch der Unterricht tr\u00c3\u00a4gt dieser Tendenz entsprechend den\\nCharakter gr\u00c3\u00b6sster Freiheit. Er richtet sich in erster Linie nach\\nder im Z\u00c3\u00b6glinge allm\u00c3\u00a4hlich erwachenden Neigung 1 und nach seinem\\nInteresse 2 Von einem Lernenm\u00c3\u00bcssen ist nicht die Rede 3 \u00e2\u0080\u009eDie\\nW\u00c3\u00b6rter \u00e2\u0080\u009egehorchen und \u00e2\u0080\u009ebefehlen noch mehr die Ausdr\u00c3\u00bccke\\n\u00e2\u0080\u009ePflicht 4 und Schuldigkeit sind aus dem W\u00c3\u00b6rterbuche Emiles\\ngestrichen 5 Jede Lehre, Ermahnung und Vorschrift f\u00c3\u00a4llt hin-\\nweg 6 Infolgedessen besteht f\u00c3\u00bcr ihn keine Autorit\u00c3\u00a4t, weder in\\nweltlichen noch in religi\u00c3\u00b6sen Dingen 7 Emile soll von keiner\\nAutorit\u00c3\u00a4t ausser der seiner eigenen Vernunft beherrscht werden 8\\nSo kommt denn,, wie die eben erw\u00c3\u00a4hnten Z\u00c3\u00bcge beweisen, die\\noben aus einer hervorstechenden Seite seiner Naturan schauung\\nabgeleitete Tendenz in der That in seiner P\u00c3\u00a4dagogik als eine\\ncharakteristische Grundforderuug von weittragender Bedeutung\\nzum Ausdrucke 9\\n2) Wie \u00c3\u00a4ussert sich nun jene, gleichfalls aus seiner Natur-\\nanschauung resultierende Tendenz, nach welcher die P\u00c3\u00a4dagogik vor\\ndangereux pour elies, et dont on guerit le moins quand on les a con-\\ntractu. Les filles doivent etre vigilantes et laborieuses: ce n est pas\\ntout; elles doivent etre genees de bonne heure. Ce malheur, si c en est\\nun pour elles, et inseparable de leur sexe. II faut les exercer d abord\\nla contrainte, afin qu elle ne leur co\u00c3\u00bcte jamais rien; dompter toutes\\nleurs fantaisies, pour les soumettre aux volontes d autrui.\\nTom. VIII, 346; 343.\\n2 Tom. VIII, 391.\\n3 Tom. VIII, 275. Aller Unterricht soll nur Spiel und fr\u00c3\u00b6h-\\nlicher, zwangloser Zeitvertreib sein. (Tom. VIII, 275; Tom. IX, 193.)\\n5 Tom. VIII, 137. \u00e2\u0080\u009eMais ceux de force, de necessit\u00c3\u00b6, d impuissance\\net de contrainte, y doivent tenir une grande place. (Tom. VIII, 137.)\\n6 Tom. VIII, 208; 219f. An Stelle der Verbote, Vorw\u00c3\u00bcrfe und\\nVorschriften treten die \u00e2\u0080\u009enat\u00c3\u00bcrlichen Strafen. Cf. Tom. VIII, 165; 219 f.\\nDen Gehorsam beschr\u00c3\u00a4nkt Rousseau auf die Abh\u00c3\u00a4ngigkeit von den\\nDingen, die Naturnotwendigkeit. Tom. VIII, 129: \u00e2\u0080\u009eMaintenez l enfant dans\\nla seule ddpendance des choses, vous aurez suivi l ordre de la nature\\ndans le progres de son education. Im Gegensatz zu Locke verwirft\\nRousseau das R\u00c3\u00a4sonnieren. (Tom. VIII, 137 f.)\\n7 Tom. 339; 412; IX, lOOff. Cf. Heinzig, Rousseaus Kampf\\ngegen die Autorit\u00c3\u00a4tsp\u00c3\u00a4dagogik. P\u00c3\u00a4dadogisch philosophische Studie.\\nPlauen.\\n8 Tom. VIII, 518. Trotzdem liegt nach Hauber, a. a. 0. 325,\\nim Emile \u00e2\u0080\u009eein Erziehungsdespotismus.\\n9 Reissig (J. J. Rousseaus Leben und Wirken, Leipzig. Siegism.\\nund Volk. 1879) macht die Bemerkung die sich allerdings schon bei\\nBrockerhoff, a a. 0. III V 52; desgleichen im Neuen Plut. V. T. p. 195,\\nfindet man k\u00c3\u00b6nne den Emile, den Goethe das Naturev. der Erziehung\\ngenannt hat, mit demselben Rechte auch das Evangelium der Freiheit\\nnennen, (pag. 50.) Die Geltendmachung des Freiheitsgedankens in\\nRousseaus s\u00c3\u00a4mtlichen Schriften wird besonders in der Abhandlung:\\n\u00e2\u0080\u009e\u00c3\u009cber die historische Darstellung der p\u00c3\u00a4dagogischer) Ideen mit besonderer\\nBeziehung auf Comenius und Rousseau in den Vordergrund gestellt.\\n(Beitr\u00c3\u00a4ge zur P\u00c3\u00a4dagogik. L\u00c3\u00b6wenberg. 1. Heft. 1875.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0071.jp2"}, "72": {"fulltext": "62\\nallem im Interesse der geistigen Entwicklung ein besonderes Augen-\\nmerk auf die Entwicklung der physischen Natur zu richten habe?\\nWas Rousseau in dieser Beziehung vorschl\u00c3\u00a4gt und fordert,\\ngeh\u00c3\u00b6rt zu den brauchbarsten und beachtenswertesten Winken seiner\\nP\u00c3\u00a4dagogik. Obwohl er hierbei in fast allen Punkten seinen Vor-\\ng\u00c3\u00a4ngern, in erster Linie Locke, dann aber auch Montaigne und\\nRabelais in auff\u00c3\u00a4lligster Weise gefolgt ist 1 so geb\u00c3\u00bchrt ihm doch\\ndas eigent\u00c3\u00bcmliche Verdienst, dass erst infolge seiner leidenschaft-\\nlichen und \u00c3\u00bcberzeugenden Beredsamkeit dieser Seite und Aufgabe\\nder Erziehung eine allgemeine und wirkungsvollere Aufmerksamkeit\\nzugewandt worden ist.\\nOhne Frage steht bei Rousseau die physische Erziehung im\\nVordergrunde des p\u00c3\u00a4dagogischen Interesses w\u00c3\u00a4hrend der ersten\\nAltersstufen. 2 Von der Geburt an bis zum 15. Lebensjahre, bis\\nzu welchem Alter nach ihm der Mensch \u00e2\u0080\u009ebeinahe noch nichts als\\nein physisches Wesen ist 3 verfolgt er die k\u00c3\u00b6rperliche Entwicklung\\nmit gr\u00c3\u00b6sster Aufmerksamkeit.\\nUnter der grossen Zahl von Ratschl\u00c3\u00a4gen, welche seine P\u00c3\u00a4da-\\ngogik in Bezug auf die physische Erziehung bietet, erinnern wir\\nzun\u00c3\u00a4chst an seine eindringliche Mahnung an die M\u00c3\u00bctter, ihre\\nKinder selbst zu stillen 4 und nicht zu zeitig zu entw\u00c3\u00b6hnen. 5\\nEin viel kr\u00c3\u00a4ftigeres und ges\u00c3\u00bcnderes Geschlecht, meint er, w\u00c3\u00bcrde\\nemporwachsen, wenn__die M\u00c3\u00bctter diese von der Natur ihnen auf-\\nerlegte Pflicht wieder erf\u00c3\u00bcllten. Da alles Physische nach seiner\\nNaturanschauung in innigster Wechselbeziehung zum Physischen\\nund Moralischen steht, so kann er jene Forderung nicht geltend\\nmachen, ohne zugleich ihre Bedeutung f\u00c3\u00bcr das Intellektuelle und\\nSittliche mit beredter Zunge nachdr\u00c3\u00bccklichst hervorzuheben. Ent-\\nschliessen sich die M\u00c3\u00bctter, sagt er, ihre Kinder selbst zu n\u00c3\u00a4hren,\\nso werden die Sitten sich von selbst bessern, die nat\u00c3\u00bcrlichen Ge-\\nf\u00c3\u00bchle werden in aller Herzen wieder erwachen, der Staat wird sich\\nwieder bev\u00c3\u00b6lkern; dieser erste Umstand, dieser Umstand allein,\\nwird alles vereinigen. Der Reiz des h\u00c3\u00a4uslichen Lebens ist das\\nbeste Gegengift gegen die Verderbnis der Sitten. Es w\u00c3\u00bcrde, be-\\nhauptet er schliesslich, durch die Abschaffung dieser einzigen Un-\\nsitte (des Ammenwesens) eine allgemeine Reform herbeigef\u00c3\u00bchrt\\nV. Saft u (Ein Vergleich der physischen Erziehung bei\\nLocke und Eousseau. Diss. Leipzig. 1889) ko*mmt zu dem Ergebnis:\\nRousseau ist ein Sch\u00c3\u00bcler Lockes, aber ein selbst\u00c3\u00a4ndiger, hochbegabter,\\n(pag. 74.) Cf. ferner Arnstadt, Fr. Eabelais und sein Traue\\nd ^ducation. Mit besonderer Ber\u00c3\u00bccksichtigung der p\u00c3\u00a4dagogischen Grund-\\ns\u00c3\u00a4tze Montaignes, Lockes und Eousseaus. Leipzig 1872.\\n2 Toni. VII, 266: \u00e2\u0080\u009eL intention de la nature est que le corps se\\nfortine avant que l esprit s exerce. (Nouv. Hei. p. V; 1. III.)\\ns Tom. VIII, 364.\\nTom. VIII, 35 f.\\n5 Tom. VIII, 96.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0072.jp2"}, "73": {"fulltext": "63\\nwerden; die Natur w\u00c3\u00bcrde in kurzer Zeit wieder in ihre Rechte\\neintreten x\\nIn F\u00c3\u00a4llen, in denen eine Amme empfehlenswert oder notwendig\\nist, sind f\u00c3\u00bcr ihre Wahl in erster Linie R\u00c3\u00bccksichten auf die k\u00c3\u00b6rper-\\nliche Natur des Kindes massgebend. Ihr Aufenthalt und ihre\\nNahrung sollen, da beide auf die Beschaffenheit der Milch von\\nEinfluss sind, nach den Forderungen, die die Natur des S\u00c3\u00a4uglings\\nan letztere stellt, bestimmt werden 2\\nAuch die Bedeutung der Luft darf eine sorgf\u00c3\u00a4ltige physische\\nErziehung nicht untersch\u00c3\u00a4tzen. Rousseau \u00c3\u00a4ussert sich hier\u00c3\u00bcber:\\n\u00e2\u0080\u009eIn den ersten Lebensjahren hat vor allen Dingen auch die Luft\\neinen wesentlichen Einfluss auf die K\u00c3\u00b6rperkonstitution des Kindes.\\nSie dringt durch alle Poren seiner zarten und weichen Haut, sie\\n\u00c3\u00a4ussert eine m\u00c3\u00a4chtige Wirkung auf den im Wachstum begriffenen\\nK\u00c3\u00b6rper und hinterl\u00c3\u00a4sst Eindr\u00c3\u00bccke an demselben, die sich nie ver-\\nwischen 3 In dieser \u00c3\u009cberzeugung wurzelt sein Vorschlag, das\\nKind aus der Stadt, \u00e2\u0080\u009edem Abgrund des Menschengeschlechts auf\\ndas Land zu bringen, \u00e2\u0080\u009edamit es anstatt der verdorbenen Stadtluft\\ndie reine Landluft einatme. \u00e2\u0080\u009eJe mehr sie (die Menschen) sich\\nzusammendr\u00c3\u00a4ngen, desto mehr verderben sie sich. Schw\u00c3\u00a4chlich-\\nkeit des K\u00c3\u00b6rpers und nicht minder Lasterhaftigkeit des Geistes\\nsind die unausbleiblichen Folgen einer allzu zahlreichen Vereinigung;\\ndenn der Atem des Menschen ist sch\u00c3\u00a4dlich f\u00c3\u00bcr seinesgleichen; das\\nist im eigentlichen Sinne nicht weniger wahr als im bildlichen 4\\nDie Sitte des Badens, da sie einmal eingef\u00c3\u00bchrt ist, soll nach\\nseinem Gutd\u00c3\u00bcnken nie unterbrochen, sondern das ganze Leben\\nhindurch beibehalten werden. Ich betrachte sie, sagt er, nicht\\nallein vom Gesichtspunkte der Reinlichkeit und des vorhandenen\\nGesundheitszustandes aus, sondern erkenne in ihr zugleich eine\\nheilsame Vorsichtsmassregel, um das Muskelgewebe elastischer zu\\nmachen und es zu bef\u00c3\u00a4higen, ohne Anstrengung und Gefahr sich\\nden verschiedenen Graden von Hitze und K\u00c3\u00a4lte zu f\u00c3\u00bcgen 5\\nDa es das Los des Menschen ist, Leiden zu ertragen 3 so\\ngilt ihm die Heranbildung eines gesunden und starken K\u00c3\u00b6rpers\\nals ein wichtiges Ziel der physischen Erziehung. Von diesem\\nGesichtspunkte aus brandmarkt er als naturwidrig das th\u00c3\u00b6richte\\nVerfahren jener M\u00c3\u00bctter, welche ihre Kinder aus Z\u00c3\u00a4rtlichkeit ver-\\nweichlichen. Thetis, sagt er, tauchte, wie die Sage berichtet,\\nihren Sohn, um ihn unverwundbar zu machen, in die Fluten des\\nStyx. Die grausamen M\u00c3\u00bctter, von denen ich rede, machen es\\nanders: Indem sie ihre Kinder in die Weichlichkeit eintauchen,\\nmachen sie dieselben empf\u00c3\u00a4nglich f\u00c3\u00bcr die Leiden, \u00c3\u00b6ffnen sie ihre\\nTom. VIII, 40. 2 VIII, 66. 3 VIII, 71. 4 VIII, 72.\\nVIII, 73f. 6 VIII, 45.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0073.jp2"}, "74": {"fulltext": "64\\nPoren \u00c3\u009cbeln aller Art, denen sie einst als Erwachsene unfehlbar\\nzur Beute fallen werden l Auch hierin verweist er auf die Natur\\nals grosse Lehrmeisterin: \u00e2\u0080\u009eMan beobachte die Natur und folge dem\\nPfade, den sie vorzeichnet. Unaufh\u00c3\u00b6rlich \u00c3\u00bcbt sie die Kinder,\\nh\u00c3\u00a4rtet ihren K\u00c3\u00b6rper durch die verschiedenartigsten Pr\u00c3\u00bcfungen ab\\nund lehrt sie fr\u00c3\u00bch schon Beschwerden und Schmerz kennen. Das\\nDurchbrechen der Z\u00c3\u00a4hne ist mit Fieber verbunden; lang anhal-\\ntender Husten will sie ersticken; die W\u00c3\u00bcrmer qu\u00c3\u00a4len sie; Voll-\\nsaftigkeit verdirbt ihr Blut; verschiedene S\u00c3\u00a4uren g\u00c3\u00a4ren darin und\\nerzeugen gef\u00c3\u00a4hrlichen Ausschlag 2 Darum fordert er: \u00e2\u0080\u009e\u00c3\u009cbt sie\\nalso in dem, was ihnen dereinst zustossen kann und was sie zu\\nertragen haben werden. H\u00c3\u00a4rtet ihren K\u00c3\u00b6rper ab gegen die Rau-\\nheiten der Jahreszeiten, der Klimate, der Elemente, Hunger, Durst\\nund M\u00c3\u00bcdigkeit; tauchet sie in die Fluten des Styx. Ehe der\\nK\u00c3\u00b6rper eine bestimmte Gewohnheit angenommen hat, kann man\\nihn ohne Gefahr gew\u00c3\u00b6hnen, woran man will; hat er jedoch einmal\\nseine Festigkeit gewonnen, so wird jede St\u00c3\u00b6rung gef\u00c3\u00a4hrlich. Ein\\nKind ertr\u00c3\u00a4gt Ver\u00c3\u00a4nderungen, die ein Mann nicht ertragen w\u00c3\u00bcrde;\\ndie weichen und biegsamen Fiebern des ersteren nehmen ohne\\nM\u00c3\u00bche die Lage an, die man ihnen giebt 3\\nAls empfehlenswerte Mittel zur Erzielung eines kr\u00c3\u00a4ftigen,\\ngesunden und gewandten K\u00c3\u00b6rpers bezeichnet Rousseau ferner die\\nHandarbeit 4 gewisse Spiele 5 sowie die verschiedensten gym-\\nnastischen \u00c3\u009cbungen. Wie weit er in dieser Beziehung geht, kenn-\\nzeichnet sein Ausspruch: \u00e2\u0080\u009eEmile wird im Wasser ebenso gut in\\nseinem Elemente sein als auf dem Lande. K\u00c3\u00b6nnte er nur in\\njedem Elemente leben! K\u00c3\u00b6nnte man sich fliegend in die Luft er-\\nheben, so w\u00c3\u00bcrde ich aus ihm einen Adler machen; er m\u00c3\u00bcsste ein\\nSalamander werden, wenn man sich gegen das Feuer abh\u00c3\u00a4rten\\nk\u00c3\u00b6nnte 6\\nWeitere Belege f\u00c3\u00bcr den Umfang, in welchem Rousseau seine\\nAufmerksamkeit der physischen Erziehung 7 zuwendet, sind seine\\nTom. VIII, 42.\\n2 Tom. VIII, 43 f.\\n3 Tom. VIII, 44:\\n4 Mit der gr\u00c3\u00b6ssten Sorgfalt soll auch Sophie in Handarbeiten\\nunterrichtet werden. (Tom. IX, 305.)\\n5 Tom. VIII, 287; 272: \u00e2\u0080\u009eQuand un enfant joue au volant, il\\ns exerce l oeil et le bras la justesse; quand il fouette un sabot, dl\\naccroit sa force en s en servant, mais sans rien apprendre. Rousseau\\nw\u00c3\u00bcnscht, dass man den Kindern dieselben Geschicklichkeitsspiele anbiete,\\nwelche die Erwachsenen haben: \u00e2\u0080\u009ela paume, le mail, le billard, l arc, le\\nballon, les instrumens de musique. (Tom. VIII, 272.)\\n6 Tom. VIII, 237.\\n7 Auch f\u00c3\u00bcr die M\u00c3\u00a4dchenerziehung fordert er: \u00e2\u0080\u009ePuisque le corps\\nnait pour ainsi dire avant 1 \u00c3\u00a4me, la premiere culture doit dtre Celle du\\ncorps. (Tom. IX, 237.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0074.jp2"}, "75": {"fulltext": "65\\nVorschriften und Ratschl\u00c3\u00a4ge bez\u00c3\u00bcglich der Nahrung 1 der Kleidung\\nder Krankheiten und Arzneien 3 wie auch des Schlafes 4\\nSeiner Xaturanschauung v\u00c3\u00b6llig entsprechend dringt Rousseau\\nauf eine so sorgf\u00c3\u00a4ltige Pflege des K\u00c3\u00b6rpers weniger wegen der\\nphysischen Natur selbst als vielmehr wegen ihrer Bedeutung als\\nGrundlage der intellektuellen und sittlichen Erziehung. Deutlicher\\nals bei der Leibespflege tritt diese R\u00c3\u00bccksicht bei der Ausbildung\\nund \u00c3\u009cbung der einzelnen Sinne hervor. Letztere ist ganz und gar\\nbegr\u00c3\u00bcndet in seiner \u00c3\u009cberzeugung: \u00e2\u0080\u009eWollt ihr den Geist des Z\u00c3\u00b6g-\\nlings bilden, so \u00c3\u00bcbt zuvor die Werkzeuge desselben 5 \u00e2\u0080\u009eSie (die\\ngew\u00c3\u00b6hnlichen Erzieher) geben die Wissenschaft, sehr wohl; ich be-\\nsch\u00c3\u00a4ftige mich mit dem Werkzeuge, womit man dieselben er-\\nwirbt 6 So wirft er bez\u00c3\u00bcglich des Gef\u00c3\u00bchlssinnes, dessen Ausbildung\\nihm ausserordentlich wichtig erscheint, die Frage auf: \u00e2\u0080\u009eWarum \u00c3\u00bcbt\\nman uns nicht wie jene (die Blinden), in der Finsternis zu gehen,\\ndie K\u00c3\u00b6rper, die wir erreichen k\u00c3\u00b6nnen, zu erkennen, \u00c3\u00bcber die Gegen-\\nst\u00c3\u00a4nde, welche sich um uns her befinden, zu urteilen, mit einem\\nWorte, zur Nachtzeit und ohne Licht alles zu thun, was sie am\\nTage ohne Augen thun? Ich meinesteils will lieber, dass Emile\\nAugen in den Fingerspitzen als in dem Laden eines Lichterh\u00c3\u00a4ndlers\\nhabe Eine wichtige Rolle spielen bei ihm in dieser Beziehung\\ndie n\u00c3\u00a4chtlichen Spiele-).\\nNicht aber nur als Erg\u00c3\u00a4nzung des Gesichtssinnes sucht\\nRousseau eine m\u00c3\u00b6glichst feine Ausbildung des Gef\u00c3\u00bchlssinnes anzu-\\nstreben. \u00e2\u0080\u009eWarum sollte das ge\u00c3\u00bcbte Gef\u00c3\u00bchl, meint er, wie es das\\nSehen erg\u00c3\u00a4nzt, nicht auch das Geh\u00c3\u00b6r bis zu einem gewissen Grade\\nerg\u00c3\u00a4nzen k\u00c3\u00b6nnen, da doch die T\u00c3\u00b6ne in den klingenden K\u00c3\u00b6rpern\\nSchwingungen erregen, die mit dem Gef\u00c3\u00bchl wahrnehmbar sind\\nWenn man den Sinn in der Erkennung dieser Unterschiede \u00c3\u00bcbt,\\nso zweifle ich nicht, dass man es mit der Zeit dahin bringen\\nk\u00c3\u00b6nnte, ein ganzes Lied vermittels der Finger zu vernehmen 9\\nObwohl es nach ihm wichtig ist, dass sich die Haut ab-\\nh\u00c3\u00a4rtet, um den Ver\u00c3\u00a4nderungen der Luft Trotz zu bieten, w\u00c3\u00bcnscht\\ner doch nicht, dass die Hand durch allzu knechtische Verrichtung\\nTom. VIII, 282 ff.\\nTom. VIII. 224 ff.\\n3 Tom. VIII, 60 f.\\n4 i Tom. VIII, 231. Hierbei ger\u00c3\u00a4t Rousseau oft zu extremen\\nForderungen.\\nTom. VIII. 204\\n,3 i Tom. VIII, 223; Tom. VIII, 206: \u00e2\u0080\u009ePlus son corps s exerce, plus\\nson esprit s eclaire; sa force et sa raison croissent la fois et s etendent\\nl une par lautre. \u00e2\u0080\u009ePour apprendre penser, il faut donc exercer nos\\nmembres, nos sens, nos organes, qui sont les instrumens de notre\\nintelligence. (Tom VIII, 222.)\\nTom. VIII, 241.\\nTom. VIII, 241 ff.\\n9 Tom. VIII, 253.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0075.jp2"}, "76": {"fulltext": "66\\nsich verh\u00c3\u00a4rte oder dass ihre Haut h\u00c3\u00b6rn artig w\u00c3\u00bcrde und das feine\\nGef\u00c3\u00bchl verl\u00c3\u00b6re, durch welches man die Beschaffenheit der K\u00c3\u00b6rper,\\n\u00c3\u00bcber die man die Hand hinwegbewegt, erkennt 1\\nAuch bez\u00c3\u00bcglich der Ausbildung des Gesichtssinnes giebt\\nRousseau mancherlei Anregungen. Die Schuld, dass unsere Ab-\\nsch\u00c3\u00a4tzungen gew\u00c3\u00b6hnlich sehr ungenau sind, liegt, wie Rousseau\\nganz richtig hervorhebt, nicht an dem Sinne, als vielmehr an seinem\\nGebrauche. Es wird dies dadurch bewiesen, \u00e2\u0080\u009edass die Ingenieure,\\nZimmerleute, Architekten, Maurer, Maler im allgemeinen ein viel\\nsicheres Augenmass haben als wir und die Gr\u00c3\u00b6sse einer Aus-\\ndehnung viel richtiger absch\u00c3\u00a4tzen 2 Daher gilt es, die Kinder\\nf\u00c3\u00bcr das Messen, das Erkennen und Absch\u00c3\u00a4tzen der Entfernungen\\nzu interessieren 3\\nDiese Gesichts\u00c3\u00bcbungen sollen in Beziehung zum Zeichnen und\\nzur Geometrie gesetzt werden. Man kann, sagt er, \u00c3\u00bcber die Aus-\\ndehnung und Gr\u00c3\u00b6sse der K\u00c3\u00b6rper nicht richtig urteilen lernen,\\nwenn man nicht auch ihre Formen kennen und sogar nachbilden\\ngelernt hat; denn im Grunde geschieht diese Nachbildung lediglich\\nnach den Gesetzen der Perspektive, und man kann die Aus-\\ndehnung nicht nach der Art und Weise, wie sie erscheint, ab-\\nsch\u00c3\u00a4tzen, wenn man nicht ein gewisses Gef\u00c3\u00bchl f\u00c3\u00bcr diese Gesetze\\nhat. Die Kinder, die grosse Nachahmer sind, versuchen, alles zu\\nzeichnen; ich w\u00c3\u00bcnschte, dass mein Z\u00c3\u00b6gling diese Kunst fleissig \u00c3\u00bcbte,\\nnicht gerade um der Kunst selbst willen, sondern um sich einen\\nsicheren Blick und eine gewandte Hand anzueignen. \u00c3\u009cberhaupt\\nkommt es sehr wenig darauf an, ob er diese oder jene \u00c3\u009cbung\\ngelernt habe, wenn er nur die Sch\u00c3\u00a4rfe des Sinnes und diejenige\\nk\u00c3\u00b6rperliche Fertigkeit erlangt, die man durch diese \u00c3\u009cbung gewinnt 4\\nIn dem n\u00c3\u00a4mlichen Geiste sollen auch die anderen Sinne\\ngeschult und ausgebildet werden 5\\nDie in diesem Abschnitte skizzierten Z\u00c3\u00bcge beweisen wohl zur\\nGen\u00c3\u00bcge, dass es eine hervorstechende Seite der Rousseauschen\\nP\u00c3\u00a4dagogik ist, der physischen Erziehung, besonders r\u00c3\u00bccksichtlich\\nihrer Bedeutung f\u00c3\u00bcr die psychische Entwicklung, einen breiten\\nRaum im ganzen Erziehungsgesch\u00c3\u00a4fte einger\u00c3\u00a4umt und eine syste-\\nmatische, harmonische Entfaltung der physischen Natur mit allem\\nNachdruck gefordert zu haben.\\n3) Als eine weitere Konsequenz seiner Naturanschauung er-\\nwies sich uns die p\u00c3\u00a4dagogische Maxime, der kindlichen Intelligenz\\nm\u00c3\u00b6glichst wenig zuzutrauen, ihre Ausbildung prinzipiell zu ver-\\nx Tom. VIII, 254.\\n2 und 3 Tom. VIII, 257.\\n4 Tom, VIII, 264 f.\\n8 Der Abschnitt, in welchem Eousseau die \u00c3\u009cbung der Sinne\\nbehandelt, enth\u00c3\u00a4lt Beispiele feiner psychologischer Beobachtungen sowie\\nmusterg\u00c3\u00bcltiger methodischer Winke. Cf. Tom. VIII, 222 ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0076.jp2"}, "77": {"fulltext": "6/\\nz\u00c3\u00b6gern und gegen\u00c3\u00bcber der physischen Pflege hintanzusetzen. Wie\\nverh\u00c3\u00a4lt sich die Rous seausche P\u00c3\u00a4dagogik hierzu?\\nDie allseitige, umfassende Pflege, welche Rousseau in Bezug\\nauf die physische Natur fordert, l\u00c3\u00a4sst schon aus zeitlichen Gr\u00c3\u00bcnden\\neine Ausbildung der geistigen Verm\u00c3\u00b6gen w\u00c3\u00a4hrend dieser Zeit so\\ngut als ausgeschlossen erscheinen. Ausser diesem \u00c3\u00a4usseren Um-\\nst\u00c3\u00a4nde liegt aber auch ein innerer Zusammenhang zwischen jener\\nund dieser Tendenz vor. Denn wird der Leib als Organ der Seele,\\nwerden die Sinne als Werkzeuge des Geistes betrachtet, und setzt\\ndie Erkenntnistheorie die Ausbildung jener als Grundbedingung\\nf\u00c3\u00bcr die Entwicklung dieser voraus, so ist es klar, dass demzufolge\\nvon einer prinzipiellen Einwirkung auf die Intelligenz w\u00c3\u00a4hrend der\\nersten physischen Entwicklung nicht die Rede sein kann.\\nDoch ist unsere Maxime nicht nur als eine Folge jener\\nTendenz zu betrachten. Sie lag ja, wie oben festgestellt wurde,\\nimmittelbar in dem Grundirrtum seiner Naturanschauung begr\u00c3\u00bcndet,\\nnach welchem die h\u00c3\u00b6heren, psychischen Funktionen erst in auf-\\nfallend sp\u00c3\u00a4tem Alter in Wirksamkeit treten. Wie macht sich nun\\ndie in Frage stehende Maxime in seiner P\u00c3\u00a4dagogik geltend?\\nEs geh\u00c3\u00b6rt zu den bekanntesten Z\u00c3\u00bcgen der Rousseauschen\\nP\u00c3\u00a4dagogik, wie sie in bewusstem Gegensatze zu der \u00c3\u00bcblichen, in\\nden Tendenzen der Aufkl\u00c3\u00a4rung zum Teil begr\u00c3\u00bcndeten \u00e2\u0080\u009epedan-\\ntischen Unterrichts wut 1 immer und immer wieder mit allem\\nNachdruck fordert, die intellektuelle Erziehung so lange als m\u00c3\u00b6glich\\nzu verz\u00c3\u00b6gern 2 Sein Rat: \u00e2\u0080\u009eBetrachtet jede Verz\u00c3\u00b6gerung 3 als\\neinen Vorteil 4 und die Hauptforderung: \u00e2\u0080\u009eZeit zu verlieren 5 haben\\nin keiner Hinsicht h\u00c3\u00b6here Geltung als gerade in dieser 6\\nSo ist nach ihm tadelnswert schon die Sitte, \u00e2\u0080\u009edass man sich\\nallzu sehr beeilt, die Kinder zum Sprechen zu bringen, gleich als\\nob man f\u00c3\u00bcrchtete, dass sie es nicht von selbst lernen w\u00c3\u00bcrden.\\nDurch diesen unbesonnenen Eifer erzielt man gerade das Gegenteil\\nvon dem, was man erreichen will. Sie sprechen dabei viel sp\u00c3\u00a4ter,\\nviel undeutlicher 7 Ausserdem bestimmen ihn wichtigere, psycho-\\nx Tom. VIII, 110.\\n2 Erkannte es doch Kousseau als eine seiner Hauptaufgaben,\\ngegen\u00c3\u00bcber der intellektuellen Anschauung seiner Zeit, nach welcher der\\nMensch in der Hauptsache als eine Verstandesmaschine angesehen wurde,\\neinerseits auf die physische Natur, anderseits auf die Gef\u00c3\u00bchls- und\\nWillensseite als auf schwerwiegende Gegengewichte hinzuweisen.\\n3 Tom. VIII, 154: \u00e2\u0080\u009eMaitrez zeles, soyez simples, discrets, retenus:\\nne vous h\u00c3\u00a4tez jamais d agir que pour empecher d agir les autres: je le\\nrepeterai sans cesse, renvoyez, s il se peut, une bonne Instruction, de peur\\nd en donner une mauvaise.\\n4 Tom. VIII, 148.\\n5 Tom. VIII, 260.\\n6 \u00e2\u0080\u009eA chaque Instruction precore qu on veut faire entrer dans leis-\\ntete, on plante un vice au fond de leur coeur. (Tom. VIII, 143).\\nTom. VIII, 100.\\n5*", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0077.jp2"}, "78": {"fulltext": "68\\nlogische Gr\u00c3\u00bcnde, gegen diese \u00c3\u009cbereilung zu k\u00c3\u00a4mpfen. Die Kinder,\\nbemerkt er richtig, die man fr\u00c3\u00bch zum Reden antreibt, haben weder\\nZeit, das, was man sie sagen l\u00c3\u00a4sst, richtig aussprechen, noch es\\ndeutlich verstehen zu lernen. L\u00c3\u00a4sst man sie dagegen ihren eigenen\\nWeg gehen, so \u00c3\u00bcben sie sich zun\u00c3\u00a4chst im Aussprechen der leich-\\ntesten Silben, verbinden damit nach und nach eine Bedeutung, die\\nman aus ihren Geb\u00c3\u00a4rden err\u00c3\u00a4t, und geben euch so ihre Worte,\\nehe sie die eurigen empfangen. Dadurch wird aber bewirkt, dass\\nsie letztere nicht eher annehmen, als bis sie dieselben verstanden\\nhaben. Da sie nicht gedr\u00c3\u00a4ngt werden, sich ihrer zu bedienen, so\\nwerden sie damit beginnen, zu beobachten, welchen Sinn ihr mit.\\nihnen verbindet, und sie erst dann zu den ihrigen machen, wenn\\nsie dessen sicher geworden sind 1\\nDer gr\u00c3\u00b6sste Nachteil der \u00c3\u009cbereilung, legt Rousseau weiter\\ndar, besteht nicht darin, dass die ersten Gespr\u00c3\u00a4che, die man mit\\nihnen f\u00c3\u00bchrt und die ersten Worte, die sie sprechen, f\u00c3\u00bcr sie keinen\\nSinn haben, sondern darin, dass sie einen andern Sinn damit ver-\\nbinden als wir, ohne dass wir im st\u00c3\u00a4nde sind, dies wahrzunehmen,\\nsodass sie, indem sie uns ganz genau zu antworten scheinen, mit\\nuns reden, ohne dass sie uns und wir sie verstehen 2 Da er\\nhierin die Ursachen der ersten Irrt\u00c3\u00bcmer erblickt, \u00e2\u0080\u009edie selbst dann\\nnoch, wenn das Kind von ihnen geheilt ist 3 ihren Einfluss auf\\ndie Richtung seines Geistes f\u00c3\u00bcr die ganze \u00c3\u00bcbrige Lebenszeit \u00c3\u00a4ussern\\nso erscheint seine obige Forderung bez\u00c3\u00bcglich der Verz\u00c3\u00b6gerung des\\nSprechenlernens um so begr\u00c3\u00bcndeter.\\nIn nahem Zusammenhange hiermit steht seine Warnung,\\nsich durch zuf\u00c3\u00a4llige, gl\u00c3\u00bcckliche Einf\u00c3\u00a4lle ja nicht \u00c3\u00bcber die kind-\\nliche Fassungskraft t\u00c3\u00a4uschen zu lassen. Wie es Menschen giebt,\\nsagt er, welche niemals die Kinderschuhe ausziehen, so giebt es\\nauch andere, welche die Kindheit sozusagen gar nicht durchlaufen,\\nsondern beinahe von Geburt an M\u00c3\u00a4nner sind. Das Schlimmste\\ndabei ist, dass diese letztere Ausnahme selten und sehr schwer zu\\nerkennen ist, und dass jede Mutter in der Einbildung, es g\u00c3\u00a4be\\nWunderkinder, nicht daran zweifelt, dass das ihrige eins sei. Ja,\\nman geht noch weiter; man nimmt selbst Erscheinungen f\u00c3\u00bcr An-\\nzeichen von etwas Ausserordentlichem, die der gew\u00c3\u00b6hnlichen Ordnung\\ngem\u00c3\u00a4ss zu Tage treten, wie die Lebhaftigkeit, \u00c3\u00bcberraschende Ein-\\nf\u00c3\u00a4lle, Unbesonnenheit, eine anziehende Naivit\u00c3\u00a4t, alles nur charak-\\nteristische Merkmale des kindlichen Alters, die am besten erkennen\\nlassen, dass ein Kind eben nur ein Kind ist 4\\nDa nach seiner Grundansicht \u00c3\u00bcber die psychische Natur die\\nganze Kindheit der Schlaf der Vernunft ist, da das Kind bis zum\\nTom. VIII, 105.\\n2 j Tom. VIII, 105 f.\\n8 Tom. VIII, 106.\\nTom. VIII, 175 f.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0078.jp2"}, "79": {"fulltext": "69\\n12. Jahre weder ein Ged\u00c3\u00a4chtnis, noch die F\u00c3\u00a4higkeit zu urteilen\\nbesitzt, so hat die eigentliche intellektuelle Erziehung naturgem\u00c3\u00a4ss\\nerst nach dieser Zeit und selbst dann noch mit gr\u00c3\u00b6sster Vorsicht\\nzu beginnen. Bis dahin besteht die Erziehung \u00e2\u0080\u009enicht in der Unter-\\nweisung \u00c3\u00bcber Tugend und Wahrheit, sondern darin, das Herz vor\\nLastern und den Verstand vor Irrt\u00c3\u00bcmern zu bewahren 1 Welchen\\nErfolg er sich davon verspricht, ist aus folgender Stelle zu ersehen\\n\u00e2\u0080\u009eWenn ihr im st\u00c3\u00a4nde w\u00c3\u00a4ret, nichts zu thun und zu verh\u00c3\u00bcten, dass\\netwas gethan w\u00c3\u00bcrde, wenn ihr euren Z\u00c3\u00b6gling bis zum 12. Jahr\\nbringen k\u00c3\u00b6nntet, ohne dass er seine rechte Hand von der linken\\nzu unterscheiden w\u00c3\u00bcsste, so w\u00c3\u00bcrden die Augen seines Verst\u00c3\u00a4ndnisses\\nsich vom Anfange eurer Unterweisung an der Vernunft er\u00c3\u00b6ffnen;\\ner w\u00c3\u00bcrde ohne Vorurteil, ohne Gew\u00c3\u00b6hnung sein und nichts an sich\\nhaben, was den Erfolg eurer Sorgfalt hindern k\u00c3\u00b6nnte 2\\nDieser \u00c3\u009cberzeugung zufolge ist Rousseau bestrebt, das Kind\\nzun\u00c3\u00a4chst in dem urspr\u00c3\u00bcnglichen und daher dem Menschen nat\u00c3\u00bcr-\\nlichen Zustande der Unwissenheit und Denkunf\u00c3\u00a4higkeit 3 zu er-\\nhalten. Ich lehre, sagt er geradezu, meinem Z\u00c3\u00b6glinge die Kunst,\\nunwissend zu sein 4 Nicht hoch genug vermag er die nat\u00c3\u00bcrliche\\nUnwissenheit zu preisen. Gedenke, erinnere dich ohne Unterlass,\\nermahnt er den Erzieher, dass die Unwissenheit niemals Schaden\\nangerichtet hat, dass nur der Irrtum verderblich ist, und dass man\\nnicht durch das, was man nicht weiss, sondern durch das, was\\nman zu wissen glaubt, auf Irrwege ger\u00c3\u00a4t 5 Der gr\u00c3\u00b6ssten Vorsicht\\nbedarf es deshalb, dass sich keine falsche Idee in ihm festsetzt.\\nWird doch die erste falsche Idee, die in seinen Kopf kommt, in\\nihm zum Keime des Irrtums und des Lasters 6 Da das Kind\\nnun vor dem Alter der Vernunft nicht f\u00c3\u00a4hig ist, die Begriffe\\n\u00e2\u0080\u009emoralisches Wesen und gesellschaftliche Beziehungen und\\nf\u00c3\u00bcgen wir hinzu: \u00c3\u00bcberhaupt allgemeine, abstrakte Begriffe 7 zu\\nerfassen, so muss man, soweit es m\u00c3\u00b6glich ist, vermeiden, W\u00c3\u00b6rter\\nanzuwenden, welche diese Ideen ausdr\u00c3\u00bccken 8 Es gilt darum f\u00c3\u00bcr\\ndie ganze erste Kindheit die Maxime: \u00e2\u0080\u009eLasst, solange nur sinnliche\\nGegenst\u00c3\u00a4nde Eindr\u00c3\u00bccke auf das Kind hervorbringen, alle seine\\nVorstellungen auf den Bereich des Sinnlichen beschr\u00c3\u00a4nkt bleiben\\nschafft, dass es \u00c3\u00bcberall in seiner Umgebung nur die physische\\nWelt wahrnehme\\nIst endlich die Zeit gekommen, wo das Kind aus dem Zu-\\nM Tom. VIII, 147. 2 VIII, 147. 3 j VIII, 78. 4 VIII, 223.\\n5 VIII, 316. G VIII, 137.\\n7 Tom. VIII, 482: \u00e2\u0080\u009eLa jeunesse ne doit rien generaliser: toute son\\nInstruction doit etre en regles particuiieres.\\n8 Tom. VIII, 137. Andernfalls w\u00c3\u00a4re zu besorgen, \u00e2\u0080\u009edass das Kind\\nanfangs mit denselben Begriffe verbinde, die wieder auszurotten wir\\nweder Einsicht noch Macht haben w\u00c3\u00bcrden.\\n9 Tom. VIII, 137.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0079.jp2"}, "80": {"fulltext": "70\\nst\u00c3\u00a4nde der Schw\u00c3\u00a4che in den der Kraft und damit in die \u00e2\u0080\u009eZeit der\\nArbeit, des Unterrichtes, des Lernens 1 \u00c3\u00bcbertritt, so lassen sich\\ndie sinnlichen Wahrnehmungen in Begriffe umwandeln. \u00e2\u0080\u009eAber\\nspringen wir, f\u00c3\u00bcgt er gleich hinzu, nicht pl\u00c3\u00b6tzlich von sinnlichen\\nGegenst\u00c3\u00a4nden auf geistige \u00c3\u00bcber 2 Nach seiner Anschauung\\ngeh\u00c3\u00b6rt ein gar betr\u00c3\u00a4chtlicher Zeitaufwand dazu, um den Kiudern\\ndie ersten Begriffe 3 besonders die sittlichen und religi\u00c3\u00b6sen, bei-\\nzubringen 4 So sagt er, indem er auf die von ihm beispielsweise\\nangef\u00c3\u00bchrte Entwicklung des Begriffes \u00e2\u0080\u009eEigentum Bezug nimmt:\\n\u00e2\u0080\u009eMan ersieht, dass eine Erkl\u00c3\u00a4rung, die ich hier auf zwei Seiten\\nzusammendr\u00c3\u00a4nge, bei der Ausf\u00c3\u00bchrung vielleicht ein Jahr in An-\\nspruch nehmen wird; denn bei der Entwicklung sittlicher Begriffe\\nkann man nicht langsam genug fortschreiten und sich bei jedem\\nSchritt nicht sicher genug stellen 5 Demnach beginnt der Unter-\\nricht, den die Natur erteilt, nicht nur sehr sp\u00c3\u00a4t, sondern er\\nschreitet auch sehr langsam fort 6\\nGeht aus dem auff\u00c3\u00a4llig sp\u00c3\u00a4ten Beginn und dem \u00c3\u00bcberaus lang-\\nsamen Fortschreiten des Unterrichts schon hervor, dass die Aus-\\nbildung der Intelligenz eine keineswegs umfangreiche sein kann,\\ni) Tom. VIII, 315.\\n2 Tom. VIII, 319. Tom, VIII, 260: \u00e2\u0080\u009eL institution des enfans\\nest im metier o\u00c3\u00bc il faut savoir perdre du temps pour en gagner.\\n3 \u00e2\u0080\u009eDie erste Idee, die man ihm beibringen muss, ist weniger die\\nder Freiheit als vielmehr die des Eigentums. (Tom. VIII, 158.)\\n4 \u00e2\u0080\u009eDa die Frauen ein viel fr\u00c3\u00bcher entwickeltes Urteil haben als\\ndie M\u00c3\u00a4nner, so muss ihnen notwendigerweise das Gute und das B\u00c3\u00b6se\\nfr\u00c3\u00bcher bekannt sein. (Tom. IX, 312.)\\n5 Was die religi\u00c3\u00b6se Erziehung der M\u00c3\u00a4dchen betrifft, so heisst es:\\n,,On comprend bien que si les enfants m\u00c3\u00a4les sont hors d etat de se\\nformer aucune veritable idee de religion, plus forte raison la meme\\nidee est -eile audessus de la conception des filles c est pour cela meme\\nque je vousdrois en parier celles-ci de meilleure heure car s il falloit\\nattendre qu elles fussent en etat de discuter methodiquement ces ques-\\ntiones profondes, on courroit risque de ne leur en parier jamais. (Tom.\\nIX, 263.)\\n6 Tom. VIII, 425 f: \u00e2\u0080\u009eLes instructions de la nature sont tardives\\net lentes; Celles des hommes sont presque toujours pr^maturees.\\nBeachtenswert ist hierbei, wie Bousseau dem kindlichen Geiste, dem er\\nso wenig Fassungskraft zutraut, das Verst\u00c3\u00a4ndnis zu erschliessen sucht.\\nAnstatt die K\u00c3\u00b6pfe mit W\u00c3\u00b6rtern anzuf\u00c3\u00bcllen, wodurch nur Schw\u00c3\u00a4tzer\\ngebildet werden (Tom. VIII 347) verlangt er Sachen und dringt\\nbest\u00c3\u00a4ndig auf Anschaulichkeit. Tom. VIII, 352: \u00e2\u0080\u009eII faut parier taut\\nqu on peut par les actions, et ne dire que ce qu on ne sauroit faire.\\nTom. VIII, 344: \u00e2\u0080\u009enos vrais maitres sont 1 expeYience et le sentiment.\\nDarum soll sein Z\u00c3\u00b6gling soviel als m\u00c3\u00b6glich durch Beobachtung, wo nicht\\ngar durch Erfindung lernen. (Obwohl auch hierin ein wahrer Kern\\nenthalten ist, so f\u00c3\u00bchrt es doch, wie Bousseau selbst zeigt, leicht zu\\nK\u00c3\u00bcnsteleien. Man hat ihm in dieser Beziehung nicht mit Unrecht\\n\u00e2\u0080\u009eschauspielerisches Versteckspiel (Schneider, a. a. 0. 21), oder \u00e2\u0080\u009eSpielen\\nhinter den Kulissen (Hahn, Das Unterrichtswesen in Frankreich.\\nBreslau, 1848. p. 113) vorgeworfen.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0080.jp2"}, "81": {"fulltext": "71\\nso zeigt ein Blick auf die Auswahl dessen, was Rousseau f\u00c3\u00bcr die\\nEntfaltung derselben naturgem\u00c3\u00a4ss erscheint, dass er sich geradezu\\nauf das notwendigste Mass beschr\u00c3\u00a4nkt. Von den unserer Fassungs-\\nkraft angemessenen Kenntnissen, \u00c3\u00a4ussert er, sind eine Anzahl falsch,\\nandere unn\u00c3\u00bctz, wieder andere dienen dazu, den Stolz dessen zu\\nn\u00c3\u00a4hren, der sie besitzt. Nur die kleine Zahl derselben, die in\\nWahrheit zu unserem Wohle beitr\u00c3\u00a4gt 1 ist es wert, dass der Weise,\\nund folglich auch das Kind, das man ja weise machen will, Fleiss\\nauf ihre Erwerbung verwendet. Es kommt nicht darauf an, alles\\nwas ist, zu kennen, sondern nur darauf, zu wissen, was n\u00c3\u00bctzlich 3\\nist. Von dieser geringen Anzahl muss man noch diejenigen Wahr-\\nheiten hinwegnehmen, zu deren Verst\u00c3\u00a4ndnis ein schon vollst\u00c3\u00a4ndig\\nausgebildeter Verstand erforderlich ist 2 diejenigen, welche schon\\neine Kenntnis der Verh\u00c3\u00a4ltnisse des Menschen voraussetzen, die\\nein Kind noch nicht erwerben kann, sowie diejenigen, welche zwar\\nan sich wahr sind, aber ein unerfahrenes Gem\u00c3\u00bct verleiten k\u00c3\u00b6nnen,\\n\u00c3\u00bcber andere Gegenst\u00c3\u00a4nde falsch zu denken 4\\nAuf einen noch kleineren Kreis reduzieren sich die f\u00c3\u00bcr\\nRousseau in Frage kommenden BildungsstofFe dadurch, dass neben\\nder R\u00c3\u00bccksicht auf den Nutzen 5 und die Fassungskraft des Z\u00c3\u00b6g-\\nlings in erster Linie seine Bed\u00c3\u00bcrfnisse, seine Neigungen sein\\nInteresse 7 f\u00c3\u00bcr die Auswahl massgebend sein sollen. Schliesslich\\nmacht auch die Maxime, dass die eigene Erfahrung 8 als wichtigstes\\nBildungsmittel zu verwenden ist, ihren Einfluss auf die Beschr\u00c3\u00a4nkung\\ndes Stoffkreises geltend 9\\nSein ganzes Erziehungsziel deswegen als \u00e2\u0080\u009eniedrigsten Eud\u00c3\u00a4mo-\\nnismus zu bezeichnen wie Gehrig, a. a. O. 161, erscheint uns als\\neine sehr einseitige Auffassung, die auch die Zeitverh\u00c3\u00a4ltnisse ausser\\nacht l\u00c3\u00a4sst.\\n2 Tom. IX, 243: ,,En general, s il importe aux hommes de borner\\nleurs etudes des connoissances d usage, cela importe encore plus aux\\nferames.\\n8 Als Pr\u00c3\u00bcfstein und sicherer Massstab f\u00c3\u00bcr die Entwicklung des Ver-\\nstandes k\u00c3\u00b6nnen nach Rousseau die Fortschritte des Z\u00c3\u00b6glings in der\\nGeometrie dienen. (Tom. VIII, 316.) War es sicherlich ein bleibendes\\nVerdienst Eousseaus, das Verst\u00c3\u00a4ndnis als unentbehrliche Vorbedingung\\nalles Unterrichts gefordert zu haben, so beging er doch anderseits in\\nder Anwendung dieses Grundsatzes einen in seiner Naturanschauung\\nbegr\u00c3\u00bcndeten bedeutenden Fehler.\\n4 Tom. VIII, 3151\\n5 Tom. VIII, 344.\\n6 Tom. VIII, 318; \u00e2\u0080\u009eEejetons donc encore de nos premieres Etudes\\nles connoissances dont le g\u00c3\u00b6\u00c3\u00bct n est point naturel l homme, et bornons-\\nnous celles que l instinct nous porte chercher. Das N\u00c3\u00a4mliche\\ngilt f\u00c3\u00bcr die weibliche Erziehung: \u00e2\u0080\u009eOn ne doit point offrir de leur donner\\nlecon, il faut que ce soient elles qui la demandent (Tom. IX, 259.)\\nTom. VIII, 318; 346; 391.\\n8 Tom. VIII, 168.\\n9 Da seine Unterweisungen hiernach eines planm\u00c3\u00a4ssigen ziel-\\nbewussten Verfahrens entbehren und im ganzen mehr den Charakter des", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0081.jp2"}, "82": {"fulltext": "72\\nWie d\u00c3\u00bcrftig nach alledem der Unterricht, welchen Rousseau\\nf\u00c3\u00bcr naturgera\u00c3\u00a4ss erachtet, ausfallen muss, ist leicht einzusehen.\\nSo rechnet er z. B. das Studium der Sprachen \u00e2\u0080\u009eunter die f\u00c3\u00bcr die\\nErziehung (wenigstens bis zum 12. Jahre) unn\u00c3\u00bctzen Gegenst\u00c3\u00a4nde 1\\nFerner erhebt er gegen das verfr\u00c3\u00bchte Studium der Geschichte\\nwichtige Bedenken. \u00e2\u0080\u009eEs ist leicht, den Kindern die W\u00c3\u00b6rter: K\u00c3\u00b6-\\nnige, Reiche, Kriege, Eroberungen, Revolutionen, Gesetze in den\\nMund zu legen; allein, wenn es sich darum handelt, mit diesen\\nW\u00c3\u00b6rtern klare Ideen zu verbinden, so m\u00c3\u00b6chten alle diese Aus-\\neinandersetzungen doch sehr verschieden sein von der Unterredung\\ndes G\u00c3\u00a4rtners Robert. (\u00c3\u009cber den Begriff des Eigentums) 2 Auch\\ndie Fabeln, selbst die von Lafontaine, \u00e2\u0080\u009eso naiv, so reizend die-\\nselben auch sind, h\u00c3\u00a4lt er f\u00c3\u00bcr unpassend; \u00e2\u0080\u009edenn die Worte der\\nFabeln sind ebensowenig die Fabeln selbst, als die Worte der\\nGeschichte die Geschichte selbst sind. Wie kann man so ver-\\nblendet sein, die Fabeln die Moral der Kinder zu nennen und nicht\\nzu bedenken, dass das Gleichnis sie t\u00c3\u00a4uscht, indem es sie erg\u00c3\u00b6tzt,\\ndass sie, verf\u00c3\u00bchrt durch die L\u00c3\u00bcge, sich die Wahrheit entgehen lassen,\\nund dass das, was man thut, um ihnen den Unterricht angenehm\\nzu machen, sie hindert, Nutzen aus demselben zu ziehen 3\\nVon den n\u00c3\u00a4mlichen Gesichtspunkten aus unterwirft Rousseau\\nauch die \u00c3\u00bcbrigen allgemein \u00c3\u00bcblichen Unterrichtsgegenst\u00c3\u00a4nde einer\\nkritischen Pr\u00c3\u00bcfung, sichtet und beschr\u00c3\u00a4nkt sie auf ein geradezu\\n\u00c3\u00bcberraschendes Minimum. Ohne uns indes in die vielen, oft auf\\nEinzelheiten sich beziehenden \u00c3\u0084usserungen dieser Tendenz zu ver-\\nlieren, bemerken wir nur noch, dass auch der Hass, welchen er\\nallerw\u00c3\u00a4rts gegen die B\u00c3\u00bccher und B\u00c3\u00bccherweisheit au den Tag legt,\\nin denselben \u00c3\u009cberzeugungen begr\u00c3\u00bcndet und von seinem Standpunkte\\naus berechtigt ist.\\nZu welchen Ergebnissen diese Maximen nun f\u00c3\u00bchren, l\u00c3\u00a4sst sich\\nz. B. in Bezug auf die moralische Belehrung aus folgender \u00c3\u0084usserung\\nersehen. \u00e2\u0080\u009eDie einzige f\u00c3\u00bcr Kinder passende und zugleich die wich-\\ntigste Lehre f\u00c3\u00bcr jedes Alter ist, niemals jemand B\u00c3\u00b6ses zuzuf\u00c3\u00bcgen.\\nSelbst die Vorschrift, Gutes zu thun, ist gef\u00c3\u00a4hrlich, unrichtig und\\nvoller Widerspruch, wenn sie dieser nicht untergeordnet ist 4\\nGelegentlichen und Zuf\u00c3\u00a4lligen annehmen, so kann man kaum noch von\\neinem eigentlichen- Unterrichte bei ihm sprechen. Zwar scheint es an\\neiner Stelle (Tom. VIII, 3601), als sollten die im Stoffe selbst gelegenen\\nimmanenten Zusammenh\u00c3\u00a4nge Ber\u00c3\u00bccksichtigung erfahren; in Wirklichkeit\\nsind indessen die oben geltend gemachten Gesichtspunkte massgebend.\\nx Tom. VIII, 183 f. Ein wichtiger Grundsatz ist hier der: \u00e2\u0080\u009eEn\\nquelque etude que ce puisse etre, sans l idee des choses representees les\\nsignes representans ne sont rien (Tom. VIII, 185.)\\n2 Tom. VIII, 189.\\n3 Tom. VIII, 192. Eine Folge der Untersch\u00c3\u00a4tzung der kind-\\nlichen Fassungskraft ist es auch, dass Rousseau in bewusstem Gegen-\\ns\u00c3\u00a4tze zu Locke das R\u00c3\u00a4sonnieren und Moralisieren verwirft.\\n4 Tom. VIII, 178 f.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0082.jp2"}, "83": {"fulltext": "73\\nEbensowenig wie dieser Inhalt der moralischen Unterweisung be-\\nfriedigen uns die Ergebnisse seiner intellektuellen, religi\u00c3\u00b6sen 1 und\\n\u00c3\u00a4sthetischen 2 Erziehung. H\u00c3\u00a4lt er es doch nicht f\u00c3\u00bcr n\u00c3\u00b6tig, noch\\nw\u00c3\u00bcnschenswert, dass Emile im 12. Jahre lesen oder die Linke von\\nder Rechten unterscheiden kann 3 dass er im 15. Jahre wisse,\\ndass er eine Seele habe. Letzteres zu erfahren, ist nach seiner\\nAnsicht vielleicht f\u00c3\u00bcr das 18. Jahr noch zu fr\u00c3\u00bch 4 Bis zum 15.\\nJahre hat er \u00e2\u0080\u009enur rein physische Naturkenntnisse. Er kennt nicht\\neinmal den Namen der Geschichte, noch weiss er, was Metaphysik\\nund Moral ist. Er kennt die wesentlichsten Beziehungen des\\nMenschen zum Menschen. Er versteht es nur wenig, die Begriffe\\nzu verallgemeinern und zu abstrahieren 5\\nEine derartige Unbesorgtheit und Gleichg\u00c3\u00bcltigkeit in Bezug\\nauf den Umfang der Kenntnisse l\u00c3\u00a4sst Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik \u00c3\u00b6fters\\nerkennen 6 )i. F\u00c3\u00bchren wir unter den vielen Belegstellen daf\u00c3\u00bcr ab-\\nschliessend nur noch jene f\u00c3\u00bcr seine Stellung zur Ausbildung des\\nIntellekts besonders markante an, in welcher es heisst: \u00e2\u0080\u009eErinnert\\neuch stets, dass der Geist meiner Unterweisung nicht darin besteht,\\ndas Kind viele Dinge zu lehren, sondern darin, niemals andere\\nals richtige und klare Begriffe sich in seinem Gehirn einb\u00c3\u00bcrgern\\nzu lassen. Wenn mein Z\u00c3\u00b6gling auch gar nichts w\u00c3\u00bcsste, es w\u00c3\u00bcrde\\nmich wenig k\u00c3\u00bcmmern wenn er nur nicht auf Irrt\u00c3\u00bcmer geriete, und\\nich bringe nur Wahrheiten in seinen Kopf, um ihn gegen die Irr-\\nx Seiner Erkenntnistheorie entsprechend verstreicht das ganze erste\\nAlter, ohne dass er mit seinem Z\u00c3\u00b6glinge \u00c3\u00bcber Religion redet. (Tom.\\nVIII, 523). Infolgedessen erfuhr Rousseau von jeher von orthodoxer\\nSeite die heftigsten Angriffe. Dupanloup (f 1878), der das Prinzip\\ndr-r Fr\u00c3\u00b6mmigkeit als h\u00c3\u00b6chstes Ziel der Erziehung fordert, schliesst sich\\njcV-ien Eiferern w\u00c3\u00bcrdig an Er nennt Rousseau einen Sophisten ohne Herz\\nund Verstand, seinen Emile ein geh\u00c3\u00a4ssiges System, einen furchtbaren\\nErziehungsroman, der in Bezug auf Weisheit und moralische Wahrheit\\nnoch unter den Heiden stehe. Plato und Quintilian, behauptet er sogar,\\nw\u00c3\u00bcrden vor Rousseau Abscheu gehabt haben. (Cf. Hartwig, Die\\nErziehungsprinzipien Dupanloups etc. Diss. Leipzig 1884. p. 39).\\n2 Diese, eng mit der moralischen Erziehung verbunden, l\u00c3\u00a4uft im\\nwesentlichen \u00e2\u0080\u009ein eine Anleitung zum Lebensgen\u00c3\u00bcsse hinaus (Brocker-\\nhoff, II, 459).\\n3 Auch soll Emile nie etwas auswendig lernen. (Tom. VIII, 304.)\\n4 j Tom. VIII, 523.\\n5 Tom. VIII, 413. Im Einkl\u00c3\u00a4nge mit seiner Naturanschauung\\nfordert er auch bez\u00c3\u00bcglich der Ausbildung der weiblichen Intelligenz:\\n\u00e2\u0080\u009eLa recherche des verites abstraites et spekulatives des prineipes, des\\naxiomes dans les sciences, tout ce qui tend generaliser les idees, n est\\npoint du ressort des femmes; leurs etudes doivent se rapporter toutes\\nla pratique; c est elles faire l application des prineipes que l homme\\na trouves, et c est elles de faire les observatious qui menent l homme\\netablissement des prineipes (Tom. IX, 287.)\\n6 Auch im 5. Buche (Erziehung des Weibes) \u00e2\u0080\u009eNe faites point de\\nvos filles des theologieunes et des raisonneuses. (Tom. IX, 275.) \u00e2\u0080\u009eUne\\nfemme bei esprit est le fleau de son mari, des ses enfans, de ses amis,\\nde ses valets, de tout le monde. (Tom. IX, 333.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0083.jp2"}, "84": {"fulltext": "74\\nt\u00c3\u00bciner sicher zu stellen, die er an deren Stelle aufnehmen w\u00c3\u00bcrde 1\\nDas friedliche Alter des Verstandes ist so kurz, verstreicht so\\nschnell, wird zu so viel anderen n\u00c3\u00bctzlichen Dingen gebraucht, dass\\nes eine Thorheit w\u00c3\u00a4re, zu verlangen, es solle zureichen, das Kind\\nauch noch gelehrt zu machen. Es handelt sich nicht darum, ihn\\ndie Wissenschaften zu lehren, sondern darum, ihm Geschmack an\\ndenselben beizubringen und es mit den Methoden, sie zu erlernen,\\nbekannt zu machen, damit es im st\u00c3\u00a4nde ist, sie sich anzueignen,\\nwenn dieser Geschmack erst mehr entwickelt sein wird 2\\nDamit glauben wir bewiesen zu haben, dass der in der Ver-\\nkennung und Untersch\u00c3\u00a4tzung der intellektuellen F\u00c3\u00a4higkeiten des\\nMenschen bestehende Grundmaugel der Rousseauschen Psychologie\\nsich in einer augenf\u00c3\u00a4lligen Hintansetzung und Vernachl\u00c3\u00a4ssigung\\nder Intelligenz in seiner P\u00c3\u00a4dagogik \u00c3\u00a4ussert 3\\n4) Der eigenartige Charakter der Rousseauschen Psychologie\\nwurde ferner dadurch bestimmt, dass sie im Gegensatze zu dem\\nIntellektualismus der Aufkl\u00c3\u00a4rung dem Gef\u00c3\u00bchl und AVillen einen\\nh\u00c3\u00b6heren Wert beilegte als dem Intellekte. F\u00c3\u00bcr seine P\u00c3\u00a4dagogik\\nliess sich daraus erwarten, dass es ihr viel mehr auf eine natur-\\ngem\u00c3\u00a4sse Gef\u00c3\u00bchls- und Willensbildung als auf Erzeugung und An-\\nsammlung von Kenntnissen und Wissensstoffen ankommen werde,\\ndass sie der Entfaltung der Gem\u00c3\u00bctsseite, des Charakters, ein un-\\ngleich h\u00c3\u00b6heres Interesse zuwenden werde als der Entwicklung der\\nIntelligenz. Pr\u00c3\u00bcfen wir nun seine P\u00c3\u00a4dagogik nach dieser Seite!\\nNach dem, was der vorige Abschnitt \u00c3\u00bcber die intellektuelle\\nEntwicklung dargelegt hat, ist klar, dass die Gef\u00c3\u00bchls- und Willens-\\nbildung infolge einer so auff\u00c3\u00a4lligen Hintansetzung der Verstandes-\\nkultur ohne weiteres leicht in den Vordergrund treten, durch letztere\\nzum mindesten beg\u00c3\u00bcnstigt werden kann. Ohne Zweifel geschieht\\n2 Tom. VIII, 327; \u00e2\u0080\u009eAu reste, qu il reusisse ou non dans les\\nlangues mortes, dans les belles-lettres, dans la po\u00c3\u00b6sie, peu m importe.\\nII n en vaudra pas moins s il ne sait rien de tout cela, et ce n est pas\\nde tous ces badinages, qu il s agit dans son education. (Tom. IX, 193.)\\n2 Tom. VIII, 328.\\n3 Wollte man Rousseau nicht cum grano salis verstehen oder\\neinzelnen, aus dem Zusammenhange herausgerissenen S\u00c3\u00a4tzen ein zu\\ngrosses Gewicht beilegen, so k\u00c3\u00b6nnte man sich versucht f\u00c3\u00bchlen, das\\nGegenteil von obiger Behauptung geltend zu machen. So k\u00c3\u00b6nnte man\\nz. B. leicht irre gef\u00c3\u00bchrt werden, wenn man bei Rousseau liest: \u00e2\u0080\u009eDas,\\ndessen Erwerbung wir anstreben, ist nicht sowohl die Wissenschaft, als\\nvielmehr Urteilsf\u00c3\u00a4higkeit (Tom. VIII, 376), oder wenn er von Emile\\nverlangt, \u00e2\u0080\u009eer muss arbeiten wie ein Bauer, aber denken wie ein Philosoph\\n(Tom. VIII, 401); ebenso, wenn er anstrebt, seinem Z\u00c3\u00b6glinge einen\\n\u00e2\u0080\u009ehohen Begriff von allen diesen Wissenschaften (n\u00c3\u00a4mlich von Politik,\\nNaturgeschichte, Astronomie, Moral und V\u00c3\u00b6lkerrecht) Und ein grosses\\nVerlangen, sie kennen zu lernen, beizubringen und wenn er schliesslich\\nbehauptet: \u00e2\u0080\u009eWir haben ein zu gleicher Zeit th\u00c3\u00a4tiges und denkendes\\nWesen aus ihm gemacht (Tom. VIII, 402.) Trotz alledem bleibt\\nobige Behauptung zu Recht bestehen.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0084.jp2"}, "85": {"fulltext": "75\\ndies auch; allein, es ist hierbei wieder daran zu erinnern, dass auch\\nf\u00c3\u00bcr diese Seiten jener Fundamentalsatz uneingeschr\u00c3\u00a4nkte Geltung\\nbeh\u00c3\u00a4lt, nach welchem eher eine Verz\u00c3\u00b6gerung als Beschleunigung\\nder Entwicklung anzustreben ist. Positive Einwirkungen sind da-\\nher auch r\u00c3\u00bccksichtlich der Gem\u00c3\u00bctsbildung anfangs v\u00c3\u00b6llig aus-\\ngeschlossen. Trotz dieser Einschr\u00c3\u00a4nkungen gewinnen doch die\\nR\u00c3\u00bccksichten auf die Charakterbildung gleich von Beginn der Er-\\nziehung an massgebenden Einfluss auf seine p\u00c3\u00a4dagogischen Maximen\\nund stehen gegen\u00c3\u00bcber den auf die Intelligenz abzielenden im\\nVordergrunde.\\nUm diese Seite seiner P\u00c3\u00a4dagogik jetzt an das Licht zu r\u00c3\u00bccken,\\nweisen wir zun\u00c3\u00a4chst darauf hin, dass schon bei der Wahl der\\nAmme R\u00c3\u00bccksichten auf die Charakterbildung geltend gemacht\\nwerden. \u00e2\u0080\u009eDie Amme, bemerkt er, sollte ebenso an Gem\u00c3\u00bct wie\\nk\u00c3\u00b6rperlich gesund sein. Leidenschaftlichkeit kann ebenso wie \u00c3\u009cber-\\nf\u00c3\u00bclle an S\u00c3\u00a4ften die Milch verderben. Die Milch kann gut und\\ndie Amme doch schlecht sein; ein guter Charakter der letzteren\\nist ein ebenso wesentliches Erfordernis als eine gute Leibesbeschaffen-\\nheit. Wenn man eine lasterhafte Amme w\u00c3\u00a4hlt, so will ich nicht\\nsagen, dass der S\u00c3\u00a4ugling ihre Laster annehmen werde, aber ich\\nbehaupte, dass er darunter leiden werde. Soll sie ihm ausser Milch\\nnicht auch eifrige Sorgfalt, Geduld, Sanftmut, Reinlichkeit ge-\\nw\u00c3\u00a4hren\\nDa ferner das Gef\u00c3\u00bchl f\u00c3\u00bcr Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit\\ndem Menschen augeboren ist 2 und die Kinder eine Neigung zur\\nEntr\u00c3\u00bcstung, zum \u00c3\u0084rger, zum Zorn haben, so muss eiue auf die\\nGem\u00c3\u00bctsbildung bedachte Erziehung alles abwehren, was jenes ur-\\nspr\u00c3\u00bcngliche Gef\u00c3\u00bchl verletzen oder irgendwie verderblich auf das\\njugendliche Gem\u00c3\u00bct wirken k\u00c3\u00b6nnte. \u00e2\u0080\u009eMit der gr\u00c3\u00b6ssteu Vorsicht,\\nfordert er daher, halte man von ihm alle Dienstboten fern, die sie\\nnecken, reizen, ungeduldig machen; sie sind ihnen hundertmal ge-\\nf\u00c3\u00a4hrlicher und nachteiliger als alle Rauheit der Witterung und\\nder Jahreszeiten. So lange der Widerstand, den die Kinder finden,\\nstets nur in Dingen seinen Grund hat, niemals aber ein willk\u00c3\u00bcr-\\nlicher ist, so lange werden sie weder trotzig noch zornig werden\\nund ges\u00c3\u00bcnder bleiben 3\\nVon Wichtigkeit f\u00c3\u00bcr die Charakterbildung ist sodann in jenem\\nersten Alter ein vorsichtiges Verhalten gegen das Weinen der\\nKinder. In dieser Beziehung macht Rousseau die feineu Beobach-\\ntungen und Ratschl\u00c3\u00a4ge: \u00e2\u0080\u009eDas Weinen der Kinder ist anfangs ein\\nBitten; tritt man ihm gegen\u00c3\u00bcber nicht mit Vorsicht auf, so wird\\nes bald ein Befehlen. Sie fangen damit an, sich beistehen zu\\nx Tom. VIII, 66 f.\\n2 Tom. VIII, 87.\\n3 Tom. VIII, 88.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0085.jp2"}, "86": {"fulltext": "76\\nlassen und endigen damit, sich bedienen zu lassen. Auf diese\\nWeise entsteht aus ihrer Schw\u00c3\u00a4che, die anf\u00c3\u00a4nglich das Gef\u00c3\u00bchl der\\nAbh\u00c3\u00a4ngigkeit erzeugt, in der Folge der Begriff des Befehlens und\\nHerrschen s. Allein, da dieser Begriff weniger durch ihre Bed\u00c3\u00bcrf-\\nnisse als durch unsere Dienste erzeugt wird, so beginnen hier die\\nmoralischen Wirkungen hervorzutreten, deren unmittelbare Ursachen\\nnicht in der Natur liegen 1 Es ist wichtig, sagt er ferner, dass\\nes fr\u00c3\u00bchzeitig gew\u00c3\u00b6hnt werde, nicht zu befehlen, weder den Menschen,\\ndenn es ist nicht ihr Herr, noch den Dingen, denn sie verstehen\\nes nicht 2 \u00e2\u0080\u009eAnhaltendes Weinen eines Kiudes, welches weder\\neingeschn\u00c3\u00bcrt noch krank ist, und dem man es an nichts fehlen\\nl\u00c3\u00a4sst, ist nur ein Weinen aus Gewohnheit und Eigensinn. Das\\neinzige Mittel, diese Gewohnheit zu heilen oder ihr vorzubeugen,\\nist, nicht darauf zu achten 3\\nRousseau leitet nun die Bosheit des Kindes aus der Schw\u00c3\u00a4che\\nab. \u00e2\u0080\u009eDas Kind ist nur boshaft, weil es schwach ist 4 Daraus\\nfolgert er die Maxime: \u00e2\u0080\u009eMan mache es stark, und es wird gut\\nsein denn \u00e2\u0080\u009ewer alles verm\u00c3\u00b6chte, w\u00c3\u00bcrde niemals B\u00c3\u00b6ses fhun 5\\nDie Erziehung hat daher im Interesse der Gem\u00c3\u00bctsbildung darauf\\nhinzuwirken, dass die Kinder ihre W\u00c3\u00bcnsche ihren Kr\u00c3\u00a4ften gem\u00c3\u00a4ss\\neinschr\u00c3\u00a4nken, Wollen und K\u00c3\u00b6nnen ins Gleichgewicht setzen 6 Nur\\ndann, meint Rousseau, \u00e2\u0080\u009ewenn alle Kr\u00c3\u00a4fte sich beth\u00c3\u00a4tigen, wird\\ndie Seele ruhig sein, und der Mensch wird sich im rechten Zu-\\nstande befinden 7\\nHieraus ersieht man, dass Rousseau nicht nur r\u00c3\u00bccksichtlich\\nder intellektuellen Entwicklung die \u00c3\u009cbung aller Kr\u00c3\u00a4fte fordert,\\nsondern dass er darin vor allem auch ein wichtiges Mittel f\u00c3\u00bcr die\\nWillens- und Charakterbildung erblickt s Darum dringt er be-\\nst\u00c3\u00a4ndig und mit Nachdruck auf eine m\u00c3\u00b6glichst allseitige \u00c3\u009cbung\\nder kindlichen Kr\u00c3\u00a4fte. Die wahre menschliche Erziehung besteht,\\nwie er sagt, weniger in Vorschriften als vielmehr in \u00c3\u009cbungen 9\\nDie Kunst, die ich ihn lehre, erkl\u00c3\u00a4rt er an anderer Stelle, heisst\\n\u00e2\u0080\u009eleben. Leben aber heisst nicht atmen; es heisst handeln 10 Des-\\nhalb legt seine P\u00c3\u00a4dagogik auf die Entfaltung des Th\u00c3\u00a4tigkeitstriebes\\nausserordentlich viel Gewicht.\\nIn ausgiebigster Weise soll er im Unterrichte benutzt werden.\\nRousseau meint, sein Z\u00c3\u00b6gling werde \u00e2\u0080\u009edurch eine Stunde Arbeit\\nmehr lernen als durch tagelange Erkl\u00c3\u00a4rungen 11 F\u00c3\u00bchrt ihn,\\nfordert er, von Werkstatt zu Werkstatt, aber duldet niemals, dass\\ner eine Arbeit sehe, ohne selbst Hand anzulegen 12 \u00c3\u0084usserungen\\ndieser Art, sowie auch jene Maxime, dass der Sch\u00c3\u00bcler seine\\nInstrumente, sogar die Wissenschaften wom\u00c3\u00b6glich selbst erfinden\\nTom. VIII, 88 f. 2 VIII, 89. 3 VIII, 95. VIII, 90.\\n5 VIII, 90. 6 VIII, 93; 115. 7 VIII, 115.\\n8 Physische und Intellekt. Bildung bereiten auf die moralische vor.\\n9 Tom. VIII, 30. 10 VIII, 32. VIII, 361. 12 VIII, 361.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0086.jp2"}, "87": {"fulltext": "77\\nsoll, zeigen deutlich, dass der Unterricht, den Rousseau erteilen\\nwill, thats\u00c3\u00a4chlich mehr in \u00c3\u009cbung und Willensbildung als in \u00c3\u009cber-\\nmittelung positiver Kenntnisse besteht. Ich werde nicht m\u00c3\u00bcde,\\ngesteht er selbst, es zu Aviederholen dass aller Unterricht, den\\nman der Jugend erteilt, vielmehr in Handlungen als in Worten\\nbestehen niuss x\\nWie die Willensbildung, so kommt auch die Gef\u00c3\u00bchlsbildung\\nbei seinem Unterrichte zu ihrem Rechte. Rousseau betrachtet das\\nGef\u00c3\u00bchl und die Erfahrung als die wahren Lehrmeister 2 Daher\\nfordert er: \u00e2\u0080\u009eLasst die Sprache des Verstandes ihren Weg durchs\\nHerz nehmen, damit sie verst\u00c3\u00a4ndlich werde 3 oder: \u00e2\u0080\u009eDas Kind\\nthue nichts auf das blosse Wort; nichts ist gut, wovon es nicht\\nf\u00c3\u00bchlt, dass es gut ist 4 Aller Unterricht soll demnach\\nso beschaffen sein, dass er mit dem Gef\u00c3\u00bchle und Herzen erfasst\\nwerde. \u00e2\u0080\u009eLasst es ihn f\u00c3\u00bchlen, sagt er geradezu, oder er wird es\\nniemals erkennen 5\\nEine \u00c3\u00bcberaus hohe Bedeutung f\u00c3\u00bcr die Gef\u00c3\u00bchls- und Willens-\\nbildung legt Rousseau ferner mit vollem Rechte dem Vorbilde des\\nErziehers bei. Da er n\u00c3\u00a4mlich in dem Nachahmungstriebe einen der\\nst\u00c3\u00a4rksten der kindlichen Triebe erkennt, so vers\u00c3\u00a4umt er keine\\nGelegenheit, um auf die folgenschwere Wirkung des Beispiels hin-\\nzuweisen. So h\u00c3\u00b6ren wir seine Mahnung: \u00e2\u0080\u009eIhr Lehrer, meidet alle\\nZierereien, seid tugendhaft und gut. Euer Beispiel pr\u00c3\u00a4ge sich dem\\nGed\u00c3\u00a4chtnisse eurer Z\u00c3\u00b6glinge ein, bis es endlich in ihr Herz ein-\\ndringen kann. Anstatt mich zu beeilen, von dem meinigen Hand-\\nlungen der Mildth\u00c3\u00a4tigkeit zu fordern, \u00c3\u00bcbe ich lieber dieselbe in\\nseiner Gegenwart 6 Auf diese Weise soll der Erzieher soviel als\\nm\u00c3\u00b6glich durch Thaten reden und nur sagen, was man nicht zu\\nthun im st\u00c3\u00a4nde ist 7 \u00e2\u0080\u009eGebt ihm \u00c3\u00bcberall ein Beispiel! gilt somit\\nals eine der obersten Maximen der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik.\\nW\u00c3\u00a4hrend so Rousseau das Beispiel als das beste, weil natur-\\ngem\u00c3\u00a4sseste Unterrichts- und Erziehungsmittel preist, verwirft er\\nmit gleichem Eifer alle jene Mittel, welche einen verderblichen\\nEinfluss. auf das jugendliche Gem\u00c3\u00bct aus\u00c3\u00bcben. Es ist eine ganz\\nmerkw\u00c3\u00bcrdige Erscheinung, sagt er in dieser Beziehung, dass man,\\nseitdem man sich mit der Erziehung der Kinder befasst, noch kein\\nanderes Mittel, dieselben zu leiten, gefunden hat, als den Wett-\\neifer, die Eifersucht, den Neid, die Eitelkeit, die Gier, die knech-\\ntische Furcht, also die gef\u00c3\u00a4hrlichsten Leidenschaften, die am\\nschnellsten die ganze Seele durchdringen und am meisten geeignet\\nsind, sie zu verderben, selbst noch ehe der K\u00c3\u00b6rper seine Ausbildung\\nerlangt hat 8\\nSahen wir oben, wie die Rousseausche Erziehung gleich von\\nTom. VIII, 510; 162. 2 VIII, 344 3 IX, 144.\\n4 VIII, 343. 5 VIII, 496. 6 VIII, 171. 7 VIII, 352. 8 VIII, 143.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0087.jp2"}, "88": {"fulltext": "78\\nAnfang au ihr Hauptaugenmerk auf die Charakterbildung gerichtet\\nhat und diese fortw\u00c3\u00a4hrend anstrebt, so tritt die n\u00c3\u00a4mliche Tendenz\\nin der sp\u00c3\u00a4teren Zeit, in welcher die Leidenschaften erwachen, noch\\naugenf\u00c3\u00a4lliger hervor. Dass die Leidenschaften eine bedeutsame\\nStelle in seiner P\u00c3\u00a4dagogik einnehmen, entspricht ganz seiner Natur-\\nanschauung. Sind sie doch nach dieser nicht nur die haupts\u00c3\u00a4ch-\\nlichsten Werkzeuge unserer Erhaltung, sondern auch die Quelle\\naller Tugenden und Laster.\\nDer Erziehung liegt ihnen gegen\u00c3\u00bcber zun\u00c3\u00a4chst ob, \u00e2\u0080\u009eOrdnung\\nund Regel in sie zu bringen 1 Dies geschieht am einfachsten\\ndadurch, \u00e2\u0080\u009edass man den Zeitraum, w\u00c3\u00a4hrend dessen sie sich ent-\\nAvickeln, erweitert, damit sie Zeit haben, sich nach Massgabe ihrer\\nEntstehung zu ordnen. Dann ist es nicht der Mensch, der sie\\nordnet, sondern die Natur selbst; eure Sorge besteht nur darin,\\ndieselbe ihr Werk selbst ausf\u00c3\u00bchren zu lassen 2\\nAuf ein rein negatives Verhalten zielen auch die anderen\\nRatschl\u00c3\u00a4ge, die Rousseau in Bezug auf die Leidenschaften macht,\\nim wesentlichen ab, wenigstens insoweit, als sie lediglich vom\\nStandpunkte des Naturprinzips aus geltend gemacht werden.\\nSobald er mit positiven Forderungen hervortritt, spielen deutliche\\nBeziehungen auf das Gesellschaftsprinzip herein, weshalb dieselben\\nan sp\u00c3\u00a4terer Stelle passendere Erw\u00c3\u00a4hnung finden sollen.\\nAus den hier hervorgehobenen Momenten ist immerhin schon\\nzu ersehen, dass wie sich sp\u00c3\u00a4ter noch klarer herausstellen wird\\nRousseau nicht nur fr\u00c3\u00bcher auf die Gem\u00c3\u00bctsbilduug bedacht ist\\nals auf die Verstandeskultur, sondern dass er in vollem Einkl\u00c3\u00a4nge\\nmit seiner Erkenntnistheorie auf die Pflege des Gef\u00c3\u00bchls und\\nWillens \u00c3\u00bcberhaupt gr\u00c3\u00b6sseres Gewicht als auf die Entfaltung der\\nIntelligenz legt 3\\nJ Tom. VIII, 434.\\n2 Tom. VIII, 434.\\n3 Dass seine P\u00c3\u00a4dagogik in dieser Beziehung, besonders was die\\nGef\u00c3\u00bchlsbildung anlangt, im Vergleiche zur heutigen die den f\u00c3\u00bcr das\\nLeben bedeutungsvollsten Seiten des Gef\u00c3\u00bchls, der Phantasie, des Charak-\\nters gegen\u00c3\u00bcber dem Intellekte trotz aller theoretischen W\u00c3\u00bcrdigung in der\\nPraxis noch immer nicht zu ihrem Rechte verholten hat noch sehr\\neinseitig und unbefriedigend ist, bedarf keiner Begr\u00c3\u00bcndung. (Siehe oben\\np. 42 Anm. 3.) Auf eine Eigent\u00c3\u00bcmlichkeit ist hier aber noch hinzu-\\nweisen. Obgleich Rousseau die Selbst\u00c3\u00a4ndigkeit und Untr\u00c3\u00bcglichkeit des\\nGef\u00c3\u00bchls gegen\u00c3\u00bcber dem Verst\u00c3\u00a4nde stark betont, so hat er doch, wenn\\nman auf die praktische Seite sieht, den Intellektualismus der Aufkl\u00c3\u00a4rung\\nnoch nicht v\u00c3\u00b6llig \u00c3\u00bcberwunden. Trotzdem n\u00c3\u00a4mlich die Religion nach ihm\\nim wesentlichen Sache des Gef\u00c3\u00bchls und Herzens ist, nimmt doch die\\nVernunft schliesslich einen grossen Anteil an ihrer Begr\u00c3\u00bcndung.\\n(Borgeaud, a. a. 0. 97; H\u00c3\u00b6ffding, a. a. 0. 130). Dasselbe gilt auch\\nbez\u00c3\u00bcglich der Moral, ja zum Teil von seiner ganzen Erziehung. Diese\\nWiderspr\u00c3\u00bcche, in die er sich hier verwickelt, sind jedoch nur Schein-\\nwiderspr\u00c3\u00bcche. Im Grunde sind sie nur der Ausdruck jenes unklaren,\\nschwankenden Verh\u00c3\u00a4ltnisses, das uns oben bez\u00c3\u00bcglich der Auffassung von", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0088.jp2"}, "89": {"fulltext": "79\\n5) Viel drastischer als durch die bisher aufgezeigten Ten-\\ndenzen dokumentiert sich die Rousseausche P\u00c3\u00a4dagogik als Natur-\\np\u00c3\u00a4dagogik durch die Betonung und Forderung gewissenhaftester\\nBeobachtung und Erforschung der sich entwickelnden Kindesnatur,\\nsowie durch den fortw\u00c3\u00a4hrenden, striktesten Anschluss der p\u00c3\u00a4da-\\ngogischen Mittel und Ziele an das jeweilige Naturbed\u00c3\u00bcrfnis.\\nWas den ersten Punkt anlangt, so ist wohl das Studium der\\nKinder kaum jemals so eindringlich und warm den Eltern und\\nErziehern ans. Herz gelegt worden, wie dies von Rousseau ge-\\nschehen. Nie wird er m\u00c3\u00bcde, die Erforschung der Kindesnatur als\\nschwierigste und unerl\u00c3\u00a4sslichste Bedingung einer vern\u00c3\u00bcnftigen, d. h.\\nnaturgem\u00c3\u00a4ssen Erziehung zu fordern. Der Mahn- und Klageruf:\\n\u00e2\u0080\u009eMan m\u00c3\u00b6ge doch anfangen, die Menschen, die man erziehen will,\\nbesser zu studieren; denn in der That, man kennt sie noch nicht\\ndurchklingt seine ganze P\u00c3\u00a4dagogik 1\\nUm nun zu diesem so unentbehrlichen Studium am wirk-\\nsamsten anzuspornen, kann er, ohne die Schwierigkeiten 2 zu ver-\\nschweigen, die Zweckm\u00c3\u00a4ssigkeit und den herrlichen Lohn desselben\\nnicht oft, noch hoch genug preisen. So l\u00c3\u00a4stig nun auch vielleicht\\nmanchem seiner Leser diese in den verschiedensten Wendungen\\nsich fortw\u00c3\u00a4hrend wiederholende Betonung steter und sorgf\u00c3\u00a4ltiger\\nBeobachtung der kindlichen Natur sich f\u00c3\u00bchlbar machen mag, so\\nmuss dem gegen\u00c3\u00bcber doch darauf hingewiesen werden, dass es im\\nHinblick sowohl auf Rousseaus Standpunkt als auch auf seine\\nZeit eine dringend notwendige Aufgabe war, jener Pflicht mit\\nsolchem Nachdruck Geh\u00c3\u00b6r und Nachachtung zu verschaffen, und\\ndass es ein bleibendes Verdienst Rousseaus ist, diese Aufgabe wie\\nkeiner vor ihm gel\u00c3\u00b6st zu haben 3\\nEntspricht nun auch seine P\u00c3\u00a4dagogik den Resultaten seiner\\nBeobachtungen\\nWie wir sahen, hatte das Studium der Kindheit vor allem\\nGef\u00c3\u00bchl und Vernunft bei Rousseau begegnete. Es bleibt indes, um\\nmit Hettner zu reden, trotzdem die geschichtliche Bedeutung Rousseaus.\\ndass er den Idealismus des Herzens rettete und die unver\u00c3\u00a4usserlichen\\nEechte desselben zum Grund und Mass aller Bildung und Ordnung\\nmachte, (a. a. 0. 5. Aufl. II, 512.) Welche Bedeutung das Gef\u00c3\u00bchl\\nf\u00c3\u00bcr die weibliche Erziehung hat, ist aus Anm. 4 auf p. 60 f. zu ersehen.\\nTom. VIII, 12.\\n2 Obwohl er gesteht: \u00e2\u0080\u009eGerade das Kind ist der Gegenstand meines\\neifrigsten Studiums gewesen (VIII, 12), muss er doch bekennen: \u00e2\u0080\u009eWir\\nkennen uns selbst nicht, weder unsere Natur, noch den Grund aller\\nTh\u00c3\u00a4tigkeit in uns. (IX, 17.)\\n3 In der That liegt in der in Frage stehenden Forderung die\\nGrundvoraussetzung seiner und einer jeden naturgem\u00c3\u00a4ssen P\u00c3\u00a4dagogik.\\nIn ihr finden darum die von uns fr\u00c3\u00bcher im einzelnen beleuchteten natur-\\ngem\u00c3\u00a4ssen Forderungen und Tendenzen notwendigerweise ebensowohl ihre\\nletzte Begr\u00c3\u00bcndung, als in ihr auch alle \u00c3\u00bcbrigen wesentlichen Maximen\\nseiner P\u00c3\u00a4dagogik wurzeln.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0089.jp2"}, "90": {"fulltext": "80\\ngezeigt, dass wie aller Natur auch der Natur des Kindes das\\nMerkmal der Entwicklung und Gesetzm\u00c3\u00a4ssigkeit zukommt. F\u00c3\u00bcr\\ndie P\u00c3\u00a4dagogik ergiebt sich aus dieser Beobachtung zun\u00c3\u00a4chst die\\nallgemeine Forderung, das Kind nicht zu betrachten als ein Wesen,\\ndas bei seiner Geburt mit schon vollkommen ausgebildeten und\\nsich immer gleich bleibenden Verm\u00c3\u00b6gen und Kr\u00c3\u00a4ften ausger\u00c3\u00bcstet\\nsei 1 sondern es anzusehen und zu behandeln als ein Wesen, das\\nsich allm\u00c3\u00a4hlich und stetig vervollkommnet, indem es sich nach\\nbestimmten Gesetzen entwickelt 2\\nDiese Konsequenz hat Rousseau, obwohl mehr von nat\u00c3\u00bcr-\\nlichem Gef\u00c3\u00bchl als von Nachdenken geleitet, richtig erkannt und in\\nseiner P\u00c3\u00a4dagogik zur Anwendung gebracht. \u00e2\u0080\u009eJedes Alter, jeder\\nStand, hebt er scharf hervor, hat seine entsprechende Vollkommen-\\nheit, seine ihm eigent\u00c3\u00bcmliche Reife 3\\nWird nun die Kindesnatur unter dem Gesichtspunkte der\\nEntwicklung betrachtet, so resultiert daraus die weitere Aufgabe, zu\\nerforschen, welche Gesetzm\u00c3\u00a4ssigkeit und Beschaffenheit sie auf den\\nverschiedensten Entwicklungsstadien aufweist, und welches die\\nletzteren jederzeit angemessensten p\u00c3\u00a4dagogischen Massnahmen sind\\nAuch diese Forderung erf\u00c3\u00bcllt die Rousseausche P\u00c3\u00a4dagogik. Es\\nist geradezu interessant, zu verfolgen, wie er jeden Fortschritt in\\nder Entwicklung aufs peinlichste beobachtet und als etwas Be-\\nachtenswertes kennzeichnet, wie er in jeder wichtigeren Ver\u00c3\u00a4nderung\\nsofort andere Aufgaben vorfindet und andere Mittel f\u00c3\u00bcr die\\nad\u00c3\u00a4quatesten h\u00c3\u00a4lt 5\\nJ Der Rationalismus nimmt eine dem Menschen mit seiner Geburt\\ngegebene Vern\u00c3\u00bcnftigkeit an. (Schmid, Geschichte der Erziehung etc.\\na. a. O. IV, 1; p. 568.) In seinem Briefe an den Erzbischof setzt\\nRousseau auseinander \u00e2\u0080\u009eSie setzen wie alle, die \u00c3\u00bcber diese Dinge handeln,\\nvoraus, dass der Mensch seine Vernunft vollst\u00c3\u00a4ndig ausgebildet mitbringt\\nund es nur darauf ankommt, sie in Th\u00c3\u00a4tigkeit zu setzen. Dem ist aber\\nnicht so, denn die Vernunft ist eine der langsamsten Erwerbungen des\\nMenschen (Philosophische Werke, a. a. 0. I, 256.)\\n2 J Waitz erblickt in der Annahme einer durchg\u00c3\u00a4ngigen inneren\\nGesetzm\u00c3\u00a4ssigkeit die erste Voraussetzung, die jede Theorie der Erziehung\\nzu machen gen\u00c3\u00b6tigt ist. (Allgemeine P\u00c3\u00a4dagogik und kleinere Schriften.\\n3. Aufl. herausgegeben von Willmann 1883; p. 42.)\\n3 Tom VIII, 299. Daher die Maxime: \u00e2\u0080\u009eDans l incertitude de la\\nvie humaine, evitons surtout la fausse prudence cl immoler le present\\nl avenir; c est souvent immoler ce qui est ce qui ne sera point. Ren-\\ndons l homme heureux dans tous les \u00c3\u00a4ges, de peur qu apres bien des\\nsoins il ne meure avant de lavoir ete (Tom. IX, 360.)\\n4 Tom. VIII, 114f.\\nD Wie Hauber, a. a. 0. 324, \u00e2\u0080\u009eals grossen und sch\u00c3\u00a4dlichen Irrtum\\nRousseaus die \u00e2\u0080\u009eMissachtung der Individualit\u00c3\u00a4t anf\u00c3\u00bchren kann, ist uns\\nunverst\u00c3\u00a4ndlich. Seine Anschauung teilt Walsemann. a. a. O. p. 23.\\nWir erblicken vielmehr mit Bakitsch, a. a. 0. 48, und Spitzner, a. a. O.\\n22; 96, gerade in der Ber\u00c3\u00bccksichtigung der Individualit\u00c3\u00a4t einen Vorzug\\nseiner P\u00c3\u00a4dagogik. Cf. auch Mahrenholtz, a. a. 0. 108. Vielleicht", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0090.jp2"}, "91": {"fulltext": "81\\nW\u00c3\u00a4hrend so nach seiner Anschauung in dem ganzen ersten\\nZeitraum die kindliche Natur nur ein Bed\u00c3\u00bcrfnis nach physischer\\nEntwicklung aufweist und die Erziehung darin ihre Direktiven im\\nallgemeinen vorgezeichnet findet, setzt er sodann klar auseinander,\\nwelche Beschaffenheit dieselbe auf der zweiten Entwicklungsstufe\\nzeigt. Auf der zweiten Entwicklungsstufe, sagt er, beginnt eigentlich\\ndas Leben des Individuums: In dieser Zeit ist es, wo es zum\\nBewusstsein seiner selbst gelangt 1 Diesem Fortschritte entspricht\\ndie allgemeine Maxime: \u00e2\u0080\u009eEs ist demnach von Wichtigkeit, dass\\nman nun anfange, es als ein moralisches Wesen zu betrachten 2\\nIst alsdann der Zeitpunkt eingetreten, dass die Kr\u00c3\u00a4fte in ihrem\\nWachstum die Bed\u00c3\u00bcrfnisse \u00c3\u00bcberholen (12. Jahr), so gilt es wieder\\nein anderes Verfahren einzuschlagen. Es wird sogleich die Frage\\naufgeworfen Was soll er also anfangen mit diesem \u00c3\u009cberschuss an\\nF\u00c3\u00a4higkeiten und Kr\u00c3\u00a4ften, den er jetzt besitzt und der ihm in einem\\nsp\u00c3\u00a4teren Alter fehlen wird? 3 Die f\u00c3\u00bcr diesen Standpunkt passende\\nVorschrift lautet: \u00e2\u0080\u009eEr soll sich bem\u00c3\u00bchen, sich mit dem zu ver-\\nsorgen, was ihm bei eintretendem Bed\u00c3\u00bcrfnisse einmal n\u00c3\u00bctzen kann:\\ner will sozusagen den \u00c3\u009cberfluss seines gegenw\u00c3\u00a4rtigen Seins f\u00c3\u00bcr die\\nZukunft ausstreuen. Diese Zeit ist also die Zeit der Arbeit, des\\nUnterrichts, des Lernens. Und wohl zu merken, f\u00c3\u00bcgt er aus-\\ndr\u00c3\u00bccklich hinzu, nicht ich bin es, der willk\u00c3\u00bcrlich sie dazu aus-\\nerw\u00c3\u00a4hlt, sondern die Natur selbst, die sie als solche bezeichnet 4\\nWenn ferner der Z\u00c3\u00b6gling aus der Kindheit zu der von der\\nNatur bestimmten Zeit heraustritt und zum Leben, f\u00c3\u00bcr das Geschlecht,\\ngeboren wird, so findet Rousseau als passendstes Studium f\u00c3\u00bcr ihn\\ndasjenige \u00e2\u0080\u009eseiner Beziehungen zu den Menschen So lange er\\nsich nur seinem physischen Wesen nach kennt, legt er dar, muss\\ner sich nach seinen Beziehungen zu den Dingen kennen zu lernen\\nsuchen. Dies ist seine Aufgabe w\u00c3\u00a4hrend der Kindheit. Wenn er\\nsich dagegen als ein moralisches Wesen zu f\u00c3\u00bchlen beginnt, so muss\\ner sich nach seinen Beziehungen zu den Menschen kennen zu\\nlernen bem\u00c3\u00bcht sein, und dies ist seine Aufgabe sein ganzes Leben\\nhindurch von dem Zeitpunkte an, bis zu welchem wir gegenw\u00c3\u00a4rtig\\ngelangt sind 5\\nAuf Grund dieses steten Anbequemens der erziehlichen Mass-\\nnahmen an die Bed\u00c3\u00bcrfnisse der sich entwickelnden Natur darf\\nRousseau mit gutem Rechte von sich behaupten: \u00e2\u0080\u009eMeine Methode\\ngr\u00c3\u00bcndet sich auf das Mass der F\u00c3\u00a4higkeiten des Menschen auf\\nseinen verschiedenen Altersstufen und auf die Wahl der diesen\\nF\u00c3\u00a4higkeiten angemessenen Besch\u00c3\u00a4ftigungen\\nkann man eher mit D\u00c3\u00b6ring (System der P\u00c3\u00a4dagogik. Berlin 1894) von\\neiner \u00e2\u0080\u009e\u00c3\u009cbersch\u00c3\u00a4tzung des autonomen Rechtes des Z\u00c3\u00b6glings reden,\\n(p. 66.)\\nl Tom. VIII, 111. 2 VIII, 112. 3 VIII, 314 4 VIII,\\n314f. 5 J VIII, 423. 6 VIII, 376.\\n6", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0091.jp2"}, "92": {"fulltext": "82\\nWie wir hier die wichtigeren Wendepunkte hervorkehrten, welche\\nRousseau in der Naturentwicklung beobachtete und zu entscheidenden\\nKriterien f\u00c3\u00bcr die Wahl der Ziele und Mittel macht, so l\u00c3\u00a4sst sich\\nan noch vielen Beispielen darlegen, wie er auch auf weniger augen-\\nf\u00c3\u00a4llige, sogar auf feine und feinste Ver\u00c3\u00a4nderungen in der Ent-\\nwicklung aufmerksam macht, um jedesmal auch die ihnen korre-\\nspondierenden p\u00c3\u00a4dagogischen Massnahmen hinzuzuf\u00c3\u00bcgen. So be-\\nobachtet er, um nur noch einiges anzuf\u00c3\u00bchren, genau das Erwachen\\nder einzelnen intellektuellen Verm\u00c3\u00b6gen, das Eintreten des kritischen\\nAlters, das Hervortreten und die Richtung der einzelnen Neigungen,\\nLeidenschaften und Triebe. Seine ganze P\u00c3\u00a4dagogik, darf man wohl\\nsagen, ist eigentlich eine fortw\u00c3\u00a4hrende Anwendung der f\u00c3\u00bcr ihn so\\ncharakteristischen Maxime: \u00e2\u0080\u009eVerr\u00c3\u00bccke das Lebensalter ebensowenig\\nals die Jahreszeiten; der Mensch muss zu allen Zeiten er selbst\\nsein und nicht gegen die Natur ank\u00c3\u00a4mpfen 1 oder wie seine be-\\nkannten Worte lauten: \u00e2\u0080\u009eDie Menschheit hat ihren Platz in der\\nOrdnung der Dinge, die Kindheit den ihrigen in der Ordnung des\\nmenschlichen Lebens; man muss im Manne den Mann, im Kinde\\ndas Kind betrachten 2\\nAusser diesen Eigenheiten folgt aus dem Kriterium, nach\\nwelchem die Natur als etwas sich Entwickelndes zu betrachten ist,\\ndie weitere Maxime, dass die Erziehung ebenso lange anhalten\\nmuss, als sich die Natur entwickelt. Auch dieser Konsequenz\\nentspricht seine P\u00c3\u00a4dagogik. Er l\u00c3\u00a4sst die Erziehung gleich bei der\\nGeburt beginnen 3 und schliesst sie nicht ab, wo die gew\u00c3\u00b6hnliche\\nErziehung aufh\u00c3\u00b6rt, sondern verl\u00c3\u00a4ngert sie absichtlich bis zu jenem\\nZeitpunkte, wo die Natur als physisch und psychisch v\u00c3\u00b6llig ent-\\nwickelt gelten darf 4\\nWar es schon von tiefgreifendem Einfl\u00c3\u00bcsse auf die Gestaltung\\nder P\u00c3\u00a4dagogik, dass Rousseau \u00c3\u00bcberhaupt auf die Entwicklung der\\nMenschennatur als auf einen f\u00c3\u00bcr die Erziehung sehr bedeutsamen\\nEaktor hinwies, so erwarb er sich ein weiteres Verdienst durch die\\nAufstellung und Geltendmachung jener Grunds\u00c3\u00a4tze, welche er aus\\nDaher trifft sein Tadel die Erziehung, welche die Gegenwart\\neiner ungewissen Zukunft opfert (VIII, 112). \u00e2\u0080\u009eLa nature veut, que les\\nenfants soient enfans avant que d etre hommes. (Nouvelle Heloise;\\ntom. VII, 265.)\\n2 Tom. VIII, 115. Diese Maxime betont er auch r\u00c3\u00bccksichtlich\\nder M\u00c3\u00a4dchenerziehung: \u00e2\u0080\u009eJ estime qu il faut avoir 6gard ce qui convient\\nl \u00c3\u00a4ge aussi-bien qu au sexe; qu une jeune fille ne doit pas vivre comme\\nsa grand mere, qu elle doit etre vive, enjouee, fol\u00c3\u00a4tre, chanter, danser\\nautant qu il lui plait, et go\u00c3\u00bcter tous les innocens plaisirs de son \u00c3\u00a4ge:\\nle temps ne viendra que trop tot d etre posee et de prendre un maintien\\nplus serieux. (IX, 256.)\\n3 Tom. VII, 263. (Nouv. Hei.)\\n4 Die hierauf abzielende Vorschrift lautet \u00e2\u0080\u009eSit\u00c3\u00b6t qu il nait emparez-\\nvous de lui, et ne le quittez plus qu il ne soit homme: vous ne reussirez\\njamais sans cela! (VIII, 47.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0092.jp2"}, "93": {"fulltext": "der Art und Weise ihrer Entwicklung ableitete. So steht bei-\\nspielsweise mit der Beobachtung, dass sich die Natur langsam und\\nstufenweise 1 entwickelt, unverkennbar in n\u00c3\u00a4chstem Zusammenhange\\nnicht nur seine oberste und wichtigste Regel aller Erziehung \u00e2\u0080\u009eZeit\\nzu verlieren sondern ebenso auch die Forderung, dass alle Er-\\nziehung, besonders aller Unterricht, langsam und l\u00c3\u00bcckenlos 2 zu\\nerfolgen habe 3\\nOhne die Folgerichtigkeit seiner sonstigen Ratschl\u00c3\u00a4ge und\\nGrunds\u00c3\u00a4tze bis ins einzelnste zu verfolgen, zeigen die hier als\\ncharakteristisch angef\u00c3\u00bchrten bereits, von welch weittragender prak-\\ntischer Bedeutung gerade jene Grundforderung der Rousseauschen\\nP\u00c3\u00a4dagogik ist, welche auf den engsten Anschluss aller p\u00c3\u00a4dagogischen\\nMassregeln an die stetig sich ver\u00c3\u00a4ndernden, durch unausgesetzte\\nBeobachtung abzulauschenden Bed\u00c3\u00bcrfnisse der kindlichen Natur\\nabzielt.\\nV.\\nR\u00c3\u00bcckblick. Fundamentale Bedeutung* des Naturprinzips.\\nUnzul\u00c3\u00a4nglichkeit desselben (Subjektives Prinzip).\\nDen im letzten Teile angestellten Einzelbetrachtungen zufolge\\nd\u00c3\u00bcrfen wir nun am Schl\u00c3\u00bcsse dieser Ausf\u00c3\u00bchrungen das Gesamturteil\\nf\u00c3\u00a4llen: Die Rousseausche P\u00c3\u00a4dagogik ist eine naturgem\u00c3\u00a4sse\\nP\u00c3\u00a4dagogik 4 in strengstem, wenn auch eigenartigem\\nSinne 5 des Wortes. Der weit- und tiefgehende Einfluss des\\nNaturprinzips auf die Gestaltung derselben ist damit erwiesen, dass\\ndie, aus den Hauptkriterien seiner anthropologischen Anschauungen\\nsich ergebenden Konsequenzen seiner P\u00c3\u00a4dagogik als herrschende\\nund typische Z\u00c3\u00bcge das eigent\u00c3\u00bcmliche Gepr\u00c3\u00a4ge verleihen.\\nTom. VIII, 437.\\n2 Tom. VIII, 518.\\n3 Tom. VIII, 436.\\nHauber dagegen: \u00e2\u0080\u009eWie aber jemand in dem Buche das \u00e2\u0080\u009eNatur-\\nevangelium verk\u00c3\u00bcndigt finden kann, das l\u00c3\u00a4sst sieb nur erkl\u00c3\u00a4ren, wenn\\ner, anstatt dasselbe durchzukosten, nur daran genippt hat (a a. 0.).\\n5 Als Kind seiner Zeit zeigt sich in Rousseau die ungeschichtliche\\nDenkweise seines Zeitalters darin, dass er alle historische Entwicklung\\nin der Natur des Menschen verkannte und damit mit der ganzen Auf-\\nkl\u00c3\u00a4rung die soziale und historische Bedingtheit alles Menschlichen unter-\\nsch\u00c3\u00a4tzte. Nicht ohne Grund sieht daher Fester (Rousseau und die\\ndeutsche Geschichtsphilosophie. Stuttgart 1890) in der unhistorischen\\nDenkweise Rousseaus die Hauptwurzel aller seiner Irrt\u00c3\u00bcmer. Seiue\\nLehre von der \u00e2\u0080\u009eunbedingten Natur dem \u00e2\u0080\u009eetre absolu wurde von\\nseinen beiden n\u00c3\u00a4chsten Nachfolgern Basedow und Pestalozzi bald\\nals Mangel erkannt und \u00c3\u00bcberwunden.\\n6*", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0093.jp2"}, "94": {"fulltext": "84\\nNachdem wir anfangs das Wesen des Rousseauschen Natur-\\nprinzips gekennzeichnet und nun auch seine Geltendmachung in\\nder P\u00c3\u00a4dagogik kennen gelernt haben, l\u00c3\u00a4sst sich auf Grund obiger\\nBetrachtungen schliesslich die Bedeutung dieses Prinzips kurz\\nangeben.\\nDas Rousseausche Prinzip der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit ist zun\u00c3\u00a4chst\\ninsofern von dauernder Wirkung, als es den Ausgangspunkt\\nseiner und einer jeden gesunden P\u00c3\u00a4dagogik richtig bestimmt. Die\\nsich gesetzm\u00c3\u00a4ssig entwickelnde Natur des Kindes ist die Basis,\\nauf welche nach ihm das ganze Erziehungsgesch\u00c3\u00a4ft zu gr\u00c3\u00bcnden ist.\\nNicht minder bedeutsam ist das Naturprinzip sodann als\\nmethodisches Prinzip 1 Als solches fordert es den strengsten\\nAnschluss des ganzen erziehlichen und unterrichtlichen Verfahrens\\nan die jeweiligen Bed\u00c3\u00bcrfnisse und Zust\u00c3\u00a4nde der kindlichen Natur.\\nEndlich gewinnt das Prinzip auch Bedeutung f\u00c3\u00bcr die Ziel-\\nbestimmung. In der unzweifelhaft konsequenten und berechtigten\\nForderung: \u00e2\u0080\u009eUnser Ziel ist kein anderes als das der Natur offen-\\nbart sich aber zugleich auch die Schw\u00c3\u00a4che und Unzul\u00c3\u00a4nglich-\\nkeit dieses Prinzips 2 Abgesehen davon, dass genannte Ziel-\\nbestimmung eine sehr allgemeine und unbestimmte 3 ist, beweisen\\ndie Resultate seiner Erziehung am deutlichsten, dass das aus seinem\\nx Was Rousseau in dieser Beziehung daraus ableitet, geh\u00c3\u00b6rt zu den\\nwertvollsten und fruchtbarsten Z\u00c3\u00bcgen seiner P\u00c3\u00a4dagogik.^\\n2 Wir k\u00c3\u00b6nnen hier Spangenberg (Rousseaus Emile im Lichte\\nder heutigen Erziehungsansichten. Pr. Kassel 1874) durchaus nicht bei-\\nstimmen. Ihm erscheint das Naturprinzip Rousseaus als das zusagendste,\\numfassendste Grundprinzip, als das einzige, welches sowohl den formalen\\nals auch den materialen Forderungen gerecht wird (p. 24). Im Gegen-\\nsatze hierzu m\u00c3\u00bcssen wir behaupten, dass das Naturprinzip, wie \u00c3\u00bcberhaupt,\\nso besonders in Bezug auf die Zielbestimmung ein vorwiegend formales\\nPrinzip ist und als solches f\u00c3\u00bcr eine inhaltliche Zielangabe nicht ausreicht.\\n,,Naturgem\u00c3\u00a4ss zu verfahren, lesen wir bei Diester weg (Wegw. z. Bildg.\\ndeutscher Lehrerp. 130), ist die h\u00c3\u00b6chst allgemeinste formale Forderung f\u00c3\u00bcr\\njeden Erzieher. \u00e2\u0080\u009eAus dem Wesen des Einzelnen, bemerkt Rein richtig,\\nk\u00c3\u00b6nnen wohl psychologisch die Mittel entwickelt werden, nie aber das\\nZiel. (Encyklop. Handbuch, Artikel \u00e2\u0080\u009eErziehungsziel. II, 64). In n\u00c3\u00a4m-\\nlichem Sinne \u00c3\u00a4ussert sich Hochegger (\u00c3\u009cber Indiviclual- und Sqzial-\\np\u00c3\u00a4dagogik. Gotha 1891. p. 17 ff.). Vergl. ausserdem Dilthey (\u00c3\u009cber\\ndie M\u00c3\u00b6glichkeit einer allgemein g\u00c3\u00bcltigen p\u00c3\u00a4dagogischen Wissenschaft.\\nSitzungsberichte der K\u00c3\u00b6niglich Preussischen Akademie der Wissenschaften\\nzu Berlin 1888. 2. Halbbd. p. 808 und 818), W. Toischer, Theoretische\\nP\u00c3\u00a4dagogik und allgemeine Didaktik 1896. p. 2 (Handbuch der Erziehungs-\\nund Unterrichtslehre von Baumeister) und Willmann. a. a. 0. I, 61.\\n3 Schon deswegen, weil es progressiv aufzufassen ist; vergl.\\nseine eigene \u00c3\u0084usserung hier\u00c3\u00bcber: \u00e2\u0080\u009eOn connoit donc ou l on peut connoitre\\nle pretiner point d o\u00c3\u00bc part chacun de nous pour arriver au degre commun\\nde l entendement; mais qui est-ce qui connoit l autre extremite? Je ne\\nsache pas qu aucun philosophe ait encore ete assez hardi pour dire:\\nVoil\u00c3\u00a4 le terme o\u00c3\u00bc 1 homme peut parvenir et qu il ne sauroit passer. Nous\\nignorons ce que notre nature nous permet d etre. (VIII, 78.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0094.jp2"}, "95": {"fulltext": "85\\nNaturprinzip abgeleitete Ziel unm\u00c3\u00b6glich das einzige noch letzte\\nseiner P\u00c3\u00a4dagogik sein kann. Der streng nach seinem Prinzipe der\\nNaturgem\u00c3\u00a4ssheit Erzogene wird ja lediglich mit R\u00c3\u00bccksicht auf die\\nBeschaffenheit und Bed\u00c3\u00bcrfnisse seiner Individualit\u00c3\u00a4t herangebildet.\\nSeine Entwicklung ist also eine einseitige, f\u00c3\u00bcr das Leben un-\\ngen\u00c3\u00bcgende. Dieser Thatsache gegen\u00c3\u00bcber sieht sich denn auch\\nRousseau gen\u00c3\u00b6tigt, das subjektive Prinzip der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit\\ndurch ein anderes, objektives, zu erg\u00c3\u00a4nzen und zu berichtigen 1\\nMag nun immerhin Rousseau in seinen Anschauungen \u00c3\u00bcber\\ndie Natur des Kindes und Menschen \u00c3\u00bcberhaupt nicht \u00c3\u00bcberall das\\nRichtige getroffen haben, mag er insbesondere auch bez\u00c3\u00bcglich seiner\\np\u00c3\u00a4dagogischen Massnahmen und Vorschriften \u00c3\u00b6fters das Mass des\\nRichtigen und M\u00c3\u00b6glichen \u00c3\u00bcberschritten haben: sein Verdienst,\\ndem Prinzipe der Naturgem\u00c3\u00a4ssheit zu fundamentaler Be-\\ndeutung f\u00c3\u00bcr die P\u00c3\u00a4dagogik verholfen zu haben, bleibt deshalb\\nein ungeschm\u00c3\u00a4lertes.\\nUnbeschadet der ver\u00c3\u00a4nderten Auffassung, wie wir sie heute\\nvon der Natur des Menschen besitzen und wie dieselbe analog\\nden Ergebnissen der Erforschungen physiologischer und psycho-\\nlogischer Probleme noch mannigfach variieren wird, beh\u00c3\u00a4lt doch\\nsein oberster Grundsatz: \u00e2\u0080\u009eDie Erziehung habe der Natur zu folgen\\nseine volle G\u00c3\u00bcltigkeit und wird sie behalten, solange man dem\\nhohen Ziele einer wahrhaft humanen Menschenbildung nachstrebt 2\\nJ Das l\u00c3\u00a4sst sich auch in Bezug auf sein eigenes Leben beobachten\\nCf. Brockerhoff, a. a. 0. 1,880 f.\\n2 R. Dietrich hat diejenigen Grunds\u00c3\u00a4tze Rousseaus \u00c3\u00bcbersichtlich\\nzusammengestellt, welche f\u00c3\u00bcr die gegenw\u00c3\u00a4rtige Volksschule noch volle\\nGeltung haben (Ehein. Bl\u00c3\u00a4tter 1886. Heft V, 395 ff.; VI, 489 ff.).", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0095.jp2"}, "96": {"fulltext": "86\\nB.\\nDas Gesellschaftsprinzip in Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik.\\ni.\\nAllgemeine Begriffsbestimmung*.\\nDie im ersten Teile vorgenommene Analyse der Rousseauschen\\nP\u00c3\u00a4dagogik hatte den Zweck, jene wesentlicheren Z\u00c3\u00bcge aufzufinden\\nund zusammenzustellen, welche sich als Ausfluss der von uns als\\ncharakteristisch erkannten Grundforderungen seines Naturprinzips\\nzu erkennen gaben. Das dadurch gewonnene Bild war noch ein\\nsehr unvollst\u00c3\u00a4ndiges. Viele f\u00c3\u00bcr die Rousseausche P\u00c3\u00a4dagogik eben-\\nfalls charakteristische Z\u00c3\u00bcge kamen dabei nicht zur Geltung.\\nWas nun diese letzteren vom Naturstandpunkte Rousseaus\\naus befremdlich erscheinenden und, weil nicht ohne weiteres aus\\nihm folgend, von uns in obiger Darstellung fortgelassenen Seiten\\nder Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik anlangt, so haben diese, wie wir\\nschon andeuteten, eine verschiedene Auffassung gefunden. W\u00c3\u00a4hrend\\nsich auf der einen Seite deutlich das Bem\u00c3\u00bchen zeigt, auch diese\\nZ\u00c3\u00bcge dem Umfange des Naturprinzips einzuverleiben, was, wie\\nleicht einzusehen, ohne Zwang nicht m\u00c3\u00b6glich ist, fehlt es auf der\\nanderen Seite auch nicht an Stimmen, welche bewusste disparate\\nErscheinungen einfach als Inkonsequenzen seines Systems brand-\\nmarken. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, dass beide Be-\\ntrachtungsweisen mehr oder minder unter dem Einfl\u00c3\u00bcsse jener irrigen\\nund ganz unbegr\u00c3\u00bcndeten Annahme stehen, nach welcher das Prinzip\\nder Naturgem\u00c3\u00a4ssheit als das einzige angesehen wird, das in der\\nRousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik zur Geltung kommt.\\nNach unserer in der Einleitung gekennzeichneten und in der\\nDarlegung des philosophischen Ursprungs seiner p\u00c3\u00a4dagogischen Ideen\\nbegr\u00c3\u00bcndeten Auffassung der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik k\u00c3\u00b6nnen wir\\nuns nicht entschliessen, einer von diesen Anschauungen zuzustimmen.\\nWir glauben vielmehr in den in Frage stehenden Z\u00c3\u00bcgen den Ein-\\nfluss eines zweiten Prinzips erkennen zu m\u00c3\u00bcssen, das wir am ein-", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0096.jp2"}, "97": {"fulltext": "87\\nfachsten als Gesellschaftsprinzip bezeichnen k\u00c3\u00b6nnen. Darunter\\nverstehen wir im allgemeinen die in den R\u00c3\u00bccksichten auf sein\\nGesellschaftsideal wurzelnden Z\u00c3\u00bcge seiner P\u00c3\u00a4dagogik, welche den\\ndurch das Naturprinzip begr\u00c3\u00bcndeten Forderungen teils ganz zuwider-\\nlaufen, teils dieselben modifizieren, sei es durch Einschr\u00c3\u00a4nken und\\nMildern, sei es durch Berichtigen und Erg\u00c3\u00a4nzen.\\nDass wir mit dieser Auffassung nicht irre gehen, d\u00c3\u00bcrfte dann\\nbewiesen sein, wenn es gelingt, mit H\u00c3\u00bclfe dieses neuen Gesichts-\\npunktes die dem Naturstandpunkte Rousseaus mehr oder minder\\nheterogenen Elemente seiner P\u00c3\u00a4dagogik ungezwungen zusammen-\\nzufassen und zu erkl\u00c3\u00a4ren.\\nUm diesen Versuch anzustellen, ist es n\u00c3\u00b6tig, sich zuvor\\ndar\u00c3\u00bcber klar zu werden, wie das Rousseausche Ideal der Gesell-\\nschaft beschaffen war, zu dessen Verwirklichung er durch die Er-\\nziehung den rechten Grund legen wollte. Diese Er\u00c3\u00b6rterung soll\\nder Gegenstand des folgenden Abschnittes sein.\\nII.\\nRousseaus Gesellschaftsideal.\\nBei der oben dargelegten Entwicklung der philosophischen\\nIdeen Rousseaus sahen wir nicht nur, welches die Voraussetzung\\nseines Gesellschaftsideals war und wo die Wurzeln desselben zu\\nsuchen waren, sondern es ging daraus auch hervor, welchen Charakter\\ndasselbe im allgemeinen annehmen werde. Obwohl dieser also nach\\nseinen Haupttendenzen damals bereits feststand, so bedurfte es\\ndoch noch l\u00c3\u00a4ngerer Zeit, ehe das Ideal selbst in allen Z\u00c3\u00bcgen\\nbleibende Gestalt gewann.\\nUm nun in K\u00c3\u00bcrze zu zeigen, wie Rousseau wiederholt sein\\nInteresse diesem Problem zuwandte und fr\u00c3\u00bchere Gedankeng\u00c3\u00a4nge\\nweiterspann, erw\u00c3\u00a4hnen wir fl\u00c3\u00bcchtig nur die wichtigsten Punkte.\\nBenutzte er schon seine Stellung als Gesandtschaftssekret\u00c3\u00a4r\\nin Venedig 1 zu historischen Studien und fasste er damals be-\\nreits den Plan ein Werk \u00c3\u00bcber Staatsverfassung zu schreiben 2\\nso besch\u00c3\u00a4ftigte er sich w\u00c3\u00a4hrend des viermonatlichen Aufenthaltes\\nConfess. p. II, 1. VII; tom. II, 81 ff.\\n2 Conf., p. II, 1. IX; tom. II, 214. War seine Besch\u00c3\u00a4ftigung\\nmit politischen und sozialen Verh\u00c3\u00a4ltnissen bisher eine gelegentliche, bei-\\nl\u00c3\u00a4ufige gewesen, so wurde jetzt das Staatsleben in seinem ganzen Um-\\nfange ein Gegenstand besonderer Betrachtung. Cf. Brockerhoff, a. a.\\nO. I, 253 ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0097.jp2"}, "98": {"fulltext": "88\\nin seiner Vaterstadt (1754) noch eingehender mit dem Studium\\nder Politik, indem er sich besonders \u00c3\u00bcber die inneren politischen\\nVerh\u00c3\u00a4ltnisse der Republik Klarheit zu verschaffen suchte. Hier-\\nf\u00c3\u00bcr sowohl als auch f\u00c3\u00bcr die Gestaltung seiner sozialphilosophischen\\nAnschauungen \u00c3\u00bcberhaupt war sein weitverzweigter Verkehr mit ge-\\nlehrten Freunden 1 daselbst von bleibender Bedeutung. Auch\\ntauchte hier die in Venedig gefasste Idee wieder auf. Ich durch-\\ndachte, schreibt er in seinen Bekenntnissen 2 den bereits ent-\\nworfenen Plan zu meinen \u00e2\u0080\u009epolitischen Einrichtungen Ausser\\ndiesen Vorstudien war f\u00c3\u00bcr die Genesis des Contrat social auch\\nder Aufsatz von Bedeutung, welchen er als Mitarbeiter f\u00c3\u00bcr die\\ngrosse Encyklop\u00c3\u00a4die verfasste und welcher den Titel trug Econo-\\nmic politique (1755) 3\\nDas treffendste Zeugnis einerseits f\u00c3\u00bcr das Interesse, mit wel-\\nchem er seinen sozialen Idealen nachging, anderseits f\u00c3\u00bcr die Be-\\ndeutung, die er von ihnen erhoffte, giebt er selbst in seinen Con-\\nfessions. Als Beleg hierf\u00c3\u00bcr f\u00c3\u00bchren wir die folgende Stelle an:\\n\u00e2\u0080\u009eVon den verschiedenen Werken, an denen ich arbeitete, war das,\\nwelches meine Gedanken am meisten in Anspruch nahm, mit dem\\nich mich am liebsten besch\u00c3\u00a4ftigte, an dem ich mein ganzes Leben\\nlang arbeiten wollte, und mit dem ich meinem Rufe die Krone\\naufzusetzen gedachte, meine \u00e2\u0080\u009epolitischen Einrichtungen. Schon drei-\\nzehn oder vierzehn Jahre vorher hatte ich die erste Idee dazu gefasst,\\nals ich bei meinem Aufenthalte in Venedig Gelegenheit erhalten\\nhatte, die Fehler dieser so hoch ger\u00c3\u00bchmten Regierung zu erkennen.\\nDurch das Studium der Geschichte der Moral hatte sich mein\\nGesichtskreis seitdem bedeutend erweitert. Ich war zu der Ein-\\nsicht gelangt, dass im letzten Grunde alles auf die Politik ank\u00c3\u00a4me,\\nund dass jedes Volk, auf welche Weise man es auch immer an-\\nstellen m\u00c3\u00b6chte, nur das sein w\u00c3\u00bcrde, was die Natur seiner Regierungs-\\nform aus ihm machen musste 4\\nAls eine weitere und zwar ungleich deutlichere Offenbarung\\nseiner sozialen Ideen tritt uns die 1761 erschienene Nouvelle\\nHeloise entgegen, \u00e2\u0080\u009edas Manifest gegen die Unnatur und Ver-\\nk\u00c3\u00bcnsteluug der Gesellschaftszust\u00c3\u00a4nde. Den letzten endg\u00c3\u00bcltigen\\nAusdruck fand sein Ideal schliesslich in dem ein Jahr darauf er-\\nschienenen ber\u00c3\u00bchmten Contrat social 5\\nZeichnen wir jetzt das Ideal, dessen Entwicklungsstadien wir\\nsoeben andeuteten, nach seinen Hauptumrissen!\\nJ Confess., partie II, livr. VIII; tom. II, 197.\\n2 Tom. II, 198.\\n3 Tom. IV, 385 ff. Brockerhoff, a. a. O. II, 449.\\nTom. II, 214 f.\\n5 In Bezug auf sein Verh\u00c3\u00a4ltnis zur 2. Preisschrift \u00c3\u00a4ussert Bousseau:\\n\u00e2\u0080\u009eTout ce qu il y a de hardi dans le Contrat social, etoit auparavant dans\\nle Discours sur l Inegalite. (II, 219. Confess. partie II, livre IX.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0098.jp2"}, "99": {"fulltext": "89\\nSeinem Urspr\u00c3\u00bcnge gem\u00c3\u00a4ss musste das Gesellschaftsideal Rous-\\nseaus im allgemeinen auf Beseitigung des Widerspruchs\\nzwischen der Natur und den sozialen Institutionen ab-\\nzielen. Rousseau hatte, wie er selbst erkl\u00c3\u00a4rt, die Aufgabe zu l\u00c3\u00b6sen,\\nzu untersuchen, \u00e2\u0080\u009eob es in der b\u00c3\u00bcrgerlichen Verfassung irgend einen\\ngerechten und sichern Grundsatz der Verwaltung geben kann, wenn\\nman die Menschen nimmt, wie sie sind, und die Gesetze, wie sie\\nsein k\u00c3\u00b6nnen 1 Sein Gesellschaftsprinzip musste also\\nseinem Standpunkte zufolge dem- Prinzip der Natur-\\ngem\u00c3\u00a4ssheit notwendig Rechnung tragen 2\\nVon diesem Gesichtspunkte aus wollen wir die Darstellung\\ndesselben versuchen.\\nWie wir sahen, erkannte Rousseau in dem infolge der Ver-\\ngesellschaftung eingetretenen Verluste der dem Menschen von Natur\\neigenen Freiheit und Gleichheit die Hauptquellen alles sozialen\\n\u00c3\u009cbels. Diese galt es zu verstopfen. Das konnte nur dadurch\\ngeschehen, dass Rousseau eine Form fand, in der jene dem Men-\\nschen wesenhaften Eigenschaften ihm auch innerhalb der Gesell-\\nschaft gewahrt blieben. Zu diesem Ziele f\u00c3\u00bchrten ihn folgende Be-\\ntrachtungen. \u00e2\u0080\u009eDie \u00c3\u00a4lteste und die einzige nat\u00c3\u00bcrliche unter\\nallen gesellschaftlichen Vereinigungen ist die Familie; 3\\ntrotzdem bleiben die Kinder nur so lange mit dem Vater ver-\\nbunden, als sie seiner zu ihrer Erhaltung bed\u00c3\u00bcrfen. Sobald dieses\\nBed\u00c3\u00bcrfnis aufh\u00c3\u00b6rt, l\u00c3\u00b6st sich das nat\u00c3\u00bcrliche Band. Von dem Ge-\\nhorsam befreit, den die Kinder dem Vater schuldig sind, und der\\nSorgfalt \u00c3\u00bcberhoben, zu der der Vater den Kindern gegen\u00c3\u00bcber ver-\\npflichtet ist, kehren alle in gleicher Weise zur Unabh\u00c3\u00a4ngigkeit\\nzur\u00c3\u00bcck. Setzen sie dem ungeachtet ihre Verbindung fort, so ist\\ndas nicht mehr ein nat\u00c3\u00bcrlicher Zustand, sondern ein freiwilliges\\n\u00c3\u009cbereinkommen. Die Familie an sich hat nur durch \u00c3\u009cbereinkunft\\nTom. V, 109 (Contr. soc\\n2 ).Wie seine Naturanschauung zeigte (Siehe oben p. 37), war das\\nGesellschaftsprinzip in seinem Naturprinzip insofern begr\u00c3\u00bcndet, als er\\nentgegen seiner fr\u00c3\u00bcheren Anschauung in der Natur des Menschen\\nauch soziale Gef\u00c3\u00bchle und Triebe erkannte. Damit war bereits die M\u00c3\u00b6g-\\nlichkeit gegeben, \u00c3\u00bcber den engen Standpunkt des Naturmenschen hinaus-\\nzugehen und zu dem einer naturgem\u00c3\u00a4ssen Kultur fortzuschreiten\\nRousseau war eben nicht bloss der erste grosse Gesellschaftskritiker der\\nNeuzeit (Pauls en in \u00c3\u009feins encykl. Hdb. I, 176), sondern er war gleich-\\nzeitig auch der erste, der in der neuern Zeit das Kulturproblem auf-\\ngestellt hat. (Of. H\u00c3\u00b6ffding, Geschichte der neuern Philosophie; \u00c3\u00bcber-\\nsetzt von Bendixen. Leipzig 1895. I. 545.)\\n3 Nach Wundt, a. a. O. 159 f., ist der Stammesverband die ur-\\nspr\u00c3\u00bcngliche soziale Vereinigung. Aus ihr ist in divergierender Entwick-\\nlung der engere Kreis der Familie wie der weitere des Staates hervor-\\ngegangen. Der Mensch individualisiert sich aus dem Zustande sozialer\\nIndifferenz heraus; aber er individualisiert sich nicht, um sich bleibend\\nvon der Gemeinschaft zu l\u00c3\u00b6sen, aus der er hervorging, sondern um sich\\nihr mit reicher entwickelten Kr\u00c3\u00a4ften zur\u00c3\u00bcckzugeben, (p. 389.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0099.jp2"}, "100": {"fulltext": "90\\nBestand 1 Obwohl hiernach Rousseau den Bestand der Familie\\nnicht mehr als nat\u00c3\u00bcrlichen Zustand, sondern als freiwilliges \u00c3\u009cber-\\neinkommen betrachtet, bezeichnet er doch anderseits die durch\\nsie erzielte \u00e2\u0080\u009egemeinsame Freiheit als. eine Folge der Natur des\\nMenschen 2\\nNun ist die Familie nach Rousseau \u00e2\u0080\u009edas erste Muster\\nder politischen Gesellschaften. Der Herrscher ist das Ab-\\nbild des Vaters, das Volk das Abbild der Kinder, und da alle\\ngleich und frei geboren sind, verzichten sie auf ihre Freiheit nur\\num ihres Nutzens willen 3 Aus diesen \u00c3\u0084usserungen ist deutlich\\nzu ersehen, dass Rousseau den Staat und ebenso jede andere Ge-\\nsellschaft als ein Vertragsverh\u00c3\u00a4ltnis 1 als ein nur gesellschaft-\\nliches \u00c3\u009cbereinkommen auffasst 5\\nWorin das Wesen dieses Vertrages besteht, setzt er\\nwiederholt auseinander. \u00e2\u0080\u009eScheidet man, sagt er z. B., vom Ge-\\nsellschaftsvertrage- alles aus, was nicht zu seinem Wesen geh\u00c3\u00b6rt,\\nso wird man sich \u00c3\u00bcberzeugen, dass er sich in folgende Worte zu-\\nsammenfassen l\u00c3\u00a4sst: Jeder von uns stellt gemeinschaftlich seine\\nPerson und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des all-\\ngemeinen Willens (volonte generale) 6 und wir nehmen jedes Mit-\\nglied als untrennbaren Teil des Ganzen auf 7\\nDemzufolge schliesst der Gesell Schafts vertrag eine gegenseitige\\nVerpflichtung zwischen dem Gemeinwesen und dem Einzelnen in\\nsich 8 Sobald die Menge auf solche Weise zu einem K\u00c3\u00b6rper\\nvereinigt ist 9 heisst es, kann man keins seiner Glieder verletzen,\\nohne den K\u00c3\u00b6rper anzugreifen, und noch weniger den K\u00c3\u00b6rper ver-\\nletzen, ohne dass die Glieder darunter leiden. So verbinden\\nPflicht und Interesse beide vertragschliessende Teile\\nin gleicher Weise, sich gegenseitig Beistand zu leisten, und in\\nTom. V, 111.\\n2 Tom. V, 111.\\n3 Tom. V, 111.\\n4 Tom. V, 110: \u00e2\u0080\u009eL ordre social est un droit sacre qui sert de base\\ntous les autres. Cependant ce droit ne vient point de la nature; il\\nest donc fonde sur des Conventions.\\n5 Tom. V, 116: \u00e2\u0080\u009ePuisque aucun komme n a une autorite naturelle\\nsur son semblable, et puisque la force ne produit aucun droit, restend donc\\nles Conventions pour base de toute autorite legitime parmi les hommes.\\n6 \u00c3\u009cber den Begriff der \u00e2\u0080\u009evolonte generale vergl. Fr. Haymann,\\nJ. J. Eousseaus Sozialphilosophie. Leipzig 1898. p. 69 ff\\n7 Tom. V, 126. Die Idee einer \u00c3\u009cbereinkunft, bemerkt H\u00c3\u00b6ff-\\nding, a. a. O. 135 ganz richtig, zwischen den im Naturzustande\\nisolierten Individuen ist doch ein zu mechanischer Gesichtspunkt, und\\nzwar um so mehr, als Eousseau auf die Einheit des allgemeinen Volks-\\nwillens grosses Gewicht legt.\\n8 Tom. V, 128.\\n9 Tom. V, 245: \u00e2\u0080\u009eTaut que plusieurs hommes reunis se considerent\\ncomme un seul corps, ils n ont qu une seule volonte qui se rapporte\\nla commune conservation et au bien-etre gen\u00c3\u00b6ral.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0100.jp2"}, "101": {"fulltext": "91\\ndieser doppelten Beziehung m\u00c3\u00bcssen die n\u00c3\u00a4mlichen Menschen darauf\\nbedacht sein, alle daraus hervorgehenden Vorteile zu vereinigen 1\\nDie Notwendigkeit sowohl der gesellschaftlichen\\nVereinigung als auch die eines vertragsm\u00c3\u00a4ssigen \u00c3\u009cber-\\neinkommens setzt Rousseau folgendermassen auseinander: \u00e2\u0080\u009eIch\\nnehme an, dass sich die Menschen bis zu der Stufe emporge-\\nschwungen haben, wo die Hindernisse, die ihrer Erhaltung in dem\\nNaturzustande sch\u00c3\u00a4dlich sind, durch ihren Widerstand die Ober-\\nhand \u00c3\u00bcber die Kr\u00c3\u00a4fte gewinnen, die jeder einzelne aufbieten muss,\\num sich in diesem Stande zu behaupten. Dann kann dieser ur-\\nspr\u00c3\u00bcngliche Zustand nicht l\u00c3\u00a4nger fortbestehen, und das menschliche\\nGeschlecht m\u00c3\u00bcsste zu Grunde gehen, wenn es die Art seines Da-\\nseins nicht \u00c3\u00a4nderte.\\nDa nun die Menschen unf\u00c3\u00a4hig sind, neue Kr\u00c3\u00a4fte hervorzu-\\nbringen, sondern lediglich die einmal vorhandenen zu vereinigen\\nund zu lenken verm\u00c3\u00b6gen, so haben sie zu ihrer Erhaltung kein\\nanderes Mittel, als durch Vereinigung eine Summe von Kr\u00c3\u00a4ften\\nzu bilden, die den Widerstand \u00c3\u00bcberwinden kann, und alle diese\\nKr\u00c3\u00a4fte durch eine einzige Triebkraft in Bewegung zu setzen und\\nsie in Gemeinschaft wirken zu lassen.\\nEine solche Summe von Kr\u00c3\u00a4ften kann nur durch das Zu-\\nsammenwirken mehrerer entstehen. Da jedoch die St\u00c3\u00a4rke und die\\nFreiheit jedes Menschen die Hauptwerkzeuge seiner Erhaltung sind,\\nwie kann er sie hergeben, ohne sich Schaden zu thun und die\\nSorgfalt zu vers\u00c3\u00a4umen, die er sich schuldig ist? 2\\nDie hierin enthaltene Schwierigkeit ist das Grundproblem,\\nwelches der Gesellschaftsvertrag zu l\u00c3\u00b6sen hat. Die Frage, die sich\\ndadurch f\u00c3\u00bcr ihn erhebt, formuliert Rousseau genauer so: Wie findet\\nman eine Gesellschaftsform, welche mit der ganzen gemeinsamen\\nKraft die Person und das Verm\u00c3\u00b6gen jedes Gesellschaftsgliedes ver-\\nteidigt und sch\u00c3\u00bctzt und kraft dessen jeder einzelne, obgleich er\\nsich mit allen vereint, gleichwohl nur sich selbst gehorcht und so\\nfrei bleibt wie vorher? 3 Die L\u00c3\u00b6sung dieses Problems ist nach\\nihm nur m\u00c3\u00b6glich \u00e2\u0080\u009edurch das g\u00c3\u00a4nzliche Aufgehen jedes Gesellschafts-\\ngliedes mit allen seinen Rechten in der Gesamtheit; denn indem\\nsich jeder ganz hingiebt, so ist das Verh\u00c3\u00a4ltnis f\u00c3\u00bcr alle zun\u00c3\u00a4chst\\ngleich, und weil das Verh\u00c3\u00a4ltnis f\u00c3\u00bcr alle gleich ist, so hat niemand\\nein Interesse daran, es den andern dr\u00c3\u00bcckend zu machen 4\\nMan sieht, wie dadurch, dass bei dem freiheitlichen Ver-\\ntrage ein jeder ein Gleiches, n\u00c3\u00a4mlich seine nat\u00c3\u00bcrliche\\nFreiheit opfert, unter den Vertragschliessenden wieder eine ge-\\nJ Tom. V, 129.\\nTom. V, 124 f.\\n3 Tom. V, 125.\\n4 Tom. V, 125 f.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0101.jp2"}, "102": {"fulltext": "92\\nwisse Gleichheit 1 hergestellt wird. Aus dieser Gleichheit, meint\\nRousseau, geht dann die b\u00c3\u00bcrgerliche Freiheit hervor. Der\\nMensch soll D\u00c3\u00a4mlich nicht ganz im Staate aufgehen 2 sondern\\nmuss sich im Gegensatze zu der politischen Freiheit auch immer\\nseine b\u00c3\u00bcrgerliche Freiheit wahren. Dem Staate geh\u00c3\u00b6rt nur soviel,\\nals jeder mit allen gemein hat; was dagegen jeder als Eigentum\\nbesitzt, geh\u00c3\u00b6rt in das Bereich der pers\u00c3\u00b6nlichen Freiheit. Gleichheit\\nund Freiheit bedingen sich also wechselseitig 3\\nAuf diese Weise hofft Rousseau in dem Gesellschaftsvertrage\\ndiejenige Form der Vereinigung gefunden zu haben, welche der\\ndem Menschen nat\u00c3\u00bcrlichen und unver\u00c3\u00a4usserlichen Freiheit sowohl,\\nals auch der urspr\u00c3\u00bcnglichen Gleichheit am besten gerecht wird.\\nDass auf diese Anpassung sein Augenmerk ganz besonders gerichtet\\nwar, geht aus zahlreichen \u00c3\u0084usserungen unzweideutig hervor. So\\ndr\u00c3\u00bcckt er z. B. seine Grund\u00c3\u00bcberzeuguug bez\u00c3\u00bcglich der im Staate\\nzu fordernden Freiheit klar und bestimmt aus, wenn er sagt: \u00e2\u0080\u009eAuf\\nseine Freiheit verzichten, heisst auf seine Menschheit, die Menschen-\\nrechte, ja selbst auf seine Pflichten verzichten. Wer auf alles\\nverzichtet, f\u00c3\u00bcr den ist keine Entsch\u00c3\u00a4digung m\u00c3\u00b6glich. Eine solche\\nEntsagung ist mit der Natur des Menschen unvereinbar, und man\\nentzieht, Avenn man seinem Willen alle Freiheit nimmt, seinen\\nHandlungen allen sittlichen Wert 4 Und im Hinblick auf die\\nnach seiner Naturanschauung notwendig anzustrebende Gleichheit\\nmacht er die wichtige Bemerkung: \u00e2\u0080\u009eDer Grundvertrag hebt nicht\\netwa die nat\u00c3\u00bcrliche Gleichheit auf, sondern setzt im Gegenteil an\\ndie Stelle der physischen Ungleichheit, w T elche die Natur unter den\\nMenschen h\u00c3\u00a4tte hervorrufen k\u00c3\u00b6nnen, eine sittliche und gesetzliche\\nGleichheit, sodass die Menschen, wenn sie auch an k\u00c3\u00b6rperlicher\\nund geistiger Kraft ungleich sein k\u00c3\u00b6nnen, durch \u00c3\u009cbereinkunft und\\nRecht alle gleich werden 5\\nPr\u00c3\u00bcft man ferner, welche weitgehende Bedeutung diese Grund-\\nforderungen der Freiheit und Gleichheit in seinem Ideale erlangen,\\ndann muss man dem Urteile E. J. Kr\u00c3\u00b6mers v\u00c3\u00b6llig beistimmen,\\nwenn er in Bezug auf sie sagt: \u00e2\u0080\u009eSo sehr nehmen diese G\u00c3\u00bcter die\\nTom. V, 147: \u00e2\u0080\u009ePar quelque c\u00c3\u00b6te qu on remonte au principe, on\\narrive toujours la meme conclusion; savoir, que la pacte social etablit\\nentre les citoyens une teile egalite, qu ils s engagent tous sous les memes\\nconditions et doivent jouir tous des memes droits.\\n2 Tom. V, 145: \u00e2\u0080\u009eOn convient que tout ce que chacun aliene, par\\nle pacte social, de sa puissance, de ses biens, de sa liberte, c est seulement\\nla partie de tout cela dont l usage importe la communaute; mais il\\nfaut convenir aussi que le souveraiu seul est juge de cette importauce.\\n3 Reissig, J. J. Rousseaus Leben und Wirken, Leipzig 1879;\\np. 27; 47.\\nTom. V, 118.\\n5 Tom. V, 136-", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0102.jp2"}, "103": {"fulltext": "93\\noberste Stelle im Staate ein, dass alles andere nur insofern Be-\\nachtung erf\u00c3\u00a4hrt, als es zu denselben im Verh\u00c3\u00a4ltnis steht 1\\nTrotzdem nun auf Grund des Gesellschaftsvertrages Freiheit\\nund Gleichheit als h\u00c3\u00b6chste G\u00c3\u00bcter des Menschen und der Mensch-\\nheit soviel als m\u00c3\u00b6glich gewahrt werden und auch sonst alle nat\u00c3\u00bcr-\\nlichen Rechte thunlichst unangetastet bleiben sollen, so weist doch\\nder Gesellschaftszustand, wie sich ihn Rousseau dachte, im\\nVergleich zum Naturzustande eine immerhin bemerkens-\\nwerte Ver\u00c3\u00a4nderung auf. Da durch diesen Vergleich das\\nRousseausche Gesellschaftsideal sich von dem des Naturzustandes\\ndeutlich abhebt und dadurch an Klarheit gewinnt, lassen wir die\\nhierauf bez\u00c3\u00bcglichen Auslassungen Rousseaus folgen 2 1. \u00e2\u0080\u009eDer \u00c3\u009cber-\\ngang aus dem Naturzust\u00c3\u00a4nde in das Staatsb\u00c3\u00bcrgertum bringt in\\ndem Menschen eine sehr bemerkbare Ver\u00c3\u00a4nderung hervor, indem\\nin dem Verhalten desselben die Gerechtigkeit an die Stelle des\\nInstinkts tritt und sich in seinen Handlungen der sittliche Sinn\\nzeigt, der ihnen vorher fehlte. Erst in dieser Zeit verdr\u00c3\u00a4ngt die\\nStimme der Pflicht den physischen Antrieb und das Recht der\\nBegierde, sodass sich der Mensch, der bis dahin lediglich auf sich\\nselbst R\u00c3\u00bccksicht genommen hatte, gezwungen sieht, nach anderen\\nGrunds\u00c3\u00a4tzen zu handeln und seine A ernunft um Rat fragt, bevor\\ner auf seine Neigungen h\u00c3\u00b6rt. Obgleich er in diesem Zustande\\nmehrere Vorteile, welche ihm die Natur gew\u00c3\u00a4hrt, aufgiebt, so er-\\nh\u00c3\u00a4lt er daf\u00c3\u00bcr doch so bedeutende andere Vorteile: Seine F\u00c3\u00a4hig-\\nkeiten \u00c3\u00bcben und entwickeln sich, seine Ideen erweitern, seine Ge-\\nsinnungen veredeln, seine ganze Seele erhebt sich in solchem Grade,\\ndass er, wenn ihn der Missbrauch seiner neuen Lage nicht oft noch\\nunter die, aus der es hervorgegangen, erniedrigte, unaufh\u00c3\u00b6rlich den\\ngl\u00c3\u00bccklichen Augenblick segnen m\u00c3\u00bcsste, der ihn dem Naturzustande\\nauf ewig entriss und aus einem ungesitteten und beschr\u00c3\u00a4nkten\\nTiere ein einsichtsvolles Wesen, einen Menschen machte.\\nF\u00c3\u00bchren wir die ganze Vergleichung beider Zust\u00c3\u00a4nde auf einige\\nPunkte zur\u00c3\u00bcck, bei denen die Unterschiede am klarsten hervortreten.\\n1 A. a. 0. p. 8 f. \u00e2\u0080\u009eRousseaus politisches Ideal ist die Freiheit\\nund Gleichheit der reinen Demokratie. iTJberweg-Heinze, a. a. O.\\nIII 1 216.) Cf. Plantiko, a. a. O. p. 16: 22.\\n2 Nirgends tritt der Fortschritt, den die Gedanken des Contr. soc.\\nim Vergleiche zu den im 2. Disc. ausgesprochenen aufweisen, augenf\u00c3\u00a4lliger\\nhervor als hier. Der Gegensatz, der zwischen den Ausf\u00c3\u00bchrungen Rous-\\nseaus in letztgenannter Schrift und in seinem \u00e2\u0080\u009eGesellschaftsvertrag be-\\nsteht, wird von Kant dahin formuliert, dass jene den unvermeidlichen\\nWiderstreit der Kultur mit der Natur des menschlichen Geschlechts als\\neiner physischen Gattung, in welcher jedes Individuum seine Bestimmung\\nganz erreichen soll, nachweist; diese aber das schwerere Problem auf-\\nzul\u00c3\u00b6sen suche, wie die Kultur fortgehen m\u00c3\u00bcsse, um die Anlagen der\\nMenschheit als einer sittlichen Gattung zu ihrer Bestimmung geh\u00c3\u00b6rig zu\\nentwickeln, so dass diese jener als Naturgattung nicht mehr widerstreite.\\nCf. Plantiko, a. a. O. p. 2", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0103.jp2"}, "104": {"fulltext": "94\\nDer Verlust, den der Mensch durch den Gesellschafts vertrag er-\\nleidet, besteht in dem Aufgeben seiner nat\u00c3\u00bcrlichen Freiheit und\\ndes unbeschr\u00c3\u00a4nkten Rechtes auf alles, was ihn reizt und er erreichen\\nkann; sein Gewinn in der b\u00c3\u00bcrgerlichen Freiheit und in dem Eigen-\\ntumsrecht auf alles, was er besitzt. Um sich bei dem Abw\u00c3\u00a4gen\\nder Vorteile beider St\u00c3\u00a4nde keinem Irrtum hinzugeben, muss man\\ndie nat\u00c3\u00bcrliche Freiheit, die nur in den Kr\u00c3\u00a4ften des Einzelnen ihre\\nSchranken findet, von der durch den allgemeinen Willen be-\\nschr\u00c3\u00a4nkten b\u00c3\u00bcrgerlichen Freiheit genau unterscheiden und in gleicher\\nWeise den Besitz, der nur die Wirkung der St\u00c3\u00a4rke oder des Rechts\\ndes ersten Besitzergreifers ist von dem Eigentum, das nur auf einen\\nsicheren Rechtsanspruch gegr\u00c3\u00bcndet werden kann.\\nNach dem Gesagten w\u00c3\u00bcrde man noch zu den Vorteilen des\\nStaatsb\u00c3\u00bcrgertums die sittliche Freiheit 1 hinzuf\u00c3\u00bcgen k\u00c3\u00b6nnen,\\ndie allein den Menschen erst in Wahrheit zum Herrn \u00c3\u00bcber sich\\nselbst macht; denn der Trieb der blossen Begierde ist Sklaverei,\\nund der Gehorsam gegen das Gesetz, das man sich selber vor-\\ngeschrieben hat, ist Freiheit 2\\nNachdem wir bisher die allgemeinen Grunds\u00c3\u00a4tze gezeigt, auf\\nwelchen Rousseau sein Gesellschaftsideal konstruiert, verfolgen wir\\nnoch in K\u00c3\u00bcrze, welche weiteren Z\u00c3\u00bcge er daraus ableitet oder damit\\nin Verbindung bringt.\\nDie erste und wichtigste Schlussfolge aus den bis jetzt auf-\\ngestellten Grunds\u00c3\u00a4tzen, bemerkt er selbst, kann nur die sein, dass\\nder allgemeine Wille allein die Kr\u00c3\u00a4fte des Staates gem\u00c3\u00a4ss dem\\nZwecke seiner Einrichtung, der in dem Gemeinwohl besteht, leiten\\nkann; denn wenn der Gegensatz der Privatinteressen die Errich-\\ntung der Gesellschaften n\u00c3\u00b6tig gemacht hat, so hat sie doch erst\\ndie \u00c3\u009cbereinstimmung der n\u00c3\u00a4mlichen Interessen erm\u00c3\u00b6glicht. Das\\nGemeinsame in diesen verschiedenen Interessen bildet das gesell-\\nschaftliche Band; und g\u00c3\u00a4be es nicht irgend einen Punkt, in dem\\nalle Interessen \u00c3\u00bcbereinstimmen, so k\u00c3\u00b6nnte keine Gesellschaft be-\\nstehen. Einzig und allein nach diesem gemeinsamen Interesse\\nmuss die Gesellschaft regiert werden 3\\nWie die Natur, setzt Rousseau ferner auseinander, jeden\\nMenschen mit einer unumschr\u00c3\u00a4nkten Macht \u00c3\u00bcber alle seine Glieder\\nausstattet, so stattet auch der Gesellscbaftsvertrag den Staatsk\u00c3\u00b6rper\\nmit einer unumschr\u00c3\u00a4nkten Macht \u00c3\u00bcber alle die Seinigen aus, und\\nx Die Freiheit kann nur auf dem Boden des gesellschaftlichen\\nLebens sittlichen Wert und Charakter gewinnen. So lange der Mensch\\nbloss f\u00c3\u00bcr sich existiert, ist sein Thun und Lassen in moralischer Be-\\nziehung indifferent. Erst durch den Eintritt in die soziale Gemeinschaft\\nwird er zu einem sittlichen Wesen, findet er Antrieb und Gelegenheit,\\ndie bis dahin ruhenden ethischen Kr\u00c3\u00a4fte in Th\u00c3\u00a4tigkeit zu setzen.\\nBrockerhoff, a. a. O. III, 111.\\n2 Tom. V, 131 f.\\n3 Tom. V, 137.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0104.jp2"}, "105": {"fulltext": "95\\neben diese vom allgemeinen Willen geleitete Macht wird Staats-\\nhoheit oder Oberherrlichkeit genannt 1\\nDa als Zweck des Gesellschaftsvertrages die Erhaltung\\nderer gilt, die ihn abschliessen, so folgert er daraus: Wer den\\nZweck will, ist auch mit den Mitteln einverstanden, und diese\\nMittel lassen sich von einigen Gefahren, ja sogar von einigen Ver-\\nlusten gar nicht trennen. Wer sein Leben auf Kosten anderer\\nerhalten will, muss es, sobald es n\u00c3\u00b6tig, auch f\u00c3\u00bcr sie hingeben 2\\nW\u00c3\u00a4hrend der Gesellschaftsvertrag dem politischen K\u00c3\u00b6rper zum\\nDasein und Leben verhilft, ist es die Aufgabe der Gesetz-\\ngebung, ihn mit Thatkraft und Willenskraft zu erf\u00c3\u00bcllen; \u00e2\u0080\u009edenn\\nder urspr\u00c3\u00bcngliche Akt, durch welchen er sich bildet und verbindet,\\nveranlasst noch nicht, was er zu seiner Erhaltung thun m\u00c3\u00bcsse 3\\nSeine Meinung in Bezug auf die Gesetzgebung geht nun dahin,\\ndass \u00e2\u0080\u009edas Volk, welches Gesetzen unterworfen ist, auch ihr Ur-\\nheber sein muss; nur denen, die sich verbinden, liegt es ob, die\\nBedingungen der Vereinigung zu regeln 4\\nDie Gesetzgebung selbst sieht Rousseau als ein ungemein\\nschwieriges Werk an. Es bed\u00c3\u00bcrfte nach ihm eigentlich g\u00c3\u00b6ttlicher\\nWesen 5 um den Menschen Gesetze zu geben; denn \u00e2\u0080\u009ewas das\\nWerk der Gesetzgebung schwierig macht, ist nicht sowohl das\\nEinzuf\u00c3\u00bchrende als das erst Auszurottende, und die Seltenheit des\\nErfolgs hat ihren Grund in der Unm\u00c3\u00b6glichkeit, die Einfachheit der\\nNatur mit den Bed\u00c3\u00bcrfnissen der Gesellschaft vereinigt zu finden 6\\nDerjenige, \u00c3\u00a4ussert er weiter, welcher den Mut besitzt, einem Volke\\nEinrichtungen zu geben, muss sich im st\u00c3\u00a4nde f\u00c3\u00bchlen, gleichsam die\\nmenschliche Natur umzuwandeln, jedes Individuum, das f\u00c3\u00bcr\\nsich ein vollendetes und einzeln bestehendes Ganzes ist,\\nzu einem Teile eines gr\u00c3\u00b6sseren Ganzen umzuschaffen,\\naus dem dieses Individuum gewissermassen erst Leben und Wesen\\nerh\u00c3\u00a4lt, die Beschaffenheit des Menschen zu seiner eigenen Kr\u00c3\u00a4f-\\ntigung zu ver\u00c3\u00a4ndern und an die Stelle des leiblichen und unab-\\nh\u00c3\u00a4ngigen Daseins, welches wir von der Natur empfangen haben,\\nein nur teilweises und geistiges Dasein zu setzen. Kurz, er muss\\ndem Menschen die ihm eigent\u00c3\u00bcmlichen Kr\u00c3\u00a4fte nehmen, um ihn mit\\nanderen auszustatten, die seiner Natur fremd sind und die er ohne\\nden Beistand anderer nicht zu benutzen versteht. Je mehr diese\\nnat\u00c3\u00bcrlichen Kr\u00c3\u00a4fte erstorben und vernichtet und je gr\u00c3\u00b6sser und\\ndauerhafter die erworbenen sind, desto sicherer und vollkommener\\nist auch die Verfassung 7\\nDer Zweck aller Gesetzgebung muss das h\u00c3\u00b6chste Wohl\\naller sein 8 Die Bestimmung des letzteren zeigt wieder deutlich,\\nTom. V, 144. 2 V, 150. 3 V, 152. 4 V, 156.\\n5 V, 157. 6 V, 173. 7 V, 158.\\n8 Tom. V, 174. Wie sich Eousseaus Zukunftsideal unverkenn-\\nbar auf seine optimistische Ansicht der Menschennatur st\u00c3\u00bctzt, so liegt", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0105.jp2"}, "106": {"fulltext": "96\\nwie das Gesellschaftsideal Rousseaus den urspr\u00c3\u00bcnglichen und an-\\ngeborenen Menschenrechten sich m\u00c3\u00b6glichst anzupassen sucht. Bei\\nder Untersuchung, heisst es n\u00c3\u00a4mlich, worin denn eigentlich das\\nh\u00c3\u00b6chste Wohl aller, welches der Zweck eines jeden Systems der\\nGesetzgebung sein soll, besteht, wird man finden, dass es auf zwei\\nHauptgegenst\u00c3\u00a4nde hinausl\u00c3\u00a4uft, Freiheit und Gleichheit 1 Freiheit,\\nweil jede Abh\u00c3\u00a4ngigkeit des Einzelnen eine ebenso grosse Kraft\\ndem Staatsk\u00c3\u00b6rper entzieht, Gleichheit, weil die Freiheit ohne sie\\nnicht bestehen kann 2\\nIn Bezug auf die verschiedenen Regierungsformen meint\\nRousseau, dass im allgemeinen f\u00c3\u00bcr die kleinen Staaten die demo-\\nkratische, f\u00c3\u00bcr die mittleren die aristokratische und f\u00c3\u00bcr die grossen\\ndie monarchische die geeignetste sei 3 F\u00c3\u00bcr die Gestaltung der-\\nselben in jedem einzelnen Falle sei jedoch eine grosse Anzahl\\nwirklich gegebener Bedingungen von massgebendem Einfl\u00c3\u00bcsse 4\\nCharakteristisch ist f\u00c3\u00bcr Rousseaus Ideal seine Anschauung\\n\u00c3\u00bcber den Umfang der Vereinigung. Wie die Natur, heisst es,\\ndem W\u00c3\u00bcchse eines wohlgebildeten Menschen Grenzen gesetzt hat,\\n\u00c3\u00bcber welche hinaus sie nur Riesen und Zwerge hervorbringt, so\\ngiebt es auch hinsichtlich der besten Zusammensetzung eines Staates\\nSchranken des Umfanges, welchen er haben darf, damit er nicht\\nzu gross sei, um gut regiert werden zu k\u00c3\u00b6nnen, und auch nicht\\nallzuklein, um f\u00c3\u00a4hig zu sein, sich durch sich selbst zu erhalten\\nWas ferner die Vertretung 6 anlangt, so gilt nach seinem\\nmerkw\u00c3\u00bcrdigerweise auch den heutigen sozialistischen Theorien eine \u00c3\u00a4hn-\\nliche flache, allzueinfache und optimistische Vorstellung von der Menschen-\\nnatur und ihrer Entwicklung zu Grunde (Volkelt, Vortr\u00c3\u00a4ge zur Ein-\\nf\u00c3\u00bchrung in die Philosophie etc. M\u00c3\u00bcnchen 1892; p. 183.)\\nTom. V, 175: \u00e2\u0080\u009eC est precisement parce que la force des choses\\ntend t oujours detruire l egalite, que la force de la l\u00c2\u00a3gislation doit tou-\\njours tendre la maintenir.\\n2 Mit Recht konnte darum Rousseau in den \u00e2\u0080\u009eBriefen vom Berge :i\\n(Tom. X, 173 ff.) sagen: \u00e2\u0080\u009eWeit entfernt, alle Regierungsformen anzugreifen,\\nhabe ich vielmehr alle angenommen (Philosophische Werke, a.a.O. IV, 828.)\\n3 Tom. V, 194.\\n4 Tom. V, 183: \u00e2\u0080\u009eMais comme mille eVenement peuvent changer\\nles rapports d un peuple, non feulement differens Gouvernemens peuvent\\netre bons divers peuples, mais au meme peuple en differens tems.\\n5 Tom. V, 166. Zwei Gesichtspunkte kommen dabei f\u00c3\u00bcr ihn in\\nBetracht: einmal die R\u00c3\u00bccksicht auf das Nationalgef\u00c3\u00bchl, das er als Quelle\\nder gr\u00c3\u00b6ssten Tugenden fordert (Tom. V, 167.), sodann die R\u00c3\u00bccksicht auf\\ndie Wahrung der Freiheit, f\u00c3\u00bcr welche nach seiner Anschauung kleinere\\nStaatenganze die g\u00c3\u00bcnstigsten Bedingungen bieten; denn aus dem von\\nihm dargelegten Beweise folgt, \u00e2\u0080\u009edass die Freiheit mit der Vergr\u00c3\u00b6sserung\\ndes Staates stetig abnimmt. (Tom. V, 184.) Wie das Nationalit\u00c3\u00a4ts-\\ngef\u00c3\u00bchl, so entfalten sich auch die f\u00c3\u00bcr die Rousseausche Charakterbildung\\nso bedeutsamen Mitgef\u00c3\u00bchle sowie die allgemeine Menschenliebe in be-\\ngrenzten Gesellschaften am besten. (Cf. Hoffding, a. a. 0. p. 137.)\\n6 Hierzu vergl. Fr. Haymann, J. J. Rousseaus Sozialphilosophie.\\nLeipzig 1898. p. 85 ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0106.jp2"}, "107": {"fulltext": "97\\nIdeale: Da das Gesetz nur die Darlegung des allgemeinen Willens 1\\nist, so liegt es auf der Hand, dass das Volk in seiner gesetz-\\ngebenden Gewalt nicht vertreten werden kann, w\u00c3\u00a4hrend es in der\\nvollziehenden Gewalt, welche nur die nach dem Gesetze angewandte\\nKraft ist, vertreten werden kann und sogar vertreten werden muss 2\\nWie oben, besonders in dem Vergleiche des Gesellschafts-\\nzustandes mit dem Naturzustande, \u00c3\u00b6fters die Bedeutung der Moral 3\\nf\u00c3\u00bcr sein Gesellschaftsideal zu Tage trat, so wollte Rousseau\\nferner auch die Religion zu einem integrierenden Bestand-\\nteile des Staates gemacht sehen 4 Zur Charakterisierung\\ndieses Standpunktes diene folgende Stelle: \u00e2\u0080\u009eDas Recht, welches\\nder Gesellschaftsvertrag dem Staatsoberhaupte \u00c3\u00bcber die Unterthaneu\\ngiebt, erstreckt sich nicht \u00c3\u00bcber die Grenzen des Staats Wohles\\nhinaus. Die Unterthaneu sind dem Staatsoberhaupte mithin nur\\ninsoweit Rechenschaft \u00c3\u00bcber ihre Ansichten schuldig, als sich die-\\nselben auf das Gemeinwesen beziehen. F\u00c3\u00bcr den Staat ist es aller-\\ndings von grosser Wichtigkeit, dass sich ein jeder B\u00c3\u00bcrger zu einer\\nReligion bekennt, die ihn seine Pflichten lieb gewinnen l\u00c3\u00a4sst. Die\\nGlaubenss\u00c3\u00a4tze dieser Religion gehen dagegen den Staat und dessen\\nGlieder nur insofern etwas an, als sie die Moral und die Pflichten\\nbetreffen, welche der Bekenner gegen andere zu erf\u00c3\u00bcllen hat. Sonst\\nkann jeder glauben, was er will, ohne dass dem Staatsoberhaupte\\ndas Recht zusteht, sich danach zu erkundigen; denn da er in der\\nanderen Welt keine Befugnis hat, so braucht er sich nicht um das\\nLos seiner Unterthaneu in dem zuk\u00c3\u00bcnftigen Leben zu k\u00c3\u00bcmmern,\\nwenn sie nur in dem irdischen gute B\u00c3\u00bcrger sind 5\\nHinsichtlich der weiteren Beschaffenheit der b\u00c3\u00bcrgerlichen Re-\\nligion und ihres Inhaltes bemerkt er schliesslich: \u00e2\u0080\u009eDie Lehrs\u00c3\u00a4tze\\nder b\u00c3\u00bcrgerlichen Religion m\u00c3\u00bcssen einfach, gering an Zahl und be-\\nstimmt ausgedr\u00c3\u00bcckt sein und keiner Auslegungen und Erkl\u00c3\u00a4rungen\\nbed\u00c3\u00bcrfen. Das Dasein einer allm\u00c3\u00a4chtigen, weisen, wohlth\u00c3\u00a4tigen\\nGottheit, einer alles umfassenden Vorsehung, ein zuk\u00c3\u00bcnftiges Leben,\\ndie Belohnung der Gerechten und Bestrafung der Gottlosen, die\\na Nach Brockerhoff (a. a. O. I, 452) ist der Wille (nach G\u00c3\u00b6ss-\\ngen, a. a. O., das Gef\u00c3\u00bchl; siehe oben p. 39, Anm. 9) f\u00c3\u00bcr Eousseau das\\neigentliche Wesen des Menschen, darum auch die Seele und Substanz\\nseines Staates.\\n2 Tom. V, 235.\\n3 In der \u00e2\u0080\u009epolitischen \u00c3\u0096konomie (Tom. IV, 385 ff.) sagt Eousseau:\\n\u00e2\u0080\u009eDer politische K\u00c3\u00b6rper ist auch ein moralisches Wesen, das einen Willen\\nhat. (Philosophische Werke, a. a. O. II, 265.) \u00e2\u0080\u009eDa man die Eechte des\\nB\u00c3\u00bcrgers gleich von Geburt an geniesst, so muss der Augenblick unserer\\nGeburt auch der Anfang der Aus\u00c3\u00bcbung unserer Pflichten sein. (Philoso-\\nphische Werke, a. a 0. II, 297.)\\n4 Hunziker, Eousseau und Pestalozzi, Vortrag. (\u00c3\u0096ffentliche Vor-\\ntr\u00c3\u00a4ge, gehalten in der Schweiz. VIII. Bd., Heft IX; Basel 1885; p. 18.)\\nCf. ausserdem Lettres 6crites de la niontagne; Tom. X, 173 ff; Plantiko,\\na. a. O., p. 61. 5 Tom. V, 294f.\\n7", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0107.jp2"}, "108": {"fulltext": "98\\nHeiligkeit des Gesellschaftsvertrages und der Gesetze: Das sind\\npositive und untr\u00c3\u00bcgliche Glaubenss\u00c3\u00a4tze. Was die negativen anlangt,\\nso beschr\u00c3\u00a4nke ich sie auf einen einzigen, die Unduldsamkeit 1\\nSo l\u00c3\u00a4sst denn das Gesellschaftsideal Rousseaus mehrfach nahe\\nBeziehungen zu seinem Naturprinzipe erkennen; aus verschiedenen\\nStellen geht deutlich hervor, dass der B\u00c3\u00bcrger nie aufh\u00c3\u00b6ren soll,\\nMensch, d. h. hier Einzelwesen zu sein, dass auch im Staate die\\nMenschenrechte, d. h. die Rechte des Menschenatoms oder des ver-\\neinzelten Menschen die Hauptsache bleiben 2\\nMit vorstehender Darstellung haben wir die Hauptz\u00c3\u00bcge des\\nIdeals gekennzeichnet, welches sich Rousseau in Bezug auf die\\nGesellschaftsreform konstruiert hatte. Da es f\u00c3\u00bcr unseren Zweck\\nauch nur darauf ankam, uns die charakteristischen Seiten desselben\\nzu vergegenw\u00c3\u00a4rtigen, so d\u00c3\u00bcrfen wir ungeachtet der R\u00c3\u00bccksichten auf\\nVollst\u00c3\u00a4ndigkeit des Bildes unsere Ausf\u00c3\u00bchrungen hiermit beenden.\\nUm nun das Gesellschaftsideal einer kurzen kritischen Be-\\ntrachtung zu unterwerfen, pr\u00c3\u00bcfen wir, welche geschichtliche Stellung\\nRousseau damit zu seinen Vorg\u00c3\u00a4ngern und Zeitgenossen einnimmt.\\nKonnten wir fr\u00c3\u00bcher beobachten, dass sein auf autodidaktischem\\nWege betriebenes Studium der hervorragendsten philosophischen\\nSysteme auf die Kl\u00c3\u00a4rung und Ausgestaltung seiner Naturanschauung\\nvon mannigfachem, teils direktem, teils indirektem Einfl\u00c3\u00bcsse war,\\nso l\u00c3\u00a4sst sich dasselbe nun auch in Bezug auf sein Gesellschafts-\\nideal beobachten.\\nDer seinem Ideal zu Grunde liegende Begriff des Vertrages\\nr\u00c3\u00bchrt ja schon aus dem Altertume her 3 Von der Scholastik\\nwar er ziemlich unver\u00c3\u00a4ndert durch das ganze Mittelalter hindurch\\nfortgepflanzt worden 4 Zu gr\u00c3\u00b6sserer Bedeutung gelangte sodann\\ndieser Begriff und mit ihm auch der des Naturzustandes in den\\nauf naturalistischer Basis ruhenden staatsrechtlichen Theorien eines\\nGrotius 5 Hobbes 6 Pufendorf 7 Locke und eines Montes-\\nquieu 8 deren Werke Rousseau gr\u00c3\u00bcndlich studiert hatte.\\na Tom. V, 296. Dass hier kein wirklicher Widerspruch mit den\\nPrinzipien des Emile (wie Hauber, a. a. O. meint) vorliegt, sondern nur\\nein scheinbarer, ist von Borgeaud, a. a. O. 108ff. gezeigt worden.\\n2 j Erdmann, Grundriss der Geschichte der Philosophie. 4. Aufl.\\n2. Bd. p. 241.\\n3 Wundt, Ethik. 2. Aufl. 1892. p. 203.\\n4 \u00c3\u009cberweg-Heinze, a. a. O. III, 1 56.\\n5 Grotius lernte Rousseau bereits aus der Bibliothek seines Vaters\\nkennen (Tom. IX, 449; 470).\\n6 Tom. IX, 450.\\n7 Mit Pufendorf wurde er w\u00c3\u00a4hrend seines Aufenhaltes bei Madame\\nde Warens bekannt, in deren Bibliothek Pufendorf sich vorfand. Cf.\\nConfess., p. I, 1. III; Tom. I, 174.\\n8 J Tom. IX, 450; 473. Sein \u00e2\u0080\u009eEsprit des lois und Rousseaus \u00e2\u0080\u009eCon-\\ntrat social sind die beiden bedeutendsten politischen Werke des 18. Jahrh.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0108.jp2"}, "109": {"fulltext": "99\\nIhr Einfluss auf seine Ideen steht ausser Zweifel. Von ihnen\\nnahm und verwertete er im allgemeinen alle Gedanken, welche\\nsich mit seiner Naturanschauung, besonders mit den daraus ab-\\ngeleiteten bei ihm herrschenden Gesichtspunkten der Freiheit und\\nGleichheit in Einklang bringen Hessen 1 Wiederholt erw\u00c3\u00a4hnt er\\ndiese Vorg\u00c3\u00a4nger auch mit Namen. Hierbei zeigt sich jedoch, dass\\ner sie gerade da namhaft macht, wo er sich in Widerspruch mit\\nihnen befindet 2 w\u00c3\u00a4hrend er jene Stellen, welche er ihnen entlehnt,\\noder an welchen er sich in \u00c3\u009cbereinstimmung mit ihnen befindet,\\nmit Stillschweigen \u00c3\u00bcbergeht 3\\nZu den Vorg\u00c3\u00a4ngern, deren Studium Rousseau seine im \u00e2\u0080\u009eContrat\\nsocial niedergelegten sozialen Anschauungen zum gr\u00c3\u00b6ssten Teile\\nverdankt, geh\u00c3\u00b6rt ausser den genannten Macchiavelli 4 und, wie\\nseine Vorliebe f\u00c3\u00bcr die Staaten des Altertums erwarten l\u00c3\u00a4sst, auch\\nPlato 5 und Aristoteles 6\\nUnter seinen Zeitgenossen, welche fast ausnahmslos ein reges\\nInteresse der L\u00c3\u00b6sung staatswissenschaftlicher Probleme zuwandten,\\nhat in dieser Beziehung Voltaire den gr\u00c3\u00b6ssten Einfluss auf ihn\\nausge\u00c3\u00bcbt 7\\nVon besonderer Bedeutung f\u00c3\u00bcr die Gestaltung seines Ideals\\nwaren schliesslich die politischen und sozialen Verh\u00c3\u00a4ltnisse seiner\\nVaterstadt Genf 8\\nVergleiche hierzu \u00c3\u009cberweg-Heinze, a. a. O. III 1 pp. 59; 72 f;\\n190; 215- Die Hauptz\u00c3\u00bcge seiner Staatslehre zeigen eine nahe Ver-\\nwandtschaft mit der Lockeschen Abhandlung: \u00e2\u0080\u009e\u00c3\u009cber die Staatsregierung\\nSein Verh\u00c3\u00a4ltnis zu Hobbes setzt K. Fischer (Fr. Baco v. Verulam.\\nDie Realphilosophie und ihr Zeitalter. Leipzig 1856; p. 404ff.) klar aus-\\neinander. Hinsichtlich seiner Vorstellung des Naturzustandes ist\\nRousseau insofern \u00c3\u00bcber die Anschauungsweise seiner Vorg\u00c3\u00a4nger hinaus-\\ngegangen, als er ihn zur Voraussetzung des gesellschaftlichen Lebens\\n\u00c3\u00bcberhaupt macht, w\u00c3\u00a4hrend er bis dahin nur als Voraussetzung des\\nStaates gegolten hatte. (Brockerhoff. J. J. Bousseau. Neue Plut. V,\\n1877. p. 167.)\\n2 Cf. Grotius, Tom. V, 112f; 116; 123; 287; Hobbes, Tom. V, 112f;\\n287; Mont., Tom. V, 158; 196; 253.\\n3 Die n\u00c3\u00a4mliche Eigent\u00c3\u00bcmlichkeit l\u00c3\u00a4sst sich auch bez\u00c3\u00bcglich seiner\\np\u00c3\u00a4dagogischen Gedanken beobachten.\\nCf. Tom. V, 143; 162; 203; 200.\\n5 Cf. Tom. V, 157; 163.\\n6 Cf. Tom. V, 113; 200. \u00e2\u0080\u009eRousseaus Staatsideal ist offenbar die\\nspartanische Bepublik, in welcher die Tugend und Freiheit durch die\\nGleichheit, und die Gleichheit durch die Armut gesichert schien\\n(Paulsen, Geschichte des gel. Unterrichts etc. III. Halbbd. 1896; II, 6.)\\n7 Einen sch\u00c3\u00b6nen Vergleich beider hinsichtlich ihrer sozialen Be-\\ndeutung hat J. Bona -Meyer, a. a. O. angestellt. Eingehend be-\\nhandelt M. Liepmann die Vorg\u00c3\u00a4nger Rousseaus in der soeben\\nerschienenen Schrift: Die Rechtsphilosophie des Jean Jacques Rousseau.\\nEin Beitrag zur Geschichte der Staatstheorien. Berlin 1898.\\n8 Hettner, a. a. O., II, 432. 4. Aufl. 1881. Brockerhoff,\\na. a. O., II, 433: \u00e2\u0080\u009eSeine Vaterstadt gab in scharfen Umrissen die\\ncharakteristischen Z\u00c3\u00bcge des Ideals, welches Rousseau fortan f\u00c3\u00bcr das", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0109.jp2"}, "110": {"fulltext": "100\\nDamit h\u00c3\u00a4tten wir die geschichtliche Bedingtheit des Rousseau-\\nscheu Gesellschaftsideals in groben Z\u00c3\u00bcgen angedeutet. An dem\\nIdeale selbst Kritik zu \u00c3\u00bcben 1 d\u00c3\u00bcrfte heute, wo dasselbe nur noch\\nhistorische Bedeutung besitzt zumal f\u00c3\u00bcr unsere Aufgabe\\nzwecklos sein.\\nIII.\\nAufstellung der aus Rousseaus Gesellschaftsideal sich\\nergebenden p\u00c3\u00a4dagogischen Folgerungen.\\nEhe wir nun beginnen, den Einfluss des Gesellschaftsprinzips\\nauf Rousseaus P\u00c3\u00a4dagogik aufzusuchen, wird es zweckm\u00c3\u00a4ssig sein,\\nauf Grund obiger Darstellung zuvor jene Gesichtspunkte hervor-\\nzuheben, vermittels Welcher wir diese Aufgabe zu l\u00c3\u00b6sen gedenken 2\\nStellen wir also in K\u00c3\u00bcrze fest, welche allgemeineren p\u00c3\u00a4da-\\ngogischen R\u00c3\u00bccksichten und Forderungen sich aus jenem\\nIdeale ableiten lassen und in welchem Verh\u00c3\u00a4ltnisse die-\\nselben zu den aus dem Naturprinzip sich ergebenden\\nKonsequenzen stehen.\\nStellte das Naturprinzip der P\u00c3\u00a4dagogik die Hauptaufgabe, aus\\ndem Kinde einen \u00e2\u0080\u009eMenschen zu bilden, so verlangt das Ge-\\nsellschaftsprinzip, dass die Erziehung in ihrem Z\u00c3\u00b6glinge einen\\n\u00e2\u0080\u009eB\u00c3\u00bcrger heranbilde 3\\nIn dieser allgemeinen Zielbestimmung sind fast alle Einzel-\\nforderungen beider Prinzipe eingeschlossen. So ergeben sich unter\\nBezugnahme auf das Naturprinzip f\u00c3\u00bcr das Gesellschaftsprinzip\\ndaraus folgende Konsequenzen\\n1) Soll die Erziehung jener Grundforderung des Naturprinzips\\ngem\u00c3\u00a4ss das Kind zu einem Menschen entwickeln, so muss wie\\ndies in der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik in der That der Fall war\\nstaatliche und gesellschaftliche Leben best\u00c3\u00a4ndig vorschwebte Cf.\\nauch seine Widmung la republique de Geneve. Tom IV, 203 ff.\\nJ Dies geschieht von Kr\u00c3\u00b6mer, a. a. O. p. 12 ff. Als Grund-\\nwahrheit seiner Lehre bezeichnet er den Hauptgrundsatz: \u00e2\u0080\u009eDer Mensch\\nist frei Alsdann unterzieht er das Recht, den Vertrag, das h\u00c3\u00b6chste\\nGut, die Freiheit, schliesslich den Staat nach Rousseaus Ideal einer\\nKritik und erg\u00c3\u00a4nzt die negativen Seiten jener Begriffe durch positive\\nAufstellungen. Cf. auch Franz Haymann, J. J. Rousseaus Sozial-\\nphilosophie. Leipzig 1898. p. 337 ff.\\n2 \u00c3\u009cber die Gr\u00c3\u00bcnde dieses Verfahrens siehe oben p. 54 f.\\n3 Diese doppelte Seite an seinem Erziehungsziele finden wir bei\\nLambert (Studien zu J. J. Rousseaus Emil. Progr. Realgymnasium\\nder Franckeschen Stiftungen. Halle 1893; p. 6) gut auseinander gehalten.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0110.jp2"}, "111": {"fulltext": "101\\nihr Hauptaugenmerk darauf gerichtet sein die menschliche\\nNatur desselben, d. h. die in ihm liegenden Anlagen und Kr\u00c3\u00a4fte\\nzu ungest\u00c3\u00b6rter, allseitiger Entwicklung zu bringen, ein harmonisches\\nGanzes aus ihm zu machen 1 W\u00c3\u00a4hrend von diesem Gesichts-\\npunkte aus demnach das Kind als eine abgeschlossene, in sich\\nabgerundete Einheit, als Individuum 2 zu betrachten war, ist es\\nvom Standpunkte des Gesellschaftsprinzips aus als Bruchteil eines\\nGanzen, als Glied einer Gattung anzusehen. Waren dementsprechend\\nbei der Naturerziehung lediglich individuelle R\u00c3\u00bccksichten 3 mass-\\ngebend, und kam es dabei besonders auf die Befriedigung der sich\\njeweilig einstellenden Bed\u00c3\u00bcrfnisse der Natur an, so wird es eine\\nkonsequente Forderung des Gesellschaftsprinzips sein, das Kind als\\nsoziales Wesen aufzufassen und auf seine Einf\u00c3\u00bchrung in die\\nmenschliche Gesellschaft bedacht zu sein.\\nMit dieser allgemeineren Tendenz stehen nun die folgenden\\nin nahem Zusammenhange.\\n2) Vom Naturstandpunkte aus, auf welchem das Kind als\\nabsolutes, als nur f\u00c3\u00bcr sich bestehendes Wesen angesehen wurde,\\nmusste die P\u00c3\u00a4dagogik das Bestreben zeigen, das Kind in vollster\\nFreiheit und Unabh\u00c3\u00a4ngigkeit zu erziehen und deshalb von \u00c3\u00a4usseren\\nEinwirkungen m\u00c3\u00b6glichst abzuschliessen 4 Im Gegensatze hierzu\\nwird eine P\u00c3\u00a4dagogik, welche das Kind als soziales, als abh\u00c3\u00a4ngiges,\\nrelatives Wesen auffasst, an Stelle jener absoluten Freiheit eine\\nbeschr\u00c3\u00a4nkte, an Stelle v\u00c3\u00b6lliger Unabh\u00c3\u00a4ngigkeit eine, wenn auch\\ngeringe, so doch immerhin f\u00c3\u00bchlbare Abh\u00c3\u00a4ngigkeit zu setzen haben.\\nFielen bei der die denkbar gr\u00c3\u00b6sste Freiheit atmenden Natur-\\nerziehung Gebote und Pflichten prinzipiell hinweg, so werden sie\\nhier eine wichtige Rolle spielen.\\n3) Was sodann die Sch\u00c3\u00a4rfung des Urteils, die Entwicklung\\nder Vernunft, die Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten\\nanlangt, so beschr\u00c3\u00a4nkte sich die Rousseausche Naturp\u00c3\u00a4dagogik auf\\nein \u00c3\u00bcberaus bescheidenes Mass. Es galt ja den Geist des Kindes\\nnur insoweit auszubilden, als es die arg untersch\u00c3\u00a4tzten Bed\u00c3\u00bcrfnisse\\nseiner Natur notwendig erscheinen Hessen 5 Nach seinem Gesell-\\nschaftsideale soll nun aber ein jeder B\u00c3\u00bcrger Anteil an der Regierung\\nund Gesetzgebung nehmen und Rechte und Pflichten mit. der Ge-\\nsamtheit teilen. F\u00c3\u00bcr die P\u00c3\u00a4dagogik erw\u00c3\u00a4chst hieraus die Aufgabe,\\nden Z\u00c3\u00b6gling mit den hierf\u00c3\u00bcr erforderlichen Einsichten und Kennt-\\nSiehe oben p. 79 ff.\\n2 ,,Die Natur als solche betont das Individuum so, dass sich das-\\nselbe zum Mittelpunkte des Daseins macht und eben deshalb in seinem\\nVerh\u00c3\u00a4ltnis zu anderen Individuen nicht diese, sondern sich im Auge hat.\\n(Brockerhoff, a. a. O. I, 300.) Cf. Willmann, a. a. O. I, 34- r\\n3 Lambert, J. J. Eousseaus Emil. Progr. der Franckeschen Stif-\\ntungen. Halle 1893; p. 10.\\n4 Siehe oben p. 58 ff.\\ns Siehe oben p. 66 ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0111.jp2"}, "112": {"fulltext": "102\\nnissen, Interessen und F\u00c3\u00a4higkeiten gen\u00c3\u00bcgend auszur\u00c3\u00bcsten. Dass es\\nhierzu einer ungleich tieferen und umfassenderen Bildung der In-\\ntelligenz bedarf, als durch das Naturprinzip gefordert wurde, liegt\\nauf der Hand.\\n4) Hatte ferner die Naturerziehung, weil sie das Kind nur\\nals f\u00c3\u00bcr sich bestehendes Einzelwesen ansah, keine Veranlassung,\\ndie moralische Seite desselben zu nennenswerter Entfaltung zu\\nbringen, so wird dies eine notwendige Aufgabe einer jeden und\\nauch der Rousseauschen sozialen Erziehung sein 1\\n5) Schliesslich wird seine P\u00c3\u00a4dagogik, falls sie allen Anfor-\\nderungen seines eigenartigen Gesellschaftsprinzips Rechnung tragen\\nwill, auch die \u00e2\u0080\u009eb\u00c3\u00bcrgerliche Religion zu begr\u00c3\u00bcnden haben.\\nWie sich aus diesen Gesichtspunkten bereits ersehen l\u00c3\u00a4sst,\\nwird der Einfluss des Gesellschaftsprinzips auf seine P\u00c3\u00a4dagogik im\\nallgemeinen darin bestehen, dass durch dasselbe die oft extremen\\nund einseitigen Forderungen des Naturprinzips teils korrigiert, teils\\nerg\u00c3\u00a4nzt werden.\\nIV.\\nNachweis der Geltendmachung- des Rousseauschen Gesell-\\nschaftsideals in seiner P\u00c3\u00a4dagogik.\\nDass das Gesellschaftsideal, welches Rousseau vorschwebte,\\nirgendwelchen Einfluss auf seine P\u00c3\u00a4dagogik geltend machen wird,\\nsteht nach unserer Meinung von vornherein ausser Zweifel. Zwei\\nGesichtspunkte sind es namentlich, die uns gleich mit dieser Er-\\nwartung an seine P\u00c3\u00a4dagogik herantreten lassen.\\nEinmal zeigte sich uns ja oben schon, dass seine P\u00c3\u00a4dagogik\\nin unmittelbarem Dienste seines centralen, auf Verbesserung der\\ngesellschaftlichen Zust\u00c3\u00a4nde gerichteten Problems stand sodann aber\\nl\u00c3\u00a4sst ein Blick auf seine p\u00c3\u00a4dagogischen Vorbilder eine Geltend-\\nmachung des Gesellschaftsprinzips in seiner P\u00c3\u00a4dagogik fast als\\nselbstverst\u00c3\u00a4ndlich, zum mindesten als wahrscheinlich erscheinen.\\nWie bekannt, sind es besonders Rabelais, Montaigne und\\nLocke, mit deren Ideen seine P\u00c3\u00a4dagogik die meiste Verwandt-\\nschaft zeigt 2 Bei ihnen spielen nun in bemerkenswerter Weise\\nx Siehe oben p. 94. \u00c2\u00bbDie sittliche Integrit\u00c3\u00a4t des Individuums,\\nnotwendig wie sie ist, gen\u00c3\u00bcgt doch nicht f\u00c3\u00bcr seine Stellung im sozialen\\nVerb\u00c3\u00a4nde. (Brockerhoff, a. a. O. I, 380.)\\n2 Rousseaus Abh\u00c3\u00a4ngigkeit von Locke stand von jeher fest. Eine\\neingehende Vergleichung der Erziehungslehren beider hat Corwin,\\na. a. O., augestellt. Seine Untersuchung best\u00c3\u00a4tigt die l\u00c3\u00a4ngst bekannte", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0112.jp2"}, "113": {"fulltext": "103\\nR\u00c3\u00bccksichten auf die Gesellschaft in ihre P\u00c3\u00a4dagogik hinein x\\nBei dieser Sachlage ist wohl die Frage nichts weniger als berechtigt:\\nSollte Rousseau von diesen seinen Vorg\u00c3\u00a4ngern, mit denen er in\\nfast allen wesentlichen Punkten seiner P\u00c3\u00a4dagogik \u00c3\u00bcbereinstimmt,\\nnicht auch r\u00c3\u00bccksichtlich des bei ihnen eine so wichtige Rolle\\nspielenden Gesellschaftsprinzips beeinflusst worden sein?\\nDie nachfolgende Pr\u00c3\u00bcfung seiner P\u00c3\u00a4dagogik soll hier\u00c3\u00bcber\\nAufschluss geben.\\nNach ihrem allgemeinen Verh\u00c3\u00a4ltnisse zum Gesellschaftsprinzip\\nzerf\u00c3\u00a4llt die P\u00c3\u00a4dagogik Rousseaus in zwei Hauptabschnitte; der erste\\numfasst den Zeitraum von der Geburt bis zum 15. Jahre, der\\nzweite die Periode vom 15. Jahre, der \u00e2\u0080\u009ezweiten Geburt bis zur\\nVerheiratung des Emile. Der Einfluss, den nun unser Prinzip\\ninnerhalb dieser Zeitabschnitte \u00c3\u00a4ussert, ist ein merklich verschiedener.\\nWas zun\u00c3\u00a4chst den ersten grossen Zeitraum anlangt, so l\u00c3\u00a4sst\\nsich beobachten, dass trotz der in ihm \u00c3\u00bcberwiegenden Herrschaft\\ndes Naturprinzips stets auch und zwar in fast peinlicher Weise die\\nsozialen Verh\u00c3\u00a4ltnisse in ihrer Bedeutung f\u00c3\u00bcr die P\u00c3\u00a4dagogik in\\nBetracht gezogen und reiflich erwogen werden. Obwohl nun dies\\nzwar meist in der Absicht geschieht, allen positiven Einfluss der-\\nselben in seiner Erziehung a\u00c3\u00bcszuschliessen, so muss doch anderseits\\nzugestanden werden, dass Rousseau dadurch, dass er jenen Ein-\\nwirkungen gegen\u00c3\u00bcber eine abwehrende Stellung einnimmt, indirekt\\nAnschauung, dass Eousseau von Locke in tiefgehender Weise beeinflusst\\nworden ist und sich ihm eng angeschlossen hat. (p. 114.) Von Locke\\nging man einen Schritt weiter zur\u00c3\u00bcck und fand auch viel Verwandtschaft\\nzwischen Rousseau und Montaigne. So zeigt Bauck (J. J. Rousseau\\nund Montaigne Progr. Gymn. Gumb. 1885), dass das, was Rousseau mit\\nLocke gemein hat, vor ihnen bereits Montaigne gesagt hat. (p. 3 ff.)\\nZu dem n\u00c3\u00a4mlichen Resultate gelangt auch Herding (Ein Gang durch\\ndie Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik von Montaigne bis Rousseau. Progr.\\nErlangen 1890). \u00e2\u0080\u009eWas Rousseau in seinem Emile vortr\u00c3\u00a4gt heisst es\\ndort. wie allerdings schon bei G. Baur (Encyklop\u00c3\u00a4die von Schmid.\\nV, 782. Art.: Geschichte der P\u00c3\u00a4dagogik) zu lesen ist \u00e2\u0080\u009esind\\ngr\u00c3\u00b6sstenteils nur weitere Ausf\u00c3\u00bchrungen Montaignescher Predigten \u00c3\u00bcber\\nMontaignesche Texte. (p. 13.) Noch weiter greift Arnstadt zur\u00c3\u00bcck.\\nFr. Rabelais. Gedanken \u00c3\u00bcber Erziehung und Unterricht aus seinem\\nGarg. und Pant. in Richters p\u00c3\u00a4dagogischer Bibliothek IV, 2). Indem er\\nan der Hand gewisser Gesichtspunkte die p\u00c3\u00a4dagogischen Gedanken eines\\nRabelais Montaigne Locke und Rousseau vergleicht findet er eine auf-\\nf\u00c3\u00a4llige Verwandtschaft unter ihnen. Insbesondere zeigt er in Rousseaus\\nEmile Stellen, welche den Ausf\u00c3\u00bchrungen Rabelais so \u00c3\u00a4hnlich sehen, dass\\nman versucht sein k\u00c3\u00b6nnte zu glauben Rousseau habe sie Rabelais\\nentlehnt. Ohne aus Rousseaus Werken den Nachweis erbringen zu\\nk\u00c3\u00b6nnen, ist es nach allem h\u00c3\u00b6chst wahrscheinlich, dass Rousseau Rabelais\\ngelesen hat. Sollte jedoch Rousseau nicht unmittelbar durch Rabelais\\nSchriften angeregt sein, so muss dies wenigstens mittelbar durch Mon-\\ntaigne und Locke geschehen sein (a. a 0. p. 88).\\n^Arnstadt, Fr. Rabelais etc. p. 104 ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0113.jp2"}, "114": {"fulltext": "104\\nschon der Anbahnung besserer Zust\u00c3\u00a4nde vorarbeitet. Zudem fehlt\\nes auch nicht an Z\u00c3\u00bcgen, welche ihrer Herkunft nach direkt auf\\ndas von ihm angestrebte Ideal hinweisen. Wie aus dieser Lage\\nder Sache zu ersehen ist, l\u00c3\u00a4sst sich also ein Einfluss des Gesell-\\nschaftsprinzips, wenn auch mehr indirekt und versteckt wahrnehm-\\nbar, schon in diesem ersten grossen Zeitraum in seiner P\u00c3\u00a4dagogik\\nbeobachten 1 Der negative Charakter, der die Rousseausche\\nP\u00c3\u00a4dagogik \u00c3\u00bcberhaupt kennzeichnet, kommt in Bezug auf das Ge-\\nsellschaftsprinzip in dieser Periode in ganz besonderem Grade zum\\nAusdrucke.\\nAnders verh\u00c3\u00a4lt sich der zweite Abschnitt seiner P\u00c3\u00a4dagogik\\nzum Gesellschaftsprinzip. Dieses tritt hier in viel gr\u00c3\u00b6sserem\\nUmfange und ungleich positiver in Kraft. Je deutlicher es sich\\nf\u00c3\u00bchlbar macht, desto mehr wird das Naturprinzip in den Hinter-\\ngrund gedr\u00c3\u00a4ngt.\\nBevor wir uns nun der Einzelbetrachtung der oben festge-\\nstellten Konsequenzen des Gesellschaftsprinzips zuwenden, schicken\\nwir zur weiteren Orientierung \u00c3\u00bcber die Stellung seiner P\u00c3\u00a4dagogik\\nzu diesem Ideale noch folgenden Abschnitt voraus.\\nGleich am Anfange seiner P\u00c3\u00a4dagogik, wo Rousseau seinen\\nStandpunkt charakterisiert, kennzeichnet er seine Stellung zu Natur\\nund Gesellschaft, zur nat\u00c3\u00bcrlichen oder Naturerziehung und zur\\nb\u00c3\u00bcrgerlichen, \u00c3\u00b6ffentlichen oder weltlichen Erziehung. In v\u00c3\u00b6lliger\\n\u00c3\u009cbereinstimmung mit den uns bekannten Anschauungen \u00c3\u00bcber Natur\\nund Gesellschaft h\u00c3\u00b6ren wir ihn da auseinandersetzen: \u00e2\u0080\u009eDer nat\u00c3\u00bcr-\\nliche Mensch ist ein Ganzes f\u00c3\u00bcr sich; er ist die numerische Einheit\\n(unite numerique), das absolute Ganze (entier absolu), f\u00c3\u00bcr welches\\nkeine anderen Beziehungen als zu sich selbst oder zu seinesgleichen\\nexistieren. Der b\u00c3\u00bcrgerliche Mensch ist nur eine Brucheinheit, die\\nsich auf den Nenner bezieht (unite fractionnaire qui tient au deno-\\nrainateur), und deren Wert in ihrem Verh\u00c3\u00a4ltnis zum Ganzen, zum\\nStaatsk\u00c3\u00b6rper liegt 2\\nObwohl Rousseau nach diesen \u00c3\u0084usserungen dem \u00e2\u0080\u009eb\u00c3\u00bcrgerlichen\\nMenschen im Vergleich mit dem \u00e2\u0080\u009enat\u00c3\u00bcrlichen Menschen eine\\ngeringere Bedeutung beimisst, h\u00c3\u00a4lt er doch diese Unterscheidung\\nals einen f\u00c3\u00bcr die Erziehung wichtigen Gesichtspunkt in seiner\\nP\u00c3\u00a4dagogik aufrecht. Je nachdem n\u00c3\u00a4mlich die Erziehung einen\\nMan kann also nicht wie Lambert schlechthin sagen: \u00e2\u0080\u009eRousseau\\nteilt die gesamte Erziehung in zwei grosse Hauptabschnitte: in die\\nErziehung mit alleiniger R\u00c3\u00bccksicht auf den Z\u00c3\u00b6gling selbst, die Erziehung\\nzum nat\u00c3\u00bcrlichen Menschen, die er in den drei ersten B\u00c3\u00bcchern behandelt\\nund in die Erziehung mit R\u00c3\u00bccksicht auf die Gesellschaft, zum b\u00c3\u00bcrger-\\nlichen Menschen, welche die zwei letzten B\u00c3\u00bccher umfasst (Studien zu\\nJ. J. Rousseaus Emile. Progr., Franckesche Stiftungen. Halle 1S93;\\np. 10.)\\n2 Tom. VIII, 25.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0114.jp2"}, "115": {"fulltext": "105\\nnat\u00c3\u00bcrlichen oder einen b\u00c3\u00bcrgerlichen Menschen sich zum Ziele setzt,\\ntr\u00c3\u00a4gt sie, wie Rousseau ausdr\u00c3\u00bccklich hervorhebt, einen entsprechend\\nanders gearteten Charakter. \u00e2\u0080\u009eIn der sozialen Ordnung, bemerkt er,\\nwo jeder seinen bestimmten Platz einnimmt, muss jeder f\u00c3\u00bcr den\\nseinen erzogen werden. Jemand, der den besonderen Platz, f\u00c3\u00bcr\\nden. er gebildet ist, verl\u00c3\u00a4sst, ist zu nichts anderem geeignet. Die\\nErziehung gereicht nur insoweit zum Nutzen, als das Gl\u00c3\u00bcck sich\\nmit dem Berufe, den die Eltern w\u00c3\u00a4hlen, vereinigen l\u00c3\u00a4sst; in allen\\nanderen F\u00c3\u00a4llen ist sie dem Z\u00c3\u00b6glinge nachteilig, w\u00c3\u00a4re es auch nur\\ndurch die Vorurteile, die sie ihm beigebracht hat 1 Im Gegen-\\nsatze hierzu heisst es in Bezug auf die Naturerziehung: \u00e2\u0080\u009eIn der\\nnat\u00c3\u00bcrlichen Ordnung, wo alle Menschen einander gleich sind, ist\\nihr gemeinsamer Beruf, echte Menschen zu sein, und wer f\u00c3\u00bcr diesen\\ngut erzogen ist, kann diejenigen, die sich damit vereinigen lassen,\\nnicht schlecht ausf\u00c3\u00bcllen 2\\nBei dieser f\u00c3\u00bcr Rousseau charakteristischen Gegen\u00c3\u00bcberstellung\\nund Unterscheidung der beiden Erziehungsweisen 3 kam es ihm\\nvor allem darauf an, seiner Zeit zum Bewusstsein zu bringen, dass\\ndie Naturerziehung ein viel weiteres und darum viel wichtigeres\\nZiel verfolgt als die Erziehung f\u00c3\u00bcr die soziale Ordnung. Dem in\\nRousseaus sonstigen Schriften wahrzunehmenden Widerspruche\\nzwischen Natur und Kultur entspricht auf p\u00c3\u00a4dagogischem Gebiete\\nsomit die Gegen\u00c3\u00bcberstellung des Natur- und Gesellschaftsprinzips.\\nWar nun dies f\u00c3\u00bcr Rousseaus Standpunkt schon bezeichnend,\\ndass er die nat\u00c3\u00bcrliche Erziehung und die Erziehung f\u00c3\u00bcr die Ge-\\nsellschaft \u00c3\u00bcberhaupt voneinander schied, dass er beide seiner all-\\ngemeinen Kulturtheorie entsj)rechend als wesentlich verschieden, ja\\ngeradezu als entgegengesetzt charakterisierte, so ist f\u00c3\u00bcr seine Stellung\\nzum Gesellschaftsprinzip ferner von massgebender Bedeutung, dass\\ner eine sofortige Vereinigung desselben mit dem Naturprinzip in-\\nfolge ihrer einander widersprechenden Tendenzen f\u00c3\u00bcr unm\u00c3\u00b6glich\\nh\u00c3\u00a4lt. Sind doch, wie er darlegt, \u00e2\u0080\u009egerade die guten sozialen Ein-\\nrichtungen diejenigen, die am meisten geeignet sind, die Natur des\\nMenschen zu ver\u00c3\u00a4ndern, ihm seine unabh\u00c3\u00a4ngige Existenz zu rauben,\\ntun ihm eine abh\u00c3\u00a4ngige zu gew\u00c3\u00a4hren und das Ich in die allgemeine\\nEinheit \u00c3\u00bcberzutragen, so dass jeder Einzelne sich nicht mehr f\u00c3\u00bcr\\nTom. VIII, 29.\\nTom. VIII, 29 f. Diese \u00c3\u0084usserung kann leicht irre f\u00c3\u00bchren.\\nNach ihr hat es den Anschein, als ob die Naturerziehung eine ander-\\nweite Erziehung f\u00c3\u00bcr die soziale Ordnung v\u00c3\u00b6llig \u00c3\u00bcberfl\u00c3\u00bcssig mache. Dass\\ndies nicht Eousseaus Meinung sein kann, dass er vielmehr selbst, ohne\\nes gern eingestehen zu wollen, die Erziehung, welche lediglich der Natur\\ndes Z\u00c3\u00b6glings folgt, schliesslich f\u00c3\u00bcr unzureichend findet, ihn f\u00c3\u00bcr die\\nGesellschaft zu bef\u00c3\u00a4higen, wird sich bald zeigen. Siehe auch oben p. 84.\\n3 Locke kennt nicht die scharfe Unterscheidung zwischen dem\\nnat\u00c3\u00bcrlichen r und b\u00c3\u00bcrgerlichen Menschen. (Lambert, Studien zu J. J.\\nEousseaus Emile. Halle 1893. Progr., Frauckesche Stiftungen p. 7.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0115.jp2"}, "116": {"fulltext": "106\\neins, sondern f\u00c3\u00bcr einen Teil der Einheit h\u00c3\u00a4lt und nur im Ganzen\\nzu empfinden vermag 1\\nZu welchen Ergebnissen eine Erziehung f\u00c3\u00bchrt, welche gleich-\\nzeitig den Anforderungen der Natur und der Gesellschaft gerecht\\nzu werden sucht, zeigt Rousseau an folgender Stelle: \u00e2\u0080\u009eDurch die\\nNatur und durch die Menschen nach entgegengesetzten Richtungen\\ngezogen, gen\u00c3\u00b6tigt, zu gleicher Zeit diesen verschiedenen Antrieben\\nnachzugeben, schlagen wir (die \u00c3\u00bcbliche Erziehung) eine Mittelrichtung\\nein, die uns weder zu dem einen noch zu dem andern Ziele f\u00c3\u00bchrt.\\nAuf diese Weise .durch das ganze Leben hindurch im Kampfe und\\nschwankend, beschliessen wir dasselbe, ohne mit uns selbst einig\\nund ohne uns oder anderen n\u00c3\u00bctzlich geworden zu sein 2\\nSo sehr hiernach Rousseau das Verfahren, welches beide Ziele\\ngleichzeitig erreichen will, verurteilt, so w\u00c3\u00bcrde man ihn doch falsch\\nverstehen, wollte man daraus schliessen, dass er eine Vereinigung\\nbeider \u00c3\u00bcberhaupt nicht f\u00c3\u00bcr m\u00c3\u00b6glich, noch f\u00c3\u00bcr gut gehalten habe.\\nIn Wirklichkeit betrachtet Rousseau eine Verschmelzung beider\\nZiele nicht nur f\u00c3\u00bcr ausf\u00c3\u00bchrbar, sondern sogar f\u00c3\u00bcr sehr w\u00c3\u00bcnschens-\\nwert. \u00e2\u0080\u009eK\u00c3\u00b6nnte mau, sagt er, das doppelte Ziel, das man sich\\nsetzt, durch Aufhebung der Widerspr\u00c3\u00bcche des Menschen in ein\\neinziges vereinigen, so w\u00c3\u00bcrde man ein grosses Hindernis seines\\nGl\u00c3\u00bcckes hinwegr\u00c3\u00a4umen 3 In dem vorliegenden Falle, in welchem\\ndie gesellschaftliche Ordnung so schroffe Widerspr\u00c3\u00bcche mit den\\nnat\u00c3\u00bcrlichen Verh\u00c3\u00a4ltnissen aufweist, w\u00c3\u00a4re dies allerdings ein v\u00c3\u00b6llig\\nverkehrtes Unternehmen. \u00e2\u0080\u009eGen\u00c3\u00b6tigt also, die Natur oder die so-\\nzialen Einrichtungen zu bek\u00c3\u00a4mpfen, muss man sich entscheiden,\\nob man einen Menschen oder einen B\u00c3\u00bcrger bilden will; denn man\\nkann nicht beides zu gleicher Zeit erreichen 4\\nx Tom. VIII, 25. Wer f\u00c3\u00bcr die b\u00c3\u00bcrgerliche Gesellschaft erzogen\\nwerden soll und innerhalb derselben \u00e2\u0080\u009eden nat\u00c3\u00bcrlichen Gef\u00c3\u00bchlen den\\nersten Rang wahren will, weiss nicht, was er will. Unaufh\u00c3\u00b6rlich in\\nWiderspruch mit sich selbst, immer schwankend zwischen seinen\\nMeinungen und seinen Pflichten, wird er nie weder Mensch noch B\u00c3\u00bcrger,\\nwird er weder sich, noch anderen n\u00c3\u00bctzlich sein (Tom. VIII, 26.)\\n2 Tom. VIII, 28. Aus demselben Grunde verwirft er die\\n\u00e2\u0080\u009egew\u00c3\u00b6hnliche Welterziehung \u00e2\u0080\u009eIndem sie n\u00c3\u00a4mlich zwei entgegengesetzte\\nZiele zu erreichen strebt, verfehlt sie beide. Sie ist nur geeignet. Doppel-\\nwesen zu bilden, die alles auf andere zu beziehen scheinen und doch nur\\nalles auf sich selbst beziehen. (Tom. VIII, 28.)\\n3 Tom. VIII, 28.\\n4 Tom. VIII, 24. Auch diese Stelle hat zu Missverst\u00c3\u00a4ndnissen\\nAnlass gegeben. Sie ist nicht so zu verstehen, als h\u00c3\u00a4tte die Erziehung\\nnach Rousseau \u00c3\u00bcberhaupt nur eins dieser Ziele unter g\u00c3\u00a4nzlicher Ausser-\\nachtlassung des anderen sich zu Av\u00c3\u00a4hlen und zu verwirklichen. Das ist\\ndurchaus nicht der Sinn dieser Worte. Wie aus dem ganzen Zusammen-\\nhange hervorgeht und wie auch der Nachsatz andeutet gilt es offenbar,\\nbeiden Zielen gerecht zu werden; es handelt sich da unter den\\ngegebenen Verh\u00c3\u00a4ltnissen eine gleichzeitige Ber\u00c3\u00bccksichtigung beider unm\u00c3\u00b6g-\\nlich ist nur darum, welches von beiden zuerst gew\u00c3\u00a4hlt werden soll.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0116.jp2"}, "117": {"fulltext": "107\\nIn welchem Sinne Rousseau diese Alternative entscheidet,\\nkann keinem Zweifel unterliegen. Da er bem\u00c3\u00bcht war, seinem\\nGesellschaftsideale eine m\u00c3\u00b6glichst naturgem\u00c3\u00a4sse Grundlage zu geben,\\ndie Widerspr\u00c3\u00bcche der gesellschaftlichen und nat\u00c3\u00bcrlichen Ordnung\\nthunlichst auszugleichen, so kann es nach der Lage der Verh\u00c3\u00a4lt-\\nnisse nur als eine Konsequenz dieses Prinzips erkannt werden,\\nwenn er vorderhand alle Anspr\u00c3\u00bcche und Maximen der damals\\n\u00c3\u00bcblichen sozialen Erziehung abweist 1 und die Forderungen der\\nNaturerziehung allein in den Vordergrund treten l\u00c3\u00a4sst.\\nAus diesem Zusammenhange ist zu ersehen, dass die Rousseau-\\nsche P\u00c3\u00a4dagogik durchaus nicht als eine von Haus aus gesellschafts-\\nfl\u00c3\u00bcchtige P\u00c3\u00a4dagogik zu betrachten ist 2 sondern dass Rousseau\\ndie Anspr\u00c3\u00bcche von Seiten der sozialen Verh\u00c3\u00a4ltnisse als berechtigt\\nanerkennt und sich nur durch die widernat\u00c3\u00bcrlichen, haltlosen Zu-\\nst\u00c3\u00a4nde seiner Zeit gezwungen sieht, sie w\u00c3\u00a4hrend der ersten Er-\\nziehungsperiode m\u00c3\u00b6glichst fern zu halten 3 Um so weniger be-\\nrechtigt ist jene Anschauung, als Rousseau seinen Z\u00c3\u00b6gling gerade\\ndurch die Naturerziehung ausgesprochenermassen am besten f\u00c3\u00bcr\\njede gesellschaftliche Stellung f\u00c3\u00a4hig zu machen beabsichtigt 4\\nD\u00c3\u00bcrfen wir nach alledem in dem sorgf\u00c3\u00a4ltigen Fernhalten aller\\nwidernat\u00c3\u00bcrlichen, sozialen Einfl\u00c3\u00bcsse seiner Zeit ohne Zweifel schon\\nBeziehungen zu seinem im Hintergrunde stehenden, auf nat\u00c3\u00bcrlicher\\nx Dass dies nicht radikal m\u00c3\u00b6glich war, leuchtet von selbst ein.\\nEr war ja viel zu sehr an die Kulturmittel gebunden; so schon bez\u00c3\u00bcg-\\nlich der Sprache. (Cf. Lazarus, Das Leben der Seele. Berlin 1856.\\nH, 252 ff.\\n2 \u00e2\u0080\u009eUnd das soll Natur und eine gesellschaftsfl\u00c3\u00bcchtige Erziehung\\ndie naturgem\u00c3\u00a4sse sein! ruft Hauber, a. a. O. 287, die tieferen Motive\\nRousseaus verkennend, aus. Nach v. Raum er (Geschichte der P\u00c3\u00a4da-\\ngogik II, 258; 2. Aufl. 1847) habe Rousseau einen Misanthropen\\nerziehen wollen.\\n3 \u00e2\u0080\u009eEs war, bemerkt Brockerhoff (J. J. Rousseau im Neuen Plut.\\nV, 1877 p. 199.) ganz richtig, wohl an der Zeit, die Menschen aus ihrer\\nZerstreuung zu sich zur\u00c3\u00bcckzuf\u00c3\u00bchren und nachdr\u00c3\u00bccklich daran zu\\nerinnern, dass der Schwerpunkt ihres Daseins nicht in der Aussenwelt,\\nsondern im pers\u00c3\u00b6nlichen Selbstbewusstsein zu suchen ist. Man vergesse\\nauch nicht, dass die verschiedenen Formen, in welchen das gesamte\\nLeben der Menschen sich bewegte (Familie, Staat, Kirche etc.), eines sie\\nwahrhaft erf\u00c3\u00bcllenden Inhaltes entbehrten und darum nicht geeignet\\nwaren, der Erziehung als Grundlage zu dienen. \u00c3\u009cbrigens schloss ja\\nauch diese Konzentration des Einzelnen, die ihre Berechtigung hat. an\\nsich die soziale Gemeinschaft keineswegs aus.\\n4 Dies geht unzweideutig aus vielen Stellen hervor. So heisst\\nes u. a. \u00e2\u0080\u009eEr wird (durch die Naturerziehung) vor allem Mensch sein,\\nalles, was ein Mensch sein soll, wird er, wo es gilt, sein, wie irgend\\neiner, und wenn auch das Schicksal ihn n\u00c3\u00b6tigt, seine Stellung zu ver-\\n\u00c3\u00a4ndern, er wird \u00c3\u00bcberall an seinem Platze sein. (Tom. VIII, 30.)\\nAVie hier, so l\u00c3\u00a4sst sich durch seine ganze P\u00c3\u00a4dagogik verfolgen, wie\\nRousseau die nat\u00c3\u00bcrliche Erziehung mit Bewusstsein im Interesse seines\\nGesellschaftsideals empfiehlt und selbst verwirklicht.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0117.jp2"}, "118": {"fulltext": "108\\nGrundlage ruhenden Gesellschaftsprinzip erblicken, so wird sich\\nder Einfluss des letzteren ungleich deutlicher beobachten lassen,\\nwenn wir jetzt eine Pr\u00c3\u00bcfung seiner P\u00c3\u00a4dagogik nach den oben ge-\\nkennzeichneten Seiten vornehmen.\\n1) Wie sich aus der Gegen\u00c3\u00bcberstellung der beiden Prinzipe\\nergab, stellte das Gesellschaftsprinzip an die P\u00c3\u00a4dagogik zun\u00c3\u00a4chst\\ndie allgemeine Forderung, das Kind als soziales Wesen aufzu-\\nfassen 1\\nObwohl diese Tendenz jener auf Isolierung abzielenden direkt\\nentgegenl\u00c3\u00a4uft, wird sie doch von Rousseau jederzeit im Auge be-\\nhalten. So begegnen wir ihr schon an jener Stelle, wo er auf die\\nPflichten des Vaters zu sprechen kommt. Bei dieser Gelegenheit\\nstellt er die soziale Erziehung der Naturerziehung sogar als gleich-\\nwichtig gegen\u00c3\u00bcber. Es heisst: \u00e2\u0080\u009eEin Vater erf\u00c3\u00bcllt, indem er Kinder\\nzeugt und ern\u00c3\u00a4hrt, nur den dritten Teil seiner Obliegenheiten.\\nEr ist seinem Geschlechte Menschen, der menschlichen Gesellschaft\\ngesellschaftliche Menschen, dem Staate B\u00c3\u00bcrger schuldig. Jeder,\\nder diese dreifache Schuld abzutragen vermag und es nicht thut, ist\\nstrafbar, und vielleicht strafbarer, wenn er sie zur H\u00c3\u00a4lfte abtr\u00c3\u00a4gt 2\\nDa es also nach Rousseau eine Pflicht der Erziehung ist, im\\nDienste der Gesellschaft und des Staates zu wirken, so d\u00c3\u00bcrfen wir\\nuns nicht wundern, dass er sich bez\u00c3\u00bcglich der Wahl seines Z\u00c3\u00b6glings\\ndurch soziale R\u00c3\u00bccksichten mit bestimmen l\u00c3\u00a4sst. Ich w\u00c3\u00bcrde mich,\\nsagt er, niemals mit eiuem kr\u00c3\u00a4nklichen und siechen Kinde befassen,\\nsollte es auch 80 Jahre alt werden. Ich mag keinen Z\u00c3\u00b6gling haben,\\nder sich und anderen 3 immer unn\u00c3\u00bctz bleiben wird, der allein mit\\nJ Unter diesem Gesichtspunkte wird die ganze Erziehung des\\nWeibes betrachtet. Tom. IX, 236: \u00e2\u0080\u009eToute l education des femnies doit\\netre relative aux hommes. Leur plaire, leur etre utiles, se faire aimer\\net honorer d eux, les elever jeunes, les soigner grands, les conseiller, les\\nconsoler, leur rendre la vie agreable et douce, voil\u00c3\u00a4 des devoirs des\\nfemmes dans tous les temps, et ce qu on doit leur apprendre des\\nleur enfance. Tant qu on ne remontera pas ce principe, on s ecartera\\ndu but, et tous les preceptes qu on leur donnera ne serviront de rien\\npour leur bonheur ni pour Je notre Obwohl nach diesen \u00c3\u0084usserungen\\ndie gesamte Erziehung der M\u00c3\u00a4dchen durch ihre \u00e2\u0080\u009erelative Lage bestimmt\\nwird, so hegen doch hierin kaum Beziehungen zu seinem Gesellschafts\\nideale vor. Die Eigenart des letzteren, nach welchem sich die Gesell-\\nschaft eigentlich nur aus vollkommen entwickelten M\u00c3\u00a4nnern (Kr\u00c3\u00b6mer,\\na. a. O. 21) zusammensetzt, spricht dagegen. Ohne Zweifel l\u00c3\u00a4sst sich\\nRousseau hier, wie \u00c3\u00bcberhaupt meist in seinen Darlegungen der weib-\\nlichen Erziehung, mehr durch die sozialen Verh\u00c3\u00a4ltnisse seiner Zeit\\nals durch eine gr\u00c3\u00bcndliche Kenntnis der weiblichen Natur oder durch\\nsein Gesellschaftside\u00c3\u00a4l bestimmen. Besonders einflussreich war auf ihn\\nF\u00c3\u00b6neions \u00e2\u0080\u009etraite de l education des Alles\\n2 Tom. VIII, 48.\\n3 Diese doppelte Beziehung zeigt auch die Stelle: \u00e2\u0080\u009el education\\nque le riche reeoit de son 6tat est celle qui lui couvient, le moins et\\npour lui-meme et pour la soci\u00c3\u00b6te (Tom. VIII, 56.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0118.jp2"}, "119": {"fulltext": "109\\nseiner Erhaltung besch\u00c3\u00a4ftigt ist und dessen K\u00c3\u00b6rper die Erziehung\\nder Seele beeintr\u00c3\u00a4chtigt. Was th\u00c3\u00a4te ich, indem ich meine Sorgfalt\\nvergeblich an ihn verschwendete, anderes, als dass ich der Gesell-\\nschaft den Verlust verdoppelte, ihr zwei Menschen statt eines\\nentz\u00c3\u00b6ge\\nDass das Kind gleich von Geburt an ein soziales Wesen ist,\\nweiss Rousseau wohl. Seine Betrachtungen \u00c3\u00bcber die Sprache 2 und\\n\u00c3\u00bcber die Thr\u00c3\u00a4nen 3 des Kindes, welche den ersten Verkehr mit\\nder Umgebung vermitteln, lassen dies deutlich erkennen. Was die\\nThr\u00c3\u00a4nen anlangt, so entsteht aus ihnen, wie Rousseau richtig be-\\nmerkt, \u00e2\u0080\u009edie erste Beziehung des Menschen zu allem, was ihn um-\\ngiebt. Hierdurch wird das erste Glied der langen Kette geschmiedet,\\naus welcher die gesellschaftliche Ordnung gebildet wird 4\\nSo fr\u00c3\u00bchzeitig nun die Beziehungen des Menschen zur Gesell-\\nschaft hervortreten und von Rousseau auch erkannt werden so\\nwidmet er ihnen doch erst eingehendere Aufmerksamkeit von dem\\nAlter an, in welchem der Mensch nach ihm \u00e2\u0080\u009ein Wahrheit zu leben\\nanf\u00c3\u00a4ngt 3 Von diesem Zeitpunkte ab gewinnt der soziale Gesichts-\\npunkt merklichen Einfluss auf seine P\u00c3\u00a4dagogik. Galt bisher als\\nwichtige Maxime: \u00e2\u0080\u009eZiehe dich in dich selbst zur\u00c3\u00bcck! 6 so heisst\\nes nun \u00e2\u0080\u009eEmile ist nicht geschaffen, stets f\u00c3\u00bcr sich allein zu leben\\ner soll ein Glied der Gesellschaft werden 7 oder: v,Man bedenke,\\ndass man einen Menschen, den man zu einem Menschen der Natur\\nbilden will, deswegen noch nicht zu einem Wilden zu machen und\\nin die Tiefe der W\u00c3\u00a4lder zu verbannen braucht, sondern dass es\\ngen\u00c3\u00bcgt, daf\u00c3\u00bcr zu sorgen, dass er mitten im. Strudel des sozialen\\nLebens sich nicht in denselben hineinreissen l\u00c3\u00a4sst, weder durch\\ndie Leidenschaften, noch durch die Meinungen der Menschen 8\\nNach dem Preise, den Rousseau der Naturerziehung spendetj\\nsollte man erwarten, dass der naturgem\u00c3\u00a4ss Erzogene, da er \u00e2\u0080\u009e\u00c3\u00bcberall\\nan seinem Platze sein soll ohne weiteres zu einem th\u00c3\u00a4tigen Mit-\\ngliede der Gesellschaft tauglich sei. Dies ist jedoch nicht der Fall.\\nZwar sagt Rousseau: \u00e2\u0080\u009eIch habe meinen Emile leben gelehrt\\ndoch f\u00c3\u00bcgt er gleich einschr\u00c3\u00a4nkend hinzu: \u00e2\u0080\u009eIch habe ihn gelehrt,\\nTom. VIII, 58 f.\\n2 Tom. VIII, 85 f.\\n3 und 4 Tom. VIII, 87.\\n5 Tom. VIII, 464.\\n6 Tom. VIII, 123.\\n7 Tom. IX, 155.\\n8 Tom. VIII, 517 f. Diese f\u00c3\u00bcr die ganze Auffassung der Kousseau-\\nschen P\u00c3\u00a4dagogik wichtigen Stellen sind selten gen\u00c3\u00bcgend beachtet worden.\\nEs ist ein grosser Irrtum, wenn Hauber, a. a. 0., und andere\\nbehaupten: \u00e2\u0080\u009eEousseau steht in diesem Buche (Emile) auf demselben\\nBoden wie in jener Epoche der Preisschriften. Sein Erziehungsideal ist\\neine Anwendung des gleichen Gesellschaftshasses und der gleichen\\nGesellschaftsflucht auf die P\u00c3\u00a4dagogik; Emile wird nicht f\u00c3\u00bcr, sondern\\nwider die Gesellschaft erzogen", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0119.jp2"}, "120": {"fulltext": "110\\nnur mit sich selbst zu leben, und \u00c3\u00bcberdies habe ich ihn auch be-\\nf\u00c3\u00a4higt, sein Brot zu verdienen 1 Angesichts der sozialen An-\\nspr\u00c3\u00bcche muss er indes in Bezug auf die Naturerziehung schliesslich\\ngestehen: \u00e2\u0080\u009eDies ist aber noch nicht genug. Um in der Welt zu\\nleben, muss man mit Menschen umzugehen wissen, muss die Mittel\\nkennen, durch welche man einen Einfluss auf sie gewinnen kann,\\nmuss die Wirkung und Gegenwirkung der besonderen Interessen\\nin der b\u00c3\u00bcrgerlichen Gesellschaft berechnen und die Erfolge so\\nsicher voraussehen, dass man in seinem Unternehmen nur selten\\nget\u00c3\u00a4uscht wird, oder doch wenigstens immer die am besten zum\\nZiele f\u00c3\u00bchrenden Mittel zu w\u00c3\u00a4hlen im st\u00c3\u00a4nde ist 2\\nHierin erblickt Rousseau eine unabweisbare Forderung; denn\\n\u00e2\u0080\u009ekaum in die Welt getreten, sagt Rousseau, empf\u00c3\u00a4ngt er (von der\\nWelt) eine zweite, der ersten ganz entgegengesetzte Erziehung,\\ndurch die er das, was er fr\u00c3\u00bcher hochsch\u00c3\u00a4tzte, verachten, und was\\ner fr\u00c3\u00bcher verachtete, hochsch\u00c3\u00a4tzen lernt 3\\nAus alledem geht deutlich hervor, dass Rousseau die Natur-\\nerziehung, wie er sie bisher angestrebt, doch f\u00c3\u00bcr unzureichend fand\\nund die Notwendigkeit einsah, noch besondere Veranstaltungen zu\\ntreffen, um seinen Z\u00c3\u00b6gling zum Eintritt in die menschliche Gesell-\\nschaft zu bef\u00c3\u00a4higen. Bezeichnend f\u00c3\u00bcr diesen Standpunkt ist sein\\nUrteil \u00c3\u00bcber die gew\u00c3\u00b6hnliche Erziehung, welche sich nach dieser\\nSeite an den Z\u00c3\u00b6glingen arg vers\u00c3\u00bcndigte. \u00e2\u0080\u009eWenn ich sehe, sagt er\\nn\u00c3\u00a4mlich, wie man in dem Alter der gr\u00c3\u00b6ssten Lebhaftigkeit die\\njungen Leute auf rein spekulative Studien beschr\u00c3\u00a4nkt und wie sie\\ndann ohne die geringste Erfahrung mit einem Schlage in die Welt\\nund in die Gesch\u00c3\u00a4fte geschleudert werden, so finde ich, dass man\\ndamit nicht minder einen Verstoss gegen die Vernunft als gegen\\ndie Natur begeht, und ich wundere mich nicht mehr, dass so wenig\\nLeute sich zu benehmen wissen. Wie hat man nur auf den selt-\\nsamen Einfall kommen k\u00c3\u00b6nnen, uns so viel unn\u00c3\u00bctze Dinge zu\\nlehren, w\u00c3\u00a4hrend die Kunst zu handeln f\u00c3\u00bcr nichts geachtet wird!\\nMan behauptet, uns f\u00c3\u00bcr die Gesellschaft heranzubilden, und unter-\\nrichtet uns doch, als ob jeder von uns sein Leben f\u00c3\u00bcr sich allein\\nmit Denken in seiner Klause verbringen oder h\u00c3\u00b6chstens mit Gleich-\\ng\u00c3\u00bcltigen \u00c3\u00bcber nichtige Dinge schwatzen sollte 4\\nIndem nun Rousseau bem\u00c3\u00bcht ist, Massnahmen zu treffen,\\nwelche geeignet sind, den bisher als isoliertes Wesen behandelten\\nZ\u00c3\u00b6gling f\u00c3\u00bcr die sozialen Verh\u00c3\u00a4ltnisse heranzubilden, f\u00c3\u00bchlt er sehr\\nwohl, dass er sich damit in Widerspr\u00c3\u00bcche mit den durch das\\nNaturprinzip geforderten Maximen verwickelt. Es giebt, gesteht\\nund 2 Tom. VIII, 505. Noch deutlicher beweisen seine\\n\u00e2\u0080\u009eEconomie politique (Tom. IV, 385 ff.) und \u00e2\u0080\u009eConsiderations sur le\\ngouvernement de Pologne (Tom. V, 329 ff.), dass Rousseau ausser der\\n\u00e2\u0080\u009eErziehung zur Natur auch eine Erziehung f\u00c3\u00bcr die Gesellschaft fordert.\\n3 Tom. IX, 162. Tom. VIII, 505.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0120.jp2"}, "121": {"fulltext": "111\\ner, zwischen den Rechten der Natur und unseren gesellschaftlichen\\nGesetzen so viele Widerspr\u00c3\u00bcche, dass man, um sie auszugleicheu,\\nsich unaufh\u00c3\u00b6rlich drehen und wenden muss. Man muss viel\\nKunst anwenden, um zu verhindern, dass der soziale Mensch nicht\\nganz zu einem erk\u00c3\u00bcnstelten Wesen werde 1\\nWie diese Stelle wichtig ist f\u00c3\u00bcr das Verh\u00c3\u00a4ltnis der Natur-\\nerziehung zur sozialen Erziehung, so zeigt sie zugleich, dass nicht\\nder Mensch der Natur, sondern der soziale Mensch das letzte Ziel\\nder Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik ist\\nDiese Momente d\u00c3\u00bcrften gen\u00c3\u00bcgen, um zun\u00c3\u00a4chst \u00c3\u00bcberhaupt zu\\nbeweisen, dass der Z\u00c3\u00b6gling gem\u00c3\u00a4ss dem Gesellschaftsprinzip that-\\ns\u00c3\u00a4chlich auch als soziales Wesen von Rousseau aufgefasst und\\neine diesem Gesichtspunkte entsprechende Erziehung als not-\\nwendige Erg\u00c3\u00a4nzung der Naturerziehung von ihm erkannt und ge-\\nfordert wird.\\nWelche besonderen Massnahmen er nun trifft und welche\\nTom. IX, 132. Hiernach sucht also Rousseau eine Vers\u00c3\u00b6hnung\\ndes Natur- und Gesellschafts(Kultur)prinzipes, eine Ausgleichung zwischen\\nden Forderungen des individualistischen und sozialen Standpunktes an-\\nzustreben. Wenn er dabei noch nicht die richtige Verbinduug fand, so\\nlag dies in der Schwierigkeit des Problems wie auch in den Zeit-\\nverh\u00c3\u00a4ltnissen begr\u00c3\u00bcndet. Eine endg\u00c3\u00bcltige befriedigende theoretische\\nL\u00c3\u00b6sung hat dieses Problem bis heute noch nicht gefunden. Es drehen\\nsich, kann man wohl sagen, um diesen Angelpunkt, um die Vermittlung\\nzwischen Individualismus und Sozialismus, vielmehr fast alle Erziehungs-\\nfragen der Gegenwart. (Cf. Siegemund. Die individuelle und soziale\\nAufgabe der Erziehung etc. Vortrag. Netzschkau 1896; p. 6 ff.) Ob-\\nwohl man hierbei den Ansichten der heutigen Sozialp\u00c3\u00a4dagogen darin bei-\\npflichten muss, dass die Aufgabe der Erziehung nur dann im ganzen\\nUmfange gel\u00c3\u00b6st werden kann, wenn die individuale und soziale Ansicht von\\nvornherein verbunden wird, \u00e2\u0080\u009ewenn sich ein gem\u00c3\u00a4ssigter Individualismus\\nmit einem gesunden Sozialismus vereint, (cf. Hanschmann. P\u00c3\u00a4da-\\ngogische Str\u00c3\u00b6mungen an der Wende des Jahrhunderts. Festschrift zum\\nPestalozzijahre 1896. Leipzig, Wunderlich, p. 36) so bleibt doch ander-\\nseits an der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik das eine wahr, dass die Individual-\\np\u00c3\u00a4dagogik f\u00c3\u00bcr die Sozialp\u00c3\u00a4dagogik die Grundlage zu bilden hat. (Cf. Reins\\nencyklop\u00c3\u00a4disches Handbuch II, 63.) Was die Durchf\u00c3\u00bchrung anlangt,\\nso muss man 0. Leisner (Sturm und Drang in der P\u00c3\u00a4dagogik am Aus-\\ngang des 19. Jahrhunderts. Leipzig. Fleischer 1897) recht geben, wenn\\ner von der Gegenwart urteilt: \u00e2\u0080\u009eWir haben wohl die Idee einer wahrhaft\\nhumanen, sozialen Erziehung erfasst, aber noch nicht durchgef\u00c3\u00bchrt.\\n(p. 8.) Cf. hierzu Hochegger, \u00c3\u009cber Individual- und Sozialp\u00c3\u00a4dagogik.\\nGotha 1891. Rissmann, Individualismus und Sozialismus in der\\np\u00c3\u00a4dagogischen Entwickelung unseres Jahrhunderts. Gotha 1892. Will-\\nmann, a. a. O. I, 41 ff. II, 318 ff. Cf. ausserdem D\u00c3\u00b6ring, System\\nder P\u00c3\u00a4dagogik. Berlin 1894; p. 87 ff. J. St. Mill, Gesammelte Werke.\\n\u00c3\u009cbersetzt von Gomperz, I. Band, 77 ff. Schreiter, Die Vers\u00c3\u00b6hnung\\nvon Natur und Kultur. Vortrag. Leipzig 1889. I, 41 ff. Schnell,\\nNatur und Kultur. Langensalza 1868. Letzterer stellt das Kultur-\\nprinzip h\u00c3\u00b6her als das Naturprinzip (37). \u00e2\u0080\u009eDie erziehliche Kultur, sagt\\ner, muss in der Natur ihre Basis und in der Kultur ihre Spitze, ihr\\nh\u00c3\u00b6chstes Prinzip und Ziel haben. (p. 29.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0121.jp2"}, "122": {"fulltext": "112\\nneuen Forderungen er erhebt, um dem Z\u00c3\u00b6glinge als sozialem Wesen\\ngerecht zu werden, sollen die folgenden Abschnitte zeigen.\\n2) Im Gegensatze zu der aus seinem Naturprinzip resul-\\ntierenden Tendenz nach Freiheit und Unabh\u00c3\u00a4ngigkeit erkannten\\nwir oben als eine weitere Forderung des Gesellschaftsprinzips die,\\nden Z\u00c3\u00b6gling f\u00c3\u00bcr jene Abh\u00c3\u00a4ngigkeit zu erziehen, in die er sich nach\\nseiner relativen Lage innerhalb der Gesellschaft dereinst versetzt\\nf\u00c3\u00bchlt, die durch das Naturprinzip verlangte Freiheit also durch\\nGebote und Pflichten entsprechend zu beschr\u00c3\u00a4nken.\\nPr\u00c3\u00bcfen wir seine P\u00c3\u00a4dagogik in Bezug auf diese Forderung, so\\nstossen wir bald auf einen wichtigen, den Sinn eben bezeichneter\\nMaxime vollst\u00c3\u00a4ndig treffenden Grundsatz. Er lautet: \u00e2\u0080\u009eDen Kindern\\nist nur eine Wissenschaft zu lehren: die Wissenschaft von den\\nPflichten des Menschen 1 Wie meint dies Rousseau?\\nZun\u00c3\u00a4chst soll Emile wissen, \u00e2\u0080\u009edass seine ersten Pflichten die\\nPflichten gegen sich selbst sind, dass junge Leute Misstrauen in\\nsich setzen m\u00c3\u00bcssen, dass ihnen Vorsicht in ihrem Benehmen, Ehr-\\nerbietung gegen \u00c3\u0084ltere, Zur\u00c3\u00bcckhaltung und Bescheidenheit geziemt,\\num nichts ohne Veranlassung zu reden, dass sie nachgiebig in\\ngleichgiltigen Dingen, aber beherzt im Gutesthun, und wenn es\\ngilt, die Wahrheit zu sagen, mutig sein m\u00c3\u00bcssen 2\\nZu diesen Pflichten gesellen sich alsdann die gesellschaftlichen.\\nDass Rousseau seinen Z\u00c3\u00b6gling auch damit vertraut machen und zur\\nErf\u00c3\u00bcllung derselben bef\u00c3\u00a4higen will, bezeugt die Forderung: \u00e2\u0080\u009eAls\\nGlied der Gesellschaft muss er auch die Pflichten gegen dieselbe\\nerf\u00c3\u00bcllen 3 Nichts kann ihn davon befreien; denn \u00e2\u0080\u009ees ist nicht\\nbillig, sagt Rousseau, dass das, was ein Mensch f\u00c3\u00bcr die Gesell-\\nschaft gethan hat, einen anderen von dem entbinde, was er ihr\\nschuldig ist; denn da jeder sich ihr ganz schuldig ist, so kann er\\nnur f\u00c3\u00bcr sich bezahlen, und kein Vater kann seinem Sohne das\\nRecht \u00c3\u00bcbertragen, ein unn\u00c3\u00bctzes Glied der Gesellschaft zu sein 4\\nBeweist diese Stelle schon, dass es prinzipielle R\u00c3\u00bccksichten\\nauf die Gesellschaft sind, welche Rousseau bei der Aufstellung\\nobiger Forderungen leiten, so tritt dies noch klarer hervor, wenn\\nwir ihn auseinandersetzen h\u00c3\u00b6ren: \u00e2\u0080\u009eDer ausserhalb der Gesellschaft\\nlebende, isolierte Mensch ist gegen niemand zu etwas verpflichtet\\nund hat das Recht, ganz nach seinem Belieben zu leben; aber\\ninnerhalb der Gesellschaft, wo er notwendigerweise auf Kosten der\\nanderen lebt, ist er diesen f\u00c3\u00bcr seinen Unterhalt Ersatz durch\\nArbeit schuldig, und zwar ohne Ausnahme. Arbeiten ist demnach\\nJ Tom. VIII, 54. Man vergleiche hiermit jene durch das Natur-\\nprinzip bedingte Maxime, \u00e2\u0080\u009ealles, was Pflicht heisst, von den Kindern fern\\nzu halten (VIII, 201).\\n2 Tom. VIII, 506.\\n3 und Tom. VIII, 384.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0122.jp2"}, "123": {"fulltext": "113\\neine unerl\u00c3\u00a4ssliche Pflicht jedes in der Gesellschaft lebenden\\nMenschen 1 (l\\nDa nun Emile ein Glied der Gesellschaft werden soll, sucht\\nihn Rousseau zur Arbeit zu erziehen. Er soll nicht nur alle\\nmenschlichen Arbeiten, alle K\u00c3\u00bcnste und Gewerbe 2 nach ihrer\\nwahren Bedeutung kennen und sch\u00c3\u00a4tzen lernen, sondern er soll\\nauch, um seinen Pflichten der Gesellschaft gegen\u00c3\u00bcber dereinst zu\\ngen\u00c3\u00bcgen, selbst ein Handwerk lernen 3\\nVerwarf Rousseau vom Naturstandpunkte aus Autorit\u00c3\u00a4t und\\nR\u00c3\u00a4sonnieren, so gelangen beide Erziehungsmittel zu ihrem Rechte,\\nsobald der soziale Gesichtspunkt zur Geltung kommt. Bis dahin\\nwaren seinem Z\u00c3\u00b6glinge, wie er selbst sagt, \u00e2\u0080\u009eAutorit\u00c3\u00a4t und das\\nGebot der Pflicht unbekannt; man musste ihn durch Zwang oder\\ndurch T\u00c3\u00a4uschung zum Gehorsam bringen 4 Jetzt hingegen sucht\\ner seine Autorit\u00c3\u00a4t fest zu begr\u00c3\u00bcnden 5 Bei dem Vertrage, den er\\ndabei mit seinem Z\u00c3\u00b6glinge schliesst, macht er ihn nachdr\u00c3\u00bccklich\\nauf seine Verpflichtung aufmerksam und fordert von ihm \u00e2\u0080\u009eGehorche\\nmir stets, ehe du Rechenschaft \u00c3\u00bcber meine Vorschriften verlangst;\\nich werde stets bereit sein, dir Rede z,u stehen, sobald du im\\nst\u00c3\u00a4nde sein wirst, mich anzuh\u00c3\u00b6ren, und ich werde mich nie scheuen,\\ndich zum Richter zwischen dir und mir zu machen 6\\nWie durch die eben angef\u00c3\u00bchrte Stelle bereits hindurchbiickt,\\nist von diesem schon mehrfach charakterisierten Zeitpunkte ab auch\\ndas R\u00c3\u00a4sonnieren gestattet. Wusste er dies fr\u00c3\u00bcher nicht arg genug\\nzu tadeln, so giebt er nun sogar Anleitung, wie es zu erfolgen\\nhabe. Als ein wichtiger Grundsatz gilt dabei: \u00e2\u0080\u009eR\u00c3\u00a4sonniert niemals\\nin trockener Weise mit der Jugend. Umkleidet die Vernunft mit\\neinem K\u00c3\u00b6rper, wenn ihr wollt, dass die Jugend sie fassen soll 7\\nAls weiteren beachtenswerten Grundsatz bez\u00c3\u00bcglich des R\u00c3\u00a4sonne-\\nnients erw\u00c3\u00a4hnen wir schliesslich den: \u00e2\u0080\u009eJe gr\u00c3\u00b6sser und beschwerlicher\\ndie Pflichten sind, desto offener und st\u00c3\u00a4rker m\u00c3\u00bcssen die Gr\u00c3\u00bcnde\\nsein, auf denen man sie erbaut s\\nWie aus diesen Zusammenstellungen zu ersehen ist, enth\u00c3\u00a4lt\\ndie Rousseausche P\u00c3\u00a4dagogik eine Anzahl von Winken und Rat-\\nschl\u00c3\u00a4gen, w r elche zu den durch das Naturprinzip geforderten\\nMaximen in auff\u00c3\u00a4lligem, unvereinbarem Gegensatze stehen. Da\\nsich dieselben nun unter die von uns aus seinem Gesellschafts-\\nprinzip abgeleitete Forderung zwanglos zusammenfassen und von\\nTom. VIIJ, 384.\\n2 Tom. VIII, 364; 360.\\n3 Tom. VIII, 389: \u00e2\u0080\u009eJe veux absolument qu Emile apprenne un\\nmetier\\n4 Tom. IX, 1301\\n5) Tom. IX, 131; 153.\\n6) Tom. IX, 153.\\n7 Tom. IX, 145.\\n8) Tom. IX, 299.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0123.jp2"}, "124": {"fulltext": "114\\ndiesem Standpunkte aus leicht erkl\u00c3\u00a4ren lassen, so d\u00c3\u00bcrfen wir in\\nihnen \u00c3\u0084usserungen dieses Prinzips erkennen.\\nDie Rousseausche P\u00c3\u00a4dagogik zeigt demnach die Eigent\u00c3\u00bcmlich-\\nkeit, dass sie trotz der in ihr vorwaltenden durch das Naturprinzip\\nbedingten Tendenz nach Freiheit doch auch Fingerzeige und For-\\nderungen aufweist, welche die Freiheit des isolierten Individuums\\nauf jenes Mass beschr\u00c3\u00a4nken, das dem Menschen als sozialem\\nWesen entspricht.\\n3) Was sodann das Verh\u00c3\u00a4ltnis des Gesellschaftsprinzips zur\\nEntwicklung der Intelligenz anlangt, so stellte dieses Prinzip obiger\\nDarlegung zufolge viel h\u00c3\u00b6here Anforderungen an die P\u00c3\u00a4dagogik als\\ndas Naturprinzip. Sehen wir jetzt zu, ob sich auch nach dieser\\nSeite hin sein Einfluss beobachten l\u00c3\u00a4sst.\\nWenn Rousseau den Unterricht in ein so sp\u00c3\u00a4tes Alter ver-\\nschiebt, so liegt dies zum Teil in dem Umst\u00c3\u00a4nde begr\u00c3\u00bcndet, dass\\ner den Z\u00c3\u00b6gling bis dahin als absolutes, isoliertes Wesen betrachtet.\\nW\u00c3\u00bcrde Emile nicht in der Einsamkeit erzogen, so w\u00c3\u00bcrden die so-^\\nzialen R\u00c3\u00bccksichten einen fr\u00c3\u00bcheren Beginn des Unterrichts notwendig\\nmachen. \u00e2\u0080\u009eDiejenigen, sagt er, die man inmitten der Gesellschaft\\nerzieht, m\u00c3\u00bcssen notwendig fr\u00c3\u00bchzeitiger Unterricht erhalten als die-\\njenigen, die in der Einsamkeit erzogen werden 1 Ebenso gesteht\\ner an anderer Stelle: \u00e2\u0080\u009eIch halte es f\u00c3\u00bcr unm\u00c3\u00b6glich, ein Kind im\\nSchosse der Gesellschaft bis zum Alter von 12 Jahren zu leiten,\\nohne ihm einen Begriff von den Beziehungen des Menschen zum\\nMenschen und von der Moralit\u00c3\u00a4t der menschlichen Handlungen\\nzu geben 2\\nGeht aus diesen \u00c3\u0084usserungen hervor, dass, falls der Z\u00c3\u00b6gling\\ninnerhalb der Gesellschaft erzogen wird, die Ausbildung der In-\\ntelligenz notwendigerweise fr\u00c3\u00bcher erfolgen muss, so spricht Rousseau,\\nseine Massnahmen damit motivierend, an anderer Stelle deutlich\\naus, dass jene beschr\u00c3\u00a4nkte Bildung, welche seinem Naturprinzip\\nentsprach, f\u00c3\u00bcr die Erziehung zur Gesellschaft nicht gen\u00c3\u00bcge, dass\\ndazu vielmehr eine weiter- und tiefergehende Entwicklung der\\ngeistigen Verm\u00c3\u00b6gen erforderlich sei. Die Stelle lautet: \u00e2\u0080\u009eAllein es\\nist hier (bei seinem Erziehungsversuche) nicht die Rede von einem\\nWilden. Wenn man einen Menschen unter seinesgleichen und\\nf\u00c3\u00bcr die Gesellschaft erzieht, so ist es unm\u00c3\u00b6glich, ja es ist nicht\\neinmal ratsam, ihn immer in dieser heilsamen Unwissenheit (wie\\nsie das Naturprinzip forderte) zu erhalten 3 nichts ist so schlimm\\nf\u00c3\u00bcr die Weisheit, als halb unterrichtet zu sein 4 -Galt von seinem\\nEmile, so lange er nur auf sein Ich eingeschr\u00c3\u00a4nkt war: \u00e2\u0080\u009eGegen\\nTom. VIII, 175.\\n2 Tom. VIII, 156.\\n3 Tom. VIII, 518: \u00e2\u0080\u009eLe meme homme qui doit rester stupide dans\\nles forets doit devenir raisonnable et sense dans les villes.\\n4 Tom. IX, 1681", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0124.jp2"}, "125": {"fulltext": "115\\nalles, ausser gegen sich selbst, gleichg\u00c3\u00bcltig, nimmt er an niemand\\nInteresse 1 so heisst es, sobald er als soziales Wesen aufgefasst\\nwird: \u00e2\u0080\u009eAlles ist wichtig f\u00c3\u00bcr uns, seitdem wir von allem abh\u00c3\u00a4ngen,\\nund unsere Wissbegierde w\u00c3\u00a4chst mit unseren Bed\u00c3\u00bcrfnissen 2\\nF\u00c3\u00bchren wir uns nun jene Forderungen vor, welche Rousseau\\nvom Gesellschaftsprinzipe aus an die Entwicklung der Intelligenz\\nstellt.\\nWas zun\u00c3\u00a4chst die \u00e2\u0080\u009epolitischen Kenntnisse des Kindes 3 be-\\ntrifft, so fordert er: \u00e2\u0080\u009eSie sollen klar und auf weniges beschr\u00c3\u00a4nkt\\nsein; es soll von der Regierung im allgemeinen nur das wissen,\\nwas sich auf das Eigentumsrecht bezieht 4 In Bezug auf den\\n\u00e2\u0080\u009eVerkehr der K\u00c3\u00bcnste auf den \u00e2\u0080\u009eHandelsverkehr und auf den\\n\u00e2\u0080\u009eVerkehr der Banken sind ihnen ebenfalls klare Begriffe bei-\\nzubringen 5 Sodann h\u00c3\u00a4lt Rousseau f\u00c3\u00bcr n\u00c3\u00b6tig, dass sie \u00e2\u0080\u009eihre gegen-\\nseitigen Bed\u00c3\u00bcrfnisse kennen lernen, damit jeder weiss, was andere\\nBrauchbares f\u00c3\u00bcr ihn haben und was er dagegen ihnen zu bieten\\nimstande ist 6\\nDas Gesellschaftsprinzip fordert namentlich aber auch, dass\\nder Z\u00c3\u00b6gling weiss, \u00e2\u0080\u009ewelche Stellung er unter den Menschen ein-\\nnehmen und welche Art von Hindernissen er voraussichtlich zu\\n\u00c3\u00bcberwinden haben wird, um diejenige, die er einnehmen m\u00c3\u00b6chte,\\nzu erlangen 7 \u00e2\u0080\u009eUm ihn bei dieser Untersuchung zu leiten, schl\u00c3\u00a4gt\\ner vor, muss man, nachdem man ihn die Menschen nach den der\\nganzen Gattung gemeinsamen Eigenschaften kennen gelehrt hat,\\nihn auch mit den unter ihnen herrschenden Verschiedenheiten be-\\nkannt machen 8 Hierbei sieht man sich gen\u00c3\u00b6tigt, \u00e2\u0080\u009eauf die Gr\u00c3\u00b6sse\\nder nat\u00c3\u00bcrlichen und b\u00c3\u00bcrgerlichen Ungleichheit unter den Menschen\\neinzugehen und ihm \u00e2\u0080\u009edas ganze Gem\u00c3\u00a4lde der sozialen Ordnung\\nzu entrollen; 9 denn \u00e2\u0080\u009eman muss die Gesellschaft durch die Menschen\\nund die Menschen durch die Gesellschaft studieren 10\\nEine andere wichtige Forderung des Gesellschaftsprinzips ist,\\ndass das Urteilsverm\u00c3\u00b6gen m\u00c3\u00b6glichst scharf entwickelt werde. Rousseau\\nsagt: \u00e2\u0080\u009eDa er inmitten so vieler neuer Verh\u00c3\u00a4ltnisse, von denen er\\nabh\u00c3\u00a4ngen wird, er mag wollen oder nicht, wird urteilen m\u00c3\u00bcssen,\\nTom. VIII, 442.\\n2 Tom. VIII, 407.\\n3 Wieviel er in dieser Beziehung vom J\u00c3\u00bcngling fordert, siehe\\np. 116ff.\\n4 Tom. VIII, 369.\\n5 Tom. VIII, 368.\\n6 Tom. VIII, 377; Tom. VIII, 378. Rousseau meint: \u00e2\u0080\u009eAinsi\\nse forment peu peu dans l esprit d un enfant les idees des relations\\nsociales, meme avant qu il puisse etre r^ellement membre actif de la\\nsociete. (Tom. VIII, 378.)\\n7 Tom. VIII, 472.\\n8 Tom. VIII, 472.\\n9 Tom. VIII, 472.\\n10 Tom. VIII. 473.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0125.jp2"}, "126": {"fulltext": "116\\nso sei es auch unser Bestreben, ihn richtig urteilen zu lehren 1\\nDazu bedarf es nach ihm vor allem einer gr\u00c3\u00bcndlichen Kenntnis\\ndes menschlichen Herzens, und zwar des Herzens in seiner wirk-\\nlichen Beschaffenheit; denn \u00e2\u0080\u009ewenn es dabei nur darauf ank\u00c3\u00a4me,\\nJ\u00c3\u00bcnglingen den Menschen in seiner Maske zu zeigen, so w\u00c3\u00bcrde\\nman das Zeigen gar nicht n\u00c3\u00b6tig haben; sie w\u00c3\u00bcrden immer noch\\nmehr als zu viel von ihm sehen; allein, da die Maske nicht der\\nMensch selbst ist, und da sein Firnis sie nicht t\u00c3\u00a4uschen darf, so\\nmalt ihm die Menschen, wenn ihr sie einmal malt, wie sie sind,\\nnicht damit er sie hasse, sondern damit er sie bedaure und nicht\\nihnen gleichen wolle 2\\nDas beste Verst\u00c3\u00a4ndnis des menschlichen Herzens glaubt nun\\nRousseau seinem Z\u00c3\u00b6glinge dadurch zu vermitteln, dass er ihm die\\nMenschen zun\u00c3\u00a4chst \u00e2\u0080\u009evon ferne zeigt 3 (in der Geschichte n\u00c3\u00a4mlich)\\nund ihm dabei ein lebhaftes Interesse einfl\u00c3\u00b6sst, sie kennen zu\\nlernen 4 Bietet die Geschichte Gelegenheit, die Menschen beson-\\nders nach ihren Leidenschaften zu studieren, so gilt es ferner, sie\\nnach ihren Sitten im Leben selbst kennen zu lernen 5 Zu diesem\\nZwecke muss Emile in die Welt eingef\u00c3\u00bchrt werden. Dabei, meint\\nRousseau, \u00e2\u0080\u009ewird er oft in die Lage kommen, dar\u00c3\u00bcber nachzudenken,\\nwas dem menschlichen Herzen schmeichelt oder was ihm zuwider\\nist. So philosophiert er also \u00c3\u00bcber die Prinzipien des Geschmacks 6\\nDamit sind jedoch die Forderungen des Gesellschaftsprinzips\\nnoch nicht ersch\u00c3\u00b6pft. Rousseau f\u00c3\u00bchlt sehr wohl, dass durch die\\nbisherigen Unterweisungen und Massnahmen sein Z\u00c3\u00b6gling noch\\nx Tom. VIII, 407; 371: \u00e2\u0080\u009eL art du maitre est de ne laisser jamais\\nappesantir ses observations sur des minuties qui ne tiennent rien, mais\\nde le rapprocher sans cesse de grandes relations qu il doit connaitre un\\njour pour bien juger du bon et du mauvais ordre de la societe civile.\\nUm diesen richtigen methodischen Rat zu veranschaulichen, begiebt\\nsich Rousseau mit seinem Emile in ein reiches Haus zu Tisch und zeigt,\\nwie das daselbst veranstaltete grosse Gastmahl vielseitigen Stoff zur\\nAnregung der Urteilskraft und Belehrung bietet. Cf. Tom. VIII, 371.\\nGefordert wird eine gr\u00c3\u00bcndliche Ausbildung des Urteilsverm\u00c3\u00b6gens auch,\\ndamit der Z\u00c3\u00b6gling sein eigenes Schicksal richtig zu beurteilen verstehe.\\n(Tom. VIII, 474.)\\n2 Tom. VIII, 474; 475: \u00e2\u0080\u009eQu il sache que l homme est naturelle-\\nment bon, qu il le sente, qu il juge de son prochain par lui-meme; mais\\nqu il voie comment la societe deprave et perverdit les hommes; qu il\\ntrouve dans leurs prejuges la source de tous leurs vices\\n3 Tom. VIII, 476 f.\\n4 Davon erwartet Rousseau folgenden Vorteil: \u00e2\u0080\u009eII n est pas\\npossible que, prenant taut d interet ses semblables, il n apprenne de\\nbonne heure peser, appretier leurs actions, leurs go\u00c3\u00bcts, leurs plaisirs,\\net donner en gene ral une plus juste valeur ce qui peut contribuer ou\\nnuire au bonheur des hommes, que ceux qui, ne s interessant personne,\\nne f\u00c3\u00b6nt jamais rien pour autrui (Tom. VIII, 512.)\\nTom. IX, 182.\\nTom. IX, 183.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0126.jp2"}, "127": {"fulltext": "117\\nkeineswegs \u00e2\u0080\u009edie Kunst besitzt, die dem B\u00c3\u00bcrger am n\u00c3\u00b6tigsten ist,\\nn\u00c3\u00a4mlich die, mit anderen Menschen zu leben 1 und zwar seinem\\nIdeale gem\u00c3\u00a4ss. Darum erhebt er, bevor er zu seiner Verheiratung\\nschreitet, berechtigter Weise die Fragen: \u00e2\u0080\u009eDu m\u00c3\u00b6chtest Gatte und\\nVater werden: Hast du auch \u00c3\u00bcber die Pflichten nachgedacht, die\\ndir dann obliegen? Indem du Familienhaupt wirst, wirst du auch\\nein Glied des Staates. Was heisst das, ein Staatsglied sein? Weisst\\ndu es? Du hast deine Pflichten als Mensch studiert, kennst du\\naber auch die des B\u00c3\u00bcrgers? Weisst du, was Regierung, Gesetz,\\nVaterland ist? Weisst du, um welchen Preis du leben darfst und\\nf\u00c3\u00bcr wen du sterben musst? 2\\nAuf alle diese Fragen giebt Rousseau selbst die richtige\\nAntwort: \u00e2\u0080\u009eDu glaubst alles gelernt zu haben und weisst noch\\nnichts 3 Daher die neue Forderung: \u00e2\u0080\u009eEhe du eine Stelle in der\\nb\u00c3\u00bcrgerlichen Ordnung einnimmst, lerne sie erst kennen und beur-\\nteilen, welcher Rang dir in derselben entspricht 4\\nHierzu sollen die Reisen dienen, die Rousseau jetzt mit seinem\\nEmile \u00e2\u0080\u009edurch einige der gr\u00c3\u00b6sseren und viele der kleineren Staaten\\nEuropas 5 unternimmt, und worauf er fast zwei Jahre verwendet.\\nSein Hauptbestreben ist dabei darauf gerichtet, ihm \u00e2\u0080\u009eein f\u00c3\u00bchlbares\\nInteresse zu verleihen, sich selbst zu unterrichten, besonders um\\nsich nach seinen gesellschaftlichen Beziehungen zu seinen Mitb\u00c3\u00bcrgern\\nkennen zu lernen 6 \u00e2\u0080\u009eEr muss also zun\u00c3\u00a4chst das Wesen der\\nRegierung im allgemeinen, dann die verschiedenen Regierungsformen\\nund endlich die besondere Regierung studieren, unter der er geboren\\nwurde, um zu wissen, ob sie ihm so entspricht, dass er unter ihr\\nleben kann 7\\nDamit die Reisen diesen Zweck erf\u00c3\u00bcllen, findet es Rousseau\\nf\u00c3\u00bcr n\u00c3\u00b6tig, bestimmte Gesichtspunkte aufzustellen, auf welche sich\\ndie Beobachtung erstrecken soll. \u00e2\u0080\u009eEhe man beobachtet, sagt er,\\nmuss man Regeln f\u00c3\u00bcr seine Beobachtungen feststellen. Man muss\\nsich einen Massstab machen, um alle Messungen auf denselben\\nGrund zur\u00c3\u00bcckzuf\u00c3\u00bchren. Unsere Grunds\u00c3\u00a4tze des politischen Rechts\\nbilden diesen Massstab. Das zu Messende sind die politischen\\nGesetze eines Landes 8 Rousseau f\u00c3\u00bchrt alsdann die verschiedenen\\nPunkte im einzelnen an, auf welche das Augenmerk zu richten\\nist 9 und meint schliesslich: \u00e2\u0080\u009eAn dem Faden dieser Untersuchungen\\nwerden wir zur Kenntnis der Pflichten und Rechte der B\u00c3\u00bcrger ge-\\nlangen und lernen: ob man die einen von den anderen trennen\\nTom. IX, 157.\\n2 Tom. IX, 427.\\n3 und 4 Tom. IX, 427.\\n5 Tom. IX, 480.\\n6 und 7 Tom. IX, 444.\\n8 Tom. IX, 451.\\n9 Tom. IX, 452 ff.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0127.jp2"}, "128": {"fulltext": "118\\nkann, was das Vaterland ist, worin es eigentlich besteht, und wo-\\nran ein jeder erkennen kann, ob er ein Vaterland hat oder nicht 1\\nWenn der Z\u00c3\u00b6gling so jede Art der b\u00c3\u00bcrgerlichen Gesellschaft\\nan sich kennen gelernt hat, soll er sie hierauf unter einander ver-\\ngleichen. Dadurch bietet sich, wie er darlegt, Gelegenheit, \u00e2\u0080\u009eihre\\nverschiedenen Beziehungen zu beobachten: wie die einen gross, die\\nanderen klein, die einen stark, die anderen schwach sind; wie sie\\neinander angreifen, beleidigen, zerst\u00c3\u00b6ren, und wie sie bei dieser be-\\nst\u00c3\u00a4ndigen Wirkung und Gegenwirkung mehr Elend hervorrufen und\\nmehr Menschen das Leben kosten, als wenn sie alle ihre urspr\u00c3\u00bcng-\\nliche Freiheit bewahrt h\u00c3\u00a4tten. Wir werden untersuchen, ob man\\nnicht zu viel oder zu wenig in der gesellschaftlichen Einrichtung\\ngethan hat; ob nicht, w\u00c3\u00a4hrend die Gesellschaften unter sich die\\nUnabh\u00c3\u00a4ngigkeit der Natur bewahren, die den Gesetzen und den\\nMenschen unterworfenen Individuen den \u00c3\u009cbeln beider Zust\u00c3\u00a4nde\\nausgesetzt bleiben, ohne deren Vorteil zu geniessen; und ob es\\nnicht besser w\u00c3\u00a4re, wenn es gar keine b\u00c3\u00bcrgerliche Gesellschaft in\\nder Welt g\u00c3\u00a4be, als dass es deren mehrere giebt 2\\nWenn man von derartigen Pl\u00c3\u00a4nen h\u00c3\u00b6rt, so darf man sich auch\\nnicht wundern, dass sich Rousseau einen \u00c3\u00bcberaus hohen Nutzen\\nvon diesen Reisen verspricht. \u00e2\u0080\u009eIch weiss ganz gewiss, \u00c3\u00a4ussert er,\\ndass Emile bei seiner R\u00c3\u00bcckkehr von einer unter solchen Gesichts-\\npunkten begonnenen und fortgesetzten Reise \u00c3\u00bcber alles unterrichtet\\nsein wird, was sich auf Regierung, \u00c3\u00b6ffentliche Sitten und Staats-\\ngrunds\u00c3\u00a4tze jeder Art bezieht, wir m\u00c3\u00bcssten denn entweder alles Ver-\\nstandes oder alles Urteils beraubt sein 3\\n\u00c3\u009cberblicken wir jetzt noch einmal alle die Z\u00c3\u00bcge und Forderungen,\\ndie wir unter diesem Punkte anf\u00c3\u00bchrten, so d\u00c3\u00bcrfen wir wohl behaupten,\\ndass das Gesellschaftsprinzip in Bezug auf die Entwicklung der\\nIntelligenz die in sehr engem Rahmen gehaltenen Forderungen des\\nNaturprinzips in weitestgehender Weise erg\u00c3\u00a4nzt.\\n4) Nach den oben aus dem Gesellschaftsprinzip abgeleiteten\\nKonsequenzen steht ferner zu erwarten, dass dasselbe auch in Be-\\nzug auf die Entfaltung der moralischen Seite seinen Einffuss geltend\\nmachen wird.\\nUm diesen zu erkennen, ist es n\u00c3\u00b6tig, sich zuvor zu vergegen-\\nw\u00c3\u00a4rtigen, in welchem Umfange diese Seite durch das Naturprinzip\\nbereits entwickelt wurde.\\nNach letzterem Prinzip konnte, da der Z\u00c3\u00b6gling als absolutes\\nWesen aufzufassen war, von einer nennenswerten moralischen Aus-\\nbildung kaum die Rede sein. Rousseau charakterisiert seinen\\nNaturz\u00c3\u00b6gling folgendermassen \u00e2\u0080\u009eIhr findet bei ihm nur eine geringe\\nx Tom. IX, 468.\\n2 Tom. IX, 468.\\n3 Tom. IX, 449.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0128.jp2"}, "129": {"fulltext": "119\\nZahl moralischer Begriffe, die sich auf seine gegenw\u00c3\u00a4rtige Lage\\nbeziehen, aber keine, welche die relative Lage des Menschen \u00c3\u00bcber-\\nhaupt betreffen 1 wozu sollen ihm dieselben auch n\u00c3\u00bctzen, da ja\\nein Kind kein Glied der menschlichen Gesellschaft ist 2 Wie\\nEmile demnach hinsichtlich seiner moralischen Einsichten auf einen\\n\u00c3\u00a4usserst kleinen Kreis eingeschr\u00c3\u00a4nkt bleibt, so beth\u00c3\u00a4tigt sich auch\\nseine Moralit\u00c3\u00a4t nur innerhalb eines sehr engen Gebietes. Nach\\neiner Stelle hat es sogar den Anschein, als ob ihm Rousseau\\nw\u00c3\u00a4hrend jenes grossen Zeitraumes, in welchem das Naturprinzip\\nstreng befolgt wird, \u00c3\u00bcberhaupt alle Moralit\u00c3\u00a4t abspr\u00c3\u00a4che. \u00e2\u0080\u009eSolange,\\nsagt er n\u00c3\u00a4mlich, seine Empfindungen nur auf seine Person beschr\u00c3\u00a4nkt\\nbleiben, ist nichts Moralisches in seinen Handlungen; erst wenn\\ndieselben anfangen, sich auch \u00c3\u00bcber sein Ich hinaus zu erstrecken,\\ngewinnt er anfangs ein dunkles Gef\u00c3\u00bchl und hierauf die Begriffe\\ndes Guten und B\u00c3\u00b6sen, die ihn zu einem wahren Menschen und\\nzu einem integrierenden Teile seiner Gattung machen 3 Diese\\n\u00c3\u0084usserung erf\u00c3\u00a4hrt indessen durch folgende ihre Richtigstellung:\\n\u00e2\u0080\u009eEmile hat alle Tugenden, die sich auf ihn selbst beziehen. Er\\nbetrachtet sich ohne R\u00c3\u00bccksicht auf andere und findet es gut, dass\\nauch andere sich nicht um ihn k\u00c3\u00bcmmern. Er steht allein da in\\nder menschlichen Gesellschaft und rechnet auch nur auf sich\\nallein 4\\nEine derartige moralische Bildung, wie sie aus seinem Natur-\\nprinzip resultiert, kann wohl dem Standpunkte eines isolierten\\nWesens allenfalls entsprechen, nicht aber gen\u00c3\u00bcgen, um den sozialen\\nAnspr\u00c3\u00bcchen gerecht zu werden. Dies erkennt Rousseau, deshalb\\nist es von dem Zeitpunkte ab, von welchem das Gesellschaftsprinzip\\ngr\u00c3\u00b6sseren Einfluss gewinnt, sein Bestreben, jene einseitige, moralische\\nAusbildung nach der angedeuteten Richtung zu erg\u00c3\u00a4nzen. Wie\\ngeschieht dies?\\nWie aus dem Vorangehenden zu ersehen ist, handelt es sich\\ndabei vor allem darum, dem Z\u00c3\u00b6glinge noch die \u00e2\u0080\u009egesellschaftlichen\\nTugenden anzueignen 5 das Gesellschaftsprinzip verlangte ja, dass\\nein jeder als Teil seiner Gattung \u00e2\u0080\u009ezum gr\u00c3\u00b6sstm\u00c3\u00b6glichen Wohle\\nund Gl\u00c3\u00bccke aller beitr\u00c3\u00a4gt 6 Um nun jene Tugenden in ihm\\nentstehen zu lassen, bedarf es nach Rousseau in erster Linie grosser\\nSorgfalt hinsichtlich der Leitung der Leidenschaften. Die Erziehung\\nmuss zu verhindern suchen, dass sich die Selbstliebe, die an sich\\ngut ist, in Eigenliebe verwandelt, weil aus letzterer, wie wir fr\u00c3\u00bcher\\nTom. VIII, 413: \u00e2\u0080\u009eII connoit les rapports essentiels de l homme\\naux choses, mais nul des rapports moraux de l homme l homme\\n2 Tom. VIII, 305.\\n3 Tom. VIII, 436.\\n4 Tom. VIII, 415.\\nTom. VIII, 414.\\n6) Tom VIII, 513.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0129.jp2"}, "130": {"fulltext": "120\\nsahen, \u00e2\u0080\u009ealle geh\u00c3\u00a4ssigen und den Zorn beg\u00c3\u00bcnstigenden Leidenschaften\\nentstehen 1\\nEine schwierige Aufgabe ist ihr damit gestellt; denn \u00e2\u0080\u009ein dem\\nMasse, in welchem sich seine Beziehungen zu anderen, seine Be-\\nd\u00c3\u00bcrfnisse, seine aktive und passive Abh\u00c3\u00a4ngigkeit vermehren, erwacht\\nin ihm auch das Bewusstsein seines Verh\u00c3\u00a4ltnisses zu anderen und\\nerzeugt die Gef\u00c3\u00bchle des Verpflichtetseins und des Ausgezeichnet-\\nwerdens 2 Alsdann wird das Kind befehlshaberisch, eifers\u00c3\u00bcchtig,\\nbetr\u00c3\u00bcgerisch, rachs\u00c3\u00bcchtig 3\\nFolgerichtig leitet Rousseau aus diesen Beobachtungen den\\nGrundsatz ab: \u00e2\u0080\u009eWenige Bed\u00c3\u00bcrfnisse haben und sich wenig mit\\nanderen vergleichen, macht demnach den Menschen wirklich gut,\\nviele Bed\u00c3\u00bcrfnisse haben und sich stets nach der Meinung anderer\\nrichten, macht ihn seinem Wesen nach schlecht 4 Mit H\u00c3\u00bclfe\\ndieses Grundsatzes, f\u00c3\u00bcgt er hinzu, l\u00c3\u00a4sst sich leicht erkennen, wie\\nman allen Leidenschaften des Kindes und des Mannes die Richtung\\naufs Gute oder B\u00c3\u00b6se geben kann 5\\nEin anderer Rat, wie der verh\u00c3\u00a4ngnisvollen Eigenliebe zu be-\\ngegnen sei, ist folgender: \u00e2\u0080\u009eLasst uns unsere Eigenliebe auf andere\\nWesen ausdehnen. Dadurch werden wir sie in Tugend verwandeln,\\nund es giebt kein Menschenherz, in welchem nicht die Keime\\ndieser Tugend Wurzel geschlagen h\u00c3\u00a4tten. Je weniger der Gegen-\\nstand unserer Sorgen in unmittelbarer Beziehung zu uns selbst\\nsteht, desto weniger haben wir eine T\u00c3\u00a4uschung durch das besondere\\nInteresse zu bef\u00c3\u00bcrchten; je mehr man dieses Interesse verallgemeinert,\\ndesto gerechter wird es und unsere Liebe zur Menschheit ist\\nnichts anderes als die Liebe zur Gerechtigkeit 6 Dieser An-\\nschauung entsprechend hat die Erziehung daf\u00c3\u00bcr zu sorgen, \u00e2\u0080\u009edass\\nder Z\u00c3\u00b6gling in seinen Gesch\u00c3\u00a4ften nichts mit seinem Ich zu thun\\nhabe; denn je mehr seine Sorgen dem Gl\u00c3\u00bccke anderer gewidmet\\nsind, um so verst\u00c3\u00a4ndiger und weiser werden sie sein, und um so\\nweniger wird er sich t\u00c3\u00a4uschen \u00c3\u00bcber das, was gut und b\u00c3\u00b6se ist 7\\nEin weiterer Faktor, welcher in Bezug auf die Leitung der\\nLeidenschaften in der Rousseauschen P\u00c3\u00a4dagogik eine wichtige Rolle\\nspielt, ist die Einbildungskraft. Rousseau sagt im Hinblick auf\\nsie: \u00e2\u0080\u009eW\u00c3\u00a4re euer Z\u00c3\u00b6gling isoliert w T ie es sein Naturprinzip ver-\\nTom. VIII, 422.\\n2 Tom. VIII, 472: \u00e2\u0080\u009eMon Emile n ayant jusqu pr\u00c3\u00a4sent regarde\\nque lui-meme, le premier regard qn il jette sur ses semblables le *porte\\nse comparer avec eux; et le premier sentiment qu existe en lui cette\\ncomparaison est de desirer la premiere place\\n3 Tom. VIII, 422.\\n4 Tom. VIII, 422.\\n5 Tom. VIII, 422.\\nTom. VIII, 512.\\n7 Tom. VIII, 512.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0130.jp2"}, "131": {"fulltext": "121\\nlangte so w\u00c3\u00bcrdet ihr gar nichts zu thun haben 1 Da er\\naber als soziales Wesen inmitten der Gesellschaft zu leben hat 2\\nso bedarf die Einbildungskraft gewissenhafter Leitung; denn \u00e2\u0080\u009ealles,\\nwas ihn umgiebt, entflammt seine Einbildungskraft. Die Ver-\\nirrungen derselben verwandeln die Leidenschaften aller beschr\u00c3\u00a4nkten\\nWesen, selbst der Engel, in Laster 3 Die Erziehung muss daher\\ndarauf bedacht sein, dass das Kind Meister seiner Einbildungskraft\\nund dadurch auch Meister seiner Affekte werde 4 Zu diesem Zwecke\\nempfiehlt Rousseau: \u00e2\u0080\u009eDie erste Beth\u00c3\u00a4tigung seiner erwachenden\\nEinbildungskraft ist, ihn zu belehren, dass es seinesgleichen giebt,\\ndie Gattung erregt fr\u00c3\u00bcher sein Interesse als das Geschlecht. Da-\\ndurch wird es gelingen, seine Unschuld zu verl\u00c3\u00a4ngern und die\\nersten Keime der Humanit\u00c3\u00a4t in das Herz des J\u00c3\u00bcnglings zu\\npflanzen 5\\nBedeutung gewinnt sodann die Einbildungskraft f\u00c3\u00bcr die Ent-\\nstehung des Mitleids. Da wir, wie er darlegt, nicht anders zum\\nMitleid bewegt werden als dadurch, dass wir uns aus uns selbst\\nherausversetzen und uns mit dem leidenden Wesen identifizieren,\\ndass wir gleichsam unser eigenes Sein aufgeben, um das seinige\\nanzunehmen so muss die Erziehung die Einbildungskraft anregen,\\nbeleben, n\u00c3\u00a4hren, damit der Z\u00c3\u00b6gling sich aus sich selbst heraus-\\nzuversetzen lernt. Hierzu sind ihm \u00e2\u0080\u009eGegenst\u00c3\u00a4nde darzubieten, auf\\nwelche die nach aussen strebende Kraft seines Herzens wirken\\nk\u00c3\u00b6nne, die es erweitern, die es auch anderen Wesen zuwenden, die\\nda bewirken, dass er sich \u00c3\u00bcberall ausser sich selbst wiederfinde,\\nsowie diejenigen sorgf\u00c3\u00a4ltig von ihm fern zu halten, die das Herz\\nverengern, es auf sich selbst konzentrieren 7 \u00e2\u0080\u009eWas k\u00c3\u00b6nnen wir\\nanders thun, fragt er deshalb, als in ihm die G\u00c3\u00bcte, die Menschlichkeit,\\ndas Erbarmen, die Wohlth\u00c3\u00a4tigkeit und alle einnehmenden, sanften\\nLeidenschaften zu erwecken und das Emporkeimen des Neides, der\\nHabsucht, des Hasses und aller abstossenden und grausamen\\nLeidenschaften zu verhindern? 8\\nTom. VIII, 435.\\n2 Tom. VIII, 422 f.: \u00e2\u0080\u009eII est vrai que, ne pouvant vivre tonjours\\nseuls, ils vivront difficilement toujours bons: cette difficulte meme\\naugmentera necessairement avec leurs relations; et c est en ceci surtout\\nque les dangers de la socie te nous rendent l art et les soins plus indis-\\npensables pour prevenir dans le coeur humain la depravation qui nait\\nde ses nouveaux besoins.\\n3) Tom. VIII, 435. VIII, 435 f. 5 VIII, 437. 6 VIII,\\n443. 7 VIII, 44^ f.\\n8 Tom. VIII, 444. Bezeichnend f\u00c3\u00bcr die damaligen Verh\u00c3\u00a4ltnisse\\nist in dieser Beziehung seine Mahnung: \u00e2\u0080\u009eVoulez-vous exciter et nourrir\\ndans le coeur d un jeune homme les premiers mouvemens de la sensibilite\\nnaissante, et tourner son caractere vers la bienfaisance et vers la bonte\\\\\\nn allez point faire germer en lui l orgueil, la vanite, l envie, par la trom-\\npeuse image du bonheur des hommes; n exposez point d abord ses yeux\\nla pompe des cours, le faste des palais, l attrait des spectacles; ne le", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0131.jp2"}, "132": {"fulltext": "122\\nUm ferner vorzubeugen, \u00e2\u0080\u009edass das Mitleid in Schw\u00c3\u00a4che aus-\\narte, muss man es verallgemeinern und \u00c3\u00bcber das ganze Menschen-\\ngeschlecht ausdehnen 1\\nZu den Tugenden, zu welchen Rousseau erzieht, geh\u00c3\u00b6rt auch\\ndie Schamhaftigkeit und Ehrbarkeit. In Bezug auf diese macht\\ner die richtige Bemerkung: \u00e2\u0080\u009eSie in der Schamhaftigkeit und Ehr-\\nbarkeit unterweisen, heisst, sie lehren, dass es sch\u00c3\u00a4ndliche und\\nunehrbare Dinge gebe, heisst, ihnen ein geheimes Verlangen bei-\\nbringen, diese Dinge kennen zu lernen. Fr\u00c3\u00bcher oder sp\u00c3\u00a4ter kommen\\nsie dahinter, und sicherlich beschleunigt der erste Funke, der die\\nEinbildungskraft trifft, die Entz\u00c3\u00bcndung der Sinne. Wer err\u00c3\u00b6tet,\\nist bereits schuldig; die wahre Unschuld kennt gar keine Scham 2\\nUm die Unschuld der Z\u00c3\u00b6glinge zu bewahren, giebt es nach seiner\\nMeinung nur ein sicheres Mittel, n\u00c3\u00a4mlich das, \u00e2\u0080\u009edass alle diejenigen,\\ndie um sie sind, dieselbe in Ehren halten und lieben. Ohne dies\\nwird alle Zur\u00c3\u00bcckhaltung, die man ihnen gegen\u00c3\u00bcber zu beweisen\\nbestrebt ist, fr\u00c3\u00bcher oder sp\u00c3\u00a4ter sich selbst L\u00c3\u00bcgen strafen; ein\\nL\u00c3\u00a4cheln, ein Winken mit den Augen, eine entschl\u00c3\u00bcpfte Geb\u00c3\u00a4rde\\nsagen ihnen alles, was man ihnen zu verbergen sucht; schon die\\nWahrnehmung, dass man es ihnen hat verbergen wollen, belehrt\\nsie hinreichend 3\\nGrosses Gewicht legt Rousseau auf die Bewahrung der Un-\\nschuld und Keuschheit 4 in dem kritischen Alter. H\u00c3\u00b6ren wir auch\\nhier\u00c3\u00bcber einige seiner trefflichen Ratschl\u00c3\u00a4ge. \u00e2\u0080\u009eWenn das kritische\\nAlter herannaht, sagt er, so bietet den J\u00c3\u00bcnglingen Anblicke dar,\\ndie sie zur\u00c3\u00bcckhalten, nicht aber solche, die sie aufregen; lenkt\\nihre Einbildungskraft auf Gegenst\u00c3\u00a4nde, die ihre Sinne nicht in\\nFlammen setzen, sondern die Lebhaftigkeit derselben d\u00c3\u00a4mpfen.\\nEntfernt sie aus den grossen St\u00c3\u00a4dten, wo der Putz und die Frech-\\nheit der Frauen den Unterricht der Natur beschleunigen und ihm\\nzuvorkommen, wo sich ihren Augen \u00c3\u00bcberall Vergn\u00c3\u00bcgen darbieten,\\ndie sie nicht eher kennen lernen sollten, als bis sie f\u00c3\u00a4hig sind,\\nunter ihnen zu w\u00c3\u00a4hlen. Bringt sie zur\u00c3\u00bcck an ihre ersten Wohn-\\nst\u00c3\u00a4tten, wo sich unter dem Einfluss l\u00c3\u00a4ndlicher Einfachheit die\\nLeidenschaften ihres Alters weniger rasch entwickeln, oder wenn\\nihre Neigung f\u00c3\u00bcr die K\u00c3\u00bcnste sie an die Stadt fesselt, so benutzt\\ndiese Neigung, um einem gef\u00c3\u00a4hrlichen M\u00c3\u00bcssiggange vorzubeugen.\\nSeid sorgf\u00c3\u00a4ltig in der Wahl ihrer Gesellschaften, ihrer Besch\u00c3\u00a4fti-\\ngungen, ihrer Vergn\u00c3\u00bcgungen; f\u00c3\u00bchrt ihnen nur r\u00c3\u00bchrende, aber sitt-\\nsame Gem\u00c3\u00a4lde vor, die auf ihr Gem\u00c3\u00bct einwirken, ohne sie zu ver-\\npromenez point dans les cercles, dans les brillantes assemblees; ne lui\\nmontrez l exterieur de la grande societe qu apres l avoir mis en etat de\\nl apprecier en elle-meme. (VIII, 440 f.)\\nTom VIII, 513. 2 VIII, 430. 3 VIII, 430.\\n\u00e2\u0080\u009eBis zum 20. Jahre ist die Enthaltsamkeit naturgem\u00c3\u00a4ss; von da\\nan ist sie eine moralische Pflicht (IX, 170.)", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0132.jp2"}, "133": {"fulltext": "123\\nf\u00c3\u00bchren, die ihrem Gef\u00c3\u00bchle Nahrung geben, ohne die Sinne auf-\\nzuregen 1\\nGelingt es durch Wahl der Verh\u00c3\u00a4ltnisse und Regelung der\\nEinbildungskraft die Unschuld des Z\u00c3\u00b6glings bis zum 20. Jahre zu\\nbewahren, dann glaubt Rousseau hinsichtlich der Charakterbildung\\ndie Hauptsache erzielt zu haben. Es wird der Z\u00c3\u00b6gling alsdann in\\ndiesem Alter \u00e2\u0080\u009eder grossm\u00c3\u00bctigste, beste, liebevollste und liebensw\u00c3\u00bcrdigste\\nMensch sein 2 denn er wird, wie Rousseau in seinem Enthusiasmus\\ndarlegt, \u00e2\u0080\u009ezu den z\u00c3\u00a4rtlichen und liebevollen Leidenschaften hin-\\ngef\u00c3\u00bchrt; sein mitleidiges Herz wird durch die Leiden seiner Neben-\\nmenschen ger\u00c3\u00bchrt; er zittert vor Freude, wenn er seinen Spiel-\\ngenossen wiedersieht; seine Arme breiten sich zu herzlicher\\nUmarmung aus; seine Augen vergiessen Thr\u00c3\u00a4nen der R\u00c3\u00bchrung; er\\nf\u00c3\u00bchlt sich besch\u00c3\u00a4mt, wenn er Missfallen erregt hat. Verleitet ihn\\ndie Hitze seines aufgeregten Blutes zur Heftigkeit, zum Aufbrausen,\\nzum Zorn, so erkennt man im n\u00c3\u00a4chsten Augenblicke die ganze\\nG\u00c3\u00bcte seines Herzens in dem Erg\u00c3\u00bcsse seiner Reue; er weint, seufzt\\nwegen der Wunde, die er geschlagen hat, m\u00c3\u00b6chte das Blut, das\\ner vergossen hat, mit dem seinigen wieder erkaufen; all seine Ent-\\nr\u00c3\u00bcstung erlischt, all sein Stolz dem\u00c3\u00bctigt sich vor dem Gef\u00c3\u00bchl seines\\nFehlers. Ist er selbst beleidigt, so entwaffnet eine Entschuldigung,\\nein Wort seinen heftigsten Grimm; er verzeiht das Unrecht, das\\nandere ihm zugef\u00c3\u00bcgt haben, mit ebenso liebevollem Herzen, mit\\nwelchem er das seinige wieder gut zu machen sucht. Das J\u00c3\u00bcng-\\nlingsalter ist weder das Alter der Rache, noch des Hasses; es ist\\ndas Alter des Mitleids, der Milde, der Grossmut 3\\nVon den \u00c3\u00bcbrigen gesellschaftlichen Tugenden, welche Rousseau\\nnur fl\u00c3\u00bcchtig ber\u00c3\u00bchrt, ist ausser der Wahrhaftigkeit 4 und Bescheiden-\\nheit besonders die Freundschaft 5 zu erw\u00c3\u00a4hnen.\\nDa nun nach Rousseau \u00e2\u0080\u009edie ganze Moralit\u00c3\u00a4t \u00c2\u00abunserer Hand-\\nlungen in dem Urteile liegt, das wir selbst dar\u00c3\u00bcber f\u00c3\u00a4llen 6 so\\nist er um die F\u00c3\u00b6rderung der moralischen Erkenntnis geflissentlich\\nbem\u00c3\u00bcht. Die \u00c3\u009cbermittelung derselben hat, um fruchtbar zu werden,\\ndurch die Erfahrung zu geschehen. Dies ist in fast allen F\u00c3\u00a4llen\\nm\u00c3\u00b6glich. \u00e2\u0080\u009eEs giebt keine moralische Erkenntnis, sagt er, die\\nman nicht durch die Erfahrung anderer oder durch seine eigene\\nerwerben k\u00c3\u00b6nnte 7 Nur in den F\u00c3\u00a4llen, wo es gef\u00c3\u00a4hrlich ist,\\ndiese Erfahrung selbst zu machen, zieht man die Lehre lieber aus\\nder Geschichte 8 Zweckm\u00c3\u00a4ssig f\u00c3\u00bcr die moralische Belehrung findet\\ner nun auch die Fabeln 9\\nSchliessen wir hiermit diese Ausf\u00c3\u00bchrungen. Die angef\u00c3\u00bchrten\\n\u00c3\u0084usserungen, Forderungen und Massnahmen zeigen, dass sich in\\nder That auch nach der Seite der moralischen Erziehung ein\\nTom. VIII, 461 f. 2 VIII, 489. 3 j VIII, 438 f. 4 VIII,\\n512. 5 VIII, 470. 6 IX, 60. 7 VIII, 501. 8 VIII, 501.\\n9 \u00e2\u0080\u009eLe temps des fautes est celui des fables (VIII, 501).", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0133.jp2"}, "134": {"fulltext": "124\\nmerklicher und ziemlich weitgehender Einfluss des Gesellschafts-\\nprinzipes beobachten l\u00c3\u00a4sst 1\\n5) Da das Gesellschaftsideal Rousseaus schliesslich auch An-\\nforderungen in Bezug auf die religi\u00c3\u00b6se Entwickelung der B\u00c3\u00bcrger\\nstellt, so wollen wir in K\u00c3\u00bcrze noch untersuchen, ob seine P\u00c3\u00a4da-\\ngogik auch nach dieser Richtung seinem Ideale Rechnung tr\u00c3\u00a4gt.\\nEinem fl\u00c3\u00bcchtigen Blicke begegnen hierbei zun\u00c3\u00a4cht mancherlei\\nR\u00c3\u00bccksichten, welche deutlich an das Naturprinzip erinnern. So\\nist es ohne Zweifel eine naturgem\u00c3\u00a4sse Massnahme, wenn Rousseau\\ndie religi\u00c3\u00b6sen Belehrungen erst im siebzehnten oder achtzehnten\\nLebensjahre auftreten l\u00c3\u00a4sst, da ja der Mensch nach seiner An-\\nschauung vorher f\u00c3\u00bcr religi\u00c3\u00b6se Begriffe nicht f\u00c3\u00a4hig ist. Ebenso\\nentspricht es seinem Naturprinzipe, dass er seinen Z\u00c3\u00b6gling durch\\ndie Betrachtung der Natur 2 zu religi\u00c3\u00b6sen Vorstellungen leiten will\\nund auf die Anbahnung einer \u00e2\u0080\u009enat\u00c3\u00bcrlichen Religion bedacht ist.\\nWenn dabei endlich das innere Gef\u00c3\u00bchl als wichtiger Faktor zur\\nGeltung gelangt, so darf man darin nicht weniger eine Konsequenz\\nseiner Naturanschauung erblicken.\\nSo offen nun in diesen Momenten Beziehungen zu seinem\\nNaturprinzip vor Augen liegen, ebenso unverkennbar machen sich\\nauf der anderen Seite R\u00c3\u00bccksichten auf sein Gesellschaftsideal\\nbez\u00c3\u00bcglich der religi\u00c3\u00b6sen Bildung bemerkbar.\\nLetzteres forderte die Religion vor allem als Grundlage der\\nMoral, weshalb die Lehrs\u00c3\u00a4tze auf eine sehr geringe Zahl einge-\\nschr\u00c3\u00a4nkt wurden. Auf die Notwendigkeit einer so gearteten Re-\\nligion aus gesellschaftlichen R\u00c3\u00bccksichten kommt nun Rousseau an\\neiner bedeutsamen Stelle seiner P\u00c3\u00a4dagogik zu sprechen. Da sich\\nin ihr so viele Ankl\u00c3\u00a4nge an die im Contrat social erhobenen An-\\nforderungen in Bezug auf die \u00e2\u0080\u009eb\u00c3\u00bcrgerliche Religion finden, lassen\\nwir die auch sonst beachtenswerte Stelle hier folgen:\\n\u00e2\u0080\u009eWenn unsere Glaubenss\u00c3\u00a4tze, heisst es n\u00c3\u00a4mlich, auch alle\\ngleich wahr sind, so sind sie doch nicht alle gleich wichtig. Es\\nist f\u00c3\u00bcr die Ehre Gottes etwas sehr Gleichg\u00c3\u00bcltiges, dass wir sie in\\nallen Dingen erkennen. Aber es ist f\u00c3\u00bcr die menschliche Gesell-\\nschaft und f\u00c3\u00bcr jedes Glied derselben wichtig, dass jeder Mensch\\ndie Pflichten gegen seinen N\u00c3\u00a4chsten und sich selbst erkennt und\\nerf\u00c3\u00bcllt, welche ihm das g\u00c3\u00b6ttliche Gesetz auflegt. Das ist es, was\\nwir einander unaufh\u00c3\u00b6rlich lehren m\u00c3\u00bcssen, und das ist es besonders,\\nworin V\u00c3\u00a4ter und M\u00c3\u00bctter gehalten sind, ihre Kinder zu unterrichten.\\nOb eine Jungfrau die Mutter ihres Sch\u00c3\u00b6pfers ist, ob sie Gott ge-\\nboren oder nur einen Menschen, mit welchem sich Gott vereinigt,\\na Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass sich Rousseau nur im\\nHinblick auf die zuk\u00c3\u00bcnftige soziale Stellung seines Z\u00c3\u00b6glings veranlasst\\nf\u00c3\u00bchlte, die sittliche Natur desselben in einem viel h\u00c3\u00b6heren Grade zur\\nEntwicklung zu bringen, als es durch das Naturprinzip gefordert wird.\\n2 Tom. IX, 55 f; 87.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0134.jp2"}, "135": {"fulltext": "125\\nob Vater und Sohn gleiches Wesens oder nur einander \u00c3\u00a4hnlich\\nsind, ob der heilige Geist von einem von beiden, die einander gleich\\nsind, oder ob er von beiden zugleich ausgeht: das sind Fragen,\\nderen Entscheidung mir f\u00c3\u00bcr das Menschengeschlecht ebenso un-\\nwichtig erscheint, als ob man weiss, an welchem Tage man Ostern\\nfeiern muss, ob man den Rosenkranz beten, fasten, sich des\\nFleisches enthalten, in der Kirche Latein oder in der Landessprache\\nsprechen, ob man die W\u00c3\u00a4nde mit Bildern schm\u00c3\u00bccken, ob man die\\nMesse lesen oder h\u00c3\u00b6ren und ob man nicht heiraten soll. Denke\\ndoch ein jeder hier\u00c3\u00bcber, wie er will. Ich weiss gar nicht, wie dies\\nandere interessieren kann; mich wenigstens interessiert es nicht im\\ngeringsten. Was mich aber und meine Mitmenschen interessiert,\\nist, dass ein jeder wisse, es giebt einen Lenker der menschlichen\\nGeschicke, dessen Kinder wir alle sind, welcher uns allen gebietet,\\ngerecht zu sein, einander zu lieben, wohlth\u00c3\u00a4tig und barmherzig zu\\nsein, unsere Verpflichtungen gegen jedermann zu erf\u00c3\u00bcllen, selbst\\ngegen unsere und seine Feinde; dass das scheinbare Gl\u00c3\u00bcck dieses\\nLebens ein Nichts ist, dass es ein anderes Leben nach diesem\\nLeben giebt, in welchem dieses h\u00c3\u00b6chste Wesen die Guten belohnen,\\ndie B\u00c3\u00b6sen bestrafen wird. Diese und \u00c3\u00a4hnliche Glaubenss\u00c3\u00a4tze\\nm\u00c3\u00bcssen der Jugend gelehrt und allen B\u00c3\u00bcrgern eingepr\u00c3\u00a4gt werden.\\nWer sie bek\u00c3\u00a4mpft, verdient ohne Zweifel Strafe; denn er ist ein\\nSt\u00c3\u00b6rer der Ordnung und ein Feind der Gesellschaft 1\\nWie hier, so blicken an mehreren Stellen deutliche Beziehungen\\nzu seinem Gesellschaftsideale durch seine Ratschl\u00c3\u00a4ge. So ist, um nur\\nnoch einen Beleg anzuf\u00c3\u00bchren, f\u00c3\u00bcr das oben bezeichnete Verh\u00c3\u00a4ltnis der\\nReligion zur Moral jene Stelle charakteristisch, in welcher er seinen\\nZ\u00c3\u00b6gling belehrt, \u00e2\u0080\u009edass in allen L\u00c3\u00a4ndern und in jeder Sekte es als die\\nHauptsumme des Gesetzes erscheint, Gott \u00c3\u00bcber alles zu lieben und\\nseinen N\u00c3\u00a4chsten als sich selbst, dass es keine Religion giebt, die von\\nden Pflichten der Moral entbindet, dass nur diese das Wesentliche\\nder Religion ist, dass der innere Gottesdienst die erste dieser Pflichten\\nist, und dass es ohne den Glauben keine wahre Tugend giebt 2\\nDieser Ausblick auf die religi\u00c3\u00b6se Erziehung zeigt, dass auch\\nhier trotz der Geltendmachung des Naturprinzips ein Einfluss\\nseiner sozialen Ideen unverkennbar wahrzunehmen ist.\\nV.\\nR\u00c3\u00bcckblick. Bedeutung des Gesellschaftsprinzips f\u00c3\u00bcr das\\nEndziel der Erziehung*. Korrektiv des Naturprinzips.\\nErinnern wir uns jetzt am Ende dieses Teils noch einmal der\\naus Rousseaus Gesellschaftsideal folgenden Konsequenzen sowie aller\\nderjenigen Beziehungen seiner P\u00c3\u00a4dagogik, die wir als \u00c3\u0084usserungen\\n!j Tom. IX, 273 f. 2 IX, 120.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0135.jp2"}, "136": {"fulltext": "126\\nderselben betrachten konnten, so d\u00c3\u00bcrfen wir auf Grund dieser\\nAusf\u00c3\u00bchrungen behaupten, dass das Gesellschaftsprinzip neben\\ndem Naturprinzip einen immerhin betr\u00c3\u00a4chtlichen Ein-\\nfluss auf die Gestaltung seiner P\u00c3\u00a4dagogik gewinnt.\\nWar das Naturprinzip ein subjektives, individualistisches\\nPrinzip, so sucht das Gesellschaftsprinzip den objektiven,\\nsozialen Bed\u00c3\u00bcrfnissen Rechnung zu tragen; lag die prak-\\ntische Bedeutung des ersteren in der Hauptsache in seiner metho-\\ndischen Fruchtbarkeit, so gewinnt letzteres vorwiegend mass-\\ngebenden Einfluss auf die Auswahl des Bildungsstoffes\\nsowie auf die Bestimmung des Endziels seines Erziehungs-\\nplanes l\\nNach alledem l\u00c3\u00a4sst sich das Gesellschaftsprinzip als not-\\nwendiges Gegengewicht des Naturprinzips ansehen, das die\\n\u00c3\u00bcberwiegend negativen, formalen Forderungen desselben vor allem\\nnach der positiven, sachlichen Seite hin erg\u00c3\u00a4nzt.\\nDadurch aber, dass das Gesellschaftsprinzip als objektives\\nKriterium die zum Teil extremen und ungen\u00c3\u00bcgenden Konsequenzen\\nund Massnahmen seines subjektiven Prinzips in mehrfacher Hinsicht\\nkorrigiert und erg\u00c3\u00a4nzt, bildet es einen Faktor, welcher f\u00c3\u00bcr eine\\nobjektive Beurteilung der p\u00c3\u00a4dagogischen Gedanken Rousseaus not-\\nwendig mit in Betracht zu ziehen ist.\\nJ Im Gegensatz zu denen, die, indem sie den \u00e2\u0080\u009eNaturmenschen\\nals Eousseaus Erziehungsideal bezeichnen, nur eine, und zwar die n\u00c3\u00a4chst-\\nliegende Seite seiner P\u00c3\u00a4dagogik ins Auge fassen und damit ihre univer-\\nsellere Bedeutung verkennen, stimmen wir Corwin v\u00c3\u00b6llig bei, welcher\\nin Bezug auf das Endziel der Rousseau sehen Erziehung sagt: \u00e2\u0080\u009eObgleich\\nBousseau theoretisch bestreitet, dass das von Locke erstrebte Ziel (eines\\ntugendhaften und n\u00c3\u00bctzlichen Mitgliedes der Gesellschaft, a. a. 0. p. 30)\\nerreichbar oder nur w\u00c3\u00bcnschenswert sei, so stimmt er doch thats\u00c3\u00a4chlich\\ndarin mit ihm \u00c3\u00bcberein, dass er ein tugendhaftes Mitglied der mensch-\\nlichen Gesellschaft heranbilden will. (p. 75.) Cf. auch Bakitsch,\\na. a. O 11. Brockerhoff, a. a. 0. III, 47. Arnstadt, Fr. Rabelais\\netc. p. 108. An einer Stelle der Nouvelle Heloise bezeichnet Bousseau\\ndas, worauf es seiner P\u00c3\u00a4dagogik ankommt, ganz zutreffend, wenn er\\nsagt: ,,Tout consiste ne pas g\u00c3\u00a4ter l homme de la nature en l appro-\\npriant la societe. (Tom. VII, 345.) Im allgemeinen hat Bousseau\\ndamit das Bichtige getroffen. Das Verh\u00c3\u00a4ltnis zwischen den sozialen und\\nindividuellen B\u00c3\u00bccksichten wird ja noch heute im grossen und ganzen so\\nbestimmt, dass man das Was der Bildung nach den gesellschaftlichen\\nAnspr\u00c3\u00bcchen, das Wie dagegen vornehmlich nach der Eigenart des\\nEinzelnen gestaltet. (Cf. Bissmann, Individualismus und Sozialismus\\nin der p\u00c3\u00a4dagogischen Entwicklung unseres Jahrhunderts. Gotha 1892.\\np. 47).", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0136.jp2"}, "137": {"fulltext": "127\\nSehlussbetraehtungf.\\nAm Schl\u00c3\u00bcsse unserer Ausf\u00c3\u00bchrungen angelangt, d\u00c3\u00bcrfte es am\\nPlatze sein, einen kurzen R\u00c3\u00bcckblick auf die Ergebnisse derselben\\nzu werfen, um schliesslich auf Grund der letzteren ein Endurteil\\n\u00c3\u00bcber die Berechtigung des von uns vertretenen, eingangs gekenn-\\nzeichneten Standpunktes, sowie des auf ihm fussenden vorliegenden\\nVersuches abzugeben.\\nEin Blick auf den Ursprung der philosophischen Ideen\\nRousseaus liess uns die Wurzeln seines Natur- und Gesellschafts-\\nproblems erkennen. Bei dem weiteren Verfolgen seiner philo-\\nsophischen Entwicklung beobachteten wir, wie beide Ideale all-\\nm\u00c3\u00a4hlich an Klarheit und Deutlichkeit gewannen. Ihr beiderseitiges\\nVerh\u00c3\u00a4ltnis gestaltete sich so, dass das Gesellsehaftsproblem das\\neigentlich centrale Problem Rousseaus wurde, w\u00c3\u00a4hrend dem Natur-\\nproblem die besondere Aufgabe zufiel, zur Verwirklichung jenes\\nh\u00c3\u00b6heren Zieles eine neue Grundlage zu schaffen wie auch die zur\\nErreichung desselben erforderlichen Mittel zu zeigen.\\nMit dieser Auffassung seines philosophischen Standpunktes\\ntraten wir an seine P\u00c3\u00a4dagogik heran und sahen zu, welche Be-\\ndeutung beide Ideale f\u00c3\u00bcr diese annahmen und in welcher Weise\\nsie sich in ihr geltend machten.\\nBez\u00c3\u00bcglich des Naturprinzips ergaben sich dabei aus\\ndem aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzten Natur-\\nbegriff Rousseaus ungezwungen die allgemeinen Tendenzen:\\n1) die kindliche Natur frei und ungehemmt sich entwickeln\\nzu lassen, den Z\u00c3\u00b6gling daher allen \u00c3\u00a4usseren Einfl\u00c3\u00bcssen thunlichst\\nzu entziehen,\\n2) eine allseitige, harmonische Entwicklung der physischen\\nNatur als notwendige Grundlage aller geistigen und moralischen\\nBildung anzustreben,\\n8) die Entwicklung der Intelligenz zu Gunsten der physischen\\nErziehung hintanzusetzen, zu verz\u00c3\u00b6gern, ja geradezu zu vernach-\\nl\u00c3\u00a4ssigen.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0137.jp2"}, "138": {"fulltext": "128\\n4) der Bildung des Gef\u00c3\u00bchls und Willens, der Entfaltung des\\nCharakters, ein h\u00c3\u00b6heres Interesse zuzuwenden als der intellektuellen\\nEntwicklung, ftnd\\n5) die allm\u00c3\u00a4hlige, gesetzm\u00c3\u00a4ssige Entwicklung der Menschen-\\nnatur \u00c3\u00bcberhaupt aufs sorgf\u00c3\u00a4ltigste zu studieren, um jederzeit Mittel\\nund Ziele den jeweiligen Bed\u00c3\u00bcrfnissen derselben anzupassen.\\nDas Ergebnis der nach solchen Maximen geleiteten Er-\\nziehung war ein unbefriedigendes, das Ziel selbst ein ein-\\nseitiges und ungen\u00c3\u00bcgendes.\\nAls Korrektiv und notwendige Erg\u00c3\u00a4nzung trat des-\\nhalb zu dem Naturprinzip das Gesellschaftsprinzip.\\nSeinen Einfluss erkannten wir\\n1) an der Betonung jener allgemeinen Forderung, das Kind\\n\u00c3\u00bcberhaupt als soziales Wesen aufzufassen, es nicht nur als f\u00c3\u00bcr\\nsich bestehendes Individuum zu behandeln,\\n2) an den Massnahmen, die darauf abzielten, den infolge\\ndes Naturprinzips in vollster Freiheit Erzogenen f\u00c3\u00bcr jene Ab-\\nh\u00c3\u00a4ngigkeit vorzubereiten, die das gesellschaftliche Leben dereinst\\nmit sich bringt,\\n3) an dem Bestreben, die Intelligenz, deren Entwicklung\\ndem Naturprinzip gem\u00c3\u00a4ss auff\u00c3\u00a4llig vernachl\u00c3\u00a4ssigt wurde, in weit-\\ngehender Weise zur Entfaltung zu bringen, um ihn zu bef\u00c3\u00a4higen,\\nals Glied des Staates selbst\u00c3\u00a4ndigen Anteil an allen Gesch\u00c3\u00a4ften,\\nInteressen und Verpflichtungen desselben nehmen zu k\u00c3\u00b6nnen,\\n4) an der Tendenz, die moralische Seite des Z\u00c3\u00b6glings, welche\\ndurch das Naturprinzip gleichfalls ungen\u00c3\u00bcgend zur Entfaltung\\nkam, in weiterem Umfange auszubilden, sowie schliesslich\\n5) an jenen Z\u00c3\u00bcgen seiner P\u00c3\u00a4dagogik, welche auf die Be-\\ngr\u00c3\u00bcndung der durch sein Staatsideal geforderten \u00e2\u0080\u009eb\u00c3\u00bcrgerlichen\\nReligion abzielten.\\nDa diese hier angef\u00c3\u00bchrten Z\u00c3\u00bcge seiner P\u00c3\u00a4dagogik vom Stand-\\npunkte des Naturprinzips aus als fremdartige, zum Teil r\u00c3\u00a4tselhafte\\nBestandteile angesehen werden m\u00c3\u00bcssen, vom Standpunkte des\\nGesellschaftsprinzips aus jedoch als wohlverst\u00c3\u00a4ndliche, sogar not-\\nwendige Forderungen desselben ohne weiteres einleuchten, so d\u00c3\u00bcrfte\\nnach dieser Sachlage die Annahme dieses zweiten Prinzips\\nals berechtigt und seine Geltendmachung als ein f\u00c3\u00bcr die\\nBeurteilung seiner P\u00c3\u00a4dagogik beachtenswerter Faktor\\nerwiesen sein.\\nBei richtiger W\u00c3\u00bcrdigung dieses letzteren Prinzips l\u00c3\u00a4sst sich\\nauch das gegenseitige Verh\u00c3\u00a4ltnis beider Ideale in seiner P\u00c3\u00a4dagogik\\nals das n\u00c3\u00a4mliche wiedererkennen, als welches es sich durch philo-\\nsophische Reflexion allm\u00c3\u00a4hlich in ihm herausgebildet hatte. Wie\\ndort, so steht auch hier im Grunde genommen das Gesellschafts-\\nproblem im Mittelpunkte seiner ganzen Bestrebungen. Tritt es\\nauch anfangs sehr in den Hintergrund, so geschieht dies nur,", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0138.jp2"}, "139": {"fulltext": "129\\ndamit das in seinem Dienste stehende Naturprinzip zu seiner\\nVerwirklichung den zweckm\u00c3\u00a4ssigsten Grund und die sichersten\\nWege schaffe; in Wirklichkeit schwebt doch das Gesell-\\nschaftsideal seiner P\u00c3\u00a4dagogik, bald bewusster und\\nklarer, bald unbewusster und dunkler als objektives,\\nh\u00c3\u00b6heres und letztes Ziel vor.\\nDer f\u00c3\u00bcr Rousseau so charakteristische Gegensatz von Natur und\\nGesellschaft, der den Ausgangspunkt seines Philosophierens bildete\\nund der auch am Anfange seiner P\u00c3\u00a4dagogik noch \u00c3\u00b6fters nachklingt,\\nfindet somit infolge teilweiser Verschmelzung des Natur- und\\nGesellschaftsideals am Ende derselben eine gewisse Vers\u00c3\u00b6hnung.\\nWenn es vorliegendem Versuche f\u00c3\u00bcglich gelungen sein sollte,\\nauf Grund m\u00c3\u00b6glichst scharfer Abgrenzung des Naturprinzips und\\neiner gr\u00c3\u00b6sseren Beachtung des Einflusses des Gesellschaftsprinzips\\neinen neuen Weg gezeigt zu haben, eine Anzahl der bisher als\\nWiderspr\u00c3\u00bcche seines Systems bem\u00c3\u00a4ngelten Z\u00c3\u00bcge als solche ohne\\nweiteres zu beseitigen, andere r\u00c3\u00a4tselhafte Erscheinungen zu erkl\u00c3\u00a4ren,\\nso w\u00c3\u00a4re der Zweck desselben, zu dem historischen Verst\u00c3\u00a4ndnisse\\nder p\u00c3\u00a4dagogischen Gedanken Rousseaus einen Beitrag zu liefern,\\ndamit erreicht.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0139.jp2"}, "140": {"fulltext": "VITA.\\nr riedrieh August H\u00c3\u00bcller, geboren am 23. April 1868 zu\\nTrattlau i. d. s\u00c3\u00a4chsischen Oberlausitz, evangelisch-lutherischer Kon-\\nfession, besuchte von Ostern 1874 bis Ostern 1882 die einfache\\nVolksschule zu Nieda, Kr. G\u00c3\u00b6rlitz, von Ostern 1882 bis Ostern\\n1888 das K\u00c3\u00b6nigliche Seminar zu L\u00c3\u00b6bau i. Sa. und wurde nach\\nbestandener Reifepr\u00c3\u00bcfung als Hilfslehrer an der Stadtschule zu\\nKamenz i. Sa. angestellt, woselbst er bis Ostern 1891 amtierte.\\nIm Herbste 1890 unterzog er sich der Wahlf\u00c3\u00a4higkeitspr\u00c3\u00bcfung und\\nerlangte Ostern 1891 eine Anstellung als Lehrer an der XII.\\nB\u00c3\u00bcrgerschule zu Leipzig.\\nVon Michaelis 1892 bis Michaelis 1895 war er an der Uni-\\nversit\u00c3\u00a4t Leipzig immatrikuliert. W\u00c3\u00a4hrend und nach dieser Zeit\\nbesuchte er die Vorlesungen der Herren Professoren und\\nDozenten v. Bahder, Brieger, Buhl, Elster, Fricke,\\nHauck, Heinze, Hofmann, Holz, Lamprecht, Richter,\\nSchnedermann, Sievers, v. Str\u00c3\u00bcmpell, Volkelt, Wolff\\nund Wundt.\\nAusserdem beteiligte er sich an den \u00c3\u009cbungen des deutschen\\nProseminars, des p\u00c3\u00a4dagogischen und des philosophisch-p\u00c3\u00a4dagogischen\\nSeminars.\\nIm Wintersemester 1896/97 absolvierte er an der Universit\u00c3\u00a4t\\nLeipzig das Examen f\u00c3\u00bcr das h\u00c3\u00b6here Schulamt.\\nAllen seinen hochverehrten Lehrern f\u00c3\u00bchlt er sich zu gr\u00c3\u00b6sstem\\nDanke verpflichtet. Mit besonderer Verehrung wird er stets der\\nHerren Professoren Heinze, Sievers, Volkelt und Wundt\\ngedenken.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0140.jp2"}, "141": {"fulltext": "Druckfehler.\\nEs ist zu lesen:\\nS. 3 Z. 4 und Anm. 4 Z. 3 v. Sallw\u00c3\u00bcrk.\\nS. 16 Anm. 1 Z. 5 social.\\nS. 22 Anm. 1 Z. 3 seinen Z\u00c3\u00b6gling.\\nS. 30 Anm. 4 Z. 4 schwankenden.\\nS. 40 Z. 20 beschr\u00c3\u00a4nkten.\\nS. 49 Z. 9 v. u. in.\\nS. 52 Anm. 3 Z. 6 ficaire.\\nS. 55 Anm. 1 Z. 4 einzelnste.\\nS. 60 Anm. 4 Z. 5 v. u. sein wird.\\nS. 63 Z. 11 v. u. zn.\\nEs ist zu erg\u00c3\u00a4nzen:\\nS. 61 Anm.: Tom. VIII, 201.", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0141.jp2"}, "142": {"fulltext": "LIBRARY OF CONGRESS\\n019 792 171 7", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0142.jp2"}, "143": {"fulltext": "LIBRARY OF CONGRESS\\n019 792 171 7\\nHollin gei\\npH l", "height": "3240", "width": "1894", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0143.jp2"}, "144": {"fulltext": "LIBRARY OF CONGRESS\\n019 792 171 7\\nHollinger Corp.\\npH 8.5", "height": "3458", "width": "2148", "jp2-path": "naturundgesellsc00hl_0144.jp2"}}